Archiv

Archive for Juli 2012

Ein Pfund Demut

Die Fechter haben uns die erste Medaille beschert, nein, nicht die Fechter, sondern die Fechterin Britta Heidemann. Silber, nachdem sie in Peking schon Gold holte. Im Medaillenspiegel rückt Deutschland damit auf den 21. Platz vor, gemeinsam mit Kuba, Mexiko, Polen, Taiwan und Thailand.

Leider ist Fechten ein Sport, in dem es etwas unübersichtlich zugeht. Man bekommt die Klasse der Sportler nicht richtig mit. Man kann auch die gesetzten Treffer (meistens allerdings Doppeltreffer) kaum nachvollziehen. Da gibt es viel zu erläutern, was der zuständige ZDF-Reporter König unermüdlich, wiederholungsreich und nachgerade liebevoll tut. Viele Leute interessiert es trotzdem nicht, zum Beispiel meine Schwester.

Aber gestern wurde ja auch viel Turnen gezeigt, sage ich, der ich noch weiß, dass sie ja mal Turnerin war. Hach, ruft meine Schwester aus, da kann ich gar nicht mehr hinschauen!

Wohl wahr. Was die Jungs und Mädels an den Geräten zeigen – das kann alles nicht gesund sein, wenn es nicht schon in Richtung Selbstverstümmelung geht. Ich habe das meine gesamte zwölfjährige Schulzeit über gehasst. Es wurde geturnt, geturnt und nochmals geturnt. Als gäbe es keinen anderen Sport. Und wenn das Wetter allzu gut wurde raus zum Kugelstoßen und Schlagballweitwurf. Es war schon nicht mehr schön.

Britta Heidemanns Silbermedaille – die Sportjournalisten haben sich das ganz anders vorgestellt, und die Sender haben Millionen für die Übertragungsrechte ausgegeben. Zuversicht, Optimismus und Herablassung, was die Berichterstatter am besten können, müssen sie nun stecken lassen. Die einen üben sich in Demut („Unsere deutschen Kämpfer sind bereits ausgeschieden. Es war auch keine Medaille zu erwarten.”), was ihnen gar nicht schlecht steht, die anderen kriegen die blasse Wut. Ein gewisser Anno Hecker, der in der FAZ zu jenen gehört, die uns den Sport seit langem madig machen wollen, hat den neuen Hauptfeind entdeckt. China. „Die siegen wie auf Knopfdruck, sofort im Schießen, im Gewichtheben, im Schwimmen, beim Wasserspringen, zu Lande, zu Wasser und in der Luft … Auch im dritten Jahrtausend dient Olympia als Spielfeld für die Selbstdarstellung  der Welt-Herrscher.” Wie schön, dass er sich wenigstens das Wort von der gelben Gefahr verkneift. Dafür erledigt er aber gleich noch die Leiche des Hauptfeinds von vorgestern mit: „Chinas Sportsystem ist die XXL-Version der DDR.” Erstaunlich, wie lange manche Sachen doch nachwirken. Dass sich die Wunden einfach nicht schließen!

Andere Enttäuschte begeben sich auf Nebenschauplätze. Nein, nicht zu den Randsportarten, da holen wir auch nichts. Das ZDF schaltet Antje Buschschulte mit ihrem Mann Helge Meeuw kurz, der immerhin 6. über 100 m Rücken wurde, medial  gestützte Partnerbeziehungen, was kann schöner sein. Oder man berichtet über begnadete Körper und was auf ihnen geschrieben steht, Tattoos also. Die FAZ hat mit Evi Simeoni eigens eine Frauenbeauftragte abgestellt, für die die Olympischen Spiele vornehmlich ein Siegeszug der Frauenheit sind. Man kann aus jeder Misere etwas machen.

Kategorien:Presseschau Schlagwörter: , ,

Das feine Gefühl der Leistungssportler

„Die Schwimmer und die Schützen / Die kriegen auf die Mützen.”

Die Spiele hatten noch gar nicht begonnen, da hatte ich schon die Nase voll wegen des endlosen, gutgelaunten, patriotischen Vorabgequatsches des ZDF-Teams. Warum bringen die da einfach keine anständige Sendung zustande! Warum sind sie immer so glücklich? Zur Eröffnung zeigten die Engländer der Welt, was very british ist. James Bond, die Phantasiegestalten der Kinderliteratur, Rock und Pop, Sir Simon Rattle, Mr. Bean und natürlich die Queen. Der ZDF-Reporter stieg minutenlang aus, um dann einen Faden wieder aufzunehmen, den er nie in der Hand gehabt hatte.

Am Sonnabend führten die Schwimmer den entmündigten Sportler vor. Unisono sagten sie nach ihren unerwarteten Niederlagen: Da müssen wir jetzt erst den Trainer fragen. Das macht schon einen seltsamen Eindruck. Die Trainer hatten die 4-x-100-Meter-Freistilstaffel der Damen so eingestellt: „Britta Steffen sollte 90 bis 95 Prozent schwimmen, Silke Lippok und Lisa Vitting voll, und Daniela Schreiber dann einen taktischen Endspurt hinlegen.” (Wir taktieren uns in Abgrund hinein.) Wie macht man das als Sportler eigentlich: 90 bis 95 Prozent geben? Wie erfühlt man das? Kann es da nicht passieren, dass man nur 89 Prozent gibt und die Sache damit schief geht?

*

Vom großen Sport zum kleinen Sport: Vier gelbe Karten und eine gelbrote für Hansa Rostock in Unterhaching, keine einzige für die Heimmannschaft. Da muss ich gar nichts gesehen haben, da weiß ich doch als armes Hansa-Rostock-Schwein, was dort gelaufen ist.

Berlin Alexanderplatz

© Fritz-Jochen Kopka

Weltzeituhr, Tram, kreuzende Wege – Ich muss noch hin, wo du schon warst

Warum ist der Alexanderplatz in Berlin berühmt? Wegen des Romans von Alfred Döblin; keine Frage. Und warum ist der Roman „Berlin Alexanderplatz” von Alfred Döblin berühmt? Wegen des Alexanderplatzes in Berlin-Mitte, ist auch klar. Es handelt sich um einen frühen Fall von Synergie.

Normalerweise ist auf dem Alexanderplatz nicht viel los. Man kann sich aber in den zweiten oder dritten Stock des Saturn-Marktes stellen und beobachten, wie die Leute den Platz kreuzen aus vier verschiedenen Richtungen, und wird dabei feststellen, dass die einen dahin gehen, wo die anderen herkommen. Absurd, könnte man sagen, oder eines der normalen Großstadtphänomene. Das, was die einen noch vor sich haben, haben die anderen bereits hinter sich. Da, wo die einen arbeiten, wohnen die anderen. Die Sinnlosigkeit ergibt letztlich einen Sinn. „Der Norden ergießt sich nach Süden”, schrieb Döblin, „der Süden nach Norden … Das Gesicht der Ostwanderer ist in nichts unterschieden von dem der West-, Süd- und Nordwanderer … ”

Eine Fläche von der Größe des Alexanderplatzes ist nicht leicht zu bespielen. Seit einiger Zeit fährt wieder die Straßenbahn über den Platz, sie fährt sehr langsam, fast im Schritttempo, damit niemand zu Schaden kommt, denn es ist so, dass der Berliner nicht in der Lage ist zu realisieren, dass die Tram wieder da ist, er ist mit sich selbst beschäftigt oder eben mit denen, die aus der Richtung kommen, in die er selber will, er findet auch, dass der Platz ihm gehört und nicht irgendwelchen Verkehrsmitteln, es sei denn, er will sie selbst nutzen. „Sie lesen Zeitungen verschiedener Richtungen”, schreibt Döblin über die Fahrgäste, „bewahren vermittels ihres Ohrlabyrinths das Gleichgewicht, nehmen Sauerstoff auf, dösen sich an, haben Schmerzen, haben keine Schmerzen, denken, denken nicht, sind glücklich, sind unglücklich, sind weder glücklich noch unglücklich.” Wo die einen herkommen müssen die anderen noch hin, es war schon immer so.

Hier steht das Kaufhaus, früher Tietz, dann Centrum, heute Kaufhof, hier steht das Berolina-Haus, ein Verwaltungsgebäude. Die DDR baute das Hotel „Stadt Berlin” mit seinen 36 Stockwerken und installierte die Zille-Stuben, ein volkstümliches Lokal nicht ohne Anspruch und mit Berliner Folklore auf der Speisekarte. Die gibt’s heute nicht mehr, die Zille-Stuben. Die DDR oder auch Ost-Berlin baute das Haus des Lehrers mit der Bauchbinde, heute ein Bürohaus, und den als Nuttenbrosche geschmähten Womacka-Brunnen, heute beliebte Hängematte von Punkern, Abgestürzten und Touristen. Die DDR baute auch die Weltzeituhr, ein Rendezvous aller erdenklichen Zeitzonen. Blaskapellen spielten hier, es konnte sein, dass ein vorübergehender Lebenskünstler sie plötzlich ungefragt zu dirigieren begann und zu ungeahntem Tempo trieb. Ein Gärtner legte jedes Jahr große Kakteenbeete an. Einmal sah ich, wie ein Polizist einen nicht mehr ganz jungen Mann verfolgte, der heiter davontrabte. Immer, wenn der Polizist zupacken wollte, legte der Mann einen Zahn zu (sowohl läuferisch als auch lächlerisch) und die Staatsmacht griff ins Leere. Das war wohl nicht das schlechteste Symbol für das alles.

Ich sehe gerade, dass auf dem Alexanderplatz doch mehr los war und ist, als ich dachte und berichte demnächst weiter…

Der elektrifizierte Kleingärtner

© Fritz-Jochen Kopka

Der Rasenkantentrimmer/belebt die Landschaft immer

Mit der Einheit Deutschlands kam noch einmal neuer Schwung in die Gartensache, an der ich fast schon das Interesse verloren hatte. Aber nun stand mir – einerseits und andererseits, wenn ich mich so ausdrücken darf – viel mehr Zeit zur Verfügung. Einerseits gab es meinen Arbeitgeber nicht mehr, so dass ich mir die Arbeit selbst geben konnte und musste; ich war Arbeitgeber und Arbeitnehmer zugleich, Begriffe übrigens, die mir zunächst fremd waren, an die ich mich aber schnell gewöhnen konnte. Wie auch an meine Doppelrolle als Arbeitgeber und Arbeitnehmer, die der Doppelbelastung berufstätiger Frauen zu DDR-Zeiten, ich würde mal sagen, gleich kam. Ich war (und bin) als Arbeitgeber nicht allzu streng (will aber Resultate sehen) und als  Arbeitnehmer ziemlich fleißig. Wenn ich als Arbeitgeber doch mal Anlass habe zu meckern, antworte ich als Arbeitnehmer (im Stillen), dass ich woanders mit meiner Arbeitskraft mehr verdienen könnte. So komme ich mit mir ganz gut aus, und der Garten kann sich sehen lassen.

Nun zum Andererseits, dem eigentlichen Grund meiner Wortmeldung. Das sind die vielen phantastischen Gartenhelfer, ich meine die moderne Technik, die du in jedem Gartenmarkt nicht billig, aber durchaus erschwinglich, erwerben kannst. Ich will nicht aufschneiden, aber ich möchte sagen: Ich habe alles. Den Rasenmäher, den Rasenkantenschneider, die Heckenschere, die Kettensäge, den Häcksler, mehrererlei Pumpen bis hin zu dem Gebläse, mit dem du das Unkraut zwischen den Steinen ausbrennen kannst. Das alles stelle ich als Arbeitgeber mir, dem Arbeitnehmer, zur Verfügung. Da kommt Leben, und ich möchte sagen, fast auch industrielle Anmutung in den Garten und in den Kiez! Was macht schon ein Spatenstich, ein Sensenhieb, ein Komposthaufen her! Nichts doch. Aber wenn ich nun das Unkraut wegbrenne! Toll, es klingt, als würde ein Flugzeug starten. Der Häcksler bei dickeren Zweigen – das rappelt im Karton, und die Leute staunen. Mein Lieblingsgerät aber ist der Rasenkantenschneider oder auch -trimmer. Der macht äußerlich nicht viel her und der Preis war kaum der Rede wert. Aber was der für einen Radau veranstaltet – phantastisch. Man könnte das, vielleicht sogar sauberer und schneller, auch mit einer mechanischen Rasenschere bewerkstelligen, aber wer bekäme etwas davon mit? Und mit dem munteren Trimmer: Die Leute werden blass, und ich spüre, dass ich mitten im Leben stehe und mich nachgerade zu einer technischen Avantgarde zählen kann. Ich hätte liebend gern noch mehr Rasenkanten in meinem Garten.

Also, wenn Sie schon selbst darauf kommen: Intellektuell bin ich nach wie vor ambitioniert, das darf ich sagen. Bei mir beginnt die Gartenarbeit erst, wenn ich die Bildzeitung studiert habe. Ich bin immer auf dem letzten Stand, alles, was wichtig ist, ist mir bekannt. Möchte allerdings dem Springer Verlag vorschlagen, ein Blatt zu entwickeln, das man nicht nur lesend zu Kenntnis nimmt, sondern eines, das man auch hört, eine Zeitung, die rattert, quiekt, brüllt und faucht. Die Zeit meines Zeitungsstudiums ist mir einfach zu still.

 

Kategorien:Deutsche Grammatik Schlagwörter:

Ein Sieg hilft in jeder Lebenslage

Die größte Anstrengung des Wochenendes war das Spiel Hansa Rostock gegen Stuttgarter Kickers, also es anzuschauen. Der Fußball ist zurück, zunächst in der dritten Liga, und für uns arme Hansa-Rostock-Schweine ist diese Region nun der Platz der stärksten Anspannung. Wie sagte ein Fan sehr richtig: Leidenschaft kennt keine Liga. So ist es. Sie zeigten das Spiel komplett im NDR. Das bedeutete Qualen über 90 Minuten plus zwei Minuten Nachspielzeit. Bei Hansa funktioniert noch nichts. Sechs neue Spieler in der Startelf. Die Entdeckung der letzte Saison, Edi Jordanov, spielt die Pässe grundsätzlich in die Beine des Gegners. Ein Elfmeter wird natürlich nicht verwandelt (Lartey), das wissen wir schon vorher und werden bestätigt. Der rothaarige Belgier Leemans zeigt wenigstens ein Kämpferherz, wenn er sich auch unglücklich bewegt. Hoffnung machen der Freistoß von Denis Berger und schließlich der eingewechselte Holländer Johan Plat, der gleich mal seine Kopfballgefährlichkeit zeigt und dann auch prompt per Kopf einnetzt. Katastrophal das Debüt des neuen Stürmers Smetana. 1,99 m groß, kommt er an keinen Ball, nur an eine gelbe Karte. Der Schiedsrichter will originell sein. Pfeift immer gegen den Augenschein. Auch der Elfmeter für Hansa ist frei erfunden. Immerhin, schlecht gespielt, aber 2:1 gewonnen. Im vergangenen Jahr ging es gleich in einem pasablen ersten Spiel mit dem Unglück los. Dieses Mal haben wir Glück im Miserablen. Dem alten und neuen Mannschaftskapitän Sebastian Pelzer verdanken wir den Spruch: Ein Sieg hilft in jeder Lebenslage weiter.

Auch in der miesesten.

*

Die ganze Lauferei passt meinem Bauch überhaupt nicht. Aber darauf kann ich jetzt keine Rücksicht nehmen.

*

O Brother, where art thou, wieder ein Film der Coen-Brüder. Wir legten die DVD ein, obwohl wir glaubten, den Film schon gesehen zu haben, was nicht stimmte. Ein Musik-, ein Landschafts- und ein Antike-Film, denn er hangelt sich ein wenig an der Odyssee entlang, die Sirenen sind eindeutig auszumachen, auch der Riese Polyphemos und schließlich Penelope, die hier allerdings nur einen Freier hat. Musik: Down to the River to Pray, mit Alison Krauss in einer traumhaften Sequenz und I’m a Man of Constant Sorrow, eingesungen von den drei entflohenen Knastbrüdern mit George Clooney an der Spitze, die die Handlung tragen. Wer von den Coens etwas Großartiges erwartet, liegt nicht falsch.

*

Nachtrag zu „Bella Australia”. Wie heißt die Schauspielerin da, fragt Andrea.

Ich weiß, wen du meinst, aber ich komm jetzt auch nicht auf den Namen.

Die spielt so ostig, sagt Andrea teils gequält, teils amüsiert.

Ostig, falls das Wort überhaupt existiert, heißt in diesem Kontext demütig, altmodisch und prinzipienfest. Wenn man das weiß, und wenn man außerdem weiß, wie das ausschaut und wirkt, kann man immerhin versuchen, diese Mixtur zu vermeiden.

Giuseppe Tomasi, Fürst von Lampedusa

© Fritz-Jochen Kopka

Der Fürst von Lampedusa quer in meinem Regal

Als der Roman „Der Leopard” (Il Gattopardo) 1958 erschien, war sein Autor, Giuseppe Tomasi di Lampedusa, schon gestorben – heute, am 23. Juli vor 55 Jahren. Noch eine Niederlage in der Biographie des sizilianischen Fürsten: Zu seinen Lebzeiten war er völlig im Unklaren, ob sein Buch erscheinen könne, einige Verlage hatten das Manuskript abgelehnt, von zu zahlenden Druckkostenzuschüssen war in Verhandlungen die Rede, was Tomasi als Demütigung empfand. Der Roman hatte enormen Erfolg bis hin zu Viscontis makelloser Verfilmung mit Burt Lancaster (hat man ihn je besser gesehen?), Claudia Cardinale und Alain Delon.

Erst mit sechzig Jahren hatte Tomasi den Roman vom Niedergang des sizilianischen Adels zu schreiben begonnen, ein Niedergang, der unvermeidlich, aber auch schmerzlich war.  Giorgio Bassani, der die Drucklegung des Romans durchsetzte, beschreibt die erste Begegnung mit dem Fürsten von Lampedusa:

„Er war ein großer, korpulenter und schweigsamer Herr; bleich und von jener grauen Blässe im Gesicht, wie sie bei Südländern mit dunklem Teint vorkommt. Mit seinem akkurat zugeknöpften Mantel, seiner bis in die Augen heruntergezogenen Hutkrempe und dem Knotenstock, auf den er sich beim Gehen schwergewichtig stützte, hätte man ihn auf den ersten Blick für einen General im Ruhestand halten können… Als ich ihm vorgestellt wurde, beschränkte er sich auf eine kurze, wortlose Verneigung.”

Auf einem Dichtertreffen wurde Tomasi gefragt, ob er auch Autor sei. Nein, sagte er. Aber was sind Sie von Beruf? Fürst, sagt Tomasi. Was machen Sie, um zu leben? Ich bin Fürst, wiederholte Tomasi.

Tomasis Protagonist, Don Fabrizio Corbèra, Fürst von Salina, weiß, was die Stunde geschlagen hat, versucht aber die Traditionen seines Stands zu retten. Vergeblich. Und auch die Tochter des Fürsten, Concetta, verliert die Liebe Tancredis, des Neffen Don Fabrizios, an Angelica, die Tochter eines bürgerlichen Emporkömmlings.

„Concetta spürte spürte tierhaft den Strom von Verlangen, der von dem Cousin zu der hinlief, die sich hier eingedrängt hatte; die kleine Falte zwischen Stirn und Nase wurde schärfer: sie begehrte ebenso danach, zu sterben, wie sie danach begehrte, zu töten.”

So schrieb Giuseppe Tomasi, Fürst von Lampedusa. Die Jahre 1954 bis 1957, vermerkt sein Übersetzer Giò Waeckerlin Induni „sind die einzige produktive Zeit im Leben des Autors; sein literarischer Ehrgeiz überwindet seine angeborene Trägheit”.

Tomasis Bücher, neben dem „Gattopardo” Erzählungen, Essays und Reisebriefe aus dem Nachlass, erscheinen in Deutschland bei Piper, auch bei Wagenbach, in der DDR kamen sie bei Aufbau heraus. Das Restaurant bei uns an der Ecke heißt „Il Gattopardo”. Einer der Kellner, ich sage nichts Falsches, wenn ich behaupte, dass er mit der eisernen Würde eines Fürsten agiert. Etwas bleibt immer, wie engültig ein Niedergang auch war.

Bella Bella

Und nun zu „Bella Vita” und „Bella Australia” , einerseits zwei ZDF-Filme mit Andrea Sawatzki, andererseits die einsamen Rufer in der Wüste der öffentlich-rechtlichen Fernsehspiele mit all ihrer Zickigkeit, Zimperlichkeit und Albernheit, wobei es ja immer um Trennungen, vermeintliche Trennungen, Karrieren, Reisen ins Ungewisse oder aber um Trunksucht und andere schwer heilbare Krankheiten geht.

Anscheinend wirkt eine so erotische wie komische und unausrechenbare Schauspielerin wie Andrea Sawatzki auf Drehbuchautoren und Regisseure enorm inspirierend, so dass hier aus der nie ganz vollzogenen Trennungsgeschichte leichte, geistreiche, amüsante Filme wurden, in denen wir uns und unsere Mitstreiter im wahren Leben wiedererkennen. Wie gut, wenn die Prämissen richtig gesetzt sind. Die Sawatzki und ihr Mann, der Manager mit den markanten Falten. Die Sawatzki und ihre strenge pubertierende Tochter. Die Sawatzki und ihre irrationale Abenteuerlust. Die Sawatzki und ihre Schwester/Freundinnen und deren schwierige Männer. Die Sawatzki und der charmante Polizist, dessen Ehe auch krachen gegangen ist. Keine Beziehung ist leicht, keine Beziehung ist seicht, überall lauern selbstgestellte Fallen. Es zeigt sich, dass der untreue ältere Ehemann dramaturgisch ungleich produktiver ist als der gehörnte Ehemann. Dieser scheinbar so kluge und dezent gockelhafte Typ, der die Schwärmerei einer jungen Kollegin für wahre Liebe hält, aber sich von seiner Frau, der Sawatzki eben, auch nicht wirklich lösen kann. Warum eigentlich nicht? Bei etlichen Gelegenheiten stellt sich heraus, dass die vergangene gemeinsame Zeit nicht nur eine Last ist, sondern auch ein Schatz. Sie haben so viele einzigartige Erinnerungen, so viele unvergleichliche Geschichten, über die sie gemeinsam lachen können. Liebe ist nur ein Wort, ja, aber Liebe ist auch eine gemeinsame Geschichte, etwas schier Unzerreißbares. Auch die anderen Paare in diesen Filmen sind unverzichtbar mit den komischen Verhaltensweisen, die sie im Laufe ihre Beziehung ausgeprägt haben, seltsam, skurril, respektabel. Am Ende ist es vielleicht das gemeinsame Bekenntnis der Autorin  Melanie Brügel, der Regisseurin Vivian Naefe und der gut gelaunten Schauspieler, das gemeinsame Bekenntnis zur Ambivalenz, das diese Filme in der trivialen Fernsehlandschaft zu einem Wunder werden ließ. Was warf einst die Beziehungsexpertin Erica Jong in den Raum? „Auch nach dem unvergleichlichen Rhythmus der Ambivalenz lässt sich’s wunderbar tanzen.”

Merken wir uns das.