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Archive for Juni 2012

Hart gelandet, Deutschland

Jetzt, wo die Ratten aus ihren Löchern kriechen, kann ich nicht dabei sein. Ich bin die Ratte, die ihr Loch schon lange verlassen hatte, kein Löw-Fan. Kann ich mich nun bestätigt fühlen? Keineswegs. Ich hätte gern ein Endspiel mit deutscher Beteiligung gesehen. Spanien – Deutschland zum dritten. Wer allerdings die EM mit wachen Sinnen verfolgt hat, kann nicht anders als sagen: Die Italiener haben sich die Endspielteilnahme verdient, die waren super.

Uns fehlte ein Dämpfer zur rechten Zeit, etwa ein 2:2 gegen die Dänen in der Gruppenphase, mit dem Demut, Zweifel und Wachheit einziehen. So waren das gesamte Team, das mediale Umfeld und die Fanbewegung selbstgefällig und selbstverliebt. Und im Halbfinale wird ein Dämpfer, wie wir ihn gegen Italien erlebt haben, gleich zum Absturz. Hart gelandet, Deutschland.

Jogi Löw ist auch ein Medientrainer. Die Medien haben sich bemüht, aus ihm eine Lichtgestalt zu machen, seine blutleeren Sätze interpretiert, seine Entscheidungen glorifiziert, Mats Hummels in der Innenverteidigung, der Austausch der Stürmer gegen Griechenland – das alles soll ungeheuer mutig gewesen sein, voller Risiko – der Trainer macht alles richtig, der Trainer überrascht alle, der Trainer hat ein goldenes Händchen. Gegen Italien musste Löw den Medien wohl wieder ein Überraschungs-Ei präsentieren. Der erfolgreiche Griechenland-Sturm blieb draußen, also auch Reus, stattdessen stürmte Kroos auf rechts. Diese Aufstellung war – sicher unbewusst – mehr für die Medien gemacht als für die Lage auf dem Platz.

Langer Ball von Pirlo auf Chiellini, Chiellini auf Cassano, Cassano umspielt Boateng und Hummels, flankt in die Mitte, Badstuber springt nicht mit Balotelli  mit, versucht vielmehr, mit den Armen dessen Oberkörper zu umklammern und ihn auf dem Boden zu halten. Hat nicht geklappt, Kopfball Balotelli, Tor. Überhaupt haben mir die Unsrigen im Zweikampf zu sehr mit den Armen gearbeitet, Podolski und Badstuber am auffälligsten.

Beim zweiten Tor lässt Balotelli Lahm stehen, rennt aufs Tor zu, Neuer, statt ihm entgegenzulaufen, den Stürmer zu irritieren, zieht es vor, den Arm zu heben, Schiedsrichter war doch Abseits!, und schon rauscht der Ball an ihm vorbei. Das hat er in München schnell gelernt. Ich habe in den letzten drei, vier Jahren kein Bayern-Gegentor gesehen, bei dem die Münchener Abwehrspieler nicht die Arme hochgerissen und Abseits reklamiert hätten (außer bei Elfmetern).

Ich kann bei Jogi Löw kein Charisma ausmachen, die Gabe der Rede ist ihm nicht zueigen. Man erzählt von einem Trainer früherer Jahre, in dessen Taktikbesprechungen die Spieler eingeschlafen sein sollen, aber hier ist es so, dass die Spieler zum Trainer stehen und besser als sie können wir es nicht wissen. Einen positiven Wert kann man ihm vorwerfen: Treue. Die Treue seinerzeit zu Metzelder, der Treue zu Podolski, die Treue zu Schweinsteiger nach einer durch Verletzungen verkorksten Saison, die Treue zum Bayern-Block, zu den Bayern, die sich zuletzt warum auch immer zu einem Loserteam auf höchstem Niveau entwickelt haben. Der Bundestrainer Klinsmann hatte immerhin einen Assistenztrainer Löw, den der Bundestrainer Löw leider nicht hat. Er hat Hansi Flick, der nach allem, was man sieht, kein Kreativposten ist.

Inzwischen hat die Absetzbewegung der Medien begonnen, festzumachen an Michael Horeni, FAZ, der bislang einer der eifrigsten Hofberichterstatter war, Löw den deutschen Fußballingenieur nannte und von seiner Philosophie der Laufwege schwärmte. Nun weiß er nur noch zu berichten, dass sein Idol schon nach wenigen Minuten nervös auf seinen Fingernägeln kaute. Na danke. Da kriecht eine Ratte wie ich in ihr Loch zurück und sagt, dass wir eine goldene Generation junger Fußballer haben und einen taktisch beschlagenen Trainer, der sich nun die Zeit nehmen muss, die verkrustete Mannschaftsaufstellung aufzubrechen und mehr Varianten mit den genialen Kreativen einzuüben.

Elfmetertöter

Es scheint so zu sein, dass das Elfmeterschießen jene Mannschaft gewinnt, die die aktivere in der Verlängerung war, also die Entscheidung schon vor dem Elfmeterschießen erzwingen wollte – mithin mehr  Angst vor den Unwägbarkeiten des Elfmeterschießens hatte? Weiß ich nicht. Bis jetzt war es bei dieser EM jedenfalls so, dass das Glück den Tüchtigen belohnt. Die Engländer taten in der Verlängerung einfach nichts mehr (vielleicht glaubten sie absurderweise, das Chelsea-Glück zu haben), und die Portugiesen waren platt, sie konnten den Spaniern nicht mehr die Laufwege verstellen, was sie über 90 Minuten so gut verstanden. Als ihr junger Torwart, Rui Patricio, gleich den ersten Elfer, den von Xabi Alonso, hielt, glaubte ich für einen Moment, er sei ein Monster, das jeden Elfer frisst. War zwar nicht so, aber er sprang zweimal in die richtige Ecke. Alves schießt gegen die Unterkante der Latte, der Ball springt vor die Torlinie. Fabregas schießt gegen den Innenpfosten, der Ball springt ab ins Tor. Dazwischen liegen Welten.

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Der Intro und der Extro

Die erstaunlichsten Gestalten der Viertelfinales waren Andrea Pirlo und Cristiano Ronaldo, der Introvertierte und der Extrovertierte. Pirlo ist 33, sieht aber, liest man, wie 44 aus. Ja, was würde es mir nützen, wenn ich als 33jähriger wie ein 22jähriger aussähe, aber wie eine lahme Ente über den Platz schliche! Als das Spiel in die Verlängerung ging , glaubte man, dass Pirlo, der anscheinend nie eine Miene verzieht (wie Iniesta) mit seinen Kräften am Ende sei. Nichts da. Er behielt den Überblick, er verteilte die Bälle, er machte das italienische Spiel nach wie vor. Wenn man sagt, dass er das Spiel lesen könne, ist das vielleicht falsch formuliert. Pirlo schreibt das Spiel, und andere müssen lesen, was er geschrieben hat. Und dann war da noch dieser Elfmeter. In einer äußerst angespannten Situation leicht und lässig in die Mitte des Tores gehoben. Mit einem solchen Elfmeter hat der Tscheche Panenka Geschichte geschrieben, und Franck Ribery hat sich damit zum Deppen gemacht. Denn es kann ja sein, dass der Torwart cool genug ist, um stehen zu bleiben und den Ball mit der Mütze zu fangen.

Portugal gegen Tschechien entwickelte sich zum Duell Ronaldo gegen Cech, Stürmer gegen Torwart. Cech war immer da, und wenn nicht, halfen ihm Latte und Posten. Und Cristiano Ronaldo spielte nach der Devise: verzweifeln, aber weiterarbeiten. Er wurde bei jeder Ballberührung (und er berührte den Ball unentwegt) ausgepfiffen. Warum? Weil er eitel ist? Liebe Güte, er ist jung und hat allen Grund, eitel zu sein. Weil er auf seine Posen nicht verzichten kann? Na und? Vielleicht braucht er diese Rituale, um sich zu konzentrieren. Die Medien lassen keine Gelegenheit aus, ihn schlecht zu schreiben. Idole aufbauen und zerstören, das gehört eben zum Mediengeschäft. Und wer darauf reinfällt, ist ein Medienopfer und merkt es noch nicht einmal. Und weil Ronaldo verzweifelte, aber weiter arbeitete, hat er Petr Cech, für den diese EM denkbar schlecht begonnen hatte, aber versöhnlich endete, besiegt und Portugal ins Halbfinale geköpft.

Die Viertelfinales zeigten zum Glück auch, dass die Personalsituation bei den Unsrigen nicht so festgefahren ist, wie man befürchten musste. Mit drei neuen Spielern wurde die Leichtigkeit der Offensive mit Erfolg geprobt.

Und die Spanier sind offenkundig Sadisten. Sie haben das Spiel in der Hand, aber sie machen sich ein Vergnügen daraus, uns auf die Folter zu spannen. Der entschlossene Zug zum Tor ist ihnen zu banal. Und so quälen sie uns bis zum Schlusspfiff. Kann so was nicht auch mal ins Auge gehen?  Es kann, es kann nicht, es kann …

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Zeugen zur Nachbarschaft (2)

© Fritz-Jochen Kopka

Suburban Berlin

Gespräche über große Entfernungen. Über die Straße oder zwei Gärten hinweg. Und wenn es um Geheimnisse geht: Man kann auch schreiend flüstern. Oder flüsternd schreien. Bloß nicht ein paar Schritte aufeinander zugehen.

Mir fällt auf, dass die kleine Frau mit dem kleinen Rad häufig mit Blumensträußen vor Gartentoren steht, klingelt, gratulieren möchte, Kaffee, Kuchen, Sekt und Kaffeeklatsch erwartend, aber niemand macht auf, niemand ist da. Bonjour Tristesse.

Seit der Schriftgelehrte das Bein nicht mehr hochbekommt, fährt er mit einem Damenfahrrad. Da der Sachverhalt ihm peinlich ist, behauptet er, er sei jetzt auf dem Weg zum Transsexuellen.

Schweigen im Garten oder Geschrei. Die Kleingärtner sind nämlich in der Regel schwerhörig. Wenn sie sich anschreien, bedeutet das nichts Schlimmes, gesetzt den Fall, dass Schwerhörigkeit nichts Schlimmes ist.

Neben uns lässt sich ein Paar der Vorstadt-Schickeria nieder, sie schlappe fünfzig, er gute dreißig, füllig, gleichzeitig Fitnessstudio trainiert, beide blondierte Modefrisuren, solariumgebräunt. Man kann ihnen von der äußeren Erscheinung ablesen, in welchen Branchen ihre Freunde oder Kumpane tätig sind. Während sie essen und trinken, steigern sie bei ebay. Auf seinem T-Shirt steht groß „Alkohol ist schlecht” und klein „abzulehnen”. Nach dem Essen polkt er in seinen Zähnen rum, meine Güte. Eine Blinde will über die Straße, findet sich wegen der Bausituation nicht zurecht. Ein alter Mann eilt ihr zu Hilfe und berät sie.

Zwei Greise fluchen über das Berliner Flughafendebakel. Der Termin! Dreimal verschoben!! Wenn wir so arbeiten würden!!! Keiner von beiden hat je ein Flugzeug von innen gesehen und wird auch nicht mehr fliegen. Aber das Flughafendesaster berührt sie offenbar unmittelbar.

Uneigentliches Sprechen

Es wohnt den deutschen Siegen auch etwas Schlimmes inne; das sind die Böllerschüsse (Freitag hat sich ein Fan beim Abfeuern auf seinem Balkon schwer verletzt), die Bodenlosigkeit der patriotischen Ansprüche und die Lobeshymnen auf Jogi Löw in umgekehrter Reihenfolge. Dieser Mut! Diese Risikobereitschaft! Gegen das Superteam der Griechen drei neue Spieler zu bringen! Hä? Jeder normale Mensch fragt sich, warum Löw Marco Reus nicht vom ersten Spiel an gebracht hat, das ist doch der Punkt. Das Offensivspiel wurde mit ihm sofort frischer, unberechenbarer, ideenreicher. Reus war überall und nirgends, und auch da, wo das Nirgends war, war er plötzlich und unerwartet präsent. Warum ist es also Mut, wenn man eine längst fällige Entscheidung trifft? Ihn für Müller zu bringen, der seine Form nicht findet, Schürrle für Podolski und Klose für Gomez – das haben wir selbsternannten Experten doch schon lange gewollt.

Insgesamt wird die Euro kniffliger. Mehmet Scholl sprach vom asymmetrischen Spiel der Ukrainer, gegen das die Engländer kein Mittel fanden. Dann besaßen sie, die Ukrainer, auch noch die Frechheit, ein asymmetrisches Tor zu schießen, das der Schiedsrichter nicht anerkennen mochte. Liegt vielleicht auch an der Festlegung, dass der Ball in seinem vollen Umfang die Torlinie überschritten haben müsse. Phantasievolle Schiedsrichter können da immer noch glauben, dass vielleicht der Schatten des Balles des Schützen sich noch ein Millimeterchen auf die Torlinie gelegt haben könnte.

So. Dann kam und kommt die Sache mit der indirekten Redeweise. Man sagt etwas, meint aber hauptsächlich etwas anderes. Wie es der Hofberichterstatter Horeni von der FAZ beim Bundestrainer vermerkte. Horeni verfasst nicht nur Herrscherlob, er liest jetzt auch aus dem Kaffeesatz. Die Kaffeesatzleserei begann so: „Joachim Löw kann auch giftig werden”. Es sei nämlich so gewesen, dass Löw festgestellt habe, den Holländern sei im Spiel gegen Deutschland schon nach einer Stunde die Puste ausgegangen. Und dass es den Dänen gleichgültig gewesen sei, ob sie oder die Deutschen das Spiel gewännen. Nun seien, sagt Horeni, Seitenhiebe gegen die Verlierer eigentlich nicht Löws Sache, und was der Bundestrainer eigentlich verkünden wollte. Nämlich: Es ging Löw darum, eine Botschaft an das eigene Team zu verkünden. Nicht die Holländer waren platt, nicht die Dänen waren uninteressiert, das deutsche Team hätte vielmehr seine Chancen besser nutzen müssen und sich nicht noch unnötig in Gefahr bringen dürfen. Wer solche Interpreten hat, braucht seine Worte nicht mehr zu wägen. Davon abgesehen, dass man eine Ermahnung an die eigene Mannschaft auch direkt übermitteln kann. Dank Horeni wissen wir nun, dass Löws Sache das uneigentliche Sprechen ist.

Im uneigentlichen Sprechen  übte sich auch der ARD-Kommentator Tom Bartels im Spiel Spanien gegen Frankreich. Ganz gegen seine Gewohnheit machte das spanische Team ein frühes 1:0, hatte das Spiel im Griff, ohne aber den Willen zu zeigen, weiterhin entschlossen in den Strafraum vorzustoßen. Bartels wandte alle ihm zur Verfügung stehenden Mittel auf, um  zu zeigen, dass die Franzosen nahe dran waren, die Spanier zu besiegen. Die Bilder gaben das keineswegs her, aber dann begriff ich, dass  auch Bartels sich der Methode des uneigentlichen Sprechens bediente. Seine Botschaft richtete sich ebenfalls an die deutsche Mannschaft und lautete, habt Mut, Jungs, diese Spanier sind nicht unbesiegbar, kochen nur mit Wasser, sie waren gegen Kroatien am Rand einer Niederlage, sind es nun gegen die Franzosen ebenso, holt uns den Titel nach Deutschland, ihr habt’s drauf.

Aber das können und wollen wir doch lieber selber sehen. Nicht die Sportberichterstatter holen den Titel, nur die Mannschaft kann es tun und vor allem, natürlich: der Bundestrainer.

So gleichen sich Alptraum und Wirklichkeit

Am Hackeschen Markt stieg ich aus. Vom hinteren Aufgang kam eine junge, sportliche Frau angerannt. Der Tag war regnerisch. Die Bahn klingelte ab, aber die Frau wollte noch rein. Sie erwischte den Griff der letzten Tür und wollte rein springen, aber dann rutschte sie aus und fiel auf den Rücken. Der Hand ließ irgendwie die Tür nicht los. Die Tür schloss, der Arm war bis zum Ellenbogen im Wagen, die Frau lag draußen. Und erst jetzt sah sie, was los war. Todesangst breitete sich aus. Wir winkten wie verrückt in Richtung Fahrer, aber die Bahn fuhr an. Die Todesangst eskalierte noch mal, wir brüllten und fuchtelten mit dem Armen, die Frau wurde ein Stück mitgeschleift, sechs Leute versuchte von beiden Seiten mit Leibeskräften die Tür aufzuziehen. Da hielt die Bahn an. Die Frau war wieder frei. Sie wurde aufgerichtet. Was noch hinzukam: Sie war schwanger. So etwas möchte man nicht einmal im Alptraum sehen. Ermutigend war nur die Solidarität der Leute, die zufällig an diesem Ort standen. Keine Fotografen, keine Voyeure dabei. Vier Menschen umringten die Frau. Kein Gejammer, keine Vorhaltungen. Eine Frau sah der Verunglückten in die Augen und sagte: Atmen Sie ganz tief, ganz ruhig ein.

Wenn es irgend geht, können wir uns selbst helfen. Zuvor helfen wir uns, indem wir nicht auf fahrende Bahnen aufspringen. Niemals. Eines der Gesetze der Großstadt. Wenn wir die Zeit nicht haben, haben wir gar nichts.

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Ich möchte vorstellen …

© Fritz-jochen Kopka

Die Szene ist immer und überall

Im Kino war nichts, und da wir Einladungen hatten, die wir allerdings gar nicht vorzuzeigen brauchten, gingen wir zur Ausstellungseröffnung in den MGB. In wat? In den MGB, Martin-Gropius-Bau, Mensch! Aber ihren Martin-Gropius-Bau nennen die Berliner doch liebevoll den Gropi! Ist natürlich Quatsch, könnte aber sein.

Die Berliner Szene war schon da. In elegantem Schwarz, wie sie fand. Es ging um die Fotos von Diane Arbus, eine französisch-amerikanisch-deutsch-schweizerisch-niederländische Unternehmung. Wir rätselten zunächst über eine Formulierung in der Einladung: Ingeborg Berggreen-Merkel, Der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien. Müsste es nicht Die Beauftragte heißen? Vielleicht ein Transsexueller?, mutmaßte ich, bis wir darauf kamen: Das Amt heißt so, Der Beauftragte für Kultur und Medien, und dabei handelt es sich zunächst mal um den Kulturminister im Range eines Staatssekretärs, derzeit Neumann, aber verhindert, und dann natürlich um den ganzen Laden mit all seinen Mitarbeitern, zum Beispiel auch Frau Berggreen-Merkel. Wahrscheinlich hatte, um sich ein Ansehen zu geben, der Erstamtsinhaber, der wackere Michael Naumann, auf eine solche irreführende Bezeichnung bestanden.

Im Vorfeld der Ansprachen spulte die Berliner Szene hier und da im großen Raume kleine Szenen ab, unmittelbar neben uns etwa „Älterer Herr stellt bedeutender Persönlichkeit seine junge Freundin vor”. Das ging so. Der Mann streckte seinen Arm aus und winkte durch grazile, gleichwohl ungeduldige Bewegungen aus dem Handgelenk heraus: Josephina? Kommst du mal? Josephina, kommst du mal bitte, kommst du mal? Josephina, ich möchte dir den amerikanischen Botschafter vorstellen.

Wow. Ein glorreicher Moment, dem Leere folgte. Wem wollte er imponieren? Der jungen Frau mit dem amerikanischen Botschafter? Dem amerikanischen Botschafter mit der jungen Frau? Oder seiner eigenen Wenigkeit, dass er die Fäden zwischen beiden so schön knüpfen konnte? Jedenfalls sah er danach wie ein Foto von Diane Arbus aus. Man sah, dass Männer nicht wissen, was sie mit ihren Händen tun sollen, wenn sie warten. Da ist es immer gut, wenn ein nackter Frauenarm in der Nähe ist, den sie ergreifen können, eine Schulter, eine Hüfte gar.

Es gab vier kurze, freundliche, intelligente Reden. Und bei der vierten, der von Jeff Rosenheim, dem Kurator des Metropolitan Museum of Art, der hier, wie es schien, von Dustin Hoffman dargestellt wurde (nein, Quatsch), hatte die selbstgefällige Berliner Szene schon eine derartig kompakte Geräuschkulisse errichtet, dass der grandiose Redner viel Leidenschaft und Witz benötigte, um durchzukommen und bei Laune zu bleiben. Das machte Rosenheim-Hoffman großartig. Dann die Bilder von Diane Arbus. Menschen in verhängnisvollem Licht. Stolze Menschen, eitle Menschen, beschädigte Menschen. Maskierte, Gaukler, Nutten und Nudisten. Susan Sontag sprach von Voyeurismus. Ich weiß nicht. Sicher nicht. Schicksale sehen dich an, tapfer, mit Gleichmut, Humor und auch Ignoranz ertragene. Professioneller kann man sagen: Frontalaufnahmen von  Freaks und Randfiguren (Daniel Schreiber). Wenngleich sich herausstellte, dass der Rand öfter die Mitte der Gesellschaft war. Ab und an ein Prominenter. Norman Mailer in seiner Wohnung, dünnhäutig wie ich ihn noch nie sah. James Brown mit Lockenwicklern. Zu viel für einen Abend. Man kann ja wiederkommen in den MGB. In den Gropi, ja.

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