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Posts Tagged ‘Alexanderplatz’

Schadenfroh & hilfsbereit

The German: Ich will give her a hand.
© FJK

Ich fühlte mich wohl vor den beschönigenden Spiegeln des Friseursalons. Da konnte man auch gelassen über Boris Johnson und seine mannigfaltigen Abstimmungsunterlagen im Parlament reden. Meine englische Friseurin sagte, dass es im Englischen kein Wort für den deutschen Begriff Schadenfreude gebe. Ich bat sie, aus eigener Kraft ein englisches Wort für Schadenfreude zu bilden, aber darauf wollte sie sich nicht einlassen und versteckte sich hinter ihrer Legasthenie. Mir ging es einfach darum zu ergründen, ob der Engländer wirklich ein ethisch so hochstehender Mensch ist, dass er nicht nur das Wort, sondern auch das Gefühl der Schadenfreude gar nicht kennt. Wir schauten bei Google Übersetzer nach. Ha. Da gab es malicious joy. Das heißt aber eher boshafte Freude. Wir fanden auch gloating, was eher Selbstgefälligkeit, glee, was wohl Frohlocken, und spitfulness, was mehr Gehässigkeit bedeutet. Schadenfreude in der reinen Form gibt es so direkt tatsächlich nicht, weshalb der Engländer ethisch über dem Deutschen zu stehen scheint, dem doch Schadenfreude die reinste Freude ist. Als ich ihr diese Redewendung mitteilte, wackelte meine englische Friseurin bedenklich mit dem Kopf. Wenig später stand ich auf dem Bahnsteig am Alexanderplatz. Die Treppe hinunter, die hinauf führt, bugsierte eine Frau mühsam und Stufe für Stufe einen Kinderwagen. Bloß nicht hängenbleiben, bloß nicht stürzen. Im dem Kinderwagen saß ein Hund, es war also wohl weniger ein Kinderwagen als eine neuartige Hundekutsche. Wenig später trat ein Mann hinzu, packte den Kinderwagen vorne, die Frau hielt den Bügel, der Hund verzichtete darauf, den Mann anzukläffen, und so kamen sie zügig und ungefährdet unten an. Der Deutsche, dachte ich, neigt zur Schadenfreude, aber er ist auch hilfsbereit. Haben die Engländer ein Wort für Hilfsbereitschaft?

Die Flut der Bilder am Sonnabendmittag

Kein Tourist wird sie vergessen
© FJK

An einem sonnigen Herbstsonnabend sind Paare, Passanten in Berlin-Mitte angeregt bis unbewusst mit der Kamerafunktion ihrer Smartphones beschäftigt. Im langen Gang zwischen Seitenflügel und Ziegelmauer zum Haus Schwarzenberg bringen die Streetart-Werke den besonderen Background für das Bild „Ich war in Berlin mit meiner Freundin, meinem Freund, schräge Stadt”. Auf das Smartphone, das Foto können sich alle einigen. Eine Smartphone-Partei könnte absolute Mehrheiten erringen, wobei ich der Einzige bin, der auf diese Idee kommt. Wer unterzieht sich der Anstrengung, aus dem Tsunami der Bilder die haltbaren herauszufinden? Mit gefallen die kleinen Japanerinnen auf dem Alexanderplatz. Ihre Zuwendung, Brillen, ihre Röcke, ihre Lebkuchenherzen und die Freude darüber, dass sie eine Berlinerin gefunden haben, die für sie auf den Knopf drückt, so eine Blonde.

Unvergesslich ist die Cityguide, die in der Gasse von Haus Schwarzenberg eine phantastische Performance abliefert. Regisseure, kommt raus aus euren Kunsttempeln, kommt auf die Straßen. Verbindet euch mit den unbekannten Talenten, so kann das Theater entstehen, das unsere Zeit braucht.

Sind die Deutschen zu dick?

Ostern kann sehr kalt sein
© Fritz-Jochen Kopka

Sind die Deutschen wirklich zu dick, denke ich auf dem S-Bahnsteig. Oder neigt man hierzulande eher zur Magersucht. Die Antwort ist nicht so leicht zu geben, auch sie liegt im Auge der Medien, je nachdem, was im Moment mehr Aufmerksamkeit verspricht. Wir alle schauen zu, wie ein Migrant mit seinem minimalen Hündchen spielt (ich glaube, diese superkleinen Hunde sind zur Zeit Mode). Der Mann ist von einer wohligen Fülle, aber unglaublich beweglich. Das Hündchen schnappt nach seinen Füßen, und er entzieht sie ihm, indem er behende herumtanzt und hüpft. Als die S-Bahn einfährt, will das Hündchen auch mit dieser spielen, und der Mann macht einen gewaltigen Sprung, um das Tier vor der Bahn zu retten, die ja nicht so weghüpfen kann wie er. Ich achte darauf, dass ich in einen anderen Wagen einsteige als der Mann, aber am Ostbahnhof, wo wir umsteigen müssen, sind wir wieder vereint. Der Wagen ist krachend voll. Der Mann hat einen Freund getroffen und das Hündchen in seiner Jacke geborgen. Während des Gesprächs streichelt er es unentwegt mit großer Zärtlichkeit. Ein paar Selfies sind auch noch drin.

Es ist ein voller Tag, die Stadt platzt in ihrer Mitte aus den Nähten. Die Leute weichen ungern aus, sie versuchen viel mehr, durch dich hindurchzugehen. Ob das wohl geht. Nee, geht nicht, aber das weiß man doch schon vorher.

Auf dem Alexanderplatz ist das nächste Volksfest installiert. Die gleichen, leicht abgewandelten Bestandteile wie zu allen Festen eben. Aus der Weihnachtspyramide ist eine Osterpyramide geworden. An den Ständen wird ordentlich ausgeschenkt, gebacken und gebraten. Wenn man mich jetzt fragte, ob die Deutschen zu dick oder zu dünn sind, würde ich sagen: zu dick, eindeutig. Wir sind zu dick und immer noch dabei, Sachen zu verschlingen, die eindeutig als Dickmacher gelten.

 

Stadttag mit Swatch

Es muss ein Stück von Alexa sein – Berlin Alexanderplatz
© Fritz-Jochen Kopka

Ich erledige alles, was ich mir vorgenommen habe. Batterien für TAN-Gerät, Farbpatrone, „Paterson”, Hülle für iPod und dann auf der anderen Seite des Alexanderplatzes Batteriewechsel für die Swatch. Da muss ich in den Alexa-Klotz. Wie sagte der damalige Regierende Bürgermeister (er hieß Wowereit) einst, als er das Gebäude das erste Mal sah? Wie kommt denn sowas Hässliches hierher. Oder so ähnlich. Als hätte er nichts damit zu tun gehabt, was in seiner Stadt gebaut wird. Die Hässlichkeit liegt im Auge des Betrachters. Und in diesem Fall auch in der Beziehungslosigkeit des Klotzes. Das Alexa kommuniziert äußerlich mit nichts vom umstehenden Architektur-Ensemble. Es liegt eher eine Fernbeziehung mit dem Orient vor. Vielleicht sind das noch Relikte eines Kulturkampfes zwischen Ost- und Westberlin. Die regierenden Westler möchten diesen berühmten und wichtigen Platz in der Mitte der Stadt so hässlich wie nur möglich erscheinen lassen. Damit ihnen nicht der Osten das Wasser abgräbt. Was sicherlich unterbewusst funktioniert, diese Verhässlichung des Platzes. Irgendwann hat man sich so an dieses Alexa gewöhnt, dass man es nicht mehr wahrnimmt. Ich habe da schon allerhand gekauft. Laufschuhe im Runner’s Point, Mantel, Joppe, Jeans bei H & M, Bücher bei Thalia, DVD im Media Markt und Brille: Fielmann.

Wo findet man jetzt den Swatch-Shop in diesem Koloss? Auf einer digitalen Tafel. Ich dachte schon, ich müsste verzweifeln, aber dann geht’s doch. Erdgeschoss, 011. Der Laden sieht sehr bunt aus. Das liegt an den vielen, mal poppigen, mal seriösen Uhren, aber auch am Verkäufer. Blanker Charakterkopf, T-Shirt, die verwirrende Kunst-Welt der Tattoos auf der Haut. Er wechselt die Batterie, stellt das Datum ein, reinigt die Uhr und sagt: so, in Ordnung. Was? In Ordnung. Es fließt kein Geld. Womit hab ich das verdient, sage ich. Er murmelt was von Kundenservice, und ich kann nicht aufhören, mich zu wundern.

Die U-Bahn fährt nicht. Hatte ich vergessen. Zu Fuß zum Haus Berlin. Im International spielen sie Das schweigende Klassenzimmer. Die berühmteste Schweigeminute der Welt. Ohne mich. Verheugen sitzt über seinem Bier. Er bezahlt für den Batteriewechsel seiner Uhr neun Euro, hat auch ’ne Schweizer Uhr, aber eben keine Swatch. Seine berühmten schwarzen Kassen sind ziemlich leer. Viel Geld hat er gelassen in der Apotheke, für ein Kabel nach der Umstellung des Fernsehempfangs und ein Hardcover: Stories von Flannery O’Connor.

Der Wirt tritt aus der Tiefe des Raumes und sagt mit kritischem Blick auf unsere Staropramen-Biere: Habt Ihr das bestellt? Ich lass es noch mal durchgehen. Das ist seine spezielle Variante von Humor. Wir antworten, indem wir jedes Mal fragen: Dürfen wir noch zwei Bier bestellen? Und er zeigt sich großzügig.

Wat mir ufffällt

Man kann sagen: Volkskunst
© Fritz-Jochen Kopka

Auf dem Bahnsteig die Plakatwand, man kann jetzt auch Billboard sagen (angeregt durch den Film, der gerade läuft) – da hat jemand mit unübersehbarer Sorgfalt auf der weißen Fläche gearbeitet, gezeichnet, geschrieben, SEX MIT DEM SOZIALARBEITER, das fällt noch am meisten auf, die Sonne macht meinen Kopf zum Teil des Plakats.

Auf dem Alexanderplatz fragt ein, ich sag mal, Dreizehnjähriger, bei dem der Stimmenbruch noch nicht stattgefunden hat, den Fish ’n Chips-Verkäufer aufgeregt, ob er sich setzen dürfe, ohne was zu kaufen, er hat noch eine halbe Stunde Aufenthalt: Ist das in Ordnung? Der Verkäufer begreift erst mal nicht, dann willigt er ein, aber nichts verzehren, was er anderswo gekauft hat, bittet er sich aus. Was für ein wohlerzogener Junge, denke ich, so was kommt selten vor in diesen Tagen, kein Wunder, dass der Knabe nicht aus Berlin ist, und nun holt er auch noch ein Paperback (wenn es auch ein Thriller ist) aus dem Rucksack und liest. Um die Jugend ist mir nicht bange, aber um die Trinker, die sich wieder in der Ecke vor dem Bahnhof eingenistet haben mit vollen, halbvollen und leeren Flaschen und viel Abfall.

Mir fällt jetzt auch die Polizeiwache auf dem Alexanderplatz uff, in den Medien ist viel die Rede von ihr gewesen, sie soll nämlich dafür sorgen, dass es endlich ein Ende hat mit der Gewalt auf dem Alexanderplatz. Ein Polizist steht neben dem Bürocontainer und antwortet auf die nichtgestellten Fragen eines unbesorgten Bürgers. Drinnen sitzen die Bürokraten und genießen ihre geruhsame Tätigkeit. Uff fällt mir auch, dass der Alexanderplatz an diesem sonnigen Wintertag an den Rändern belebt ist, die beliebten Primarktüten werden gehalten, in der Mitte aber viel Leere zu bieten hat.

Fremde Friseure

Ich gehe bis zum Hackeschen Markt und weiter bis zur Joachimstraße, blicke durch Schaufensterscheibe einer fremden Friseursalons, dessen Coiffeure sich als Künstler zu verstehen scheinen und gehe in den meinen. Meinen Friseur seit zweieinhalb Jahrzehnten, meine Friseurin muss ich sagen.

Da fällt mir uff, dass sich der ehemalige Azubi Norman zum Kinder- und Jugendfriseur spezialisiert hat. Ja, sagt Deborah, die Kinder lieben ihn. Er hat auch immer was zu erzählen. Meistens fragt er sie, was sie zu Mittag gegessen haben, das haben sie schon wieder vergessen, und dann reden sie darüber, dass sie alle Stampfkartoffeln mögen.

Sie sprechen auf Augenhöhe, sage ich.

Ja, auf Augenhöhe.

In einer pinken Welt. Ausstellung von Stephen Prina: As He Remembered It

In der Karl-Marx-Allee fallen mir in einer Galerie eine Menge pinkfarbener Möbel und am Straßenrand lauter Kleinbusse uff. Was kann das sein? Hier wird wieder ein Film gedreht. Ja, bestätigt die Kellnerin, aber der Drehstab kommt nicht zu uns rein, sie trinken kein Bier, essen keine Bulette, gehen nicht auf die Toilette. Sie haben das alles selbst. Je mehr Busse, desto teurer der Film, sagt Verheugen.

Er hatte heute den Handwerker im Haus. Ihm fiel uff, dass der pünktlich um halb neun kam, hingebungsvoll arbeitete, die Entlüftungsanlage vom jahrzehntealten Dreck befreite und nicht mal ein Trinkgeld annehmen wollte. Ein junger Mann noch. Ich hätte gar keine Albträume zu haben brauchen, sagt Verheugen.

Gemeinschaftlich fällt uns uff, dass es ziemlich dekadent ist, wenn sich die Gesellschaft mit hochrotem Kopf über ein schönes, aber auch harmloses Gedicht streitet. Und dass Frauen wiederholt mit halbvollen Gläsern vor die Tür des Restaurants gehen und ihre Lullen durchziehen. Halbvolle Gläser. Halbvolle Gläser und halbvolle Frauen. Halbvolle Frauen. Halbvolle Frauen und halblange Lullen. Halbvolle Gläser. Halbvolle Gläser und halbvolle Frauen. Gläser und Frauen und Lullen. Und zwei Bewunderer.

Lucky Morf

Master of lightness
© Fritz-Jochen Kopka

Den Tag vor dem Sturm ging Lenz übern Alexanderplatz. Das Oktoberfest dauerte an. Was heißt Fest: eine Ansammlung von Buden, die Möglichkeit für Berliner und Touris, das Bier aus Humpen zu trinken. Der Wind gab schon eine Vorahnung von dem, was einen Tag später folgen sollte. Die Bratwurstverkäufer mussten ihre Würste, Brötchen und Scheine festhalten. An der Weltzeituhr blieb Lenz stehen. Da spielte einer, der Morf heißt oder sich so nennt. Weltreisender mit Gitarre. Er hatte das Instrument nicht vor der Brust, sondern auf den Oberschenkeln. Er zupfte, griff und trommelte mit den Fingern und Handballen auf dem Korpus. Unter anderem bot er eine ziemlich schnelle, unsentimentale Version von Cohens Hallelujah. Er sang mit einer hell strahlenden Stimme. Man konnte glauben, da spiele eine Band, nicht ein Single Performer. Morf trug einer dieser namenlosen Mützen aus den fünfziger Jahren, die glücklicher Weise schnell wieder aus der Mode gekommen sind, aber für einen Hans im Glück okay sind, er verkaufte seine CD, er hatte gute Laune und sah aus wie einer, dem alles leicht fällt. Keiner weiß, ob das stimmt. Auf Facebook hatte er gepostet:

Oh hey guys, it’s my birthday tomorrow!
Just wanted to thank you for your support this year, its definitely been a great one so far. People of Berlin I’ll get doing a birthday show tomorrow afternoon at the world clock, then probably having some drinks in the evening. You’re All welcome to join me. Big love

Er hatte also Geburtstag an diesem Tag vor dem Sturm. Die Leute legen ihm reichlich Geld in den Gitarrenkasten. Sie haben ein Feeling für echte Künstler. Mögest du gut durch die Stürme kommen, Morf.

Der Schlaf des Gerechten (9)

„Es soll aber kein Tod sein, sondern ein hundertjähriger tiefer Schlaf.”
© Kopka

Auf dem Alexanderplatz fand eines der vielen ununterscheidbaren Feste mit den immer gleichen Buden und den hoffnungslosen Angeboten statt, von denen das eine oder andere dann doch nachgefragt wird und seinen Mann ernährt. Nur die Touristen können daran noch Gefallen finden, alle anderen zeigen ihr Desinteresse und die Händler verbergen ihre Depression. Am Osteingang des Bahnhofs lagen zwei Männer, die der stickige Augusttag (und nicht nur der) an den Rand ihre Kräfte gebracht hatte. Zwei Helden am Ende der Schlacht, die sicher nicht gewonnen wurde. Immerhin war man mit dem Leben davongekommen. Oder wenn man so will: Die gute weise Frau hatte den Todesfluch der bösen weisen Frau in einen tiefen hundertjährigen Schlaf verwandelt. Wie Königssöhne erschienen zwei Ordnungshüter, die sich anschickten, die beiden Dornröschen wachzuküssen. Zunächst rüttelten sie an den Schultern, dann entwanden sie dem einen Schläfer eine noch zu drei Vierteln volle Schnapsflasche. Als auch darauf keine Reaktion erfolgte, wussten sie wohl, dass sie die rechten Königssöhne nicht waren oder dass die hundert Jahre Tiefschlaf noch nicht an ihr Ende gekommen sein konnten. In der Mitte zwischen den zwei Dornröschen stand ein Plastikbehälter, in den man Geld hätte hinein werfen können. Vielleicht hätte es die zwei Dornröschen munter gemacht, wenn da ein paar Scheine hineingefallen wären, doch dazu kam es nicht. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann schlafen sie noch heute.