Archive

Archive for Juni 2017

An der Peripherie der Peripherie

Einsam zwischen den Bildern
© Fritz-Jochen Kopka

Wie hieß das Deutsch-Russische Museum in Berlin-Karlshorst zu DDR-Zeiten? Auf einer Schautafel steht: „Museum der bedingungslosen Kapitulation des faschistischen Deutschland im Großen Vaterländischen Krieg 1941 – 1945”. Oder noch kürzer: Sowjetisches Kapitulationsmuseum. Meine Erinnerung zweifelt. Ich meine, der erste Name würde ja schon mal darauf hindeuten, dass man im Bemühen um political correctness (die es damals nicht gab) normale Interessenten eher abstieß. Und der Kurzname ließ den verhängnisvollen Schluss zu, dass es nicht Deutschland, sondern die Sowjetunion war, die kapitulierte. Heute jedenfalls: „Deutsch-Russisches Museum”. Und es liegt mehr denn je an der Peripherie der Peripherie. Ortsunkundige werden Schwierigkeiten haben, es zu finden. An diesem Abend soll die Ausstellung „Kinder und Krieg” eröffnet werden. Einige Botschafter und Museumsleiter werden sprechen, und im Anschluss gibt es einen kleinen Empfang. Die Ausstellung ist eine Produktion des Zentralmuseums des Großen Vaterländischen Krieges in Moskau, was nicht heißt, dass die Karlshorster Museumsleute es leicht gehabt hätten mit der Einrichtung der Ausstellung für das deutsche Publikum.

Der Panzer vorm Fenster. Sa Rodinu – Für die Heimat

Das Museum hat militärische Tradition. Hier befand sich das Offizierscasino der Pionierschule 1 der Wehrmacht. Am 8. Mai 1945 wurde die Kapitulationsurkunde der Wehrmacht unterschrieben. Danach agierte hier der Chef der Sowjetischen Militäradministration. Karlshorst bekam den Beinamen Klein-Moskau. Etwas Düsteres ist dem Haus durchaus zu eigen. Vielleicht sind die Fenster für die Räume zu klein. Vielleicht nehmen die Bäume zu viel Licht weg. Vielleicht ist es die Düsternis des Geschichtskapitels, die den Eindruck der Lichtlosigkeit verstärkt.

Ingel Glesel: Ich bin ja erst achtzig

Die Ausstellung hat ihre Vernissage, und zu Beginn kann der Museumsdirektor Jörg Morré verkünden, dass wir unter uns sein werden. Weder die Botschafter der Russischen Föderation, der Ukraine und Weißrussland noch Viktor N. Skrjabin vom Zentralmuseum aus Moskau sind erschienen; warum auch immer. Dafür sind einige Überlebende des Kinderheims von Iwanowo, nord-östlich von Moskau gelegen, gekommen. In diesem, 1933 von der Internationalen Roten Hilfe gegründeten Heim lebten nach der faschistischen Machtergreifung die Kinder von Revolutionären und Antifaschisten, deren Eltern in ihren Ländern verfolgt oder getötet wurden. Inge Glesel war in diesem Interdom genannten Heim von 1945 bis 1945 und begrüßte alte Gefährtinnen und Gefährten, eine war trotz ihres hohen Alters gar aus Hamburg gekommen. Ich selbst bin ja erst 80, sagte Frau Glesel und gab einen konkreten Bericht vom Leben in diesem Kinderheim, in dem man nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion einen Überlebenskampf führte, auch als Kind. Die Versorgung brach zusammen, die Kinder hungerten. In den Wintern waren die Räume nicht warm zu kriegen. Die Kinder betrieben Landwirtschaft (als Technik gab es nicht mehr als den Spaten) und bekamen die Erlaubnis, in einem Waldstück Bäume zu fällen. In diesen schweren Jahren entstand ein Zusammenhalt, der für ein ganzes Leben reicht. Ich hoffe, ich habe mich verständlich ausgedrückt, sagte Frau Glesel. Daran war kein Zweifel. Anschaulicher kann ein Erlebnisbericht kaum sein.

Jörg Morré erzählte genau, beherrscht, mit historischer Umsicht die Geschichte des deutschen Krieges gegen die Sowjetunion, der als Vernichtungskrieg geplant und als Vernichtungskrieg auch geführt wurde. Die Toten, die Erniedrigten, die Ausgehungerten. Man meint, alles darüber zu wissen, aber in der Erzählung Morrés leuchteten für mich viele unbeachtete Aspekte auf. Er erzählte mit der kultivierten Resignation eines Mannes, der ein Haus leitet, das in mehrfacher Hinsicht an die Peripherie gerückt ist. In Russland zieht man es vor, den Sieg zu feiern, als der Kapitulation des Gegners zu gedenken, und die deutsche Politik erinnert sich an dieses Kapitel der Geschichte äußerst ungern, zumal man aktuell mit den Russen überkreuz ist und meint, allein die richtigen Werte zu bedienen.

Anschließend wurde die Ausstellung zur Besichtigung freigegeben. Kinder im Krieg, Kinder, die mit dem Hunger kämpfen, Kinder im Konzentrationslager, Kinder, die sich militärisch ausbilden, Kinder, die sich an die Front melden, Kinder, die zu den Partisanen gehen. Kinder als Helden?, hatte Morré in seiner Erzählung gefragt. Das ist nicht unbedingt unsere Sicht der Dinge. Aber kann es falsch sein, wenn die russischen Partner es so sehen?

Bedrückende Bilder. Ausbildung in der Suworow-Militärschule in Kursk

Der kleine Empfang: ein paar Flaschen Bier, ein paar Flaschen Wein, ein paar Flaschen Wasser. Gedämpfte Worte, nachdenkliche Stimmung.

Die philosophische Ambition

Wat sitzt Ihr denn da oben rum in diesem Irish Pub, wenn Ihr ja doch nüscht trinken könnt als Puppen? – Na ja.

Da ist es wieder: Sie können heute sachlich über Ihre Forschung diskutieren? – Na ja, ganz so ist es nicht.

Ich meine das „na ja”. In diesem Fall sagt es ein Niederländer, der Soziologieprofessor Ruud Koopmans. Ich höre dieses na ja in meinem deutschen Umfeld ständig. Und es wird nicht als Floskel, als Füllwort verwendet, sondern vielsagend, mit etlichen schwebenden Bedeutungen. Meinen Sie, dass Donald Trump sein erstes Amtsjahr übersteht? – Na ja.

Ist der Klimawechsel in Wirklichkeit nur eine Erfindung grüner Aktivisten? – Na ja.

Hat Martin Schulz doch noch eine Chance, Kanzler zu werden oder wenigstens Außenminister in einer großen Koalition? – Na ja.

Oder privater:

Findest du das richtig, dass diese Frau ihren Mann verlässt, nur weil er trinkt? – Na ja.

Dieses na ja ist das kürzeste philosophische Programm, das man sich denken kann. Und es ist irgendwie unanfechtbar. Du solltest eine bedeutsame Miene aufsetzen, wenn du na ja sagst. Und du solltest das na mit einem kleinen Fragezeichen versehen und das ja sehr lang ziehen. Wird der Flughafen Berlin-Brandenburg jemals fertig werden? – Na (?) jaaa …

Dann wird jeder denken: Dieser Mensch versteht etwas von der Materie.

Ich erinnere mich. Im Berliner Schriftstellerverband stellte Stephan Hermlin sein „Deutsches Lesebuch”, eine Auswahl exemplarischer deutscher Texte (Von Luther bis Liebknecht), das natürlich an Hugo von Hofmannsthals Deutsches Lesebuch (Von Lessing bis Rudolf Hildebrand) anknüpfte. Hermlin sprach über Leistungen und Defizite der Deutschen. Sie haben keine herausragenden Romane geschrieben und waren nicht die größten Maler. Aber in der Musik und in der Philosophie waren sie fast ohne Konkurrenz. Sowas merkt man sich. Und ich finde: Dieses unentwegt gebrauchte „Na ja” deutet auf die philosophische Ambition und Begabung der Deutschen hin.

Internet und Herrschaftswissen

Das Herrschaftswissen löst sich in seine Einzelbestandteile auf
© Klaus

Mit der Ausbreitung des Internet begann der Niedergang des Begriffs Herrschaftswissen und all dessen, wofür er steht, und das ist auch gut so. Das Internet ist die reine Demokratie mit allem Für und Wider. Es fällt einem nicht in den Schoß, das Internet, man wird nicht hineingezwungen, aber wenn man es hat, kann man überall dabeisein. Und kann das, was wir Herrschaftswissen nennen, aufstöbern. Und schon ist Herrschaftswissen kein Herrschaftswissen mehr. Okay. Ich weiß nicht alles, aber ich könnte alles wissen, wenn ich nur wollte und meine Zeit mir nicht zu schade wäre. Nie waren die Statements der Politiker so durchsichtig, wie jetzt in den Zeiten des Internet. Nie war die Geheimnistuerei der Manager so lächerlich. Aber so hoch will ich gar nicht greifen. Der Handwerker ist nur noch eingeschränkt König. Den Boiler, den er mir für 700 € in Rechnung stellen würde, kaufe ich im Netz für 500. Die Info, wie ich den Rollladenantrieb meiner Jalousie programmieren kann – er enthält sie mir vor, weil er sich wichtig tun und mit jeder Kleinigkeit Kohle machen will – ich hole mir die Anleitung im Netz. Und dann mache ich das selbst. Leckt mich doch alle am Arsch. Das eigene Herrschaftswissen, das man sich über Jahre und Jahrzehnte angeeignet hat und mit dem man hier und da auf die uns eigene bescheidene Art aufgetrumpft hat, ist allerdings auch von seinem Glanz befreit. Das halten wir aus.

Sauberste Stadt

Es wird jetzt hier sehr sauber werden demnächst …
© Kopka

Ich muss in die Stadt. Und wenn ich in die Stadt muss, dann will ich auch in die Stadt. So denken, fühlen und handeln Fatalisten. Von der neuen Fußgängerbrücke am S-Bahnhof herab sehe ich eine Schar von BSR-Mitarbeitern (oder Straßenbauern?), eine geballte Ladung Sauberkeit. Das wäre doch ein Slogan der Post-Wowereit-Ära: Berlin muss sauberste Stadt werden! Um jeden Preis. Mit aller Macht. Mit der Hundescheiße ist es ja schon viel besser geworden. Die Hundehalter haben ihre Tütchen dabei und sammeln alles auf, und auch die Hunde reißen sich zusammen, bis sie endlich in der freien Natur sind. Man kann einem Hund ja so unendlich viel beibringen. Wenn man kann. Bis der Hund schließlich fast ein Mensch ist. Aber macht das Sinn? Und auch die Sache mit der saubersten Stadt: Die Helden von der BSR säubern ja nicht nur die Stadt, sie erfüllen sie ja auch mit infernalischem Lärm mit ihrer Technik, die aus Horrorfilmen entliehen sein könnte. Was sie allein mit ihren verdammten Trennscheiben anrichten. Sagenhaft. Wir möchten lieber allein sauber machen. Wir können es nämlich auch leise, wir einfachen Berliner!

Draußen im Sommer

Kein Husten, kein Handy, kein Wind

Im Sommer telefonieren die Leute in ihren Gärten. Sind Sie sicher, dass die ganze Straße hören möchte, was Sie da ins Handy sprechen? Nein, sind sie nicht. Ist ihnen aber egal. Ich denke, also bin ich. Das war mal. Ich quatsche ins Handy, also bin ich. Wer nicht ins Handy quatscht, wer keine Spur in der Cloud hinterlässt, kann nicht sicher sein, dass er existiert.

Andere, etwa ich, lesen im Sommer die Zeitung im Garten. Zeitung lesen im Wind – da sind Könner gefragt. Man kann das nicht auf Anhieb. Es entstehen sagenhafte Verknuddelungen (ich verwende gern mal ein Wort, das nicht im Duden steht). Neben dem Wind stört mich der Husten aus den Nachbargärten. Auch da sind Könner am Werk. Es gibt welche, die gleichzeitig husten und lachen. Es gibt andere, die gleichzeitig husten und sprechen. Ich bin unschlüssig, wem die Krone gebührt. Hör mal, wie schön ich husten kann. Niemand hat die Absicht, ernsthaft etwas gegen seinen chronischen Husten zu unternehmen. Denn einfach nur lachen und einfach nur sprechen kann jeder. Aber gleichzeitig dazu zu husten – das gibt’s sonst nur im Zirkus. Oder früher bei Wetten dass.

Kategorien:Deutsche Grammatik Schlagwörter: , , , ,

Rauhe Schale

Auf den Mann am Grill kommt es an
© Christian Brachwitz

So fröhlich waren wir 1982. Oder anders: Es kam keine Volksfeststimmung auf. Vielleicht, weil das, was da langsam am Spieß geröstet wurde, aussah, als wäre es ein Saurier gewesen, und Saurier waren beliebt. Vielleicht kam auch keine Volksfeststimmung auf, weil die Leute in der Schlange das Gefühl hatten, das Fleisch werde entweder nie gar oder es würde nichts mehr da sein, wenn sie an der Reihe wären. Wir müssen aber darüber reden, dass wir uns in Gesichtern (und auch in Körpern) täuschen können. Der Mann, der das Wildschwein oder den Ochsen grillt – er würde sich vielleicht selbst nicht mögen, wenn er sich so im Spiegel sähe. („Ich ist ein anderer.”) Er ist ins Schwitzen gekommen, so nah am Feuer. Vielleicht tropft sein Schweiß auch aufs Fleisch, den essen wir dann mit. Es ist keine leichte Sache, ein so großes Stück Fleisch zu braten. Das Äußere könnte leicht verkohlen und das Innere noch roh sein. Da brauchst du einen Profi am Grill. („Ich mach das, so lange ich denken kann.”) Der Mann spielt vielleicht auch Fußball in der Dorfmannschaft. Er weiß, dass er langsam ist. Er kann seinen Gegenspielern nicht folgen, er muss sie anders bespielen. Er rempelt sie beiseite, er haut ihnen in die Knochen. Er schätzt es nicht, ausgelacht zu werden, wenn die jungen Burschen ihn austanzen. Man legt sich eine gewisse Brutalität zu, aber eben nur beim Fußball oder wenn ein Fotograf vorbei geht. Brachwitz meint, er hatte Angst, dass der Metzger ihn mit auf den Spieß legt. Der sah so verständnislos aus für alles, was außerhalb seines Jobs war. Aber da sage ich wieder, dass wir uns in Gesichtern und wie erst in Gesichtsausdrücken täuschen. Auch in unseren eigenen Gesichtern täuscht man sich. Mich wundert, dass ich für fröhlich gehalten werde, aber ich bin gar nicht fröhlich. Mich wundert, dass ich für zynisch gehalten werde, aber ich bin gar nicht zynisch. Was bin ich denn überhaupt? Mein Gesicht führt in die Irre.