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Posts Tagged ‘Alexanderplatz’

Stadt-Tag II

Ein wichtiger wunder Punkt der Stadt

Immer noch Friedrichstraße: das Dussmann-Kulturkaufhaus. Wenn ich schon mal in Stadtmitte bin, dann gehe ich da auch rein. Sie haben umgebaut. Ich finde meine Lieblingsabteilung mit den Insel-, Manesse- und Wagenbach-Salto-Büchern nicht mehr. Im English-Book-Shop hat sich eine mittelblonde Frau festgelesen. Ab und zu bricht sie in ein kurzes Gelächter und dann wieder in ein heftiges Schnaufen aus, man kann das kaum auseinanderhalten. Frauen halten hier auch gerne gemeinsam mit ihren Hunden nach Büchern Ausschau. Mir fällt ein besonders manierlich angezogenes, kleines, langgestrecktes Exemplar auf, aber ehe ich fragen kann: Darf ich mal Ihren Hund fotografieren?, sind die beiden Leseratten zwischen den Regalen verschwunden. Das Reich der DVDs wird immer unermesslicher; vor dieser Überfülle resigniere ich, die Filme, Dokus und Serien schlagen sich gegenseitig tot.

Medien & Lampen im Dussmann-Haus

Früher standen die Schachbücher beim Sport, frage ich einen der kundigen Mitarbeiter, wo finde ich sie jetzt? Unter Philosophie? Nein, sagt der Mann, schauen Sie bitte bei Spiele. Das ist ja genau das andere Extrem, sage ich. Ich hege immer noch die Hoffnung, dass ich mal ein Schachbuch finde, dass mir irgendwie auf die Sprünge hilft und mich nicht mit Philidor-Verteidigungen, Ponziani-Eröffnungen und Bogoljubow-Systemen plagt.

Der Schriftzug BAHNHOF FRIEDRICHSTRASSE, die gläserne Überdachung der Bahnsteige und die Straßenüberführung des Gleises – das ist der letzte authentische Anblick an diesem Ort. Und jetzt kommt mir ein Mann entgegen, er ist nicht mehr so bekannt wie noch vor Jahren, ich würde gerne sagen: Sind Sie nicht der Küppersbusch, und er würde sich freuen, aber ich lasse es lieber.

Eine junge Frau scheint sich bei einem Treppensturz das Bein gebrochen zu haben. Sie sitzt auf einer Bank. Neben ihr hockt der Sanitäter von der Feuerwehr. Er hat eine Schiene und einen Notverband angelegt; nun misst er ihre Werte. Dabei redet er so ungezwungen, dass sie schon wieder lächeln kann. Ein Kollege kommt mit einem Rollstuhl, sie helfen der Frau hinein, ab geht’s in die Klinik. Hätte schlimmer kommen können.

Eigentlich habe ich jetzt schon wieder genug von der Mitte der Stadt, steige aber noch mal am Alexanderplatz aus, wo ich vornehmlich auf Primark-Kunden und Straßenmusiker treffe. Eingangs der Karl-Marx-Allee haben sie den dem Abriss preisgegebenen Wohnblock mit STOP WARS veredelt.

Letzte Message des alten Wohnblocks

Ich klingele drei Mal lang bei Verheugen, ehe sich da was regt. Der Herr ist gerade dabei, sein Mittagsmahl zuzubereiten. Ich dachte, wir könnten ’ne Haxe essen gehen, sage ich und sehe, wie sein Gesicht einen verstörten Ausdruck annimmt, wie soll er denn jetzt den Kochvorgang stoppen, hätte ich nicht zehn Minuten vorher klingeln können? Wer weiß, was dann gewesen wäre. Und wäre ich zehn Minuten später gekommen, dann hättest du dir schon die Wampe vollgeschlagen.

Wampe vollgeschlagen! So spricht man nicht übers Essen. Keine Lebensart.

Wenn das Wasser im Rhein goldner Wein wär und der Inhalt der Rohre frisches Bier
© Kopka

Verheugen ringt um Konzentration, stellt die Kochplatten ab, legt die Hauskleidung ab und die Ausgangskleidung an. Noch immer versucht er, sich auf die veränderte Lage einzustellen, aber dann sitzen wir im Münchner Hofbräu, ordern die resche Haxe und die Maß Bier, die wirklich sehr erfrischend ist. Die Haxe ist so resch, dass man selbst mit dem gezackten Spezialmesser Schwierigkeiten hat, sie zu zerschneiden. Es ist Essen, es ist auch Arbeit, und man sieht, dass man durchaus an seine Grenzen stößt. Man ist schon lange satt, aber da ist immer noch Fleisch am Knochen; daran werden wir nicht scheitern. Um diese Zeit ist noch nicht viel los im Hofbräu am Alexanderplatz, aber die Musi beginnt langsam zu spielen, die weiß-blau gedirndelte Kellnerin gibt sich immer ausgelassener, und wir rätseln, was durch die dicken Rohre fließen mag, die sich durch die Restauration ziehen. Ich sage: Bier. Verheugen stößt seinen Obstler um und tupft die Flüssigkeit mit Servietten weg. Früher hättest du dich nicht gescheut, das aufzuschlürfen. – Du hast ja’n Knall.

Vom Platz zum Markt

Rosenthaler Straße 39. Auf der Suche nach Geschichte, Gegenwart und wie wir morgen leben © Fritz-Jochen Kopka

Rosenthaler Straße 39. Auf der Suche nach Geschichte, Gegenwart und danach, wie wir morgen leben
© Fritz-Jochen Kopka

An einem Donnerstag in Berlin (2)

Genug Zeit, um am Alex auszusteigen. Und jetzt war auch der Hunger da. Ich kaufte Fish ’n Chips. Die Fritten sind okay, der Fisch ist dick paniert und schmeckt künstlich. Vor dem Bahnhof hat sich eine kleine Community etabliert. Der Gründer ist wohl ein Lahmer mit Rollstuhl, der sich dort eingerichtet hat und schwerlich des Platzes verwiesen werden kann. Er ist im Tee und meistens schläfrig. Zu ihm gesellen sich andere abgestürzte Typen, sie trinken und lassen alles fallen, was sie nicht mehr gebrauchen können. Ein Schnellzeichner bietet sich an, indem er Karikaturen von Filmstars ausstellt, aber wer möchte schon für seine eigene Karikatur Modell sitzen und bezahlen. Ein kleiner dünner Mann, dem die Beine nur unwillig gehorchen, geht quer über den Platz. Auf den Schienen der Tram bleibt er stehen und winkt in eine ungewisse Ferne. Wer könnte da stehen? Er sieht aus wie ein Spatz und kann nicht aufhören zu winken. Da ist immer noch niemand zu sehen. Der Sperling hat keinen, der ihm winkt. Vor dem Kaufhof hat sich wieder so eine Märchengestalt aufgebaut und versucht, die Vorübergehenden mit den Tönen eines Zwitscherinstruments zum Stehenbleiben zu animieren. Vergeblich. Ein Paar tritt aus dem Bahnhof heraus. Die Frau sieht gut aus, der Mann, mit dünnen blonden Haaren, bemüht sich, ihr zu Ehren den Bauch einzuziehen. Ich habe keine Lust zu laufen und nehme die Bahn für eine Haltestelle. Ein fülliger Schwarzer betritt die Bahn, sieht die vollbesetzten Bänke, geht in den nächsten Wagen. „Der Neger ist zu faul zum Stehen.” Ich nehme mal an, dass das ein Zitat ist. Alte Bücher auf dem Hackeschen Markt and food of many countries of the world. Muji, das japanische Kaufhaus, renoviert. Ich gehe in die Hackeschen Höfe und stelle fest, dass mich meine Erinnerung nicht trügt. Die Kunstbuchhandlung gibt es nicht mehr und ebensowenig das Restaurant gegenüber, auch nicht die Galerie im Trafohäuschen. Café Cinema, „das älteste Café am Hackeschen Markt”. Im langen Torweg zum Kino und zum Haus Schwarzenberg stoßen wie immer  Touristengruppen aufeinander, betrachten die Streetart an den Mauern und lauschen ziemlich ergriffen den englischen oder spanischen Worten der Guides, die von Anne Frank und der Blindenwerkstatt Weidt erzählen und das ziemlich gut machen.

Berlin Alexanderplatz (16): Märzsensationen

Als der Fernsehturm errötete …

Vielleicht geschieht das ja jetzt jeden Abend ab Einbruch der Dunkelheit

Vielleicht geschieht das ja jetzt jeden Abend ab Einbruch der Dunkelheit. Wegen von Hagens’ plastinierter Leichen?

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Berlin Alexanderplatz (15): Plötzlich im März

Der ADAC rettet den Alexanderplatz.

… und alle helfen mit, die Bullen, die Voyeure und die Sanitäter

… und alle helfen mit, die Bullen, die Voyeure und die Sanitäter

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Berlin Alexanderplatz (11): Der Schläfer erwacht

Irgehdwo muss hier auch Renate Künast sein Fotos © Fritz-Jochen Kopka

Irgendwo muss hier auch Renate Künast sein
Fotos © Fritz-Jochen Kopka

Ich gehe über den Alexanderplatz. Der Platz ist voller Menschen, ich sehe keinen Grund, stelle mich neben den romahaften (ist es so korrekt?) Russenmützenverkäufer (und das? Ist das korrekt?) und mache ein Bild gegen die Sonne, das natürlich dramatisch aussieht. Why not. Wolken wie anschwellende Zuckerwatte über dem Saturn. Die Wege kreuzen sich, wie immer, von Ost nach West, von West nach Ost. Bratwürste werden gebrutzelt und auch mal verkauft, Handys traktiert. Warum ist es plötzlich wieder so heiß geworden. Und wie hält der Jugendfreund das mit Brille, Bart, Melone auf dem Kopf und schwarzem Wintermantel aus. Wer fromm sein will, muss leiden. Vier Fahrradfahrer, die Männer in Trikots der deutschen Fußballnationalmannschaft noch ohne den vierten Stern, staunen den Himmel an, obwohl der Wolkenkratzer von Frank Gehry noch reine Fiktion ist.

„Da ist es, wo man besser ruht als in dem Freunbett der Königin …” Villon/Zech

„Da ist es, wo man besser ruht als in dem Freudenbett der Königin …” Villon/Zech

Fielmann, Burger King, Zigarettenkippen, Kronkorken. Der Platz wird niemals sauber sein. Der Mensch und sein Rucksack. Die Umrandung des Womacka-Brunnens (oder Nuttenbrosche) ist gut besetzt, Touristen, wegmüde Wanderer, tatenlose Jugendliche. Besonders zieht mich ein Schläfer an in einer dicken großkarierten Jacke, er hat sich ausgestreckt, die halbleere Rotweinflasche neben sich, sein wertvollstes Gut. Als er kurzzeitig erwacht, scheint er Angst zu haben, dass er die Flasche im Schlaf umstoßen und zerbrechen könnte, also versucht er, sie von der Umrandung auf das Pflaster zu stellen, aber er kann den Abstand nicht einschätzen und so verharrt sein Arm eine Weile zwischen Himmel und Erde, bis er es schließlich doch schafft, die Flasche ohne Unfall zu Boden zu bringen. Anschließend kann er ohne Alpträume weiterschlafen. Zwei Meter weiter kriegt ein Baby eine ganz andere Flasche, hat aber keine Lust zu trinken.

Wolkenkratzer kommt noch

Wolkenkratzer kommt noch

Riesige Einkaufstüten. Mannometer. Die Taube sieht mit Missvergnügen, wie die Spatzen Imbissreste aufpicken (das sollte besser mir zukommen). Ein alter Herr im hellblauen Pulli hat Probleme mit seinem Smartphone, ja, er starrt da rauf wie das Schwein ins Uhrwerk. Der Grund für die Menschenansammlung ist offenbar. Die nicht mehr ganz neue Primarkfiliale. Sie ist da, wo früher der Saturn war. Jetzt wissen wir das. In ihrer Glasfassade spiegeln sich die umliegenden Gebäude, einschließlich Fernsehturm, auf morbide Weise. Boys und Girls sitzen abgeschlagen vom Einkauf und etwas enttäuscht auf den Stufen. Dagegen helfen Pommes mit Mayo. Vielleicht. Ein Mann und sein Hund bereiten sich darauf vor, mit Kunststücken Geld verdienen zu wollen. Vater, Mutter, Tochter aus dem Schwabenland lassen von einem erstaunlich hilfsbereiten Berliner Teenager mit Vollbart das Berlin-Alexanderplatz-Erinnerungsfoto schießen. „Wir können über Berlin eigentlich nichts Schlechtes sagen. Und auch nicht über Ostberlin. Auch auf dem Alexanderplatz sind wir nicht erschlagen worden.”

Zuckerwatte überm Saturn

Zuckerwatte überm Saturn

Ein elektrisch verstärkter Musiker beugt sich über die Münzen in seinem Gitarrenkoffer. Ich sehe, dass die Pflastermaler nach Vorlagen arbeiten. Ein ambitionierter Traditionalist hat den Hasen von Dürer und den armen Poeten von Spitzweg auf die Steine gebracht. Er sitzt in der Hocke vor seinem Werk. Die Passanten bleiben stehen, ja, diese Bilder kommen ihnen bekannt vor, und haben die Hand auf dem Portemonnaie. Bei Primark nehmen sie sie wieder runter. Man steigt aus dem Bus und haut sich erstmal ne Lulle in die Schnauze. Der Schläfer vom Womacka-Brunnen ist erwacht. Die Flasche in der Hand spaziert er durch den Bahnhof. Der Schlaf hat ihm gut getan.

 

Berlin Alexanderplatz (8): Der Wolkenkratzer kommt

Electrobeats from Berlin

Wo man drummt, da lass dich ruhig nieder/Meine Ohren sind da gar nicht bieder

Ich habe noch Fahrkarten im Mantel, nehme die S-Bahn, lese Bartschs Buch seiner Jugend irgendwo in Brandenburg, Sex, Schmöker und ein Kindermörder. Zwischen Alex und Friedrichstraße ist wegen eines Feuerwehreinsatzes kein S-Bahn-Verkehr. Deshalb irren die Touristen durch die Stadtschaft. Den Berliner kratzt das nicht mehr. Auf dem Alex trommeln ein farbiger Kubaner und ein weißer Chilene, beide mit Kopftuchzwang, sie haben zwei mächtige Schlagzeuge aufgebaut. Electrobeats from Berlin. Auf die kalten Steine davor hat sich ein Heimatloser gelegt, direkt neben dem Lärm, und versucht, mit Hilfe einer Flasche Eiskorn wieder nüchtern zu werden. Seine Haare sind schwarz, vielleicht sogar gefärbt. Hose und Jacke, beide blau, sind in einem ordentlichen Zustand, vielleicht gerade bei der Sozialhilfe ergattert. Turnschuhe der Marke Fila, das wird auch nichts mehr. Jemand rennt. Jemand mit schwerem Gepäck befragt sein Smartphone. Ein feiner Pinkel nagt mit Widerwillen an einer Thüringer Rostbratwurst. Ein alter Herr verschüttet seinen Kaffee. Müde Touristen stecken ihre geschwollenen Beine unter die Holztische. Eine unscheinbare Frau wirft einen Euro in die Büchse der Trommler, der Chilene nickt. Ein Mann hat seinen Mantel geöffnet und protzt im weißen Hemd mit seinem Bauch, ganz stolz darauf, dass sich seine Hose noch ohne Hosenträger hält, wenn sie auch schon ziemlich weit herunter hängt vorne. Seine Schritte sind so klein, so klein, seine Schweißtropfen so groß.

Der Brunnen, den wir Nuttenbrosche nennen/Der lädt nicht grade ein zum Träumen und zum Pennen

Der Brunnen, den wir Nuttenbrosche nennen/Der lädt nicht grade ein zum Träumen und zum Pennen

Auf der Steinbank sitzt ein Paar in deutlicher Distanz in sich versunken, ein paar Meter vor ihnen ein Seifenblasenmacher, der sein Geschäft genauso wenig beherrscht wie der weiß geschminkte Jongleur am Womacka-Brunnen, den wir Nuttenbrosche nennen. Die Äste der mageren Bäume zeichnen bizarre Muster in die blauweißen Himmel über der Stadt. Die gelbe Straßenbahn, wie sie über den Platz schleicht. Das junge Paar von irgendwo bewegt sich nicht. Eltern, Kinder, Fotografen. Fahrradkuriere. Ein Rest schmutzig gewordener Schnee. Das ist Berlin. Das ist der Alexanderplatz, den die verschnöselten Jungs von der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung so hassen, und jetzt erst recht, wo Frank O. Gehry hier einen Wolkenkratzer bauen soll von 150 Meter Höhe. Sie sind hierher verschlagen worden wegen des Jobs und wegen der Kohle. „Der Alexanderplatz in Berlin ist kein Ort, an dem man bleiben, schauen oder träumen mag”, sagen sie. Och, die Ärmsten. „Die Plätze am Rand des Springbrunnens sind schon von Punks und Trinkern besetzt.” Wie eklig! Wie sollen sie hier träumen, die Guten, Vornehmen, Wohlversorgten. Der Platz hat keinen Rand, keinen Anfang, kein Ende, ihre Blicke finden keine Halt. Und Gehrys Entwurf nennen sie eine klobige Pfeffermühle. Der dritte Preis des Wettbewerbs hingegen sei großartig, weil er die Formen des Umfelds aufnehme. Nun gut. Wer ein bisschen was von Gehry kennt, hat auch mitbekommen, dass er sich immer bemüht, die Umgebung seiner Bauwerke einzubeziehen, er lässt sich von ihr inspirieren. Wie das dann aussieht und wieviel man davon dann wiedererkennen will, liegt im Auge oder im guten Willen des Betrachters. Den man bier nicht voraussetzen kann, ist schon klar. Wenn man so unvoreingenommen an die Sache heranginge, könnte man ja nicht jammern und wehklagen über die Stadt, in der man nicht leben will, aber muss.

Wenn hier erst mal der Wolkenkratzer steht/Dann ist wahrscheinlich alles längst zu spät

Wenn hier erst mal der Wolkenkratzer steht/Dann ist wahrscheinlich alles längst zu spät

Mein Freund war beim Friseur. Deine Friseurin hat sich noch mal gesteigert, da ist ein besonderer Pfiff drin in deiner Frisur. Du hast ja’n Knall. Eine mir unbekannte Kellnerin hat die Mittagsschicht und ist eigentlich schon zu persönlich Schrägstrich kumpelhaft. Den Chef hat eine merkwürdige Unruhe erfasst, er geht ständig auf und ab und ringt dabei seine Hände (vielleicht denkt auch er an die klobige Pfeffermühle von Frank O. Gehry). Im Haus meines Freunds ist eine Wohnung frei geworden, dort wohnten ein greiser Professor und sein geistig behinderter Sohn. Neulich hörte mein Freund dort Geräusche und stieg die Treppe hinab. Sind Sie die Angehörigen, fragte er. Ich möchte Ihnen mein Beileid aussprechen. Oh nein, nein, sagte die Frau, ich bin die Schwiegertochter, aber Professor Goldmund ist nicht verstorben, er lebt im Heim, und der arme Helmut ist in einer betreuten Einrichtung, wo er sich sehr wohl fühlt, und das ist mein Mann, der zweite Sohn und Bruder. Wir haben oft unsere Hilfe angeboten, wenn nicht sogar aufgedrängt, sagte der Mann, aber mein Vater hat immer abgelehnt. Da kann man nichts machen. Nein, da kann man nichts machen, sagte mein Freund, ich möchte auch keine Hilfe, aber ich biete gern meine Hilfe an.

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Berlin Alexanderplatz (7): Der kleine Kommissar

Die Weite des Platzes ermessen

Die Weite des Platzes ermessen

Am Alex hol ich mir ne Schachtel Fish and Chips mit Sauerrahm für 3,50 und schleiche essend über den Platz. Die Schachtel ist ziemlich voll, ich muss aufpassen, dass mir das nicht alles runterfällt, das würde den Leute natürlich gerade gefallen, die mich jetzt schon beim Essen beobachten.

Heute interessiert mich die Weite des Platzes. Die Leute sind gut verteilt, große Zwischenräume, jeder ist eine Einsamkeit für sich, nur die Touristen natürlich nicht, die ihre Fahrräder zusammengestellt haben. Ein Mann in Rot geht quer über den Platz, als hätte er noch nie die Nähe eines anderen Menschen genossen, Männer in einem so krassen Rot werden gemieden. In der Mitte des Platzes, wenn man das so sagen kann, steht ein eleganter Afrikaner mit weißen Haaren und hat die rechte Hand zum Himmel erhoben. Was ist? Ein Verkündiger? Somebody who has a dream? Nein. Er winkt zum Saturn hinauf. Von dort kommen seine zwei jungen Freunde zu ihm runter, dann gehen sie zu dritt in die Richtung, die auch der rote Mann genommen hat. Südamerikanische Klänge wehen herüber, aber ich habe jetzt nicht die Zeit. Muss Geld ziehen. Die Filiale ist total überfüllt, und jeder fünfte hier sieht aus wie ein Bankräuber. In einer guten Beobachtungsposition steht ein junger Bankbeamter und glaubt, alles im Blick zu haben. Das hat schon so mancher gedacht. Ich schaue verstohlen an ihm herunter, ob er irgendwo eine Waffe an seinem Körper versteckt hat, aber seine Waffe scheint wohl eher der Alarmknopf zu sein, der sich irgendwo befinden muss. An der Weltzeituhr formiert sich eine optimistische Gruppe zu einer Demonstration. Die Teilnehmer wirken gut gelaunt und solidarisch, rekapitulieren leise einige Sprechchöre. Demo-Profis, keine Frage, die sicher sind, etwas erreichen zu können. Ich versuche abzulesen, wie spät es jetzt in Bolivien ist, zehn Uhr Vormittag, wenn ich das richtig sehe.

Man in Red

Man in Red

In den Aufgängen zur U-Bahn hat sich ein junges Paar niedergelassen, eine intime Situation, wir wenden diskret die Augen ab. Was ist denn heute nur los! Auch das Haus Berlin ist gut gefüllt, an unserem Stammplatz vergnügt sich eine Schar hyperaktiver Rentner, Generation Silver, drei oder vier Tische sind zusammengestellt, aber das reicht ihnen noch nicht, sie beherrschen das ganze Restaurant. Das Schlimme an diesen Rentnern ist, dass sie nicht still sitzen können, sie stehen dauernd auf, schütteln sich die Hände, klopfen sich auf die Schultern, umarmen einander und setzen sich nicht wieder hin. Das bringt so eine nervende Unruhe in den Laden. Sie haben ihre schönsten Pullover angezogen oder treten hemdsärmelig auf im herannahenden Winter, einer trägt eine martialische Lederschiene am linken Arm, auf die er sehr stolz zu sein scheint. Besonders auffällig ist der kleinste von ihnen, sie nennen ihn Pötzsch, er ist nicht gut zu Fuß, was ihn nicht davon abhält, den Raum dauernd mit seinen heiklen Schritten zu durchmessen, an den Tresen zu treten, mit den Kellnerinnen zu schäkern oder seinen Kameraden Ratschläge zu erteilen. Bemerkenswert auch, dass er im Alter noch so einen widerborstigen Haarschopf besitzt. Tagt hier die Linkspartei? Keineswegs, sagt der Restaurantmanager, seien Sie vorsichtig, das sind alles altgediente Kriminalisten aus Berlin und Potsdam mit ihren Sekretärinnen, Kripo, ganz ausgekochte Leute, Profis durch und durch. Oh, sagen wir und geben ein Erbleichen vor, dann sollten wir vielleicht besser verschwinden? Damit machen Sie sich nur verdächtig, sagt der Manager, verhalten Sie sich so unauffällig wie möglich. Das wird das Beste sein. Die sind so laut, klagen wir. Das ist immer so in der Gruppe, da will jeder zu Wort kommen und zeigen, wie super er noch drauf ist. Wenn die drei Bier intus haben, werden die still. So ist es auch. Eisbein wird serviert, das macht satt und schläfrig. Wir lassen es uns nicht nehmen, den alten Schlager „Bon soir, Herr Kommissar” zu singen, wenn die Commissarios an uns vorbeigehen.. Wer sang den damals eigentlich? Das Hazy-Osterwald-Sextett? Nein, ich glaube der alte Vico Torriani.

He looks like a Lord

He looks like a Lord

Als wir gehen, verlässt auch der kleine Mann mit drei anscheinend noch aktiven Kollegen das Restaurant. Aus ein paar Metern Entfernung rufe ich im sächsischen Dialekt: „Kommissar Pötzsch!”. Die Kriminalisten sind begeistert: Die kennen dich! Die Menschen kennen dich. Ja, sagt der kleine Kommissar, für die Menschen im Raum Berlin/Potsdam habe ich, haben wir alle, viel getan.

Das glaube ich jedenfalls von seinen Lippen ablesen zu können. Dann entfernen wir uns eilig, damit Kommissar Pötzsch nicht auf die Idee kommt, noch mehr für uns tun zu wollen.

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