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Die Metaphysik der Bäuche

Die Vielfalt in der Einfalt
© Christian Brachwitz

Es wird auch wieder Sommer werden wie hier in den Republiksjahren in Havelberg, wir werden Volksfeste feiern, die Sonne wird uns auf den Pelz brennen, wir werden unsere Hemden ausziehen und uns bräunen, wir werden es vielleicht auch lassen, je nachdem. Ja. Je nach Bauch. Je nach Bauch werden wir die Hemden lieber anlassen, vielleicht auch die Pullover. Die Metaphysik der Bäuche. So wie die Sachsen nicht wissen, dass sie sächsisch sprechen, so wissen die meisten Männer nichts von der Dimension ihrer Bäuche, die auch Wampe oder Mollenfriedhof genannt werden. Wenn man sich aufrecht hält, wenn man taktisch geschickt atmet, hat kein Mensch einen Bauch. Bis auf wenige Ausnahmen, halblinks und ganz links im Bild. Im Gegensatz zu den sportlichen Typen ignorieren diese Männer die Kamera, als könnte man sie nicht sehen, wenn sie wegschauen. Da stand die Alternative volle Pulle Bier oder flacher Bauch. Den einzigen Sport, den so einer noch betreibt, nennt er einarmiges Reißen. Der Bauch versteckt sich lange, und wenn er nicht mehr wegzuleugnen ist, ist es zu spät. Er hat auch was Pornographisches; wie eine Erektion.

Als wir noch Studenten waren, traten wir in einer Reihe zur vormilitärischen Ausbildung an. Die Sonne knallte. Unsere Hemden durften wir ausziehen. In der Formation dünner Jünglinge Männer ragte ein Bauch heraus. Der Bauch unseres passioniertesten Biertrinkers. Der Bauch schämte sich und zitterte. Er versuchte zu verschwinden, aber es war nicht möglich. So lange kann keiner die Luft anhalten.

Es gibt auch Männer, zu denen ein Bauch passt. Die werden erst authentisch, wenn sie endlich einen Bauch haben. Aber dieses Glück ist nur wenigen beschieden.

Frauen haben keine Bäuche. Klar, sie trinken kein Bier, und den Rest besorgen die Mode und die Textilindustrie.

Ganz hinten links in Bild die Fahne der Republik. Es geht kein Wind, und sie weht doch.

Vater, Mutter, Sohn

Mit diesem Buch bin ich Richard Ford ein ganzes Stück näher gekommen

An den Büchern von Richard Ford, die in meinem Regal stehen, fällt mir beiläufig auf, dass ich sie alle nicht zu Ende gelesen habe. Das ist eine Verfahrensweise, mit der ich jetzt brach. Es geht um ja auch um ein dünnes Buch, „Zwischen ihnen”, das heißt, Ford schreibt über seinen Vater und über seine Mutter, das überschneidet sich an einigen Stellen, und „Zwischen ihnen” heißt nicht, heißt sogar auf keinen Fall, dass die Fords eine zerstrittene Familie gewesen wären, Vater und Mutter liebten sich und sie liebten ihren spät geborenen Sohn. Richard kam zur Welt, als die Mutter 33 und der Vater 39 Jahre alt war. Das Paar hatte sich mit einem Leben ohne Kind arrangiert, und dieses Leben mussten sie umbauen, als sie dann doch Eltern wurden.

Der Vater ist Handlungsreisender, aber nicht so ein verhängnisvoller, wie er bei Arthur Miller im Drama steht, sondern ein großer, argloser Mann, „breit lächelnd, als hätte er gerade einen guten Witz im Sinn”. Er verströmte keine Stärke. „Sondern vielmehr etwas noch nicht auf die Probe Gestelltes”. Seine Frau, „klein, kurvig, humorvoll”, hatte er auf seine Touren mitgenommen, sie waren immer unterwegs, lebten in Hotels – das war mit Sohn Richard nicht mehr zu machen. Da gab’s dann den festen Wohnsitz, der Vater, Parker Ford, fuhr Montags los und kam Freitagnachmittag zurück mit großen Paketen mit Shrimps, Tamales und Austern, die Dünste zogen verheißungsvoll durch den Raum. „Festlicher kann das Leben nicht sein”.

Das Einzugsgebiet des Handlungsreisenden ist der Südosten der USA, Louisiana, Mississippi, Alabama, Arkansas, ein bisschen Tennessee, ein Stückchen Florida, eine Ecke Texas. Pathos sucht man in der Familie Ford vergeblich, Gefühlsausbrüche sind äußerst selten, Verlässlichkeit immerfort vorhanden.

Richard Ford fragt ganz nüchtern, was er von seinem Vater, der starb, als der Junge 16 war, gelernt habe, also was Parker ihm beibrachte. Und er sagt, übrigens ohne Bedauern, dass das nicht viel war. Fahrradfahren, Benzin sparendes Autofahren, das Funktionieren der Gangschaltung bei seinem 3-Gang-Ford Coupé. Verkaufen hätte er von ihm lernen können, das war die Passion Parker Fords, damit war er zufrieden, er strebte nach nichts Höherem, und das ist eben auch etwas, was zu lernen nicht so unwichtig ist. „Verkaufen war perfekt für ihn … Offenbar war er genau da, wo er hingehörte …”

Der zweite Teil des Buchs gehört der Mutter. Nach dem Tod ihres Mannes muss sie sich einen Job suchen, Geld verdienen. Sie arbeitet in einem Hotel, in einem Krankenhaus. Sie bekommt alles auf die Reihe, zeigt keine großen Gefühle und verlangt auch von ihrem Sohn keine großen Gefühle. Doch die Nähe zwischen beiden ist umso enger, auch wenn Richard weggeht zum Studium, auch, wenn er heiratet. Seine Ehe bleibt kinderlos, wie ja auch die Ehe seiner Eltern um ein Haar kinderlos geblieben wäre, und auch das hält seine Mutter ihm nicht vor.

Ich bin so alt wie Richard Ford. Meine Mutter war so alt wie seine Mutter, mein Vater so alt wie der seine. Da haben wir zwei Leben, die sich vergleichen lassen, eines in Amerika, eines im Osten Deutschlands. Auch das bietet Literatur. Ich habe meinen Vater nie bewusst gesehen, er kam aus dem Krieg nicht zurück, in den Fords Vater wegen seiner Plattfüße und Herzgeräusche nicht ziehen musste.

Ich wundere mich, dass Ford so wenige Ereignisse, so wenige Geschichten erzählt; es geht viel um Stimmungen, Vermutungen, Situationen, Bilder. Und viele, viele Fragen. Zweifellos hätte Ford leicht einiges erfinden können, um das Buch kompletter zu machen. Dass er es nicht getan hat, muss man als Tugend sehen.

„… es wäre unrecht, wenn ich ihm etwas zuschreiben würde, was ich gar nicht weiß. Meinem Vater. Dass wir das Leben unserer Eltern nur unzureichend erfassen, sagt nichts über ihr Leben aus.”

Richard Ford, Zwischen ihnen. Aus dem Englischen von Frank Heibert. Hanser Berlin

 

Klare Kante

Arendt & McCarthy – wahre Frauenfreundschaft

Was mir am Briefwechsel zwischen Hannah Arendt und Mary McCarthy des weiteren auffiel: Die starken Frauen, die sie sind, reden oft mit charmanter Herablassung über große Männer. Das hängt sicher damit zusammen, dass sie die sogenannten großen Männer aus nächster Nähe kennen, wo die sich dann wohl als ziemlich gewöhnliche Männer entpuppen, ist ja klar.

Hannah Arendt war die junge Geliebte von Martin Heidegger und in erster Ehe mit Günther Anders verheiratet. Mary McCarthy war zwischenzeitlich die Frau Edmund Wilsons.

Mit Vorliebe knöpfen sie sich Saul Bellow vor, einen meiner Heroes. Seine Romane lesen sie mit stolzer Distanz (aber sie lesen sie).

„… Saul Bellow war hier, mit Sohn und Hund, ebenfalls nicht sehr freundlich”, schreibt Mary (10. August 1954, Wellfleet, Massachusetts). Wenn er freundlich gewesen wäre, hätte es ihr auch nicht gefallen. „Sah wenig von Bellow, sein Schwiegervater liegt im Sterben. Aber ich vermute, dass wir wieder gute Freunde sind”, schreibt hingegen Hannah 1964 aus New York.

Die Beziehungen sind kaum je konstant, denn schon 1965 meldet sie: „Bellow habe ich ein- oder zweimal gesehen; ich habe den Eindruck, dass er mich meidet und belasse es dabei.” 1966 schreibt Mary aus Paris: „Wie ich höre, ist Saul wieder in schlechter Verfassung und greift das, wie er sagt ›amerikanische Establishment‹ an, womit er seine Kritiker meint. Er hielt einen {…} Vortrag in London, und das Publikum wurde gebeten, anschließend zehn (oder fünf) Minuten sitzen zu bleiben, damit ihn auf seinem Weg zum Fluchtauto niemand um ein Autogramm angehen konnte.”

Mary 1975: „Ich lese gerade Saul Bellows Buch (Roman) über Delmore {Schwartz}. Lizzie meint, es ist schrecklich, aber ich finde es viel besser als Mr. Sammler, eher wie ein sanfterer, ungeordneterer Herzog, der ja zum Teil auch schon formlos war. Die Abschnitte über Chicago sind wie immer gut, und das Buch scheint irgendwie aus der Nähe von Sauls Herzen zu kommen, statt aus seinem schematischen, paranoiden Hirn … Praktisch jeder, den wir kennen, kommt in diesem Roman vor, in lächerlicher, kindischer Tarnung … Ich habe Dich oder mich noch nicht gefunden.”

Darauf Hannah: „Mit gefielen Deine Bemerkungen über Saul sehr. Es ist so viel besser, gut von ihm zu denken, nach all den Jahren, als er wirklich unerträglich war. Ich habe von anderen Gutes über sein neues Mädchen und seine Veränderung gehört.”

Und die nächste Kehrtwende, Mary: „Andererseits fand ich Saul Bellows Buch … viel schlechter, als ich bei meinem letzten Brief dachte. Der mittlere Teil ist der beste oder bessere. Ich bin neugierig auf die Besprechungen. Lizzie glaubt, sie werden sehr lobend sein, voll von männlichem machismo, wie sie es ausdrückt.”

Hannah Arendt zur Blechtrommel von Günter Grass: „Ich las sie vor Jahren auf Deutsch, und ich finde, es ist eine künstliche tour de force – als ob {Grass} alles an moderner Literatur gelesen und dann beschlossen hätte, sich einiges auszuleihen und etwas Eigenes zu machen.” Über Sartre: „Ich bin gerade mit Les Mots fertig – und war so angewidert, dass ich beinahe versucht war, dieses Produkt höchst komplizierten Lügens zu besprechen.”

6. 62, New York, Hannah an Mary, über Nabokov:

„Es gibt etwas an N., das mir zutiefst missfällt. Als ob er Dir dauernd zeigen wolle, wie intelligent er ist. Und als ob er von sich selbst in den Begriffen des ›intelligenter als‹ denkt. Es ist etwas Vulgäres in seiner Verfeinerung, und ich bin ein bisschen allergisch gegen diese Art von Vulgarität, weil ich sie so gut kenne, so viele Leute kenne, die unter ihrem Fluch stehen.”

New York, 21. 12. 68, Hannah an Mary:

„Hochhuth … Das neue Stück (Soldiers) ist wirklich ziemlich schlecht und er selbst, obwohl so ›aufrichtig und verbissen‹, leider nicht sehr intelligent. Ganz zu schweigen von begabt.”

Ich denke nicht, dass dies Sexismus von der anderen Seite ist. Es sind eher Streitlust und Kampfeseifer, es ist die Überzeugung, dass es keine unanfechtbaren Größen gibt und dass Bewunderung Zeitverschwendung sei. Sicher ist es auch die Quittung dafür, dass sich große Männer eher für die Köchinnen begeistern als für die Dramaturginnen. Und selbstverständlich bekommen auch die Frauen von Arendt und McCarthy ordentlich was auf den Deckel, am meisten Simone de Beauvoir.

Zuletzt noch ein Gruß aus Lago di Como, 22. 8. 72:

„Ich bin stolze, zeitweilige Besitzerin eines Schlafzimmers mit großer Terrasse zum See und eines Arbeitszimmers, auch mit Terrasse, zum Garten. Nun stell Dir vor, dass dieser Ort voll, aber keineswegs übervoll ist von Gelehrten, oder besser: Professoren aus aller Herren Länder – Frankreich, Deutschland, Italien und den Staaten, fast alle reichlich mittelmäßig (und das ist wohlmeinend formuliert), mit ihren Frauen, einige von ihnen sind schlicht verrückt, andere spielen Klavier oder tippen eifrig die Nicht-Meisterwerke ihrer Ehemänner.”

Hannah Arendt/Mary McCarthy: Im Vertrauen. Briefwechsel 1949 – 1975. Herausgegeben von Carol Brightman. Piper Verlag

 

 

 

Man darf ein Unrecht nicht auf sich beruhen lassen. Oder?

Kurz vor Ebbing, Missouri
© Fritz-Jochen Kopka

Sich nach dem Kino zu trennen und nach Hause zu gehen – das wäre kulturlos. Die Kneipe ist wie am Abend mancher Tage fast leer und ruhig. Wir bleiben für ein Stündchen und ein Bierchen zusammen, um über den Film und das Leben zu reden. „Three Billboards outside Ebbing, Missouri” Ist Mildred Hayes eine griechische Rachegöttin oder ein weiblicher Kohlhaas? Kohlhaas, der, wie Kleist ihn beschreibt, „einer der rechtschaffensten zugleich und entsetzlichsten Menschen seiner Zeit”, Mitte des sechzehnten Jahrhunderts, war. Entsetzlich, weil er mit einem Unrecht, das ihm zugefügt worden war, nicht leben konnte, ohne sich zu rächen. Das geht gegen sein Gerechtigkeitsgefühl und so, kann man folgern, gebiert schrankenlose Rechtschaffenheit die Entsetzlichkeit. Auch wenn es sinnlos ist und man alles zerstört – man kann ein Unrecht nicht auf sich beruhen lassen.

Mildred Hayes’ Tochter wurde vergewaltigt, ermordet, verbrannt. Monate vergehen, kein Täter wird gefasst. Man spürt keine Aktivität der Polizei. Da mietet Hayes drei Plakatwände außerhalb der Ortschaft und stellt dem Sheriff Willoughby in großen Lettern die Frage, was los ist. Das sieht nach einer ziemlich eindimensionalen Geschichte aus., aber so bleibt es nicht. Mildred Hayes ist eine einfache, vom Leben geprügelte Frau, pflegt eine ordinäre Sprache wie fast alle in Ebbing. Ihre Größe besteht in der Entschlossenheit, ihre festgefügten Moralvorstellungen durchzusetzen. Und wenn sie etwas durchsetzen will, bringt sie den Mut auf, das Geld, die Logistik und die Gnadenlosigkeit, die dafür notwendig sind. Sie weiß, dass Chief Willoughby ein guter Mann ist, aber er ist eben auch ein Staats- und Stadtdiener mit allen Beschränkungen, und sie kann ihn nicht schonen, auch wenn er auf Grund einer Krebserkrankung nur noch wenige Wochen zu leben hat.

Wir erleben das komplette Kleinstadtelend. Lebensdurstige und feige Jugendliche, verknöcherte Polizisten, untreue Ehemänner, Trinkerinnen, fette und denkfaule Zahnärzte, lebensfremd frömmelnde Pfarrer, raffinierte Zwerge, rührend dumme, aber doch bemühte Teenager. Neben vielem anderen ist die vielleicht größte Leistung des Films, dass er sein schier unmögliches Ziel erreicht: aus der negativsten Gestalt, Officer Jason Dixon, am Ende einen vielfach geschlagenen und verbrannten Hero zu machen, der neben Mildred Hayes bestehen kann. Und dass er seinen zweifelhaften Helden und auch uns noch eine Tür offenlässt. Zwei sich widersprechende Denkfiguren bleiben: Ein Unrecht, ein Verbrechen darf man nicht auf sich beruhen lassen. Und: Wut erzeugt immer nur noch größere Wut. Dazwischen soll eben eine Wahrheit liegen, der man sich nähern kann. Mehr nicht.

Frances McDormand ist Mildred Hayes, Sam Rockwell ist Jason Dixon, Woody Harrelson ist Bill Willoughby. Martin McDonagh, der Regisseur von „Brügge sehen und sterben” hat den Film gedreht. Es ist die erste Regiearbeit des Iren in Amerika. Eine schwarze Komödie soll das sein. Wir mussten tatsächlich öfter lachen, wegen dieser unzarten, witzigen Sprache, der überraschenden Wendungen im Verhalten der Protagonisten, lachen, obwohl das alles so verdammt ernst ist.

Gendarmerieinspektor im Ruhestand

Februar 5, 2018 2 Kommentare

 

Einsame Bäume gibt’s überall
© Fritz-Jochen Kopka

Alt, aber Polt. Ein Krimi auf Arte. Es ist weniger der Kriminalfall, es ist die Stimmung, die mich hineinzieht. Die leere Dorfstraße, die niedrigen Häuser, die trägen Automobile am Straßenrand, von mobil kann keine Rede sein. Irgendein landwirtschaftliches Nutzfahrzeug, das seinen Weg zieht. Ein Lebewesen aus Eisen. Ländliche Blasmusik in breiter, leicht ironischer Melancholie. Der kleine Laden deklariert sich als Kaufhaus. Alte Männer sitzen vor ihren Häusern und begrüßen alte Männer mit der Frage: Trinken wir was? Der selbst gekelterte Wein in den harmlosen kleinen Gläsern. Grüner Veltliner. Eine abgetakelte Tragödin ist ins Dorf gezogen, große Gesten und große Gefühle. Nur eine junge Frau schaut zu und die ist bald schon tot. Was auf den großen Bühnen nicht mehr funktioniert, funktioniert im Wiesbachtal erst recht nicht.

Kann es sein, dass ich hier nie ein Wort über Simon Polt, den Gendarmerieinspektor im Weinviertel, erfunden von Alfred Komarek, verloren habe? Es gab den Frühlings-, den Sommer-, den Herbst- und den Winterkrimi. Dann ging Polt in Pension, löste noch einen Fall. Jetzt sagt er, bin ich froh, dass ich mit all dem (dem ganzen modernen Zeugs) nichts mehr zu tun hab, und löst noch einmal einen Fall, den letzten wahrscheinlich.

Erwin Steinhauer ist Simon Polt. Die Ruhe, die Behäbigkeit, das Phlegma, durch die doch eine besondere Empfindlichkeit hindurchscheint. Die alten Männer spotten darüber, wie er mühsam aufs Fahrrad steigt. Ein Damenfahrrad empfehlen sie ihm, ein E-Bike. Nie und nimmer. Das ist ein Schwur, der nicht lange hält. Die Avancen der Tragödin (Iris Berben) weist Polt erschrocken zurück. Und doch hat er ein Herz für die trinkende Mimin. Er weiß, wie es den Einsamen geht. Die retten ein fast ersoffenes Kätzchen und haben wieder jemanden zum Reden. So viel Glück hat nicht jeder.

Wat mir ufffällt

Man kann sagen: Volkskunst
© Fritz-Jochen Kopka

Auf dem Bahnsteig die Plakatwand, man kann jetzt auch Billboard sagen (angeregt durch den Film, der gerade läuft) – da hat jemand mit unübersehbarer Sorgfalt auf der weißen Fläche gearbeitet, gezeichnet, geschrieben, SEX MIT DEM SOZIALARBEITER, das fällt noch am meisten auf, die Sonne macht meinen Kopf zum Teil des Plakats.

Auf dem Alexanderplatz fragt ein, ich sag mal, Dreizehnjähriger, bei dem der Stimmenbruch noch nicht begonnen hat den Fish ’n Chips-Verkäufer aufgeregt, ob er sich setzen dürfe, ohne was zu kaufen, er hat noch eine halbe Stunde Aufenthalt: Ist das in Ordnung? Der Verkäufer begreift erst mal nicht, dann willigt er ein, aber nichts verzehren, was er anderswo gekauft hat, bittet er sich aus. Was für ein wohlerzogener Junge, denke ich, so was kommt selten vor in diesen Tagen, kein Wunder, dass der Knabe nicht aus Berlin ist, und nun holt er auch noch ein Paperback (wenn es auch ein Thriller ist) aus dem Rucksack und liest. Um die Jugend ist mir nicht bange, aber um die Trinker, die sich wieder in der Ecke vor dem Bahnhof eingenistet haben mit vollen, halbvollen und leeren Flaschen und viel Abfall.

Mir fällt jetzt auch die Polizeiwache auf dem Alexanderplatz uff, in den Medien ist viel die Rede von ihr gewesen, sie soll nämlich dafür sorgen, dass es endlich ein Ende hat mit der Gewalt auf dem Alexanderplatz. Ein Polizist steht neben dem Bürocontainer und antwortet auf die nichtgestellten Fragen eines unbesorgten Bürgers. Drinnen sitzen die Bürokraten und genießen ihre geruhsame Tätigkeit. Uff fällt mir auch, dass der Alexanderplatz an diesem sonnigen Wintertag an den Rändern belebt ist, die beliebten Primarktüten werden gehalten, in der Mitte aber viel Leere zu bieten hat.

Fremde Friseure

Ich gehe bis zum Hackeschen Markt und weiter bis zur Joachimstraße, blicke durch Schaufensterscheibe einer fremden Friseursalons, dessen Coiffeure sich als Künstler zu verstehen scheinen und gehe in den meinen. Meinen Friseur seit zweieinhalb Jahrzehnten, meine Friseurin muss ich sagen.

Da fällt mir uff, dass sich der ehemalige Azubi Norman zum Kinder- und Jugendfriseur spezialisiert hat. Ja, sagt Deborah, die Kinder lieben ihn. Er hat auch immer was zu erzählen. Meistens fragt er sie, was sie zu Mittag gegessen haben, das haben sie schon wieder vergessen, und dann reden sie darüber, dass sie alle Stampfkartoffeln mögen.

Sie sprechen auf Augenhöhe, sage ich.

Ja, auf Augenhöhe.

In einer pinken Welt. Ausstellung von Stephen Prina: As He Remembered It

In der Karl-Marx-Allee fallen mir in einer Galerie eine Menge pinkfarbener Möbel und am Straßenrand lauter Kleinbusse uff. Was kann das sein? Hier wird wieder ein Film gedreht. Ja, bestätigt die Kellnerin, aber der Drehstab kommt nicht zu uns rein, sie trinken kein Bier, essen keine Bulette, gehen nicht auf die Toilette. Sie haben das alles selbst. Je mehr Busse, desto teurer der Film, sagt Verheugen.

Er hatte heute den Handwerker im Haus. Ihm fiel uff, dass der pünktlich um halb neun kam, hingebungsvoll arbeitete, die Entlüftungsanlage vom jahrzehntealten Dreck befreite und nicht mal ein Trinkgeld annehmen wollte. Ein junger Mann noch. Ich hätte gar keine Albträume zu haben brauchen, sagt Verheugen.

Gemeinschaftlich fällt uns uff, dass es ziemlich dekadent ist, wenn sich die Gesellschaft mit hochrotem Kopf über ein schönes, aber auch harmloses Gedicht streitet. Und dass Frauen wiederholt mit halbvollen Gläsern vor die Tür des Restaurants gehen und ihre Lullen durchziehen. Halbvolle Gläser. Halbvolle Gläser und halbvolle Frauen. Halbvolle Frauen. Halbvolle Frauen und halblange Lullen. Halbvolle Gläser. Halbvolle Gläser und halbvolle Frauen. Gläser und Frauen und Lullen. Und zwei Bewunderer.

Sonntag im Zehngeschosser

Januar 31, 2018 1 Kommentar

Am Fenster: kein Wochenende weit und breit
© Fritz-Jochen Kopka

Ich hasse Leute, die mir ein schönes Wochenende wünschen. Oder solche, die fragen, hast du ein schönes Wochenende gehabt? Wie hast du dein Wochenende gestaltet? Das soll wohl höflich sein, Aufmerksamkeit und so weiter. Für mich gibt’s kein Wochenende. Für mich sind alle Tage gleich. Da ist kein Unterschied.

Aber das liegt doch auch an dir! Du kannst doch …

Was kann ich denn? Ich kann gar nichts.

Doch. Das fängt schon mit dem Frühstück an. Zum Frühstück machst du dir ein weiches Ei.

Ich esse kein weiches Ei. Höchstens mal ein Rührei. Aber nicht am Wochenende. Verstehst du denn nicht. Für mich sind alle Tage gleich.

Oder du benutzt ein besonderes Geschirr. Ein anderes als das in der Woche. Als Beispiel sag ich mal Rosenthaler oder Zwiebelmuster.

Ich schmeiß dir dein Zwiebelmuster gleich an den Kopf. Sowas Schwuchtelhaftes.

Legst dir ’ne schöne Platte auf. Mozart. Beethoven. Gustav Mahler.

Mach mich nicht verrückt. Es gibt kein Wochenende. Es gibt keinen Grund für sonntägliche Gefühle. Ein Tag wie der andere.

Kauf dir einen schönen teuren Whisky, den du nur am Wochenende trinkst. Ich hab gerade gesehen bei Real. Glenfiddich Single Malt, fünfzehn Jahre alt, 34,99 Euro.

Halt den Mund. Davon verstehst du nichts. 34,99! Dafür krieg ich vier Flaschen Johnny Walker im Angebot.

Aber das ist nichts Besonderes. 34,99 für einen guten Tropfen, das ist nicht zu teuer. Du hast doch das Geld. Leiste dir was. Mach es dir ein bisschen schön am Wochenende. Kleiner Plausch mit den Nachbarn.

Ich will meine Ruhe. Ein Wochenende gibt es nicht. Verstehst du denn nicht …

’ne Dampferfahrt auf der Spree mit Reederei Riedel! Da siehst du an den Ufern, was sich alles getan hat in Berlin, trinkst ’n Bier, isst ’ne Bockwurst, bist unter Menschen!

Was? Ich sehe diese überfüllten Dampfer, was soll ich da, ich will das nicht.

Die sind gar nicht so überfüllt.

Was weißt du denn. Ich will mit diesen Touristen nichts zu tun haben, Touristen, Touristen, Touristen.

Und abends mal ins Konzert, in die Oper. Berlin hat so viel zu bieten, gerade am Wochenende. Kunstgenuss, verstehst du. Und du bist unter gebildeten Menschen, kommst ins Gespräch in der Pause oder hinterher, ein Gläschen Wein …

Ich halt’s nicht mehr aus. Warum tu ich mir das immer wieder an. Es gibt kein Wochenende! Und ich brauch auch kein Wochenende! Im Gegenteil.