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Archive for April 2015

… und zogen sich selbst die Lederhosen aus

Der Weg zum Tor und zum Sieg ist mit guten Vorsätzen, Taktikanweisungen, aber auch mit Glück tapeziert. In den Gärten der Welt, Berlin-Marzahn

Der Weg zum Tor und zum Sieg ist mit guten Vorsätzen und Taktikanweisungen, aber auch mit Glück tapeziert. In den Gärten der Welt Berlin-Marzahn

Ich habe auch nicht verstanden, warum Peter Gagelmann Bayern München im DFB-Pokal-Halbfinale den Bayern einen klaren und zwei erwünschte Elfmeter versagte. Am Ende hab ich es dann kapiert: Der Mann ist nicht nur Schiedsrichter und Verwaltungsangestellter, sondern auch ein Seher. Offensichtlich sagte ihm sein siebter Sinn, dass die stolzen Bayern an diesem Abend keinen Elfmeter verwandeln würden. So wollte er ihnen depressive Stimmungen nach einem verschossenen Elfmeter ersparen, die vermutlich schon in der offiziellen Spielzeit zu einer Niederlage geführt hätten.

Unbestreitbar war das Spiel ein großes Spektakel, und wir können uns freuen, dabei gewesen zu sein, am TV-Gerät. Dortmund verteidigte hoch, eroberte viele Bälle, griff aber halbherzig und uninspiriert das Bayern-Tor an. Das war nicht die Borussia, die wir mit echter Liebe bedenken konnten, und es sah ganz so aus, als hätte Jürgen Klopp keine Spielidee mehr für sein Team.

Aber dann. Dann wechselte der wieder ziemlich epileptische Guardiola (auch wenn diesmal seine Hose nicht riss) falsch ein und aus. Um den BVB zu erschrecken, brachte er das Phantom Robben, der nach Verletzungspause keine Spielpraxis hatte, auf der ungewohnten Position in der Mitte nichts zustande brachte und sich abermals verletzte. Dann unterlief Marcel Schmelzer das Handspiel im Strafraum (nun gut, wir hätten früher beim Kicken Sackschutz gesagt und auch keinen Strafstoß gegeben, er hatte die Hände vor dem schützenswerten Geschlechtsteil, aber diese Regel gilt heute nicht mehr). Der Seher Gagelmann gab diesen Elfer nicht, und die Dortmunder sagten sich: Hoppla, wir werden ja heute gegen die Bayern mal nicht benachteiligt, und spielten anschließend wie befreit auf. Dann wechselte Klopp richtig ein bzw. aus. Für den etwas fahrigen Kagawa kam der in dieser Saison extrem glücklose Mkhitaryan und brachte frischen Mut und frische Ideen ein. Dann wechselte Klopp den echt wirkungslosen Stürmer Aubameyang nicht aus und hatte auch damit recht, denn der machte das 1:1, das die Bayern schockierte.

Ich glaube nicht, mich zu täuschen, wenn ich sage, dass ich in der Verlängerung auf den Gesichtern einiger Dortmunder Spieler ein Lächeln sah. So kam es schließlich zum Elfmeterschießen, das ich (als Zuschauer) unbedingt vermeiden wollte, weil ich dachte, die Dortmunder Schützen werden zu viel Respekt vor Welttorhüter Neuer (so nennt man ihn ja gern) haben. Aber es kam anders. Die Bayern waren gehemmt, weil sie Dortmunds zweiten Torwart Langerak zu wenig kennen und einschätzen können. Sie zogen sich gleichsam selbst die Lederhosen aus. Die Initialzündung gab Philipp Lahm, der beim Schuss mit dem Standbein wegrutschte und den Ball in die Wolken schoss. Gündogan verwandelte für Dortmund mit dem Strahl von einem Schuss. Alonso fühle sich von Lahm eigenartig inspiriert und imitierte das Wegrutschen des Standbeins. Der alte Kehl schickte Neuer cool in die falsche Ecke. Dann kam der Ex-Dortmunder Götze, man muss ihn nicht Verräter nennen, aber seinen Elfer hielt Langerak souverän, so, wie Neuer den gewiss nicht schlecht geschossenen Elfer von Hummels hielt. Und nun, zum möglicherweise entscheidenden Elfmeter, trat der Münchner Torwart Neuer selbst (und selbstbewusst) gegen den Dortmunder Torwart Langerak an. Er holte aus und traf die Latte. Vier Münchner Elfmeter, kein Tor. Dortmund war im Finale, das ersehnte Triple der Bayern unerreichbar.

Mir fiel noch ein ( das war aber Quatsch), dass Neuers verschossener Elfmeter die gerechte Strafe war für seine Proteste gegen das Dortmunder Gegentor. Er hielt den Schuss von Aubameyang klar einen halben Meter hinter der Linie und behauptete mit rudernden Armen, dass er ihn vorher abgewehrt habe. Das war ein dreister Betrugsversuch. Auf sowas ist schon mancher Schiedsrichter reingefallen. Gagelmann gestern nicht. Er ist nicht nur Schiedsrichter, Verwaltungsangestellter und Seher, sondern auch Romantiker. Er fände es schön, wenn der scheidende Trainer Klopp noch einmal mit dem Laster um den Dortmunder Borsigplatz führe, mit dem Titel des Pokalsiegers in der Tasche.

Last Day

Bäume im Museumsgarten – auch eine Ensembleleistung  © Fotos: Fritz-Jochen Kopka

Bäume im Museumsgarten – auch eine Ensembleleistung
© Fotos: Fritz-Jochen Kopka

Es war der letzte Tag des Besuchs. Unser Gast hatte Tickets für ein Kammerkonzert im Jüdischen Museum bestellt, das in der Reihe „intonations” des Jerusalem International Chamber Music Festivals stattfand an einem Sonntagmorgen um elf. Nicht schön, wenn am Sonntag der Wecker klingelt, aber auch kein Drama. Wir hatten den Metallkoffer des Gastes dabei und damit auch den Zweifel, ob wir mit Gepäck überhaupt ins Jüdische Museum eingelassen würden. Aber das war kein Problem. Die Sicherheitsvorkehrungen entsprachen denen eines Flughafens. Der Koffer wurde aufs Laufband gelegt, geröntgt und ging glatt durch. Vorher gab es Ärger in der Schlange vorm Eingang. Eine Wilmersdorfer Witwe kam frisch vom Friseur, schwenkte ein Ticket und ließ alle Welt wissen, dass sie ins Konzert wolle. Ich habe mich persönlich informiert. Konzertbesucher können durchgehen. Ja, wie denn. Wir sind auch Konzertbesucher. Und die Leute vor uns auch. Dann hätten Sie sich informieren müssen, sagte die Wilmersdorfer Witwe. Warum informieren Sie sich nicht. Sie kam an zwei Personen vorbei, aber dann musste auch sie warten wie alle, obwohl sie bestens informiert war. Wir leben in einer Informationsgesellschaft mit allen Vor- und Nachteilen.

Wie aus einem Innenhof ein Auditorium wird

Wie aus einem Innenhof ein Auditorium wird

Das Konzert fand im gläsern überdachten Innenhof des Museums statt, ein eindrucksvoller Raum, aber vielleicht doch zu groß für ein Kammerkonzert, wie das Konzert auch zu lang sein würde. Ein Kammerkonzert sollte nicht länger als anderthalb Stunden währen, sagte ein Bratschist, sie planen hier immer zu lang. Es war noch Zeit. Wir gingen in den Garten mit seinen eindrucksvoll verknoteten Baumkronen und warteten auf ein Kammerkonzert, das eindeutig zu lang sein, aber eine Fuge von Bach, eine Violinsonate von Schumann, ein Klaviertrio von Beethoven, ein kurzes Stück von Elliott Carter und ein Streichquintett von Schubert bieten würde sowie eine Pause zwischen Beethoven und Carter. Noch bevor es losging, erblickte ich die wichtige, gebeugte Gestalt eines ehemaligen Staatsministers, der von zwei handfesten Damen in schwarzen Gewändern betreut wurde und in den vorderen Reihen Platz nahm. Das Festival widmete sich in diesem Jahr dem Spätwerk ausgewählter Komponisten. „Wie verhalten sich das Spätwerk, die Kontinuität und das Altern zur ›ersten Idee‹, der Innovation oder dem Traditionsbruch des noch jungen Künstlers?”, fragte Elena Bashkirova, die Künstlerische Leiterin von „intonations”, im Programmheft. Künstler der jüngeren, mittleren und nachmittleren Generation spielten, Streicher, Bläser, Pianisten und Notenumblätterer. Der musikalische Laie verliert sich beim Zuhören schon bald in peripheren Details. Warum steht für Pianisten ein Notenumblätterer zur Verfügung, für Streicher aber nicht? Warum müssen die Noten der Pianisten viel häufiger umgeblättert werden als die der Streicher? Ist es tatsächlich so, dass die Komponisten es schon immer liebten, ein Spiel mit dem Schlussakkord zu treiben? Den Schlussakkord zu avisieren, ihn zu verwerfen, einen neuen anzubieten, auf den alten zurückommen, noch mal verschieben? Und wenn es so ist, was sagt das dann? Dass es uns schwerfällt, aufzuhören, ein Ende zu finden? Dass wir an diesem Thema hängen, an diesem Musikstück, an dieser Phase unseres Lebens, an diesem Leben? Die Sonne stand auf dem Glasdach und heizte uns ein. Einige ältere Herren entledigten sich des Jacketts und legten es sorgfältig zusammengefaltet über die Knie. Dieser oder jener Musiker hatte ein extra großes und extra reines Taschentuch dabei, um sich zwischen den Sätzen die Stirn abzutupfen.

Schlussakkord. Das Konzert war zu lang, aber zu gut, um für zu lang gehalten zu werden

Schlussakkord. Das Konzert war zu lang, aber zu gut, um für zu lang gehalten zu werden

Für den musikalisch Ungebildeten ist stark stimmungsabhängig, wovon er träumt, wenn er Musik hört, wofür er entflammt. Meine Favoriten an diesem Vormittag waren Beethoven und die Cellistin Marie-Elisabeth Hecker, deren Ton meine Gefühle traf; und das Klaviertrio von Beethoven (B-Dur, op. 97), es war so vielfältig, so abwechslungsreich, voller Humor, voller Leichtigkeiten, die sich mit Schwermut abwechselten, ich wusste ja nicht, dass Schuberts Streichquartett (C-Dur D 956) das sicherlich bedeutendere Werk ist, und das war auch gut so. Wir Laien haben manchmal größere Freiräume als die Profis. Das Konzert war vorbei. Eine Stunde Überlänge, die sich gut ertragen ließ. Unser Gast stieg ins Taxi zum Hauptbahnhof. Eine knappe Woche war vorbei. Wir hatten viel erlebt.

Ran an die Buletten

April 27, 2015 2 Kommentare
Ob man davon Heuschnupfen kriegt?

Ob man davon Heuschnupfen kriegt?

Der letzte Tatort aus Leipzig mit den Kommissaren Keppler (Martin Wuttke) und Saalfeld (Simone Thomalla) ist angeblich der mit Abstand beste der Reihe gewesen. Ein Quantensprung. Ja, klar, das ist ein beliebter journalistischer Topos, das vielfach Kritisierte, Verspottete wird plötzlich Klasse, wenn das Ende angesagt ist. Ich möchte behaupten, dieser letzte Leipziger Tatort, „Niedere Instinkte”, war noch abenteuerlicher als die Vorgänger. Zu den im Titel angesprochenen niederen Instinkten mag auch gehört haben, dass die Autoren, die sich um die Kieler Borowski-Tatorte verdient gemacht haben, offenbar der Meinung waren, dass sie nicht fehlgehen in der Annahme, in Leipzig seien überwiegend Bekloppte und Psychopathen zu Hause, und da dürfen auch die Kommissare keine Ausnahme machen. Wuttke spricht gleich am Anfang apokalyptische Parolen in den Kühlschrank, seine Wohnung säuft ab, er tritt in Hundescheiße, stürzt häufig zu Boden, wird bei einer Drehbewegung eines Einvernommenen k o geschlagen, er halluziniert, er schleppt den Gestank der Hundescheiße mit sich herum, aber all das hindert ihn nicht daran, plötzlich auf dem Dach in der Rolle des Heilands aufzutreten und zu missionieren.

Aber worum geht es eigentlich. Um ein durchgeknalltes Leipziger Paar, das ein Kind klaut, weil es selber kein Kind kriegen kann. Auch ist der Mann stark von Heuschnupfen geplagt. Das gestohlene Kind wird in einem liebevoll ausgestatteten Kellerraum versteckt und verwöhnt. Der Mann kriegt neben dem Heuschnupfen noch Gewissenbisse und Fracksausen. Schatz, geht’s dir besser, fragt die Frau aufmunternd am Telefon, geh unter die Dusche, ich mach uns Buletten. Immerhin ist das Paar dann verrückt genug, sich selbst zu erledigen.

Nun gibt’s aber noch den Fall Keppler/Saalfrank, die mal verheiratet waren und ein Kind verloren. Sie haben in allen Folgen rumgezickt und rumgemuffelt. Kommissar Keppler wird irgendwie immer kleiner, während Saalfrank ihr Volumen vergrößert. Die Krise spitzt sich zu. Du Lady Macbeth!, giftet Keppler. Oh, wir machen auf Kultur!, höhnt Saalfrank. Fuck you, Medea, flucht Keppler. Die Liebesgeschichte zwischen diesen beiden Unglücksraben – interessiert die eigentlich irgendeine Sau? Ich glaube nicht. Bye, bye, Leipzig.

Erwartung? Enttäuschung?

Der Rohbau des Nachbaus des Stadtschlosses in Berlin

Der Rohbau des Nachbaus des Stadtschlosses in Berlin

Die fröhlichste Baracke des Kapitalismus wird das wahrscheinlich nicht werden …

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Randlage mit Blumen

Straßburg. Auf dem Weg zum Europarat? © Christian Brachwitz

Straßburg. Auf dem Weg zum Europarat?
© Christian Brachwitz

Wenn das Straßburg ist, dann sind wir von Straßburg enttäuscht, und es ist Straßburg. Die Europastadt. Die Kirchenstadt (der Straßburger Münster ist so berühmt wie der Kölner Dom). Die Weltkulturerbestadt. Die Stadt mit dem Spanferkelmarkt. Vier- und fünfstöckige Fachwerkhäuser im alemannisch-süddeutschen Stil in der von der Ill umflossenen Innenstadt.

All das. Aber auch die schönste Stadt hat ihre abgehängten Quartiere. Das ist ein Natur- und Menschengesetz. Du siehst es in deinen eigenen vier Wänden. Irgendwas vergisst du immer, irgend etwas fristet ein kümmerliches Dasein, da bist du betriebsblind, und es muss erst ein Fremder kommen und sagen, was ist das denn? Die Kraft reicht nie für alles. Wer sich damit abfindet, macht sich nicht verrückt. Wir kennen das alles. Den trostlosen aufgegebenen Laden, den Torweg im ewigen Halbdunkel, den man lieber nicht betreten möchte, den Mann mit Krücke und Hut, der trotz seiner vorrübergehenden Beeinträchtigung im guten Fitnesszustand und augenscheinlich leicht erregbar ist. Die Blumentöpfe an den Fenstern. „Wir fangen noch mal an. Wir geben nicht auf. ” (Was ein Zitat von Lars Gustafsson ist.)

Dritter Tag

Kino zu Hause

Kino zu Hause

Zu den Nachrichten aus der Provinz gehört, dass sie dort keine guten Filme mehr zeigen. Nur Blockbuster, und wenn’s hochkommt „Ziemlich beste Freunde”. Sie können es sich nicht leisten, dass sich in ihren Sälen wenige Leute einen vielleicht abgehobenen Film ansehen. Aber in dieser Woche war im Kino in Berlin auch nicht viel los, und warum sollen wir uns einen mittelmäßigen neuen Film ansehen, wenn wir die guten älteren Filme zu Hause haben und dabei Rotwein trinken können.

Wir legten mehrere DVD vor, und unser Gast wählte „Man muss mich nicht lieben”, die Geschichte des freudlosen, mürrischen Gerichtsvollziehers Jean-Claude (Patrick Chesnais), der einmal ein Tennis-Ass war, aber nun aus Bewegungsarmut auf den Infarkt zusteuert. Zu seinem Leben gehört der schüchterne Bruder und der im Altersheim lebende Vater, der Jean-Claude bei seinen sonntäglichen Besuchen mit seiner Übellaunigkeit foltert. Eine ausweglose Existenz. Ein Gesicht, das keine Regung, schon gar kein Lächeln kennt. Aber da Jean-Claude sich bewegen muss, wenn er nicht ganz sterben will, nimmt er an einem Tango-Kurs teil, und das kleine Wunder geschieht. Francoise (Anne Consigny), die Frau mit dem mädchenhaften, aber auch leise insistierenden Charme, tanzt am liebsten und dann nur noch mit dem grämlichen Jean-Claude, und den beiden gelingt der Tango, man kann auch sagen, das Zusammensein. Aber das Leben hat längst andere Weichen gestellt. Francoise bereitet sich auf die Hochzeit mit dem verkannten Dichter Thierry vor, und eigentlich kann sie sich selbst nicht erklären, was mit ihr los ist. Nur Jean-Claude, dessen Panzer gerade aufbrach, fühlt sich betrogen und ist nun mehr denn je überzeugt, dass er nicht lächeln und nie mehr tanzen kann im Leben. Wenn nicht seine an der Tür lauschende Vorzimmerdame wäre, die ihn darüber aufklärt, dass Frauen manchmal Dinge sagen, die sie überhaupt nicht meinen.

In der letzten Sequenz führt der Tango Francoise und Jean-Claude wieder zusammen; es ist ein Tanz, von dem man denkt, dass er ewig dauern kann.

Das ist ein Film von 2005, und es ist das Spielfilmdebüt von Stéphane Brizé. Kaum glaublich, dass ein Debütant einen vollkommenen, uneitlen Film drehen kann, der mit seiner Melancholie glücklich macht, den Gast und uns.

Am zweiten Abend wählt der Gast „Mondsüchtig” aus. Als der Film 1987 erschien, hat sicher niemand gedacht, dass diese Komödie, die im Milieu der Italoamerikaner in New York spielt, noch fast dreißig Jahre später so frisch sein würde, dass man sie jeden Monat einmal anschauen kann, ohne sich zu langweilen, auch wenn Cher damals den Oscar als beste Hauptdarstellerin und Olympia Dukakis für die beste Nebenrolle gewann. In diesem Film hat auch noch die kleinste Randfigur eine besondere Geschichte, und die Leute beglücken und nerven sich mit ihren Lebensweisheiten, auch wenn sie nicht immer so drastisch sind wie diese: „Scheiß nicht dort, wo du isst.”

So weit ich weiß, hat der Regisseur, Norman Jewison, nie wieder einen vergleichbaren und vergleichbar guten Film gedreht. Das ist ja auch klar. Um einen solchen Film zustande zu bringen, brauchst du eben auch Glück, und so viel Glück hat man beim Film nur einmal.

Ein Gast in unserer Hand, zweiter Tag

April 22, 2015 1 Kommentar
Chinesischer Garten. Nachts kann man den Mond mit der Mütze aus dem Wasser schöpfen Fotos © Fritz-Jochen Kopka

Chinesischer Garten. Nachts kann man den Mond mit der Mütze aus dem Wasser schöpfen
Fotos © Fritz-Jochen Kopka

Der Ruhm der Gärten der Welt von Marzahn ist auf seltsamen Wegen bis in die ostwestfälische Provinz gedrungen. Da bestehen nun dezente Begehrlichkeiten unseres Gastes. Wir benötigen Tram, U-Bahn und Bus, um in die Eisenacher Straße zu gelangen, und es wäre ein Wunder, wenn alle drei Verkehrsmittel funktionierten. In diesem Fall ist es die U-Bahn, die Ärger macht. In einem der altersschwachen Wagen dampft es; da muss jetzt erst mal die Feuerwehr nachschauen. Wie soll man denn in Berlin jemals pünktlich sein, ächzt unser Gast; aber wir sind pünktlich, und in den Gärten der Welt steht ein Führer (ja, das heißt hier so) für uns bereit, entschuldigt sich, dass er gerade ein Hustenbonbon in den Mund gesteckt hat und meint, dass wir mindestens zwei Stunden brauchen werden; auch wenn’s ziemlich kalt ist an diesem Apriltag in Berlin.

Harmonie und sanfte Schwünge

Harmonie und sanfte Schwünge

Ich vermute, dass dieser Vertreter der Silver Generation Kurse in Menschenführung und suggestiver Einflussnahme absolviert hat. Er tritt nah an uns heran, blickt uns lange tief in die Augen und versucht, seine Monologe durch dialogische Einsprengsel aufzulockern. Zur Vorgeschichte erfahren wir, dass diese Flächen 1987 als Park angelegt wurden, um den Bewohnern des kompakten Marzahner Betons einen grünen Ausgleich zu schaffen; Platz war ausreichend vorhanden, und als erst mal der erste Garten geschaffen war, meldeten sich Chinesen, Japaner, Koreaner und andere Nationalitäten mehr oder minder von selbst, um Zeugnisse ihrer Gartenkultur einzubringen.

Fern der Wüste – orientalischer Garten

Fern der Wüste – orientalischer Garten

Wir halten am Orientalischen Garten, erfahren einiges über die Bedeutung des Wassers im Orient und erhalten neue Sichten auf Judas, den man nicht negativ sehen darf, weil er doch eine historische Mission zu erfüllen hatte. Das nenne ich mal weit ausholen.

Blüten der Zierkirsche auf Wasser und Wiese – weite Interpretationsräume

Blüten der Zierkirsche auf Wasser und Wiese – weite Interpretationsräume

Kern unserer Exkursion werden die asiatischen Gärten sein, Taoismus, Yin und Yang, Harmonie, ostasiatische Mythologie und Philosophie, Laotse und Konfuzius. Wasser ist Leben, das Wasser ist ein Weiser, das Wasser schießt dahin, beruhigt sich, wird langsam und träge, kommt zum Stehen und fließt erneut wie selbstverständlich und unaufhaltsam dahin. All das ist keine oder jedenfalls nicht nur Theorie, unser Führer zeigt uns die Belege in den Gärten und versäumt es nicht, gelegentlich zu sagen: Das ist schon hohe Kunst, das ist die Hohe Schule.

Japanischer Garten. Steine können wie Wasser sein

Japanischer Garten. Steine können wie Wasser sein

Zweites Hauptthema sind die Steine. Steine, wie wir sie überall in diesen ostasiatischen Gärten sehen, die Steine leben, sie ähneln, wenn man seine Phantasie bemüht, Tieren, sie stehen in bestimmten, harmonischen, Beziehungen zueinander; man kann durch manche hindurchsehen, sie tragen Einkerbungen, Linien, die für die Phasen des Lebens stehen. Und auch, wenn unser Führer einige original chinesische Sätze zu sagen weiß, so drängt sich doch der Eindruck auf, dass wir die ostasiatische Philosophie nur punktuell und oberflächlich erfahren können.

Am Ende sind wir durchgefroren und stellen erstaunt fest, wie viel man über Gärten erfahren, ohne über Pflanzen, Blumen und Böden zu sprechen. Darauf trinken wir einen Kljukorka, den russischen Moosbeerenlikör.