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Archive for November 2015

Boxer und Buchhalter

Die ewige Vorberichterstattung einer Boxweltmeisterschaft im Schwergewicht. Das Pathos, der Pomp, die Experten, die Heroen früherer Jahre, die Halbwelt auf den besseren Plätzen, die nicht aufhören wollende und immer wieder kehrende Werbung und dann zwölf Runden nichts als lauwarme Luft. Wladimir Klitschko, Weltmeister seit über neun Jahren und im Besitz von Gürteln dreier Verbände, boxte bedächtig wie ein Buchhalter. Der Herausforderer, Tyson Fury, einige Zentimeter größer als Klitschko, den wir auch schon als Riesen bezeichnen, war offensichtlich ein Schüttler, der mehr mit sich selbst zu kämpfen schien, als mit seinem Gegner, womit er Klitschko völlig irritierte. Er schüttelte sich in alle möglichen Richtungen, ging eher zufällig auch mal auf seinen Gegner los, um gleich wieder rumzuzappeln, die Fäuste gar hinter dem Rücke zu verschränken, die Auslage zu wechseln, sofern man überhaupt eine Auslage erkennen konnte. Klitschko stand vor einem Rätsel. Er hatte Angst, getroffen zu werden, er hatte aber auch Angst zu treffen, seine Schläge kamen langsam und erreichten nicht den Mann, der mit einer erstaunlichen Flinkheit bei seiner Größe auswich. Wenn überhaupt gab Klitschko seinen Buchhalterjob in der zwölften und letzten Runde auf, als er – im Vorgefühl der sicheren Niederlage – etwas riskierte und auf den Gegner losging, da traf er auch zweimal mit der Rechten, die er vorher überhaupt nicht einsetzte, aber es war zu spät. Boxen ohne Kampfgeist und Leidenschaft – das ist nichts, man kann seinen Job nicht wie eine gut geschmierte Maschine erledigen wollen.

Der Narr da oben

Es ist noch nicht mal sicher, dass er wirklich lacht  © Christian Brachwitz

Es ist noch nicht mal sicher, dass er wirklich lacht
© Christian Brachwitz

Bei diesem Bild denke ich an The Fool on the Hill, den Beatles-Song über den Narren auf dem Hügel, der eigentlich ein Weiser ist. Weltabgewandter kann man nicht leben als allein auf dem Hügel oder eben allein in einem Haus im Halle des Jahres 1979, das über und über mit Staub und Dreck bedeckt ist und demnächst von der Natur einverleibt wird, so sieht es aus. Der indische Seher, der Paul McCartney zu diesem Song inspirierte, wurde ein Narr genannt, weil er so viel kicherte und lachte. Man nahm ihn nicht ernst. Am vielen Lachen erkennt man den Narren, sagt man bei uns. Das kann ein fataler Irrtum sein. Der Satz sagt mehr über den aus, der ihn benutzt, als über den, auf den er gemünzt ist, denn das – scheinbar grundlose – Grinsen und Gelächter des anderen kann uns total auf die Nerven gehen, und doch sieht der Mann oben im verfallenden Haus die Sonne untergehen und die Augen in seinem Kopf sehen, wie die Erde sich dreht. Und wer seine Stimme nicht hört, könnte eine Chance verpassen, das Glück zu finden.

Als die DEFA castete

Von links nach schräge und dann der Nase nach bis zum Weltruhm

Von links nach schräge und dann der Nase nach bis zum Weltruhm

Als die DEFA castete. Kann sein für den Film „Tinko” nach Erwin Strittmatters Jugendbuch. Sie gingen in die Schulen unserer Stadt und schauten sich die Jungs an. Axel Herz schaffte es in die engere Auswahl. Warum er. Er hatte so blasse Sommersprossen und ein niedliches Teddygesicht. Sollte seinen Heimweg beschreiben. Von der Schule bis ins Tivoli, so hieß seine Straße. Sie wollten sehen, wie er spricht, wie sich das Gesicht verzieht, wie es aussieht, wenn er nachdenkt, wie lebhaft er ist. Als er sagte, dass er hinter der Kreuzung von links nach schräge gehe, durfte er sich wieder setzen.

Der Schuldirektor, der Augen- und Ohrenzeuge geworden war, war hochgradig erregt. Da bekam ein Junge aus seiner Anstalt eine solche Chance und dann: „von links nach schräge”. Wie ein Erstklässler. Hat alles versaut. Und: Er hat die ganze Schule in Verruf gebracht mit seiner Blödheit.

Axel Herz blieb cool. Er habe sowieso keine Lust gehabt, in einer DEFA-Bagatelle mitzuwirken.

Verheimlicht wird nicht

Ganz so schlimm war’s ehrlich gesagt nicht

Ganz so schlimm war’s ehrlich gesagt nicht

Auf allen Vieren kriechen wir einen Berg hinauf, der sich, je höher wir kommen, eher als eine industriell hergestellte Schiefe Ebene darstellt, riesig groß, die Neigung vielleicht 45 Grad. Wir erreichen den Scheitelpunkt; ich sehe hinunter auf die andere Seite, es geht steil bergab, ich kehre um, sage ich, hier geht’s nicht weiter, ich bin nicht schwindelfrei. Die Zeiten, da ich versucht habe, das zu verheimlichen, sind vorbei. Schön ist es nicht, unter Mühen den Gipfel zu erreichen und dann wieder umkehren zu müssen, ohne die andere Seite zu erkunden. In der nächsten Sequenz finde ich mich in einem halbrunden Container wieder, aha, Mülltrennung, denke ich, pflanzliche Abfälle, die Atmosphäre ähnelt der eines Treibhauses, aber es gibt offensichtlich Leute, die sich nicht an die Vorschrift gehalten haben, da liegt zum Beispiel ein Stück Kabel herum, und ich überlege, ob ich hier nicht aufräumen sollte, aber ich gebe den Plan auf, als ich feststelle, dass hier wohl auch dieser oder jener seine Notdurft verrichtet hat. Nichts wie raus. Ich habe überhaupt nichts erreicht in diesem Traum. Was will man mir damit sagen.

Du bist ein Engel

November 20, 2015 2 Kommentare
Kleine Flügel für weite Wege © Christian Brachwitz

Kleine Flügel für weite Wege
© Christian Brachwitz

Engel sind genauso real wie Zwerge. Oder wie Vampire. Als Kinder hatten wir so viel mit Engeln zu tun, dass wir überhaupt nicht an ihnen zweifeln konnten, wobei uns nicht auffiel, dass wir echte Engel noch nie gesehen hatten, nur eben jene im Weihnachtsmärchen des Stadttheaters. Engel haben Flügel und die brauchen sie, weil sie die Distanz zwischen Himmel und Erde überwinden müssen, denn sie sind die Boten von Gottes sittlichem Willen an die Menschen, immaterielle Wesen, wie Thomas von Aquin sagte. Es liegt auf der Hand, dass die Menschen ein Wissen, dass es Wesen wie Engel gibt, brauchten; und wenn sich eine Erfindung des Geistes so durchsetzt, dann hat sie die Grenze vom Immateriellen zum Materiellen hin schon fast überschritten.

1997 fand am Theater Jena ein Spektakel unter dem Titel „Finster, Schiller, finster” statt, in dem nicht wenige Engel aktiv waren. Die Jenenser Engel hatten ziemlich kleine Flügel und waren so dick wie Matronen. Daraus ergaben sich vermutlich komische Effekte; vielleicht auch nicht. Es gibt eben keine Normvorschrift, wie Engel auszusehen haben, aber den Weg vom Engel zur Matrone habe ich doch für ziemlich weit gehalten.

Lebensweisheit

Handwerk hat Tradition

Handwerk hat Tradition

Je länger die Handwerkerleistungen zurückliegen, desto größer wird die Phantasie der Handwerker beim Schreiben der Rechnungen.

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Das sollen Nihilisten sein

November 18, 2015 2 Kommentare
Bellows deutscher Verlag ist natürlich Kiepenheuer & Witsch

Bellows deutscher Verlag ist natürlich Kiepenheuer & Witsch

Als er den Nobelpreis bekam, war Saul Bellow 61. Der Preis blockierte ihn nicht wie manchen anderen. Er schrieb noch „Der Dezember des Dekans”, „Mehr noch sterben an gebrochenem Herzen” und zuletzt „Ravelstein”. Dazwischen eine Reihe von Kurzromanen oder Novellen, ich denke vier, immer so um die hundert Seiten. Der alte Mann, der, was ich mit Erstaunen zur Kenntnis nahm, fünf Mal verheiratet war, wusste, wozu die Kraft (und die Lust) noch reichte. In diesen seinen späten Jahren trug er bevorzugt einen eingedrückten Hut: der Intellektuelle, dem das Spielerische seiner Existenz wichtig ist. Am schönsten von diesen Kurzromanen war für mich „Damit du dich an mich erinnerst” („Something to Remember Me by”), „Chicago … mit grauem Eis gepanzert, der Himmel niedrig, die Straßen unwegsam”. Eine Pubertätsgeschichte von Begierde und Tod, aus der Sicht des alten Mannes erzählt.

Jetzt erst fiel mir die Novelle „Die einzig Wahre” (The Actual) von 1997 in die Hände. Damals interessierte sich Bellow für die Reichen und Superreichen. Wie normal können sie noch sein, wieviel Freiheit zum gewöhnlichen Leben lassen ihnen die Millionen oder Milliarden. Wie gehen sie mit den weniger reichen, weniger Erfolgreichen um.

Die Ehe ist für den Mann, der fünf Mal verheiratet war, auch ein ewiges Thema. Was geht da schief, was funktioniert, und die einzig Wahre, auf die sich der Titel bezieht, Amy Wustrin, ist eben die Frau, die der Ich-Erzähler Harry Trellman, Kunsthändler, ein Leben lang geliebt hat. Die erste Liebe „befällt dich mit siebzehn und wie Kinderlähmung kann sie dich, wiewohl sie im Herzen und nicht im Rückenmark wirkt, zum Krüppel machen.”

Erst spät, als sie vielleicht noch zehn gute Jahre vor sich haben könnten, offenbart sich Trellman und macht Amy einen Antrag. Auf dem Friedhof, der einzig wahren Kulisse für eine unerfüllte Liebe.

Es gibt immer noch einen Trost. Es gibt immer noch Schönheit. Bellow beschreibt eine Frau, und es entsteht immer ein Bellow-Bild. Auch wenn sie schön ist und begehrt wird, ist sie doch eher durch einen Makel interessant. „Die dazwischenliegenden Jahre mit ihren Krisen, Kriegen und Präsidentschaftswahlkämpfen … haben nicht die Macht gehabt, Amys Aussehen zu verändern, die Größe ihrer Augen und die Winzigkeit ihrer Zähne. Das ist die Macht des Eros.”

Am Ende dieser amerikanischen Jahre scheint es der Begriff des Nihilismus zu Ruhm gebracht zu haben und zu Irritationen, jedenfalls sieht Bellow das so, wenn er Jay Wustrin, den Ex von Amy, sagen lässt: „Sie fackelt nicht lange – sie ist eine echte Nihilistin. Das gibt sie selbst zu.” Merkwürdige Vorstellung von Nihilismus. Problemfrauen oder eben „Nihilistinnen” trugen eine Erregung in Jays Büro, die ihm wichtiger war als das Honorar. Solche Burschen scheitern dann eben. Männer, die Nihilismus als sexy empfinden und glauben, „ dass wahre Erotik sich immer über Tabus hinwegsetzt. … Sehr sinnliche Männer sind ja oft dumm, und gemeinsame Dummheit ist eine bedeutende Kraft, wenn sie in der Sprache der Unabhängigkeit oder Befreiung ausgedrückt wird. Die Wirkung solcher Männer dringt direkt in die Gefühlsschichten einer Frau, die unter der Klugheit liegen.”

Richtig. Stichhaltig ist das alles nicht, aber amüsant und anregend. So schrieb eben der Mann, der sich diesen seltsam eingedrückten Hut aufsetzte. Er wollte seine Ideen auf die Probe stellen, in diesen späten Novellen von Millionären, Nihilisten, Dekadenten und Menschen, die von ihrer Liebe förmlich gelähmt sind.

„Eine Wolke, groß wie England, war soeben über die Sonne gezogen.”