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Archive for September 2014

Capote

Capote schaut uns an. Die unübertreffliche Gesamtausgabe des Verlags Kein & Aber Zürich

Capote schaut uns an. Die unübertreffliche Gesamtausgabe des Verlags Kein & Aber Zürich

Heute wäre Truman Capote 90 geworden. Was ein absurder Gedanke ist. Capote war schon vor dreißig Jahren, als er starb, eine Ruine. Zerstört von Alkohol, Drogen, Affären, aber auch von der Klatschsucht, die ihm die Isolation einbrachte, seinem früh sichtbaren, uferlosen, zwischenzeitlich blockiertem Talent. Seinen Hieb bekam er schon als Kind weg. Er war das verlassene Kind. Seine umtriebige Mutter und sein Stiefvater ließen ihn allein im abgeschlossenen Hotelzimmer zurück oder sie gaben ihn zu Verwandten. Da lernte er Harper Lee kennen, die seine Freundin wurde und blieb, die einzige wohl. In ihrem Roman „Wer die Nachtigall stört” hat sie den kleinen Truman beschrieben: „Ein merkwürdiger Bursche … Er trug blaue Leinenshorts, die ans Hemd geknöpft waren, und er hatte schneeweißes Haar, das wie Entenflaum an seinem Kopf klebte. Er war ein Jahr älter, aber sehr viel kleiner als ich. Während er uns die alte Geschichte erzählte, erhellten und verdunkelten sich seine Augen, er lachte laut und fröhlich und zupfte unentwegt an einem Haarbüschel, das ihm in die Stirn hing… Wir lernten ihn … als einen Merlin im Taschenformat kennen, dessen Kopf von exzentrischen Plänen, seltsamen Gelüsten und wunderlichen Ideen überquoll.”

Capote konnte so gut wie alles. Er schrieb poetische Südstaatenromane, knappe Kurzgeschichten, den ambivalenten Großstadtroman („Frühstück bei Tiffany”), den gnadenlosen Tatsachenroman „Kaltblütig”, den er zusammen mit Harper Lee recherchierte.

„Kein einziges Mal sah man Truman oder Nelle (d. i. Harper Lee) Notizen machen: Es war Trumans Überzeugung, dass der Anblick eines Notizbuchs oder, noch schlimmer, eines Tonbandgeräts die Offenheit hemme. Nur in scheinbar beiläufigen Gesprächen seien die Leute bereit, sich zu offenbaren, behauptete er… ›Man hatte überhaupt nicht den Eindruck, von ihm interviewt zu werden… Er verstand es, einen auf Themen zu bringen, ohne dass man es merkte.‹” So steht es in der Biographie von Gerald Clarke. Capote beschrieb die Recherchen in Garden City, Kansas, so:

„Wir pflegten zu irgendeinem Farmhaus oder einer Ranch hinauszufahren, um die Leute dort zu interviewen, und fast regelmäßig lief dort ein Fernseher. Sie schienen die Dinger vierundzwanzig Stunden am Tag laufen zu lassen. Sie saßen dann da – ohne uns je anzusehen! Ihre Blicke blieben eisern auf den Bildschirm geheftet, selbst wenn ein Pausenbild oder eine Werbung zu sehen waren. Wenn der Fernseher einmal nicht lief, wenn der Bildschirm gerade nicht flimmerte, bekamen sie den Tatterich. Ich vermute, das Fernsehen ist zu einem Bestandteil ihres Nervensystems geworden.”

Capote war ein Typ, dem die Leute nahezu alles erzählten, was ein großes Plus, aber auch ein Verhängnis war. Wenn sie sich in seinen Reportagen und Porträts wiederfanden, konnten sie sich und Capote nur selten verzeihen, was da an vertraulichen Details geschrieben stand. „Das Geheimnis der Kunst, jemanden zu interviewen – und es ist eine Kunst –, besteht darin, den anderen im Glauben zu wiegen, er interviewt dich. Du erzählst von dir und spinnst ihn langsam in dein Netz ein, bis er dir alles erzählt. So ist mir auch Marlon in die Falle gegangen”, sagte Capote. Ja, Marlon Brando war fassungslos, als er das Porträt „Der Fürst in seinem Reich” las. Und doch. Es ist ein Meisterstück der Gattung.

 

Sushi und Transit

Ein DT-Flyer, ein Roman

Ein DT-Flyer, ein Roman (alte Ausgabe vom Aufbau-Verlag)

An einem Sonnabend-Abend in Berlin geht man Sushi essen und anschließend ins Theater. Sieht aus wie eine Mensa, das Sushi-Restaurant in der Mittelstraße, blanke Tische, quadratischer Raum und munterer Betrieb. Kaum sitzt man, steht schon ein Becher Tee vor einem, man kann an den Tresen gehen und nachfüllen, Studenten sollen das ausgenutzt, hier gesessen und kostenlos Tee getrunken haben; so geht das jetzt nicht mehr. Irgendwie wissen die Gastronomen wohl, dass viele Sushi-Freunde keine Ahnung von Sushi haben, und so sind in der Speisekarte die Angebote abgebildet und kurz definiert, aber das reicht noch nicht, man sollte jemand dabei haben, der einem sagt, dass man einfach eines der Menüs nehmen soll, zur sonnabendliche Happy our extra günstig, und vielleicht noch ein paar Ergänzungen zum Beispiel California-Uramak, in die kleinen Schälchen gibt man etwas Soja-Sauce, die scharfe grüne Paste und etwas Ingwer, man müht sich mit den Stäbchen ab und tunkt die Sushi-Stücke in die Schälchen und holt sich noch mal Tee. Ein bisschen fühlst du dich im Sushi-Restaurant wie ein Emigrant.

Und darum geht’s im Theater. Die DT-Box im Deutschen Theater spielt „Transit”, die Dramatisierung des Exil-Romans von Anna Seghers. Es ist die Premiere, wenn nicht gar die Uraufführung, die Textfassung haben der Regisseur und die Dramaturgin hergestellt, und das Team hat sich mit der theatergerechten Umsetzung anscheinend nicht wenig abgequält, so dass ein altes Heiner-Müller-Zitat wieder zu seinem Recht kommt. „Theater ist Intrige.” Man munkelt, dass der Regisseur Alexander Riemenschneider, eigentlich Holzschnitzer, wie man weiß, immer wieder reduziert und reduziert hat, so dass es am Ende wohl auf eine Lesung mit Ein-Mann-Live-Musik hinauslaufen wird. Er hat keinen Plan und wahrscheinlich auch kein Herz, lautet das Gerücht. Was wäre das Theater ohne solche Gerüchte.

Ich habe das Deutsche Theater lange nicht mehr betreten, das letzte Mal war ich wohl vor der Rekonstruktion des Hauses da und kann nun sagen: Hier wird auf keinen Fall der Mangel verwaltet. Da haben wir eine wunderbare Bar, die es früher nicht gab, da haben wir eine schöne Terrasse und die WC’s imponieren mit vornehmer Sanitärkeramik. Dagegen war das DT früher ein Arbeitertheater. Auch die Spielstätte DT-Box hat es nicht gegeben. In der fühlt man sich allerdings wie in einer Schachtel, warm ist es und die Technik schwebt über unseren Köpfen.

Thorsten Hierse, ein junger Mann, aus Hamburg ans DT gekommen, ist der Emigrant. Tobias Vethake hat die Musik zum Stück entwickelt und spielt sie live ein, auch er ist hergerichtet wie ein Flüchtling, eine altmodisch brave Frisur, Hosenträger unter der Emigrantenjacke, und immer wieder läuft Wiebke Mollenhauer quer über die Bühne, sie ist die Marie des Romans, zeigt Verlorenheit und Orientierungslosigkeit der Emigranten, der aussichtslose Kampf um die rettenden Papiere, Transit.

Es wird dann doch keine Lesung mit Livemusik, sondern ein echter Theaterabend. Hierse, der Emigrant in einem weißen Unterhemd mit Knopfleiste, will, im Marseille des Jahres 1941, seine Geschichte loswerden, erzählt sie einem imaginären Zuhörer, der auch jedweder Mensch im Publikum sein kann, es ist die Erzählung eines Mannes, der seine Angst besiegt hat, als er sich fragte, wovor genau er denn Angst habe, in einer Lage, da alles flüchtig ist, flüchtige Bekanntschaften, flüchtige Gefühle, flüchtige Erinnerungen, flüchtige Heldentaten, flüchtige Feigheiten. Die Sinnlosigkeit der Flucht – man könnte sich auch retten, indem man einfach sitzen bleibt, wer weiß das schon. Aber wichtig ist, dass diese Erzählung stattfindet, und sie wird überbracht mit enormer Konzentration und Intensität. Der Emigrant hat sich eingesponnen in seine Geschichte, in die Identität des Schriftstellers Weidel, die ihm zugefallen ist (und fast auch dessen Frau), und dann bricht mit der Urgewalt der Musik die globale Wirklichkeit der Emigration ein, Vethake hämmert mit ungeheurer Wucht auf zwei abgeschabte Emigrantenkoffer ein.

Anna Seghers hat den Roman mit erstaunlicher Festigkeit geschrieben, die Bodenlosigkeit der Emigration, die sie erlebt hat, konnte die Hand der Schriftstellerin nicht merklich verunsichern. Die Gefühlslage ist nicht eindimensional. Ab und zu wird vereinzelt gelacht, nicht unbedingt an komischen Stellen. Später geht das Gerücht um, dass es der Regisseur war, der gelacht hat. Offensichtlich muss an diesen Stellen für ihn etwas aufgegangen sein. Ein Plan, den er vielleicht doch gehabt hat. Ein Herz, das ja nur schneller schlagen kann, wenn man es hat.

Wahrer Murks

Der Mörder war nicht der Gärtner, sondern der Hausmeister – diese Innovation hatte „Wahre Liebe”, der Tatort aus Köln, immerhin zu bieten. Ansonsten kann man von einem Krimi kaum sprechen. Der Mord beiläufig, das Motiv schwach, die Suche nach dem Täter verliert sich im Befragen irgendwo auf dem Schulhof oder auf der Straße aufgelesener Verdächtiger. Aha. Da kam einer einen Tag früher von einer Chinareise zurück und hat es nicht gesagt. Der müsste es wohl gewesen sein.

Nach dem Murmeltier-Muster wacht ab und zu mal die blonde Polizeipsychologin Lydia neben Max Ballauf auf, aber der Kommissar greift nur nach dem Wecker und sucht, angeregt durch den aktuellen Fall, weiter im Internet nach der passenden Partnerin, ein Algorithmus soll es richten, aber Lydia legt sich immer wieder neben den griesen Kommissar.

Neue Assistentin, neues Glück? Mehr Klamotte, mehr Quote, siehe Münster? Kathi Angerer, bekannt von der Berliner Volksbühne, räumt, obwohl sie nur Archiverfahrung hat, alle Schießscheiben ab und gibt eine Volksbühnenreife Einlage, aber dem Fall hilft das auch nicht auf die Beine. Randständige Episoden helfen uns über die neunzig Minuten hinweg, eine skurrile Galerie liebeshungriger Frauen, die sich von einem Internetbetrüger, den man einfältig den Zauberer nennt, des Vermögens berauben lassen und der sich irgendwo im Nichts verliert, die sogenannte Liebesformel, prollige Liebhaber mit Bierbauch und Tattoo und so weiter… Wenn man keinen Grundeinfall hat, häufen sich die Pseudoideen. Köln hat schon oft viel besser ausgesehen.

Leben im Stein

Zugewandtheit in Beton © Christian Brachwitz

Zugewandtheit in Beton
© Christian Brachwitz

Als ich in Leipzig lebte, existierte Grünau nur als Gartensiedlung am Westrand der Stadt, von der wir natürlich nichts wussten; wir waren ja Studenten und keine Kleingärtner, auch keine geistigen Kleingärtner, wie wir meinten. Das riesige Neubaugebiet Leipzig-Grünau kam später und sollte zur Lösung des Wohnungsproblems dienen. Bauen im großen Stil. Da bestand immer die Gefahr, dass auf Feinheiten nicht weiter geachtet wurde. Am Anfang wurde noch locker bebaut, 5-Geschosser, und dann, als die Lösung des Wohnungsproblems immer noch nicht in Sichtweite war, wurden 6- bis 11-Geschosser hochgezogen und weniger Grün angelegt. Agitatorisch begabte Menschen wie unser Chefredakteur im „Sonntag” versuchten, einiges für das Image der Neubaugebiete zutun. Er verbot uns, das Wort Altbau weiter zu verwenden, weil die Menschen in den Altbauten sonst neidisch auf jene in den Neubauten würden. Da blieb einem doch gleich die Spucke weg. Sollte man neidisch sein auf die Ununterscheidbarkeit des eigenen Hauseingangs oder auf die dünnen Wände? Noch heute hört man davon, dass die Leute mit den Fäusten oder mit dem Messer aufeinander losgehen wegen des Lärms, dem sie nicht entrinnen können. Es war aber an Parkplätze gedacht, es gab die Stadtteilzentren mit Kaufhalle, Klubgaststätte und Kinderkombination, es existierten Mal- und Zeichenzirkel sowie der Tanzklub Blau-Gold. Und nicht zuletzt Kunst im öffentlichen Raum. Eine Plastik wie diese kann durchaus rühren, egal, ob diese Menschen sich lieben oder miteinander ringen, es geht um körperliche und auch seelische Nähe; und die ist herstellbar, auch und gerade in Leipzig-Grünau. Von den Stores in den Fenstern der Klubgaststätte reden wir jetzt mal nicht. Wir sind noch im Jahr 1983.

Weg wohin und wohin weg

Berlin Hbf Fotos: Fritz-Jochen Kopka

Berlin Hbf
Fotos: Fritz-Jochen Kopka

Letzter Blick Berlin. Hauptbahnhof mit iPhone-Werbung. Ein Menschenauflauf. Polizei und viele Asiaten mit Anzügen und einem Abzeichen am Revers. Die Reisenden sind mehr oder minder gezwungen, Spalier zu stehen. Darf man fragen, wer hier geschützt wird?, fragt eine Dame. Der junge Polizist antwortet bereitwillig, aber unverständlich.

Reisegruppen, Paare, Individualisten. Der Connex, in dem ich sitze, akzeptiert keine Fahrkarten der Deutschen Bahn. „Dazu gehören auch das Länderticket, das Quer-durchs-Land-Ticket und das Schöne-Wochenendticket.” Was es alles so gibt. Aber der Connex gefällt mir, ist sauber, gut gelaunte Zugbegleiter, wenn man Hunger hat, kann man sich Brötchen kaufen oder Kaffee und Kuchen. Unter uns die Straße belebt mit zielstrebigen PKW. Neben uns vespernde Rentner nach der Lektüre der Computerzeitschrift. Und erlöse uns von der Deutschen Bahn.

Wenn Weiden trauern

Wenn Weiden trauern

Erster Blick Güstrow. Die Brücke über dem Nebel-River. Die Zweige der Weiden streicheln das Wasser. Das war schon immer so. Genauso wie es seit Unzeiten die beiden Kastanien auf dem Brunnenplatz gibt. Wenn du das siehst, scheint die Zeit von damals wieder anwesend zu sein und nichts ist passiert.

Der Vorbestand soll sichtbar bleiben

Der Vorbestand soll sichtbar bleiben

Der Schwebende oder auch schwebender Engel

Der Schwebende oder auch schwebender Engel

Die Domschule, die damals Kersting-Schule hieß, steht kurz vor dem Abschluss ihrer Rekonstruktion und ist – angesichts der Gefahr jugendlicher Amokläufer – mit modernster Sicherheitstechnik ausgestattet. Ist Pflicht und kostet ein Heidengeld. Im Dom schwebt wieder Barlachs Schwebender. Eine berühmte Plastik, die, als sie noch nicht berühmt war, bei den Einheimischen auf wenig Liebe stieß, und die Nazis haben sie zerstört. Es dauerte lange und bedurfte vieler Verwicklungen, bis ein Abguss des Schwebenden wieder an seinem Platz hing.

See ohne Vögel

See ohne Vögel

Auf dem Inselsee. Die Ufer bilden eine harmonische Freizeitlandschaft. Berühmt waren die Bootshäuser. Man konnte nicht daran vorübergehen, ohne an die Honoratioren und ihre Nachkommen zu denken, an Partys und Orgien, an Legenden und Gerüchte. Erinnerung an ein Praktikum. Wir haben das Ufer des Schulbootshauses befestigt. Pfähle in den Grund gerammt mit zotigen Sprüchen. Nach neueren Meldungen gibt es keine Vögel mehr am Inselsee. Ökoaktivisten haben die Freiheit der Tiere einer Nerzfarm erkämpft. Die Nerze, die keine natürlichen Feinde haben, wurden einerseits von Autos überfahren, andererseits räuberten sie die Vogelnester aus.

Ruhe am Schloss

Ruhe am Schloss

So kann man sich vielleicht einen Mittelstürmer von Hansa Rostock vorstellen, wenn man Humor hat. Das Schloss, das viele Geschichten seiner Zweckentfremdungen erzählen könnte, es hat immer auch etwas Unwirkliches, zumindest seit man die Schlossattrappe in Berlin gesehen hat. In unserer Kindheit war es Altersheim. Im Stadtbild wirkten die Leute aus dem Schloss meistens ziemlich schräg. Man erkannte sie sofort: die Schlossmucker.

Eis-Heidi am Markt

Eis-Heidi am Markt

Alte kaputte Fabrik

Alte kaputte Fabrik

Eis-Heidi am Markt 7. Eine der schönsten Geschichten, die der Restaurant-Tester Rach zu erzählen hatte, denn Eis-Heidi, die der Hilfe bedurfte, konnte sich lange Zeit nicht von dem Gefühl lösen, dass sie es besser wüsste als der Sterne-Koch. Am Ende war das Lokal aber doch gerettet.

Mitten in der Stadt. Ich dachte, hier hätte sich mal die Spirituosenfabrik G. Winkelhausen befunden, aber die gibt es ja noch, wenn auch mit jetzt mit bayerischem Eigentümer. Egal. In den Ferien zogen wir los, um Geld zu verdienen. In Gärtnereien, in der Bettfedernfabrik, in Baubetrieben. Bei Winkelhaken, damals volkseigen, haben wir es auch versucht. Heute ist die Spirituosenfabrik besonders stolz auf den Echten Rostocker Doppelkümmel.

Kunst im öffentlichen Raum

Kunst im öffentlichen Raum

Ostkreuz for ever

Ostkreuz for ever

Letzter Blick Güstrow. Der weiße Hai 5. Oder: Damit der Abschied nicht schwer fällt.

Wieder in Berlin. Bahnhof Ostkreuz. Baustelle Ostkreuz. Die Leute suchen ihren Weg. Die Züge kommen und gehen. Die Leute suchen immer noch.

Wir armen Hansa-Rostock-Schweine (8)

Ob wir noch die Kurve kriegen?

Ob wir noch die Kurve kriegen?

Ich bin in Güstrow. Wieder so ein Altschülertreffen. Einige gehen jetzt schon am Stock. Sieht nicht mal schlecht aus. Zur Besichtigung stehen die Renaissance- und Barockbestände der in Rekonstruktion befindlichen Domschule und der Dom selbst, in dem auch einiges restauriert wurde erstmals nach vielen Jahrzehnten. Häufig fällt das Wort Fördermittel. Wer Fördermittel beantragen darf und wer nicht. Wer sie bekommt und damit punktet. Der Stolz der kleinen Stadt, mit Selbstironie versetzt. Kaffee und Kuchen am Inselsee. Nicht jeder erkennt jeden gleich wieder. Eine Kutterfahrt. Der Kapitän ist Sachse. Wir haben uns längst an alles gewöhnt. Als wir wieder an Land sind, gibt es die Fußballergebnisse. Hansa Rostock – Arminia Bielefeld 4:2. Keiner will es noch glauben. Hansa hat im Jahr 2014 noch kein Heimspiel gewonnen und fordert den Gegner immer nachhaltiger auf, ohne Torwart zu spielen. Der kriegt sowieso nichts zu tun. Wir armen Hansa-Rostock-Schweine müssen nämlich tief verteidigen, weil hoch verteidigen uns zur Zeit nicht gelingt. Was auf der anderen Seite heißt, dass wir nach vorne nichts machen. Nur ein paar lange Bälle aus der Verteidigung in den gegnerischen Strafraum, wo sie leicht abgefangen werden.

Als ich wieder zu Hause bin, gehe ich auf die Homepage des FC Hansa. Dort werden die Hansa-Tore noch mal gezeigt mit dem Ton der Amateur-Reporter des Fan-Radios. Die beiden Jungs sind wie von Sinnen, als ein Hansa-Spieler (vielleicht) im Strafraum gefoult wird. Elfmeter, brüllen sie, Elfmeter, und Rot, das muss die Rote Karte geben. Und schon fühlen wir uns wieder betrogen, weil der Schiedsrichter nicht rot zieht. Dafür gibt er gleich noch einen Elfmeter und obendrein schießen die Bielefelder ein Selbsttor. 3:0 für Hansa. Aber wir armen Hansa-Rostock-Schweine wären nicht die armen Hansa-Rostock-Schweine, wenn der Sieg nicht noch mal in Gefahr geriete. 3:2. Und dann das Happy End. 4:2. Die nach dem Spiel befragten Fans sind überglücklich. Sie könnten nach einem Sechser im Lotto oder einem Durchmarsch bei Jauch bis zur Million nicht glücklicher sein. Könnten auch nicht glücklicher sein, wenn Hansa Deutscher Meister geworden wäre. Es sind nur drei Punkte. Wir stehen noch im unteren Drittel der Tabelle. Aus tiefer Not schrei ich zu dir.

Das Glück an der Wand

Trost der Trostlosigkeit Fotos © Christian Brachwitz

Trost der Trostlosigkeit
Fotos © Christian Brachwitz

Was würde man sich an die Wand kleben, als Trost, als Ausdruck von Sehnsucht und Fernweh, als Ermutigung. Harmlose Mädchen und krasse Sportler, ein Stück schroffe Küste. Versonnene Blicke in die Ferne, die irgendwo links oder rechts oben sein muss. Ein Schiff, das kommen und uns fortbringen wird. So naiv kann eigentlich keiner sein.

Dann zeigte Brachwitz die Fotos, die zu dem Bild einordnen und erklären. Es ist die Wand eines Gefängnisses in Tallin, aufgegeben, leer geräumt, gefegt, zur Besichtigung finsterer Zeiten freigegeben, die überwunden sind. Die aufgeklebten Illustriertenfotos waren wahrscheinlich jene, die gerade noch so durch die Gefängniszensur gingen. Keine Gewalt, keine Freiheitshelden, kein Sex. Der Ort ist nicht aufgearbeitet, kein begleitendes Material, kein Team von Museumspädagogen hat Geschichte, Umstände und menschliche Schicksale dokumentiert, vermutlich in der Überzeugung, dass dieser Ort ganz allein gegen sich spricht. Nach dem Knast ist vor dem Knast. Jetzt träumt man in Tallin vom modernen Vollzug. Der Verurteilte geht in die Justizanstalt und kommt geläutert wieder heraus. Auch das ist naiv, warum auch nicht.

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Kein Entrinnen

Kein Entrinnen

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