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Posts Tagged ‘Galerie Helle Coppi’

Farbe im März

In aller Ruhe
© FJK

Frühe Finsternisse und kein Tag ohne Regen. Gut, dass die Galerie Helle Coppi mit der neuen Ausstellung winkt. Da ist Licht, da ist Farbe, alles was wir draußen entbehren. Trotzdem sind weniger Besucher gekommen als gewöhnlich, liegt das am – wie man sagen muss – neuartigen Coronavirus? Nein, sagt die Galeristin, anscheinend interessieren sich die Berliner Künstler nicht für auswärtige Künstler, am auffälligsten war das, als jüngst ein bayerischer Maler ausstellte, aber wie dem auch sei: Viele Verkäufe kommen neuerdings nicht durch Ausstellugen, sondern durch Kontakte in der Szene oder im Netz zustande. Man begrüßt sich heute nicht mit Handschlag, sondern durch Ellbogenberührung, das findet man sogar originell, mal was anders, und man tut was gegen die Epidemie.

Scheinbar unscheinbar

Wir sehen Bilder von Talia Benabu und Uta Jeran (tags darauf ist sowieso Frauentag). Talia Benabu, die wegen Quarantäne in Jerusalem festsitzt, ist mit Collagen und Monotypien für Metropolis-Gefühle zuständig, Uta Jeran für eine Explosion von Farbe und Licht. In Vorpommern sprich Greifswald geboren und aufgewachsen studierte sie nach Kunsterziehung und Deutscher Sprache noch einmal Malerei in Weißensee, war Meisterschülerin von Dieter Goltzsche, was man heute nicht mehr so sieht und ja auch nicht sehen soll. Landschaften und Stillleben. Die Anregungen kommen durchaus aus der Realität, aber was daraus entsteht, ist dann eine Auflösung und Neuschaffung von Umrissen, eine Farbenwelt, in der man sich langsam, und doch sympathisierend zurechtfindet. Als wir uns für einen Favoriten unter den Bildern entschieden, fiel die Wahl merkwürdigerweise auf das am wengisten leuchtende Bild „Kiefern”, vielleicht, weil es an Orte wie auch an Bilder denken lässt, die sich in unserer Erinnerung abgelagert haben und nur so einen Impuls brauchen, um wieder aufzutauchen.

Man beachte den gelben Schlauch (wenn’s nicht ein Kabel ist)

Die abwesende Talia Benabu knüpft an große Meister der Vergangenheit an, etwa an Dürers vier Hexen (oder nackten Frauen) oder an das Erschießungsbild von Goya. Sie zerschneidet ihre Motive und verklebt sie neu, wobei fragmentarische, beunruhigende Strukturen entstehen, geometrische Linien aber auch wie bei Feininger.

Der Heimweg führt uns an der erheblichen Baustelle des Tacheles vorbei. Ein Kunstwerk, wie es Geschichte und Kapitalismus hervorzubringen vermögen.

Die Unfertigkeiten seiner Welt

Oktober 12, 2019 1 Kommentar

Kleines Chaos in Ilmenau
© Christian Brachwitz

Was ich zur Eröffnung der Brachwitz-Ausstellung in der Galerie Helle Coppi sagte:

Brachwitz begehrte, in Babelsberg Kamera zu studieren. Wurde abgelehnt, ging nach Buna Schkopau und ins KWO Berlin, wo er sich Fotoarbeiter nannte, kam zum Sonntag, der kulturpolitischen Wochenzeitung, die keine Botschaft, aber einen Boten hatte, der sich allerdings Kurier nannte, und dann, 1983, 84, fuhren wir los, nach Köpenick und kreuz und quer in Berlin, nach Hertefeld im Löwenberger Land, nach Gransee, nach Königs Wusterhausen, Halle, Zwickau, Neubrandenburg, nach Kalbe/Milde und Tangermünde, nach Eisenach, in Dörfer, die es vielleicht nicht mehr gibt. Nach überall. Während ich im Hotel die Texte sortierte, ging Brachwitz auf die Straße. Da hatte er keinen Auftrag und kein Konzept, sondern nur noch das Prinzip unbeteiligter Wahrnehmung und ein gewisses Lächeln, das die Leute für ihn einnahm. Kann ein Mensch freier sein und das in der DDR.

Später stahl das Theater oder konkret Alexander Lang ihn der Straße, er war nun ein Theaterfotograf. Es war auch nicht so schwer, ihn zu klauen. Der Chefredakteur der Zeitung kriegte doch jedes Mal einen Zinken, wenn er Brachwitz’ Bilder sah: Da sind doch gar keine Genossen drauf! Keine Helden der Arbeit! Keine Erbauer des Sozialismus! Trotzdem rutschten die Bilder ins Blatt. Sie zeigten Alltagsmenschen, die man nicht aus der Welt schaffen konnte und nicht aus der Republik. Das war der Sieg des Reellen über die Ideologie, der unauffällige Triumph der Ohnmacht über die Macht, wobei man, wie wir jetzt wissen, beide Begriffe in Anführungsstriche setzen muss. Aber die Straße versuchte Brachwitz zurückzuholen. Die Straße, ihr Licht und ihr uninszeniertes Theater. Wo der Alltagsmensch er selbst ist und auch Darsteller einer erwünschten Rolle. Kinder noch ungenierter als Erwachsene. Frauen noch ambitionierter als Männer. Homos noch exaltierter als Heteros.

Von uns diskreten Unberühmten ist Brachwitz, Jahrgang 53, der Nachhaltigste. Ich erkenne fünfunddreißig Jahre alte Bilder sofort wieder, sie sind historisch, aber auch gegenwärtig, und manche sind Ikonen geworden. Die Wege der Kindheit sind weit. Muss man sie nicht unendlich nennen: Der Junge auf dem Fahrrad, das Mädchen mit dem Puppenwagen, beide in leichter Schräglage. Kippt die Welt, zur Seite, nach rechts? Der Schritt des Halbwüchsigen ins Neubaugebiet. Hat man je so etwas Unfertiges, Unaufgeräumtes gesehen. Ja. Alle Tage. Der dämonische Glatzkopf auf einer Brache in Ilmenau vor einem maroden Wirtschaftsgebäude mit fahrig nachverputzten Fugen. Reste einer Umzäunung. Ein abgestorbenes Bäumchen. Einen Totbaum zerrt der Dämon zum Feuer. Im Einsamen köcheln die Aggressionen. Was soll das nur werden, wenn es fertig ist. Aber es wird ja sowieso nicht fertig. Brachwitz fotografierte die Unfertigkeiten seiner Welt. Die Dialektik des Unfertigen.

Das ist nun die Gelegenheit, vom bedauerlichen Siegeszug der Farbe und vom glorreichen Untergang von Schwarz-Weiß mit allen seinen Graustufen zu reden. Jeder Fortschritt hat seine Nachtseite. Die Welt wird auf dem Farbfoto farbiger, als sie je sein kann. Deshalb sage ich, im Schwarz-Weiß-Bild steckt mehr Wahrheit. Oder sagen wir nicht Wahrheit, das Wort ist so abgekämpft, sagen wir Erkennbarkeit. Im Schwarzweißbild ist mehr Erkennbarkeit, vor der uns das Farbfoto schützt. Schönen Dank auch. Und der Untergang des Schwarz-Weißen ist glorreich, weil: Die Bilder sind ja da. Die Bilder bleiben. Auch nach weiteren fünfunddreißig Jahren werden wir Brachwitz’ Bilder wiedererkennen. Sofort. Unverzüglich.

Das Ohr am Gleis

Irgendwo in der Altmark
© Christian Brachwitz

Wir sind vor den Toren von Kalbe/Milde, einer ziemlich kleinen Stadt mit einem ziemlich großen Kulturhaus in der Altmark, und wir sind unter Kindern. 1983. Das Mädchen legt das Ohr auf die Schiene, das rechte Ohr verschließt sie mit der Hand. Sie ist hochkonzentriert, scheint sicher zu sein, dass eine imaginäre Ferne ihr eine Botschaft senden wird. Was entfernt sich von uns, was kommt auf uns zu. Sie wird es ihren skeptischen Freunden mitteilen, auch wenn sie nicht weiß, ob sie die richtigen Worte finden wird, damit sie ihr glauben. Das ist ja das Problem aller Propheten.

Dieses und einige andere Fotos von Christian Brachwitz auf schönen Silbergelatine-Abzügen sind ab morgen, dem 10. 10. In der Galerie Helle Coppi (www.coppi.de), Auguststraße 83 in Berlin Mitte zu sehen. Außerdem Malerei von Sibylle Prange und Skulpturen von Michael Jastram. Beginn der Eröffnung 18 Uhr.

Köpfe aus Mull

Den Blick aushalten
© FJK

Köpfe treffen Köpfe. Das muss ja so kommen bei einer Porträtausstellung. „Kopf an Kopf” heißt die in der Coppi-Galerie in der Auguststraße. An einem sonnigen Donnerstagabend im kühlen Mai wird sie eröffnet und an solchen schönen Abenden erweitert sich die Galerie bis auf die Straße und den Kinderspielplatz. Drinnen spricht die Galeristin, untersetzt vom allgemeinen Kunstgemurmel, das in solchen Räumen von selbst entsteht.

Einfühlung und Reduktion

Arbeiten von 17 Künstlern sind ausgestellt, von Lebenden und Toten, von Frauen und Männern, von Alten und Jungen, Berühmten und Unberühmten, Ost und West, Nord und Süd, Sizilien und Südkorea. Es ergibt sich, dass die Köpfe der Besucher und die Köpfe der Porträtierten in Beziehung treten. Jeder Kopf kann Kunst werden, und jedes Bild, jede Plastik lebt. Was wir von den Bildern lernen könnten (aber nicht lernen sollten) ist, dass wir vieles Nebengeordnete von uns weglassen könnten, dass wir uns auf einen Ausdruck oder auf ein Geheimnis oder auf einen Traum festlegen sollten – dann wären wir Charaktere einer größeren Intensität. Würden aber das Leben verfehlen.

Jinran Kim vor Samuel Beckett, verdeckt Karl Marx

Nicht zufällig hebt die Galeristin aus der Gruppe der Künstler die Südkoreanerin Jinran Kim heraus. Sie zeigt Porträts europäischer Dichter und Denker. Das verwendete Material sind zusammengeklebte Streifen von Mullbinden. Das Ergebnis ist ungewöhnlich suggestiv. Beckett, Marx und Tolstoi sind unter uns. Nicht, dass wir wagen würden, sie anzusprechen. Wir kennen die Botschaften. Sie sind uns noch mal nahe gerückt.

Herta Günther, Kosmos des Wartens

Frauen, die Frauen den Rücken kehren
© FJK

An einem Sonnabend ist es schwer, um vier in Berlin Mitte zu sein. In der dritten Liga schießt Hansa Rostock das dritte Tor und der Garten verlangt, dass man sich ihm nach dem halbherzigen Winter wieder zuwendet. Als wir in der Coppi-Galerie ankommen, hat die Galeristin ihre Rede schon gehalten und der Saxophonist spielt die letzten Töne. Danach gibt es heiteren Beifall. Die Ausstellung gilt Herta Günther, der Dresdener Malerin, die im letzten Jahr gestorben ist. Sie wäre in diesem Jahr 85 Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass eben diese Ausstellung und ein Katalog mit den nachgelassenen Werken. Unsere Freundin Corinna hat mit Albrecht Günther gesprochen, dem älteren Sohn der Malerin. Ein Gespräch mit viel Dresdner und Maler-Kolorit. „Bis Anfang der 1970 Jahre war die Mutter viel für mich da, erst dann wurde sie seltener.” Proletarische Eltern ohne Zugang zur Kunst, ein besorgter Mann, selbst Zeichner, ein kleiner Freundeskreis, intaktes Ehe- und Familienleben. „Sie malte, wie sie atmete. Stillleben, Häuserzeilen, Flusslandschaften, Köpfe, Kneipenszenen. Es finden sich häufig Gegenstände aus unserem Leben auf den frühen Bildern.”

Herta Günther, Dampferanlegestelle

Zeit, Licht und Platz für die Bilder in der Galerie. Wir registrieren, was uns durch den Kopf geht. Herta Günthers Frauen. Meist sehen wir sie in Kneipen, Cafés, Bars, Nahkampfdielen. Es sind Frauen, die noch sitzen bleiben, wenn die Stühle schon hochgestellt sind. Das Glas scheint sich von selbst entfernt zu haben. Der Mund ist klein, die Augen umflort. Standhafter kann man einen verlorenen Abend nicht ertragen. Etwas wird geschehen, und wäre es nur in ihrem Kopf. Jeder sitzt für sich allein. Und der, der im Rücken der Frau in den Raum hineintritt mit Mütze und Schnauzbart, er wird sich nicht zu ihr setzen, er wüsste nicht, wie er sie befreien könnte aus ihren Gedankenflügen zu besseren Tagen, die nicht wiederkehren. Sie ist die einzige, die nicht zu frieren scheint. Die Garderobiere, die für alle Lebenslagen Verständnis aufbringt, am meisten für den Mann, der niedergeschlagen mit gesenktem Kopf und krummen Rücken Hut und Mantel einsammelt. Die Frau, die sich im Spiegel mustert und nur für sich selbst nahbar ist. Der Mann in der offenen Tür ist ein Verlierer, obwohl das Spiel noch gar nicht angefangen hat. Und wenn wir an den Fluss gehen, werden wir sehen, dass die Anlegestelle, die Abfalltonnen, das Empfangshäuschen, die Möwen auf seinem Dach und die große 5 auf seiner Wand sich genauso in Wartestellung befinden wie die Frauen in den Bars und Spelunken, ja, auch der Fluss. Das Ende der Straße scheint auch das Ende der Welt zu sein. Morgen werden die gleichen Frauen wieder in den gleichen Kneipen sitzen, die gleichen Männer zur Tür hineinschauen, die gleichen Lampen ihr nutzloses Licht verstreuen, und hinter dem Ende der Straße und der Welt bewegt sich der Fluss.

Der Kosmos des Wartens. Eine Zeit, die nicht unsere Zeit zu sein scheint. Eher eine Zeit, die schon war, die vielleicht auch wieder kommt. Warten auf etwas, das schon war. Nicht auf etwas, das gänzlich neu wäre. Und falls es um Männer gehen sollte. Nicht etwa auf ein völlig neues, unbekanntes Gesicht. Sondern auf ein bekanntes, auf ein vertrautes, eines, das man verloren hat, warum auch immer. Menschen machen Fehler, auch Frauen.

Wenn wir die Galerie verlassen, ist es noch hell. Der Frühling hat sich in Berlin Mitte niedergelassen. Bayern München erreicht ein 1:1 in Freiburg. Die Wachmänner raunen es sich zu. Dortmund siegt in der Nachspielzeit. Für einen Abend ist alles leicht.

Jede Kritik ereignet sich zweimal

Rentner von heute betrachten die Schüler von damals
© FJK

Die Galerie Helle Coppi war voller Bilder, Menschen und Mäntel. Die Mäntel hingen dicht an dicht am Garderobenständer, lagen auf Bänken und wer Angst hatte, seinen Mantel nicht wiederzufinden, behielt ihn einfach an und schwitzte.

Harald Metzkes ist neunzig geworden, es gibt Ausstellungen und Würdigungen, aber die Ausstellung in der Galerie Helle Coppi ist speziell. Sie erzählt die Geschichte des Bildes Polytechnischer Unterricht von 1959. Ist der Künstler da?, fragte die Galeristin am Anfang ihrer Begrüßung. Ja, er stand direkt vor ihr. Harald Metzkes, gelassen wie immer, im englischen Jackett und dunkelbraunen Schuhen. Den jungen Mann von 29 Jahren beauftragte der Kulturfonds, ein Werk zu schaffen. Metzkes’ Themenvorschlag: spielende Kinder. Das war dem Auftraggeber zu unverbindlich, er verschaffte Metzkes Praxisnähe im VEB Bergmann Borsig. So entstand das Bild „Polytechnischer Unterricht”. Drei Schülerinnen, ein, kaum älterer, Ausbilder, eine Turbine, einige Werkstücke. Es war schon nicht leicht, das Bild durch die Gremien zu bekommen, aber dann schlug die fortschrittliche Kunstkritik zu.

Begrüßung der Galeristin

„… lebensfrohe, lustige Kinder sind zu blutleeren, blassen Schemen gemacht … Mag dieses Bild noch so gut ›gebaut‹ sein, wir lehnen eine bürgerlich-modernistische Formauffassung, die den Menschen seiner Menschlichkeit beraubt und ihn zum Kompositionselement schlechthin erniedrigt, sehr entschieden ab.”

Knapp sechzig Jahren später knöpfen sich Kunstrichter dasselbe Werk wieder vor, es gerät jetzt in den Verdacht, Staatskunst der DDR zu sein. Ist ja klar, wenn ein Künstler in einen Betrieb geschickt wurde, dann kann da nur etwas Angepasstes, Ideologisches herauskommen, und man versteigt sich zu der griffigen Formulierung, Polytechnischer Unterricht sei „eines der gut gemachten schlechten Bilder”.

Der Maler in der Rolle des Zuhörers

Es ist anzunehmen, dass Metzkes von der zweiten Verurteilung seines Bildes aus der nur scheinbar ganz anderen Ecke eher amüsiert und verwundert als verärgert war. Die Ausstellung zeigt einige Vorstudien zu dem Bild von 1959, vor allem aber 2017 entstandene Ölbilder, Aquarelle und Zeichnungen, die mit dem alten Werk, seinen Figuren und seinen Kritikern und Bewunderern spielen. Die „blutleeren, blassen Schemen” steigen lebensfroh aus dem Bild, der Maler (vermutlich) verlässt als blasser Schemen den Raum. Die Bilder heißen „Kunsthistorisches Idyll”, „Polytechnische Comödie mit antiproletarischem Nachtreten”, oder „Don Quichotte nimmt Stellung zum polytechnischen Unterricht”, nämlich, indem er auf seiner Mähre mit aufgepflanzter Lanze zur Tür hereingeritten kommt und die Windbeutel der Kunstkritik erschreckt. Gestalten der Commedia dell’arte posieren vor den andächtigen Schülern. Gelegentlich lässt Metzkes den Lehrmeister als jungen Karl Marx auftreten.

Eine solch heitere wie auch verwunderliche Ausstellung sieht man kein zweites Mal. Und einen Maler, der sich von der Wiederholung einer verbohrten Kunstkritik derart inspirieren lässt, haben wir auch noch nicht gesehen. Der Hintergrund ist natürlich nicht eben heiter. Damals wie heute möchte man dem Maler ein anderes Bild abverlangen, als das von ihm vorgelegte. Man vermisste die heroischen, fröhlichen, optimistischen Gestalten, man störte sich an der Beiläufigkeit und Versunkenheit des Vorgangs, an der zurückhaltenden Farbgebung, man störte sich letztlich daran, wie Arbeit wirklich abläuft, wie langsam Zeit verrinnt. Und heute ist man zufrieden, wenn man glaubt, in einem Maler aus der DDR den angepassten Staatskünstler erkannt zu haben. Jede Kritik ereignet sich zwei Mal. Einmal als Vernichtungsplan und einmal als Farce.

Wir hatten keine Probleme, unsere Mäntel wiederzufinden. Wir hatten sie noch an.

 

Metzkes und Freunde

Wenn du an einem Donnerstagabend im sonnigen Abendlicht durch Berlin Mitte flanierst, kannst du von einer Galerie in die andere fallen, aber Helle Coppi eröffnet an diesem 6. September die Ausstellung „Harald Metzkes und Freunde” und da wollten wir sowieso hinein, nachdem wir an Häusern vorbeikamen, die, noch gar nicht mal alt, schon wieder dekonstruiert werden, an grünen Höfen, an genialischen Inschriften und an Karossen, die auch nicht im Halteverbot parken dürfen, obwohl sie Porsches sind.

Auguststraße 83. Blick von außen
© Fritz-Jochen Kopka

Harald Metzkes und Freunde, das sind Manfred Böttcher, Walter Libuda und Konrad Maass. Außer dem früh verstorbenen Böttcher sind sie anwesend in der Auguststraße 83 und können sich auf die Zuwendung der Besucher – Kollegen, Sammler, Enthusiasten – verlassen. Die Freundschaften, die Harald Metzkes pflegte und pflegt, sind locker, verlässlich und kreativ. Von allen berühmten Malern aus der DDR ist Metzkes wohl der zurückhaltendste, nachdenklichste, aber auch jeder Zeit auskunftsfähige.

Helle Coppi eröffnet

1989, als wir eine Reportage-Reihe über den Kollwitz-Platz schrieben, suchten Jutta Voigt und ich Harald Metzkes in seinem Atelier auf. Wir fielen gleichsam mit der Tür ins Haus, weil die Telefone mal wieder alle tot waren. Metzkes ließ sich ohne Umschweife in seiner Arbeit stören, um über die Maler am Platz zu reden, Berliner Straßen und Bäume, die klassischen Blöcke der Häuser, Käte Kollwitz, die Invasion der Autos, die die Stadt gründlich veränderte – „man steht am Rande einer ewigen Durchreise.”. Ein Blick aus dem Fenster: „Ich steh nicht am Straßenrand und seh an der Fassade lang, sondern ich steh in der Mitte der Straße und gucke wie Ludwig XIV. in Versailles. Alle Linien führen auf mich zu.”

Harald Metzkes im Profil. Das Blau des Pollunders wäre ihm wohl zu blau

Damals war Metzkes, auch wenn das seltsam klingt, ein junger Mann von sechzig Jahren. An diesem Abend in der Galerie ist er, und das klingt ja noch seltsamer, ein junger Mann von 89 Jahren, schlank, aufmerksam, auskunftsbereit. Mit Manfred Böttcher war er seinerzeit Meisterschüler an der Akademie der Künste, Böttcher bei Heinrich Ehmsen, Metzkes bei Otto Nagel. Sie erhielten Stipendien, die Meister wiederum ließen sich selten sehen, das war vielleicht auch ganz gut so, erzählt Helle Coppi in ihren Eröffnungsworten.

Konrad Maass, Stahlschiffbauer und Maler, könnte auch einen guten Kapitän abgeben

Konrad Maass, der gelernte Stahlschiffbauer, war aus Rostock nach Dresden gekommen und machte dem Staat mit seiner mecklenburgischen Sturheit ordentlich zu schaffen. Er wurde zum Studium an der Kunsthochschule zugelassen, wollte aber nicht mehr studieren, nachdem er gesehen hatte, wie es da zuging. Franz Fühmann hatte ihm geraten, sich auf sich selbst zu besinnen. Dabei half ihm Metzkes, der Maass als inoffiziellen Meisterschüler aufnahm und unterstützte. In Maass’ Vita finden sich folgende Sätze: „Am 4. Juni 1952 bei Sonnenaufgang in Rostock geboren. Am 10. 11. 1970 gegen 14 Uhr Beginn des Zeichnens aus Langeweile. Arbeit als Nachtwächter an der Gemäldegalerie Alte Meister Dresden. Kopie des ›Trunkenen Herkules‹. Verweigerung des Armeedienstes (Reserve). 1991 Verwirklichung des alten Traums, die Ostsee zu überqueren. ”

Frau vor Schwiegertochter

Weißwein- und Wassergläser in der Hand promenieren wir an den Bildern vorbei. Ein U-Bahnbild von Böttcher, ein U-Bahnbild von Metzkes. Das „Bildhaueratelier am Strand” von Maass und ein Strandbild von Metzkes, rätselhafterweise „Die Schwiegertochter” betitelt, alle Figuren in leichter Schräglage, vom Meer kommt eine Brise her. Eine Terrakottaplastik von Walter Libuda, „Der Ingenieur”, ein Ingenieur, kann man da empfinden, ist ein nachdenkliches, Gedanken sogleich in Resultate umsetzendes Wesen, das uns sowohl Achtung als auch ein Lächeln abnötigt. Wir sehen Nähe, wir sehen Vergleichbares und Unvergleichliches, wir sehen den weiten Horizont der Kunst und auch der Freundschaft.