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Posts Tagged ‘Sachsen’

Aus einem vorvergangenen Dezember

Man muss dem Glas auch trauen. Dom und Lustgarten. Dezember 2016
© Fritz-Jochen Kopka

Beim Bäcker trinken Arbeitsanzüge aller Art Kaffee zum Käseblatt.

Wer isst, muss nicht arbeiten. Wer arbeitet, kann nicht essen.

Der Patron am Laptop im Souterrain Tummelplatz der Familien.

Die Mütter tragen das unsichtbare Schild: Wir retten Deutschland.

Vater betreut Trennungskind. Gestikuliert mit Messer und Gabel.

Toller Eindruck, den ich bei dem Kind hinterlasse. Det schafft

Keen Stiefvater. Ooch wenn’s mir Jeld kostet. Ick rede mit die Kleine

Uff Augenhöhe. Den Beipackzettel zu lesen endet mit Unwohlsein.

Einkaufen in Zeiten des Ersatzverkehrs. Stecken Sie das wieder ein,

Ich nehme Sie so mit. Auf Höhe der Mittellinie sehen wir

Wie Unions Fußballgötter mutig nach vorn spielen. Auf Gegners Seite vornehmlich

Kleinwüchsige. Da geht doch was. Von den hinteren Rängen kommt

Bier über uns. Maul halten im Ersatzverkehr im Rudel der feindlichen Fans.

Ein Mann wird sechzig in einem Klub der Volkssolidarität.

Welche Gnade, nicht aus dem Haus zu müssen, das sag ich immer wieder, aber

Zu können, wenn man will. Was im Alter hilft, ist der freiwillige Rückzug. Sagt

Joop. Der Liebling der Sachsen füllt riesige Säle. Infekte Infekte. Es geht

Mir jeden Tag auf ’ne andere Art schlecht. Die Beine spielen nachts verrückt.

Ohne eine Idee passiert bei uns nichts. Deshalb passiert bei uns so viel.

Bücher Filme Bilder Gedichte Dramen. Wir bewegen uns erst, wenn

Wir eine Idee haben. Deshalb bewegen wir uns so oft. Im Halbschlaf des

Kranken entsteht der Traum eines Geschäftsmodells. Ob der auch

Albträume hat. Nein. Er träumt nie. Martin Fourcade rennt ungerührt

Vor der Meute der Biathleten her. Zugezogene Westdeutsche, die sich

Sofort integriert fühlen im Kiez, kaum hergezogen, geben sie

Den Ton an, gründen Bürgerinitiativen, ein Thema findet sich. Allemal.

Das mittlerweile immer berühmter werdende DDR-Modejournal Sibylle

Alles ist anders nach dem Anschlag auf den Breitscheidplatz.

Heute dämmert der Polizei: Wir haben den falschen Mann.

Das heißt: Der Richtige rennt noch bewaffnet herum. Der Alte

Versitzt die Zeit vorm TV und diskutiert. Die Welt ist aus den Fugen.

Traurige Weihnachtsmärkte. Dezemberregen, der die Seelen verwüstet.

Jeder kann ein Gefährder sein. Noch heult der Sturm. In der Presse

Zum Jahresabschluss unverhohlene Schadenfreude über

Gescheiterte Promi-Ehen. Angus & Julia Stone: I’m a soldier,

But I don’t know how to fight. I’m the darkness but I want to be the light.”

 

Das Einkaufsverhalten muss untersucht werden

Kaiser’s bleibt. Erst mal noch

Heute war’s wieder speziell bei Netto. Lauter junge Frauen, die den Einkaufswagen verschmähen und sich einen leeren Karton organisieren, in den sie ihre Waren einsortieren. Manche versuchen es auch ohne Karton und ohne Wagen, sie stellen den hohen Anspruch an sich, alles auf Händen zu tragen. Dann wird jongliert, unter die Arme und zwischen die Beine geklemmt; Abenteuer und Zirkus im Supermarkt. Ich versteh es nicht. Was ist so schlimm daran, einen Wagen zu nehmen! Sind die unökologisch, konservativ, reaktionär; eine Provokation für Vergetarier? Oder wollen sie eigentlich nur eine Sache kaufen, aber dann werden es doch unversehens zwanzig? Wie neulich eine zu ihrer Bekannten sagte: Ich wollte nur Milch holen, aber dann sah ich die Artischocken und dachte: upps! Vielleicht erhalten sie einfach mehr Aufmerksamkeit, wenn sie ihre Kunststückchen vorführen, und das scheint ihnen nicht unwichtig zu sein.

Es war eine ganz Flotte dabei. Lange Bohnenstange mit Kapotthütchen, unter dem grün gefärbte Haarfransen hervorstachen. Sie trug eine Leopardenfelljacke und Hosen mit breiten Seitenstreifen, die allerdings arg befleckt waren. Als sie hätte bezahlen müssen, klingelte ihr Handy mit einem obskuren Klingelton, sie stieg in das Gespräch ein und hoffte wahrscheinlich, ums Bezahlen herumzukommen.

Zwei Rentner verstellten, in ihren Klatsch vertieft, bei Kaiser’s die Gasse zur Kasse. Natürlich Sachsen. Und mir warn im Urlaub und da lag noch Schnee, drei Doache (dt: Tage) lang, sagte die Frau, über die Verhältnisse empört, die so was bewirken. Sie denkt natürlich an den Klimawandel. Das Wetter spielt verrückt.

Bei Netto kann ich nicht mehr einkaufen gehen. Der Kassiererin gefiel meine Unterschrift nicht. Ich lehnte es ab, für sie Schönschreibübungen zu leisten. Die Schlange wurde länger. Sie rief den Chef vom Dienst. Ich sollte beweisen, dass die Karte mir gehört. In einem Supermarkt, wo ich seit 35 Jahren einkaufe. Ein Trinker in der Schlange forderte mich auf, Folge zu leisten. Wir stehen hier wie blöd, sagte er. Sie haben es wohl eilig, an ihre Flasche zu kommen, wollte ich sagen, tat es aber nicht. Ich gab die Waren zurück und entfernte mich. For ever. Wer zu viel Dreck im Vorabendprogramm sieht, der will dann auch Ermittler sein.

Ich stand in der Gasse und vor mir eine Aufpackerin, ich wollte nur kurz eine Milch nehmen. Ach, Sie wollten zur Mülsch, sagte sie, übrigens eine schicke Westdeutsche, ja, sagte ich, aber ich habe Milch gesagt, machen Sie mich mal nicht zum Primitivberliner; eine Bemerkung, die einigen Beifall verdient gehabt hätte.

Bei Penny gabs Wasserkocher. Meiner ist sowieso hinüber. Ich legte einen in den Einkaufswagen. Heben Sie den Kassenzettel für den Wasserkocher auf, mahnte die Kassiererin. Wieso, fragte ich, funktionieren die nicht? Gehen die gleich kaputt? Kann man nicht wissen, sagte sie, man steckt ja nicht drin. Zum Glück!, rief ich aus, zum Glück steckt man nicht drin. Könnte heiß werden, sagte sie. So stelle ich mir einen Einkauf vor.

Ist Jasper von Altenbockum ein Bonze?

Über das Desaster der sächsischen Polizei im Fall des syrischen Terroristen Jaber Albakr haben wir viel gehört, aber das noch nicht: Jasper von Altenbockum kommentiert in der FAZ, wir sollten nicht so besserwisserisch über die Polizei und die Justizvollzugsbehörden faseln, sondern die Leistungen der Beamten würdigen. Aber: „Nicht der Erfolg beschäftigt die veröffentlichte Meinung, sondern das Vorurteil, einen gravierenden Misserfolg, einen ›Skandal‹ entdecken zu können.”

Die Polizei lässt den Syrer in Chemnitz entkommen, weil sie offenbar zu dick angezogen ist. Sie meldet („überglücklich”), dass es ihr gelungen ist, den Verdächtigen zu fassen. Dann erfahren wir, dass es drei Syrer waren, die der Polizei nicht nur den entscheidenden Hinweis (und zwar zweimal) gaben, sondern den Landsmann auch noch fesselten und ihn der Polizei sozusagen auf dem Silbertablett servierten, weil sie anscheinend wussten, wie die Polizisten dort arbeiten; er sollte nicht noch einmal entkommen. Und dann kann sich Albakr gleichsam vor den Augen der Wärter strangulieren.

Altenbockem jedoch meint, wir sollten das Positive sehen, nämlich einen „der größten Fahndungserfolge” im Kampf gegen den Terror. Das ist ziemlich original DDR-Bonzen-Ton. Erfolgsmeldungen brauchen wir bis zur Selbstaufgabe. Immer schön staatsgläubig.

Glücksschnee

Man kann das Lächeln jetzt ist sehen, aber es ist da, ich schwöre es

Man kann das Lächeln hier nicht sehen, aber es ist da, ich schwöre es

Man kann jetzt dreimal am Tag Schnee schieben. Diese Möglichkeit hat man uns verschafft. Man kann an den Satz von Camus denken, den Aufschneider so gern im Munde führen: Man muss sich Sisyphus als glücklichen Menschen vorstellen. Danach folgt gleich die Plattitüde von der Poesie des Scheiterns.

Man ist an der frischen Luft. Schlitten ziehen vorbei, gezogen von Müttern, die pauschal ein Lächeln im Gesicht haben. Die Kinder werden gezogen und sagen den Leuten im Vorbeifahren ein Hallo. Was bedeutet es einem Kind, auf dem Schlitten zu sitzen? Ich muss nicht laufen, ich werde gezogen? Meine Mutter ist meine Sklavin? Ich sitze auf dem Schlitten, es ist eine halbe Heldentat, der Schlitten kann umkippen?  Jedenfalls scheinen alle glücklich zu sein im frischen Schnee. Die Lokaljournalisten berichten, dass sich schon viele Leute die Knochen gebrochen haben, weil die Gehsteige – trotz einer neuen, eindeutigen Verordnung – nicht oder nur schlecht geräumt werden. Diese Leute haben einfach keine Ahnung. Wenn das Wetter entsprechend ist, werden die Wege nie wirklich stumpf sein. Da nützt auch kein full-time-job. Ein Mann geht vorbei und sagt, das sind die Flächen, die dann zuerst vereisen. Er ist Sachse, und ich möchte hier seinen Dialekt nicht nachäffen, denn wahrscheinlich hat er recht, wie Sachsen häufig recht haben, es wird nur nicht anerkannt wegen ihrer Sprache. Diese geräumten Flächen werden vereisen und dann erst so richtig glatt sein. Der Schnee schützt die Steige vor dem Eis. Eigentlich. Wir haben es hier mit einem Kapitel Sinnlosigkeit zu tun. Sind wir ja gewöhnt. Der Mann vom Winterdienst sagt, dass sein Chef ihm aufgetragen habe, keine neuen Kunden mehr anzunehmen, aber da er hier sowieso vorbeifahren muss, kann er den Schnee auch beiseite schieben. Eine solche Haltung wiederum macht durchaus Sinn, denn der Bürger wird sich wohl erkenntlich zeigen. Das Wäldchen hinter der Straße ist jetzt ein vorbildlicher weißer Winterwald. Romantisch. Von den Kleingärtnern fehlt jede Spur. Unsere zwei Großstadt-Rehe habe ich lange nicht gesehen. Die Lauben sind winterfest gemacht. In welche Richtung man auch läuft oder mit dem Fahrrad fährt: Der Schnee wirbelt einem immer direkt in die Fresse. Das ist ein Phänomen. Und wenn du fertig bist mit dem Schneeschieben, schneit es stärker als je zuvor, und die Frage der Sinnlosigkeit stellt sich erneut.

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Askese

© Fritz-Jochen Kopka

Das Schicksal der kleinen Bahnhöfe. Alle fahren mit dem PKW.

Ich hab die ganze Nacht gehungert und keinen Tropfen Alkohol getrunken.

Konntest du denn nicht schlafen?

Ich hab geschlafen wie ein Stein.

Ach so. Na dann.

 *

Im Zug von Neubrandenburg nach Berlin: … und vor drei Jahre hab ich mir denn von mein Mann getrennt, erläutert eine Frau einem Paar. Wie mag sie das damals kommuniziert haben? Hat ihr Mann gleich begriffen, was sie ihm mitteilen wollte, oder benötigte sie Hilfe von außen?

*

An das Geld, das ich vor einem Jahr ausgegeben habe, habe ich kaum noch eine Erinnerung. Es war so unpersönlich. Es kann mir darum auch gar nicht leid tun.

*

Erfolg ist trügerisch. Misserfolg ebenfalls. Und das ist tröstlich.

*

Fatalismus, dachte ich beim Joggen, bedeutet für mich das Leben annehmen, sich dem Leben stellen, etwas aus dem, was das Leben anbietet, machen. Nicht dagegen aufbegehren, dass ich zum Beispiel nicht an fünf Orten der Welt gleichzeitig sein kann. Oder dass ich nicht alle Bücher lesen kann, die ich lesen möchte. Oder dass ich Wimbledon nicht gewinnen und in diesem verdammten Jahr noch nicht mal im TV verfolgen kann (deshalb werde ich mich doch noch lange nicht aufs Bezahlfernsehen einlassen und gewinne dabei sogar noch Zeit.) Oder dass mir Ruhm versagt geblieben ist. Das Leben ohne Ruhm bietet viele Vorteile. Wie auch das ruhmvolle Leben Vorteile bietet. Aber da es bei mir nun mal so gekommen ist, Ruhmlosigkeit, ist es gut so.

*

Innerdeutscher Chauvinismus (… den wir nicht gutheißen können)

1

Verpiss dich, Sachse.

Isch bin kee Sochse, ich bin ä Düringer.

Und warum sprichst du dann so?

2

Verpiss dich, Sachse.

Isch bin kee Sochse, ich bin ä Düringer.

Verpiss dich trotzdem.

3

Verpiss dich, Sachse.

Isch bin kee Sochse, ich bin ä Düringer.

Ach! Das ist ja auch ganz was anderes!

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