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Archive for Mai 2015

Von einer Zwangsumsiedlung

Zwar einen Himmel hat die Tonne auch, doch ob die Kröte hier auch leben kann?

Zwar einen Himmel hat die Tonne auch, doch ob die Kröte hier auch leben kann?

In unserer im Boden versenkten Regentonne strampelte eine Kröte. Keine Ahnung, wie die da immer wieder hineingelangen, da ist ja ein Deckel drauf. Ich holte den Schöpfeimer, angelte die Kröte da raus, was beim dritten Versuch gelang, und ging über die Straße zum Förster, dessen Grundstück ziemlich sumpfig ist. Er hat dort mit viel kleinteiliger Phantasie einen Minispreewald angelegt, für Frösche und Kröten sollte das Terrain ideal sein. Wir ließen die Kröte in die schmalen Gräben hinab, sie hatte eine helle Stelle am Hinterkopf, der Förster meinte, wir sollten darauf achten, falls sie wieder zurückkehrt in unsere Regentonne.

Alles, was ’ne Kröte braucht

Alles, was ’ne Kröte braucht. Der Stuhl ist schon Zugabe

Das kommt mir unwahrscheinlich vor, die Kröte, die aus dem sumpfigen Gelände flieht, über die Straße, in unsere Regentonne zurück, wie soll das gehen? Haben Kröten einen inneren Kompass? Und wieso sollte sie aus seinem schönen Spreewald entfliehen in unsere düstere Regentonne. Na ja, meinte der Förster, zum Beispiel wegen der Waschbären, die sein Gelände häufig heimsuchen und die Frösche jagen. Rätselhaft das alles. Vielleicht kennen die Kröten irgendwelche unterirdischen Wege, von denen wir keine Ahnung haben, und so wehren sie sich gegen die Zwangsumsiedlung, ohne zu wissen, dass die nur zu ihrem Besten ist. Nicht alle Zwänge sind zum Schaden der Objekte. Andererseits: Wieso maßen wir uns an, besser zu wissen als die Tiere, was ihnen gefällt! Ach was, ich habe doch gesehen, wie die Kröte in der Regentonne um ihr Leben strampelte.

 

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Jeder für sich

Macht micj nervös, wenn die Leut’ hier herumstehen. Gar nicht fesch © Christian Brachwitz

Macht mich nervös, wenn die Leut’ hier herumstehen. Gar nicht fesch
© Christian Brachwitz

Nach und nach erschließt sich das Bild. Der Mann, der die Hand in die Hüfte stemmt, und die Frau im Dirndl mit verschränkten Armen rahmen es ein. Dazwischen eine Idylle mit beschränkter Garantie. Die knabenhafte Frau ist in ihre Lektüre, der Mann in den Anblick der Berge vertieft, nachdem er sich kurz mal von der International Herald Tribune gelöst hat. Wahrscheinlich Touristen. Die Lippen des Mannes sind fest zusammengepresst. Wozu Urlaub, wenn man so verkrampft zu Tische sitzt? Dass wir wahrscheinlich in Oberösterreich sind, verrät uns die von Bergen eingeschlossene Terrasse und vor allem die Büchse mit dem Zipfer Bier. Die Brauerei wurde 1858 in Zipf, einem Ortsteil von Neukirchen an der Vöckla, gegründet. Sie braut traditionelle naturtrübe Kellerbiere und die Leitsorte Zipfer Urtyp. Besonders interessant ist die Sorte mit dem Namen Märzen. So wird ein untergäriges Vollbier mit einem satten Goldton genannt. Früher war es nur bis März erhältlich, weil man für den Brauvorgang das Eis der gefrorenen Seen zur Kühlung benötigte. Ist das nicht romantisch? Bleibt noch der Name Meinl auf dem Sonnenschirm. Meinl verkauft Kaffee, Tee, Konfitüre, Schokolade, Tassen und Accessoires. Man könnte glücklich sein hier oben. Wenn nicht diese herumstehenden Leute wären. Stehen da wie die Ölgötzen. Wer soll sowas aushalten.

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Berlin Alexanderplatz (17): Der Drummer

Rossi erleuchtet © Fritz-Jochen Kopka

Rossi erleuchtet
© Fritz-Jochen Kopka

Unweit vom Womacka-Brunnen („Nuttenbrosche”) hat sich eine Menschenmenge zusammen gefunden, um einen Altmetallhandel herum, so könnte man es nennen, denn es liegen lauter Töpfe (tiefe Töpfe, flache Töpfe), Tiegel, Pfannen, aber auch Plastikbehälter aufgereiht herum, meistens mit der offenen Seite nach unten. Sie gehören Dario Rossi, dem Drummer, der gerade dabei ist, seine Pause zu beenden. Er ist ein muskulöser Typ im weiten T-Shirt, dessen Ärmel er aufkrempelt, wenn er zu trommeln beginnt, und das ist jetzt, ein marschierender Rhythmus, von dem man spürt, dass er nicht zu stoppen ist; er setzt die Leute Bewegung, innerlich oder äußerlich. Rossi sitzt da mit seinen Trommelstöcken im breiten Schneidersitz, wie lange hält man sowas aus! Unter den Zuschauern sind wie immer bei solchen Gelegenheiten ein paar Angeschlagene in vorderster Front, die nicht anders können, als sich auffällig zu machen, indem sie an ihren Flaschen und Zigaretten saugen, mit vermeintlichen Kumpanen Kontakt suchen oder vorgehen zu Rossis CDs und seinem Pappkarton mit der Aufschrift DANKE SCHÖN!!!, um sich mit trüben Augen alles ganz genau anzuschauen, so, als seien sie Experten, Leute vom musikalischen Fach, die sie ja vielleicht auch mal werden wollten. Viele Zuschauer treten vor, werfen Geld in Rossis Karton, vollkommen zu Recht, er arbeitet ordentlich dafür, die Ärmel sind längst wieder runtergerutscht, manchmal springt er in gebückter Haltung und rasender Geschwindigkeit von den großen zu den kleinen Tiegeln mit den helleren Klängen, ohne auch nur eine Sekunde aufzuhören zu trommeln.

Posen des Interesses

Posen des Interesses

Bei You tube sehe ich später einen Film mit ihm, auch am Alexanderplatz aufgenommen, eine offensichtlich zugekiffte Schwarze im rosa Kleid tritt auf ihn zu, baut sich vor ihm auf, klatscht ihn ab, tritt zurück, taucht wieder auf, tanzt halbherzig und doch provozierend auf einige Töpfen herum, verschiebt sie, verschwindet wieder, der Drummer versucht sie zu ignorieren und als er fertig ist, richtet er die Töpfe wieder akkurat aus.

Aber jetzt hier trommelt er noch. Ich kratze mein Kleingeld zusammen und lege es in den Karton, ich habe keine Zeit mehr, ja, ist schade. Ich steh gern so rum auf dem Alexanderplatz, höre zu und wippe mit den Füßen.

Das Herz eines Apfels

Alle Äpfel dieser Erde, und das eingeweckte Obst noch dazu © Christian Brachwitz

Alle Äpfel dieser Erde, und das eingeweckte Obst noch dazu
© Christian Brachwitz

Wenn ich die Zeichen richtig deute, dann findet dieser Markttag in Berlin-Pankow statt. 1983. Mein Gott, wie lange ist das schon wieder her, aber das sieht man ja auch, die alten Autos östlicher Provenienz, die alten Waagen, die alten Äppel. Nur die Gesichter sind heutig. In Ehren ergraute Mitbürger, wie wir sie jederzeit in unserer Mitte finden. Der Mann ist stolz und intro, die Frau macht die gute Stimmung, hält immer die Verbindung zum Kunden und hat die Hand auf der Waage. Äpfel aus eigener Ernte. Ich meine, sie liegen da in so inflationärer Fülle, dass man keine große Lust verspürt, sie zu kaufen. Das ist ja das berühmte Dilemma der Gärtner, Bauern und Ackerbürger (falls man so etwas noch kennt): Die Bäume wachsen so ungezügelt, dass man die Ernte irgendwann nicht mehr bewältigt. Wohin mit dem Obst? Vom Baum sofort auf den Kompost? Für den wahren Landmann verbietet sich das von selbst. In die Mosterei? Selbstgebrannter Apfelschnaps? Ist, glaube ich verboten und kann allzu verführerisch sein. Der Markt ist noch die beste Möglichkeit. Kauft Äpfel, Leute. Es gibt nichts Gesunderes. Und: Kauft die alten Sorten. Nicht etwa den Golden Delicious, der, wie Experten sagen, nach nichts schmeckt. „Der Apfel erwies sich als besonders anpassungsfähig unter verschiedensten klimatischen Bedingungen …, aber sein Herz schlägt für den Norden“, schreibt Waverley Root in seinem hoch zu schätzenden „Mundbuch” (Die Andere Bibliothek). Das Herz eines Apfels – wir absurd das klingt, aber auch wie romantisch.

Unterwerfung leicht gemacht

Houellebecq in meinem Regal

Houellebecq in meinem Regal

Romane mit Vorwegnahmen politischer Zustände ignoriere ich; aber Michel Houellebecqs Roman „Unterwerfung” war einfach im Haus. Da ich mittlerweile imstande bin, seinen Namen, ohne nachzusehen, richtig zu schreiben, und da ich eigentlich auch immer irgendwie voll dabei war, wenn ich etwa „Ausweitung der Kampfzone”, „Elementarteilchen” oder „Karte und Gebiet” las, nahm ich mir auch „Unterwerfung” vor, obwohl der Roman mir einfach zu viel Publizität bekam wegen einer thematischen und temporären Nähe zu den Anschlägen auf „Charlie Hebdo”. Houellebecq denkt und schreibt konsequenter, unangepasster und auch unanständiger als andere.

Sein Roman, deutsch erschienen bei Dumont, spielt in einer nahen Zukunft; einige der politischen Akteure kennen wir noch aus der Gegenwart, und der utopische oder gar nicht so utopische Sachverhalt ist, dass Islamisten nach einer Wahl die Macht in Frankreich übernehmen. Damit ändert sich für Francois, den Ich-Erzähler, einen Literaturwissenschaftler, beinahe alles. Er verliert seine Stelle an der Universität, was ihn auch erotisch seiner Möglichkeiten beraubt, er hat nämlich nun keinen Kontakt zu Studentinnen mehr, die seine Liebesobjekte waren, so lange das Studienjahr eben dauerte. Francois verzieht sich aus dem unruhigen Paris, überdenkt sein Leben, das vergangene und zukünftige, er kehrt zurück und hätte nichts auszustehen: Die neuen Herren sind großzügig und zahlen ihm die komplette Pension, obwohl er gerade mal um die vierzig ist.

Nun ist Francois, bei allen seinen Macken oder gerade wegen dieser, ein angesehener Gelehrter, ein Huysmans-Spezialist, und da die Universität nach dem Umbruch einigen Mangel an renommierten Wissenschaftlern hat, kommen Offerten auf ihn zu, einen exemplarischen Intellektuellen, heimatlos, beziehungslos, ohne Glauben, nahezu ohne Gefühle, voller Skepsis und Zynismus („ich war politisiert wie ein Handtuch, was wahrscheinlich schade war.”). Dennoch leidet er unter dem Bedeutungsverlust, unter dem Verlust der öffentlichen Rede, der wissenschaftlichen Aufgabe, unter dem Verlust von Publikationsmöglichkeiten. Nebenbei bemerkt hält unser ungehobelter Intellektueller nicht viel von der Demokratie, wie wir sie kennen: „Seltsamerweise war der Westen überaus stolz auf dieses Wahlsystem, das doch nicht mehr war als die Aufteilung der Macht zwischen zwei rivalisierenden Gangs, nicht selten kam es sogar zu einem Krieg, um dieses System anderen Ländern aufzuzwingen, die diesbezüglich weniger enthusiastisch waren.”

Hier ist es nun also zu einer Wahl gekommen, durch die die Anderen ihr System uns aufzwingen. Interessant ist, wie Francois die Offerten der neuen Mächtigen begutachtet, sich ihnen nähert, wie er dabei beginnt, die Regeln des Islams zu akzeptieren und schließlich sogar der Forderung nachgibt, als Atheist, der er eigentlich ist, zum Islam zu konvertieren. Mit gelinder Verblüffung nimmt er die islamistische Begründung der Polygamie zur Kenntnis. Es geht um natürliche Selektion. Nur wenigen beseelten Geschöpfe soll es vorbehalten sein, mit ihren Samen „die nachfolgende Generation zu zeugen … Aufgrund des Trächtigkeitsverhältnisses bei den Weibchen zur nahezu unbegrenzten Fortpflanzungsfähigkeit der Männchen laste der Selektionsdruck vor allem auf Letzteren.” Je auserwählter ein Mann ist, desto mehr Frauen stehen ihm zu. „Was Sie betrifft, so denke ich”, sagt der neue Präsident der nun Islamischen Universität Paris-Sorbonne, „dass Sie ohne Probleme drei Frauen haben könnten – aber natürlich sind Sie dazu keineswegs verpflichtet.” Auf diese seine Frauen darf Francois natürlich vorab keinen Blick werfen. Diesen Job übernehmen erfahrene Heiratsvermittlerinnen. Eigentlich sei der Mann sowieso nicht in der Lage, kultiviert zu wählen. An solchen Punkten ist Houellebecq auf der Höhe seiner Kunst. Man kann sich vorstellen, wie er sich ins Fäustchen lacht, wenn er derartige Argumentationen erfindet.

Was da, im Paris einer nicht so fernen Zeit, geschieht, ist eine Unterwerfung ohne Qualen, eine Unterwerfung aus reiner Vernunft. Wie sagt man so schön? Wenn die Rahmenbedingungen stimmen, dann kann sich schon auf etwas einlassen, das einem völlig fremd ist. Und die Rahmenbedingungen sind eben Geld, Bedeutungszugewinn, auch Macht. Man wird Zeuge dieser schleichenden Unterwerfung und glaubt seinen Augen nicht zu trauen, weiß aber, dass so etwas geradezu zwangsläufig ist, wenn die Verführer nur bedeutende Leute mit Charme, Bildung, guten Manieren und rhetorischer Begabung sind.

Herrentag mit Sturzhelm

Dann kann ja nichts mehr schiefgehen

Dann kann ja nichts mehr schiefgehen

Am Donnerstag lief ich eine Runde durchs Wäldchen. Da kreuzten meinen Weg vier Radfahrer, einer trug einen mexikanischen Strohhut, und ich dachte, aha, Herrentag, hatte ich fast, hätte ich fast vergessen. Zwei der Radfahrer, die den Herrentag auf dem Rad feierten, trugen Sturzhelme, das kam mir ziemlich jämmerlich vor: Herrentag mit Sturzhelm. Am Herrentag hat man kühn zu sein oder man lässt es bleiben.

Später sah ich noch eine Gruppe Radfahrer, die den Herrentag auf dem Rad feierten, die hatten zum Teil sogar ihre Frauen mit dabei.

Im Haus gegenüber hatten sie ihre Frauen weggeschickt. Sie standen zusammen auf der Wiese und versuchten, besoffen zu werden. Klappte nicht so richtig. Einige verließen den Garten, um nachzusehen, ob irgendwo in der Nähe tatsächlich echter Herrentag war. War aber nicht. Sie kamen zurück und standen am Gartentor. He, Schwuli, rief einer, mach die Tür auf, ick will dir knutschen, mach uff hier.

Das sind eigentlich gut situierte halbjunge Männer mit leichtem Übergewicht und ausfallenden Haaren, denen der Herrentag die Chance bietet, ein bisschen den Proll rauszulassen.

Ich kriegte mit, dass Westdeutsche den Herrentag eher Vatertag nennen; das ist für mich ungewöhnlich. Ungewöhnlich finde ich auch, dass deren Vatertag fast zwangsläufig mit dem Wort Bollerwagen verbunden wird. Ich musste erst mal bei Wikipedia nachschauen, was ein Bollerwagen korrekter Weise überhaupt sein soll. Ja, ein kleiner Handwagen, eigentlich was für Kinder, da werden die Bierflaschen reingestapelt, die man dann leert. Ich finde, auch das ist kein Fahrzeug für den Herrentag. Wenn es denn ein Fahrzeug sein soll, dann ein Kremser, aber gut, das ist aufwendig, Pferde und so …

Früher ging ich mit Verheugen von Kneipe zu Kneipe, und zwar am Müggelsee, da waren die Wege zwischen den Bieren lang; und das war gut so. Am Abend landeten wir am Kollwitz-Platz. Die Kneipen hatten die Stühle rausgestellt, wir trafen zwei schöne Frauen, die wir kannten, setzten uns an ihren Tisch und versuchten, sie zum Lachen zu bringen, was ja eine Lieblingsbeschäftigung von Männern oder Herren ist: Frauen zum Lachen bringen. Uns gelang das an diesem Abend sehr gut; und es war dann ein wirklich schöner Herrentag.

Am Freitag stand eine lange Schlange am Leergutautomaten bei Rewe. Fünfzehn Meter lang; die Gesichter verquollen, waren auch richtige Trinkergesichter dabei. Einige hatten auch ihre Frauen geschickt. Oder es waren die Frauen selbst, die das Leergut so schnell wie möglich wieder loswerden wollten. Ein Drama mit den Männern.

Als ich um die Ecke bog

Halt inne! Berlin S-Bahnhof Frankfurter Allee © Text und Foto: Christian Brachwitz

Halt inne! Berlin S-Bahnhof Frankfurter Allee
© Text und Foto: Christian Brachwitz

… und dann will ich zur S-Bahn Frankfurter Allee, bieg um die Ecke, steht und rappt da ein Prediger, ich war vom Rhythmus und seiner Ausstrahlung drei Minuten wie  festgenagelt. „Das wahre Gefühl strömt von der Straße nach oben”. Don DeLillo, ein Satz aus „Unterwelt”. Was der also da predigte/rappte, verstand ich nicht, zu schnelles Englisch, aber das ist ja doch immer das: HALT INNE, KEHRE UM … Beeindruckend,  immer die Hand zum Herzen.