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Posts Tagged ‘Alexanderplatz’

Sind die Deutschen zu dick?

Ostern kann sehr kalt sein
© Fritz-Jochen Kopka

Sind die Deutschen wirklich zu dick, denke ich auf dem S-Bahnsteig. Oder neigt man hierzulande eher zur Magersucht. Die Antwort ist nicht so leicht zu geben, auch sie liegt im Auge der Medien, je nachdem, was im Moment mehr Aufmerksamkeit verspricht. Wir alle schauen zu, wie ein Migrant mit seinem minimalen Hündchen spielt (ich glaube, diese superkleinen Hunde sind zur Zeit Mode). Der Mann ist von einer wohligen Fülle, aber unglaublich beweglich. Das Hündchen schnappt nach seinen Füßen, und er entzieht sie ihm, indem er behende herumtanzt und hüpft. Als die S-Bahn einfährt, will das Hündchen auch mit dieser spielen, und der Mann macht einen gewaltigen Sprung, um das Tier vor der Bahn zu retten, die ja nicht so weghüpfen kann wie er. Ich achte darauf, dass ich in einen anderen Wagen einsteige als der Mann, aber am Ostbahnhof, wo wir umsteigen müssen, sind wir wieder vereint. Der Wagen ist krachend voll. Der Mann hat einen Freund getroffen und das Hündchen in seiner Jacke geborgen. Während des Gesprächs streichelt er es unentwegt mit großer Zärtlichkeit. Ein paar Selfies sind auch noch drin.

Es ist ein voller Tag, die Stadt platzt in ihrer Mitte aus den Nähten. Die Leute weichen ungern aus, sie versuchen viel mehr, durch dich hindurchzugehen. Ob das wohl geht. Nee, geht nicht, aber das weiß man doch schon vorher.

Auf dem Alexanderplatz ist das nächste Volksfest installiert. Die gleichen, leicht abgewandelten Bestandteile wie zu allen Festen eben. Aus der Weihnachtspyramide ist eine Osterpyramide geworden. An den Ständen wird ordentlich ausgeschenkt, gebacken und gebraten. Wenn man mich jetzt fragte, ob die Deutschen zu dick oder zu dünn sind, würde ich sagen: zu dick, eindeutig. Wir sind zu dick und immer noch dabei, Sachen zu verschlingen, die eindeutig als Dickmacher gelten.

 

Stadttag mit Swatch

Es muss ein Stück von Alexa sein – Berlin Alexanderplatz
© Fritz-Jochen Kopka

Ich erledige alles, was ich mir vorgenommen habe. Batterien für TAN-Gerät, Farbpatrone, „Paterson”, Hülle für iPod und dann auf der anderen Seite des Alexanderplatzes Batteriewechsel für die Swatch. Da muss ich in den Alexa-Klotz. Wie sagte der damalige Regierende Bürgermeister (er hieß Wowereit) einst, als er das Gebäude das erste Mal sah? Wie kommt denn sowas Hässliches hierher. Oder so ähnlich. Als hätte er nichts damit zu tun gehabt, was in seiner Stadt gebaut wird. Die Hässlichkeit liegt im Auge des Betrachters. Und in diesem Fall auch in der Beziehungslosigkeit des Klotzes. Das Alexa kommuniziert äußerlich mit nichts vom umstehenden Architektur-Ensemble. Er liegt eher eine Fernbeziehung mit dem Orient vor . Vielleicht sind da noch Relikte eines Kulturkampfes zwischen Ost- und Westberlin. Der regierenden Westler möchten diesen berühmten und wichtigen Platz in der Mitte der Stadt so hässlich wie nur möglich haben. Damit ihnen nicht der Osten das Wasser abgräbt. Was sicherlich unterbewusst funktioniert, diese Verhässlichung des Platzes. Irgendwann hat man sich an dieses Alexa gewöhnt, dass man es nicht mehr wahrnimmt. Ich habe da schon allerhand gekauft. Laufschuhe im Runner’s Pount, Mantel, Joppe, Jeans bei H & M, Bücher bei Thalia, DVD im Media Markt und Brille: Fielmann.

Wo findet man jetzt den Swatch-Shop in diesem Koloss? Auf einer digitalen Tafel. Ich dachte schon, ich müsste verzweifeln, aber dann geht’s doch. Erdgeschoss, 011. Der Laden sieht sehr bunt aus. Das liegt an den vielen, mal poppigen, mal seriösen Uhren, aber auch am Verkäufer. Blanker Charakterkopf, T-Shirt, die verwirrende Kunst-Welt der Tattoos auf der Haut. Er wechselt die Batterie, stellt das Datum ein, reinigt die Uhr und sagt: so, in Ordnung. Was? In Ordnung. Es fließt kein Geld. Womit hab ich das verdient, sage ich. Er murmelt was von Kundenservice, und ich kann nicht aufhören, mich zu wundern mich.

Die U-Bahn fährt nicht. Hatte ich vergessen. Zu Fuß zum Haus Berlin. Im International spielen sie Das schweigende Klassenzimmer. Die berühmteste Schweigeminute der Welt. Ohne mich. Verheugen sitzt über seinem Bier. Er bezahlt für den Batteriewechsel seiner Uhr neun Euro, hat auch ’ne Schweizer Uhr, aber eben keine Swatch. Seine berühmten schwarzen Kassen sind ziemlich leer. Viel Geld hat er gelassen in der Apotheke, für ein Kabel nach der Umstellung des Fernsehempfangs und ein Hardcover: Stories von Flannery O’Connor.

Der Wirt tritt aus der Tiefe des Raumes und sagt mit kritischem Blick auf unsere Staropramen-Biere: Habt Ihr das bestellt? Ich lass es noch mal durchgehen. Das ist seine spezielle Variante von Humor. Wir antworten, indem wir jedes Mal fragen: Dürfen wir noch zwei Bier bestellen? Und er zeigt sich großzügig.

Wat mir ufffällt

Man kann sagen: Volkskunst
© Fritz-Jochen Kopka

Auf dem Bahnsteig die Plakatwand, man kann jetzt auch Billboard sagen (angeregt durch den Film, der gerade läuft) – da hat jemand mit unübersehbarer Sorgfalt auf der weißen Fläche gearbeitet, gezeichnet, geschrieben, SEX MIT DEM SOZIALARBEITER, das fällt noch am meisten auf, die Sonne macht meinen Kopf zum Teil des Plakats.

Auf dem Alexanderplatz fragt ein, ich sag mal, Dreizehnjähriger, bei dem der Stimmenbruch noch nicht stattgefunden hat, den Fish ’n Chips-Verkäufer aufgeregt, ob er sich setzen dürfe, ohne was zu kaufen, er hat noch eine halbe Stunde Aufenthalt: Ist das in Ordnung? Der Verkäufer begreift erst mal nicht, dann willigt er ein, aber nichts verzehren, was er anderswo gekauft hat, bittet er sich aus. Was für ein wohlerzogener Junge, denke ich, so was kommt selten vor in diesen Tagen, kein Wunder, dass der Knabe nicht aus Berlin ist, und nun holt er auch noch ein Paperback (wenn es auch ein Thriller ist) aus dem Rucksack und liest. Um die Jugend ist mir nicht bange, aber um die Trinker, die sich wieder in der Ecke vor dem Bahnhof eingenistet haben mit vollen, halbvollen und leeren Flaschen und viel Abfall.

Mir fällt jetzt auch die Polizeiwache auf dem Alexanderplatz uff, in den Medien ist viel die Rede von ihr gewesen, sie soll nämlich dafür sorgen, dass es endlich ein Ende hat mit der Gewalt auf dem Alexanderplatz. Ein Polizist steht neben dem Bürocontainer und antwortet auf die nichtgestellten Fragen eines unbesorgten Bürgers. Drinnen sitzen die Bürokraten und genießen ihre geruhsame Tätigkeit. Uff fällt mir auch, dass der Alexanderplatz an diesem sonnigen Wintertag an den Rändern belebt ist, die beliebten Primarktüten werden gehalten, in der Mitte aber viel Leere zu bieten hat.

Fremde Friseure

Ich gehe bis zum Hackeschen Markt und weiter bis zur Joachimstraße, blicke durch Schaufensterscheibe einer fremden Friseursalons, dessen Coiffeure sich als Künstler zu verstehen scheinen und gehe in den meinen. Meinen Friseur seit zweieinhalb Jahrzehnten, meine Friseurin muss ich sagen.

Da fällt mir uff, dass sich der ehemalige Azubi Norman zum Kinder- und Jugendfriseur spezialisiert hat. Ja, sagt Deborah, die Kinder lieben ihn. Er hat auch immer was zu erzählen. Meistens fragt er sie, was sie zu Mittag gegessen haben, das haben sie schon wieder vergessen, und dann reden sie darüber, dass sie alle Stampfkartoffeln mögen.

Sie sprechen auf Augenhöhe, sage ich.

Ja, auf Augenhöhe.

In einer pinken Welt. Ausstellung von Stephen Prina: As He Remembered It

In der Karl-Marx-Allee fallen mir in einer Galerie eine Menge pinkfarbener Möbel und am Straßenrand lauter Kleinbusse uff. Was kann das sein? Hier wird wieder ein Film gedreht. Ja, bestätigt die Kellnerin, aber der Drehstab kommt nicht zu uns rein, sie trinken kein Bier, essen keine Bulette, gehen nicht auf die Toilette. Sie haben das alles selbst. Je mehr Busse, desto teurer der Film, sagt Verheugen.

Er hatte heute den Handwerker im Haus. Ihm fiel uff, dass der pünktlich um halb neun kam, hingebungsvoll arbeitete, die Entlüftungsanlage vom jahrzehntealten Dreck befreite und nicht mal ein Trinkgeld annehmen wollte. Ein junger Mann noch. Ich hätte gar keine Albträume zu haben brauchen, sagt Verheugen.

Gemeinschaftlich fällt uns uff, dass es ziemlich dekadent ist, wenn sich die Gesellschaft mit hochrotem Kopf über ein schönes, aber auch harmloses Gedicht streitet. Und dass Frauen wiederholt mit halbvollen Gläsern vor die Tür des Restaurants gehen und ihre Lullen durchziehen. Halbvolle Gläser. Halbvolle Gläser und halbvolle Frauen. Halbvolle Frauen. Halbvolle Frauen und halblange Lullen. Halbvolle Gläser. Halbvolle Gläser und halbvolle Frauen. Gläser und Frauen und Lullen. Und zwei Bewunderer.

Lucky Morf

Master of lightness
© Fritz-Jochen Kopka

Den Tag vor dem Sturm ging Lenz übern Alexanderplatz. Das Oktoberfest dauerte an. Was heißt Fest: eine Ansammlung von Buden, die Möglichkeit für Berliner und Touris, das Bier aus Humpen zu trinken. Der Wind gab schon eine Vorahnung von dem, was einen Tag später folgen sollte. Die Bratwurstverkäufer mussten ihre Würste, Brötchen und Scheine festhalten. An der Weltzeituhr blieb Lenz stehen. Da spielte einer, der Morf heißt oder sich so nennt. Weltreisender mit Gitarre. Er hatte das Instrument nicht vor der Brust, sondern auf den Oberschenkeln. Er zupfte, griff und trommelte mit den Fingern und Handballen auf dem Korpus. Unter anderem bot er eine ziemlich schnelle, unsentimentale Version von Cohens Hallelujah. Er sang mit einer hell strahlenden Stimme. Man konnte glauben, da spiele eine Band, nicht ein Single Performer. Morf trug einer dieser namenlosen Mützen aus den fünfziger Jahren, die glücklicher Weise schnell wieder aus der Mode gekommen sind, aber für einen Hans im Glück okay sind, er verkaufte seine CD, er hatte gute Laune und sah aus wie einer, dem alles leicht fällt. Keiner weiß, ob das stimmt. Auf Facebook hatte er gepostet:

Oh hey guys, it’s my birthday tomorrow!
Just wanted to thank you for your support this year, its definitely been a great one so far. People of Berlin I’ll get doing a birthday show tomorrow afternoon at the world clock, then probably having some drinks in the evening. You’re All welcome to join me. Big love

Er hatte also Geburtstag an diesem Tag vor dem Sturm. Die Leute legen ihm reichlich Geld in den Gitarrenkasten. Sie haben ein Feeling für echte Künstler. Mögest du gut durch die Stürme kommen, Morf.

Der Schlaf des Gerechten (9)

„Es soll aber kein Tod sein, sondern ein hundertjähriger tiefer Schlaf.”
© Kopka

Auf dem Alexanderplatz fand eines der vielen ununterscheidbaren Feste mit den immer gleichen Buden und den hoffnungslosen Angeboten statt, von denen das eine oder andere dann doch nachgefragt wird und seinen Mann ernährt. Nur die Touristen können daran noch Gefallen finden, alle anderen zeigen ihr Desinteresse und die Händler verbergen ihre Depression. Am Osteingang des Bahnhofs lagen zwei Männer, die der stickige Augusttag (und nicht nur der) an den Rand ihre Kräfte gebracht hatte. Zwei Helden am Ende der Schlacht, die sicher nicht gewonnen wurde. Immerhin war man mit dem Leben davongekommen. Oder wenn man so will: Die gute weise Frau hatte den Todesfluch der bösen weisen Frau in einen tiefen hundertjährigen Schlaf verwandelt. Wie Königssöhne erschienen zwei Ordnungshüter, die sich anschickten, die beiden Dornröschen wachzuküssen. Zunächst rüttelten sie an den Schultern, dann entwanden sie dem einen Schläfer eine noch zu drei Vierteln volle Schnapsflasche. Als auch darauf keine Reaktion erfolgte, wussten sie wohl, dass sie die rechten Königssöhne nicht waren oder dass die hundert Jahre Tiefschlaf noch nicht an ihr Ende gekommen sein konnten. In der Mitte zwischen den zwei Dornröschen stand ein Plastikbehälter, in den man Geld hätte hinein werfen können. Vielleicht hätte es die zwei Dornröschen munter gemacht, wenn da ein paar Scheine hineingefallen wären, doch dazu kam es nicht. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann schlafen sie noch heute.

Stadt-Tag II

Ein wichtiger wunder Punkt der Stadt

Immer noch Friedrichstraße: das Dussmann-Kulturkaufhaus. Wenn ich schon mal in Stadtmitte bin, dann gehe ich da auch rein. Sie haben umgebaut. Ich finde meine Lieblingsabteilung mit den Insel-, Manesse- und Wagenbach-Salto-Büchern nicht mehr. Im English-Book-Shop hat sich eine mittelblonde Frau festgelesen. Ab und zu bricht sie in ein kurzes Gelächter und dann wieder in ein heftiges Schnaufen aus, man kann das kaum auseinanderhalten. Frauen halten hier auch gerne gemeinsam mit ihren Hunden nach Büchern Ausschau. Mir fällt ein besonders manierlich angezogenes, kleines, langgestrecktes Exemplar auf, aber ehe ich fragen kann: Darf ich mal Ihren Hund fotografieren?, sind die beiden Leseratten zwischen den Regalen verschwunden. Das Reich der DVDs wird immer unermesslicher; vor dieser Überfülle resigniere ich, die Filme, Dokus und Serien schlagen sich gegenseitig tot.

Medien & Lampen im Dussmann-Haus

Früher standen die Schachbücher beim Sport, frage ich einen der kundigen Mitarbeiter, wo finde ich sie jetzt? Unter Philosophie? Nein, sagt der Mann, schauen Sie bitte bei Spiele. Das ist ja genau das andere Extrem, sage ich. Ich hege immer noch die Hoffnung, dass ich mal ein Schachbuch finde, dass mir irgendwie auf die Sprünge hilft und mich nicht mit Philidor-Verteidigungen, Ponziani-Eröffnungen und Bogoljubow-Systemen plagt.

Der Schriftzug BAHNHOF FRIEDRICHSTRASSE, die gläserne Überdachung der Bahnsteige und die Straßenüberführung des Gleises – das ist der letzte authentische Anblick an diesem Ort. Und jetzt kommt mir ein Mann entgegen, er ist nicht mehr so bekannt wie noch vor Jahren, ich würde gerne sagen: Sind Sie nicht der Küppersbusch, und er würde sich freuen, aber ich lasse es lieber.

Eine junge Frau scheint sich bei einem Treppensturz das Bein gebrochen zu haben. Sie sitzt auf einer Bank. Neben ihr hockt der Sanitäter von der Feuerwehr. Er hat eine Schiene und einen Notverband angelegt; nun misst er ihre Werte. Dabei redet er so ungezwungen, dass sie schon wieder lächeln kann. Ein Kollege kommt mit einem Rollstuhl, sie helfen der Frau hinein, ab geht’s in die Klinik. Hätte schlimmer kommen können.

Eigentlich habe ich jetzt schon wieder genug von der Mitte der Stadt, steige aber noch mal am Alexanderplatz aus, wo ich vornehmlich auf Primark-Kunden und Straßenmusiker treffe. Eingangs der Karl-Marx-Allee haben sie den dem Abriss preisgegebenen Wohnblock mit STOP WARS veredelt.

Letzte Message des alten Wohnblocks

Ich klingele drei Mal lang bei Verheugen, ehe sich da was regt. Der Herr ist gerade dabei, sein Mittagsmahl zuzubereiten. Ich dachte, wir könnten ’ne Haxe essen gehen, sage ich und sehe, wie sein Gesicht einen verstörten Ausdruck annimmt, wie soll er denn jetzt den Kochvorgang stoppen, hätte ich nicht zehn Minuten vorher klingeln können? Wer weiß, was dann gewesen wäre. Und wäre ich zehn Minuten später gekommen, dann hättest du dir schon die Wampe vollgeschlagen.

Wampe vollgeschlagen! So spricht man nicht übers Essen. Keine Lebensart.

Wenn das Wasser im Rhein goldner Wein wär und der Inhalt der Rohre frisches Bier
© Kopka

Verheugen ringt um Konzentration, stellt die Kochplatten ab, legt die Hauskleidung ab und die Ausgangskleidung an. Noch immer versucht er, sich auf die veränderte Lage einzustellen, aber dann sitzen wir im Münchner Hofbräu, ordern die resche Haxe und die Maß Bier, die wirklich sehr erfrischend ist. Die Haxe ist so resch, dass man selbst mit dem gezackten Spezialmesser Schwierigkeiten hat, sie zu zerschneiden. Es ist Essen, es ist auch Arbeit, und man sieht, dass man durchaus an seine Grenzen stößt. Man ist schon lange satt, aber da ist immer noch Fleisch am Knochen; daran werden wir nicht scheitern. Um diese Zeit ist noch nicht viel los im Hofbräu am Alexanderplatz, aber die Musi beginnt langsam zu spielen, die weiß-blau gedirndelte Kellnerin gibt sich immer ausgelassener, und wir rätseln, was durch die dicken Rohre fließen mag, die sich durch die Restauration ziehen. Ich sage: Bier. Verheugen stößt seinen Obstler um und tupft die Flüssigkeit mit Servietten weg. Früher hättest du dich nicht gescheut, das aufzuschlürfen. – Du hast ja’n Knall.

Vom Platz zum Markt

Rosenthaler Straße 39. Auf der Suche nach Geschichte, Gegenwart und wie wir morgen leben © Fritz-Jochen Kopka

Rosenthaler Straße 39. Auf der Suche nach Geschichte, Gegenwart und danach, wie wir morgen leben
© Fritz-Jochen Kopka

An einem Donnerstag in Berlin (2)

Genug Zeit, um am Alex auszusteigen. Und jetzt war auch der Hunger da. Ich kaufte Fish ’n Chips. Die Fritten sind okay, der Fisch ist dick paniert und schmeckt künstlich. Vor dem Bahnhof hat sich eine kleine Community etabliert. Der Gründer ist wohl ein Lahmer mit Rollstuhl, der sich dort eingerichtet hat und schwerlich des Platzes verwiesen werden kann. Er ist im Tee und meistens schläfrig. Zu ihm gesellen sich andere abgestürzte Typen, sie trinken und lassen alles fallen, was sie nicht mehr gebrauchen können. Ein Schnellzeichner bietet sich an, indem er Karikaturen von Filmstars ausstellt, aber wer möchte schon für seine eigene Karikatur Modell sitzen und bezahlen. Ein kleiner dünner Mann, dem die Beine nur unwillig gehorchen, geht quer über den Platz. Auf den Schienen der Tram bleibt er stehen und winkt in eine ungewisse Ferne. Wer könnte da stehen? Er sieht aus wie ein Spatz und kann nicht aufhören zu winken. Da ist immer noch niemand zu sehen. Der Sperling hat keinen, der ihm winkt. Vor dem Kaufhof hat sich wieder so eine Märchengestalt aufgebaut und versucht, die Vorübergehenden mit den Tönen eines Zwitscherinstruments zum Stehenbleiben zu animieren. Vergeblich. Ein Paar tritt aus dem Bahnhof heraus. Die Frau sieht gut aus, der Mann, mit dünnen blonden Haaren, bemüht sich, ihr zu Ehren den Bauch einzuziehen. Ich habe keine Lust zu laufen und nehme die Bahn für eine Haltestelle. Ein fülliger Schwarzer betritt die Bahn, sieht die vollbesetzten Bänke, geht in den nächsten Wagen. „Der Neger ist zu faul zum Stehen.” Ich nehme mal an, dass das ein Zitat ist. Alte Bücher auf dem Hackeschen Markt and food of many countries of the world. Muji, das japanische Kaufhaus, renoviert. Ich gehe in die Hackeschen Höfe und stelle fest, dass mich meine Erinnerung nicht trügt. Die Kunstbuchhandlung gibt es nicht mehr und ebensowenig das Restaurant gegenüber, auch nicht die Galerie im Trafohäuschen. Café Cinema, „das älteste Café am Hackeschen Markt”. Im langen Torweg zum Kino und zum Haus Schwarzenberg stoßen wie immer  Touristengruppen aufeinander, betrachten die Streetart an den Mauern und lauschen ziemlich ergriffen den englischen oder spanischen Worten der Guides, die von Anne Frank und der Blindenwerkstatt Weidt erzählen und das ziemlich gut machen.