Archiv

Autor-Archiv

Häusliche Gewalt

Es ist ja auch alles schon wieder viel zu trocken

A: Ich wollt nur mal sehen: Wie is’n die Luft draußen?

B: Windig.

A: Oh ja. Jetzt seh ich’s auch.

B: Du könntest mal wässern!

A: Oh Gott. Warum hab ich mein Zimmer verlassen.

Kategorien:Deutsche Grammatik Schlagwörter: ,

Die Quarantäne des Propheten

Hier dürfen wir auch nicht mehr spielen. (Nur zu Hause. Mit den Nerven unserer Eltern)
© FJK

Sätze, die uns die Seuche entlockt

Der Dichter bangt um seine Lesung. Kliniken und Supermärkte wappnen sich für ungemütliche Zeiten und aggressive Menschen. Häusliche Gewalt angekündigt. Darf nicht schließen, Lebensmittel. Jeder Tag! So viele Menschen! Ansteckung! Das ängstliche Gesicht des vietnamesischen Kleinhändlers. Als Prophet, der er ist, ging Verheugen schon vor vier Monaten in Quarantäne. Den Kranken geht es gut. Aber sie werden immer mehr. Verdienter Stubenhocker der Bundesrepublik Deutschland. Ein frühes Buch zur Seuche: Du musst dein Leben ändern. Peter Sloterdijk. Zwei desinfizierte Atemmasken aus Ägypten. Die Seuche wird so lange wüten, bis noch der Letzte kapiert hat, dass es nicht der Virus heißt, sondern das Virus. Der Augenblick verweilt, obwohl niemand ihn dazu aufgefordert hat. Einkaufswagen ist Pflicht, es sei denn man kommt mit Rollator oder Kinderwagen. Anderthalb Meter Abstand. Die Schlange zieht sich durch den ganzen Markt. Zeit spielt keine Rolle mehr. Ich bin des Hamsterns unverdächtig. Berühmt wurde ich als einer der letzten Deutschen, die noch beim Friseur waren. Sie hat schon selbstgeschneiderte Atemmasken verteilt, wir kriegen sie per Post. Man wacht mit Corona auf und geht mit Corona ins Bett. Nix schlimmer als Männer, die man zum Arzt tragen muss. Bruder beantragt Unterstützung in der Nacht um vier. Meine Töchter im Team-Meeting. Für die Schwester ändert sich nichts. Publikum bei Jauch. Sendung vor der Krise aufgezeichnet. Als irritierend darf in diesem Zusammenhang zur Kenntnis genommen werden, dass man Weinhandlungen als systemrelevant erachtet, während es vertretbar scheint, Buchhandlungen und Bibliotheken zu schließen. Der Mensch lebt nicht von Brot und Klopapier allein, er braucht auch geistige Nahrung! Dritte Woche ohne Tischtennistraining. Mein Level stürzt ab. Die Musikredakteure der Radiosender haben noch keine Einstellung zur Corona-Krise gefunden. Das ist doch die ganz normale Soße, das ist doch alles keine Seuchenmusik, was sie da spielen. Achtung! Corona-Aprilscherze werden weltweit streng bestraft.

Zitate: Spiegel online, Kleinhändler, Facebook, Deutscher PEN

Mythos Klopapier

Eben hab ich mich an Tommaso Di Ciaula erinnert, geboren 1941 in Adelfia bei Bari in Apulien. Nach menschlichem Ermessen müsste er noch leben. Arbeitete zwanzig Jahre als Dreher in der Fabrik. 1978 erschien „Tuta blu” (Der Fabrikaffe und die Bäume), in Deutschland bei Wagenbach und später bei Aufbau. Vorher hatte es schon einen Lyrikband gegeben. 1981 „Prima l’amaro, pol il dolce” (Das Bittere und das Süße). 2001 „Die Wasser Apuliens”. Anscheinend wurde er vergessen, bei Wagenbach ist nichts lieferbar. Äußerlich ein Mann mit einem Dickschädel und einem wilden Bart.

Umschlag des Almanachs (Ausschnitt)

In „Prima l’amaro” beschreibt Di Ciaula einen Mann, offensichtlich Di Ciaula selbst, der mit „seinem treuen Fahrrad” unterwegs zu den Leuten ist und nach dem alten Handwerk sucht, das unterzugehen scheint. Die letzten Männer und Frauen ihres Schlages. Sie haben hart gearbeitet, sie sind sich ihrer Sache sicher, sie wissen, was sie können und dass das, was sie können, nicht mehr viele können. Der neuen Zeit begegnen sie mit Skepsis. Man wird nicht mehr so hart arbeiten müssen, wie sie es mussten, aber ist damit wirklich etwas gewonnen? Di Ciaula trifft die Stickmeisterin, den Schmied, den Stuhlmacher, den Schuster (der noch Schuhe macht, nicht nur repariert), den Töpfer, den Leiterbauer, den Kräutersammler, den Scherenschleifer. Die Dorfbewohner erzählen dem Mann mit dem Fahrrad, wie sie ihren Tomatensugo machten, der über das ganze Jahr bis zur nächsten Ernte reichte, wie sie ihr Brot buken, ihren Wein einkellerten. „Wein ist hier die einzige Zuflucht. Er steht immer in Reichweite, damit man aus dem tagtäglichen Elend fliehen kann, der brutalen Plackerei, der Enttäuschung, den Schmerzen, der Ungerechtigkeit.” Erzählungen einer schweren, unvergesslichen Zeit.

Besser kann eine Geschichte kaum anfangen

Ich habe Di Ciaulas Text einst im Taschenalmanachvon Hannes Jähn für 1984, erschienen bei Zweitausendeins, entdeckt. Und aus aktuellem Anlass habe ich folgende Passage wieder herausgesucht, es geht um bestickte Leintücher, um das Waschen der Wäsche in den apulischen Dörfern mit einer aus Asche gewonnenen Lauge und Lorbeerblättern. Die Wäsche wurde in einen Tonbottich geschichtet: „Obenauf kamen die besonders empfindlichen Teile, Seide, weiße Herrenhemden, dann folgten von oben nach unten die weniger wertvollen Stücke und ganz unten gab man die einfachen Dinge hinein, die Gebrauchswäsche und die intimen Sachen, die Po-Tücher (es gab ja noch kein Klopapier, und an der Wand hing damals ein Lappen, den alle Familienmitglieder benutzten).” An der Wand ein Lappen …

An solche schrägen Details erinnert man sich, während in den Supermärkten und Drogerien die Schlacht ums Toilettenpapier tobt. In Bergneustadt bei Gummersbach setzte sich eine 54 Jahre alte Frau aufs Kassenband, weil man ihr nur eine Packung Klopapier verkaufen wollte. Man musste ihr Handschellen anlegen und sie zum Streifenwagen tragen. In Köln versetzte eine 69jährige dem Verkäufer, der sie am Hamstern hindern wollte, einen Schlag. Gegen sie wird wegen Körperverletzung ermittelt.

Sollen wir uns nun nach den alten Zeiten zurücksehnen, nach Po-Tüchern und dem ganzen Elend? Nee, sicher nicht. Aber diese Gier nach Klopapier ist schon irritierend, sicher ein erschöpfendes Thema für Psychologen eines Landes, in dem das Buch „Darm mit Charme” ein Sensationsbestseller war. Woher diese Panik? Es geht nicht um diesen Lappen, aber man wird sich doch zu helfen wissen.

„Viele Leute behaupten, dass früher alles besser war: die Preise waren niedriger, vor Krankheiten war man eher gefeit. Heute sind die Preise hoch, Krankheiten gibt’s zuhauf, und sexuell kann man sich auch nicht so austoben wie man sollte.” So steht’s bei Di Ciaula. Man wundert sich über den Sog alter Texte. Man möchte die Vergangenheit nicht wiederhaben. Und ist doch gerührt.

Nur das noch: Wie wird man den Deutschen heute in der Welt sehen. Er ist pünktlich, diszipliniert, ein guter Facharbeiter, ein cleverer Ingenieur und verrückt nach Klopapier. Und wenn nicht er, dann seine Frau. Dazu noch mal Ciaula: „Hier unten im Süden verlieren die Frauen, besonders die Bäuerinnen, sehr schnell jeden Anschein von Fraulichkeit und Anmut. Die harten, oft unmenschlichen Anstrengungen der Feldarbeit zehren sie aus, machen sie gefühllos, geizig, bösartig, gehässig, nehmen ihnen auch den letzten Rest von Sinnlichkeit, und ihre Männer müssen sich mit ›Handbetrieb‹ begnügen, das heißt: sie onanieren.”

Die Verzweifelten tröstet er

Vorjahrescollage Juli – August – September

Am grünen Strand – heutzutage undenkbar
© FJK

Der Nachbargarten feiert diamantene Hochzeit. Der größte Waldbrand, den das Land je gesehen hat. Heute sind Robert und Anna Lena bei Lanz. Weiß nicht, ob mir das gefällt. Der Vater hat jeden Tag seiner Frau am Abend  gesagt, wie sehr er sie liebt. Seine Frau war vom Hamster gebissen und notoperiert worden. Das Schicksal des Enkels verfolgt sie Tag und Nacht. Nach der Wende fiel er dem Elitenwechsel zum Opfer. Der Bart ist auch ab. Eine Spur von Mitleid. Denn er soll getröstet werden. Ich geb mir schon Mühe, bin jedoch untalentiert. Der Pastor genießt das Opa-Glück. Die Bundeswehr dürfte damit gerettet sein. Ein Fels im Touristenstrom. Kinder kreischen, Greise kriechen. Unfälle über Unfälle. Mit lautem Hupen verabschiedet sich das Prekariat. Stößt sein Idiotenlachen aus. Große Erwartungen verderben den Genuss. Wo Überkapazitäten sind, finden sich auf der anderen Seite Defizite. Noch konnte er nicht begreifen, dass er frei war. Oh, Käptn, mein Käptn. Wie geht doch so ein Tag dahin. Inge macht ja nicht sauber, dann handelt es sich wahrscheinlich um ein metaphysisches Vibrieren, das sie nicht länger schlafen lässt. Hein erzählt eine Heldengeschichte. Ich gehe mit einer 30 und einer 31 in die Kabine. Meret erträgt die Großstadt nicht. Rücksichtslos, hässlich, verwahrlost, laut. Der Fluss, die Bäume, die Radiobauten. Er riecht nach Aas. Wir älteren Menschen sollten von jeglicher Arbeit ferngehalten werden. Vorsänger mit griechischem Chor. Den Durstigen bringt er Bier, die Kranken fährt er zum Arzt, die Verzweifelten streichelt er.

Ein Monat auf dem Land. Flugzeuge überm Dach. Keine Tram. Spastiker, im Rollstuhl Erstarrte und fröhliche Pfleger. Mickey und Gus, das unmögliche Paar aus Love. Müller ist auf Reisen, Ludwig auf Arbeit. Es könnte auch die Wohnung zweier alter Damen sein. Wo hast du so meckern gelernt? Solche Fragen nennt er toxisch. Auf der Terrasse singen der Förster und ich das Thälmann-Lied. Der Himmel verfinstert sich. Ringsherum Bauwüste. Ein Portemonnaie aus Büffelleder. Das bewegt sie auch. Wolfgang schreckt schon beim Klingeln des Telefons zusammen. Du machst dich ja öfter unabhängig von deinem Wissen. Der Kellner erzählt von seinem Opa. Eine Dickens-Gestalt. Ein Kindergarten zieht vorbei. Der Steg, die Sauna, die gut aufgeräumte Schorfheide. Witze über Kanzlerin und Ministerinnen werden übel vermerkt. Mädchen mit unnatürlich geröteten Wangen. Da fehlt der Opa. Offensichtlich hatte er einen Ständer bekommen. Das wird eine lustige Bundesliga Saison. Dem Franz kann er nicht so die Taschen vollhauen. Nach Olaf kamen die Glatzen. Im Schweiße deines Angesichts sollst du deine Gedichte verfassen. Die Gesänge retten ihn. Matrone, du schwankendes Schiff. Zwei gutaussehende Typen sind wir gewesen und haben zu wenig daraus gemacht.

Schillerlocke sondiert die Mülltonnen. Sie lachten nicht unerfreut, als eine Tuba fröhlich dazwischenfurzte. Ein Paradies für Radfahrer und Raucher. Es gibt diese Vernichtung der alten Welt leider überall. Spät am Abend half noch ein Whisky. Was ist mit meinem Patriotismus los? Wir wissen es nicht und sollten es auch nicht wissen wollen. Er wollte über den Tod sprechen. Alles klang auf unangenehme Weise unternehmungslustig. Man muss ja nicht immer gleich an Sex denken. Solche Bedingungen fördern die Arbeitsfreude, während auf dem Wasser unentwegt Phantasieboote vorbeischwimmen. Hässliche Menschen an tristen Orten. Dann umarmten sie sich. Im Einsamen köcheln die Aggressionen. Bei Arschfickers brennt noch Licht. Der Schriftgelehrte verfolgt mich mit trüben Augen und offenem Mund. Er lachte voller Schadenfreude, als er von ihren Verlusten an der Börse hörte. Zum Glück erzählt er nicht die alten Helden-Geschichten als Grenzgänger in seiner ganzen Leutseligkeit. Donald Trump ist die emblematische Figur des neuen Typs obszöner populistischer Herrscher. Er steht da mit gewaltigem Rundrücken und spielt den Denker von Rodin. Die Apothekerin empfahl ihm eine Salbe. Wie du weißt, habe ich dich immer sehr geschätzt im Gegensatz zu deiner hinterhältigen Frau. Sie gibt Laute von sich, die eine Mischung aus Stöhnen, Seufzen und Gähnen darstellen. Dann holt sie aus dem Gepäck eine Tupperdose und einen großen Löffel hervor. Die Schauspielerin lebt heute allein mit sieben Hunden in den Hollywood Hills. Sitzt als spätes Mädchen auf einer Bank am Bahnhof in der müden Sonne mit einer geballten Ladung Parfüm. Man muss schon gehörig übertreiben, damit ein Kompliment auch als solches erkennbar wird.

Zitate Doris S., Detlef T., Eugen Verheugen, Der Club der toten Dichter, Spiegel online, Dr. Lehmann, der kleine Herr Schmidt, Duden Bedeutungswörterbuch, Slavoj Zizek, FAZ

Fußball von früher

Our times: Im Supermarkt leere Regale, im TV alte Fußballspiele
© FJK

ARD zeigt online alte Fußballspiele in einer Zeit, da keine neuen Fußballspiele stattfinden. England gegen Deutschland, das EM-Halbfinalspiel von 1996. Ich dachte, das wäre jenes Spiel gewesen, das ich in Saugus bei Boston auf dem Hotelbett liegend gesehen hätte mit dem Golden Goal von Oliver Bierhoff. War es aber nicht (ich habe vielleicht das Finale gesehen damals). Das Spiel hatte aus heutiger Sicht vielleicht Drittliganiveau. Die Trikots der Engländer mausgrau. Bundestrainer Berti Vogts im verbeulten Anzug und mit Seitenlocken. Man sah von den Deutschen eben auch Berti-Vogts-Fußball, keine Automatismen, kaum Kombinationen, einen Plan können sie nicht gehabt haben, aber große Kämpfer- oder sollte man sagen Malocher-Herzen. Mathias Sammer sah sich offenbar als Kopf der Mannschaft, verteilte Bälle und schloss jeden Pass mit einem lockeren Hüpfer ab (das Beckenbauer-Syndrom). Stürmer kaum zu sehen. Mehmet Scholl, Andi Möller. Thomas Hässler und seine unvermeidlichen Fehlpässe, der wackere Dieter Eilts. Entscheidung im Elfmeterschießen, erst beim zwölften Elfer (für Deutschland, für England war Southgate an Andi Köpcke gescheitert).

Tags darauf das 84er Halbfinale im DFB-Pokal: Borussia Mönchengladbach gegen Werder Bemen. Ein wüstes Spiel, kommentiert von dem beispielhaft steifen Heriberet Faßbender, mit blutigen Köpfen und einer minutenlangen Tränengaseinlage, einige Spieler krümmten sich auf dem Rasen, ein verdächtiger Zuschauer wurde abgeführt, viele Tore, das Spielgeschehen wogte auf und ab, am Ende siegte Gladbach, irgendwie hatte Heynckes den Sieg eingewechslt: Hans Jörg Criens. Interessant, wie dünn diese Fußballer, jedenfalls manche, früher waren. Lothar Matthäus, Norbert Meier, Michael Fronzeck, Benno Möhlmann … Ich meine, die sind heute auch noch nicht dick, aber damals waren sie spindeldürre Jünglinge, die konnten laufen und laufen, als hätte sie zwei Lungen und zwei Meter lange Beine.

Gestern das Pokalfinale von 1999. Bayern München gegen Werder Bremen. Was waren diese Bayern-Spieler doch für Stinkstiefel und Giftzwerge. Ich meine speziell Carsten Jancker und Mario Basler. Sie lagen nun mal 0:1 zurück, das fassten sie als Majestätsbeleidigung auf und gingen mächtig drauf. Schiedsrichter Aust hätte Mario Basler längst die Rote Karte zeigen müssen. Als das 1:1 gefallen war, ausgerechnet Jancker, beruhigten sich die Bayern, das Spiel wurde normaler. Es ging aber bis zum Elfmeterschießen. Bremens Frank Rost war fast immer in der richtigen Ecke, konnte aber nicht abwehren. Oliver Kahn hielt den Elfer von Jens Todt mit dem mächtigen Kinn. Effenberg konnte (mit dem fünften Elfer der Bayern) alles klar machen, nahm nur drei Schritte Anlauf und schoss weit übers Tor. Zwischenzeitlich hatte Torwart Frank Rost Oliver Kahn seinen Elfer souverän eingeschenkt. Nach Effenbergs Pleite ging Werder in Führung. Jetzt kam es auf Lothar Matthäus an. Der hatte zuletzt wohl schlechte Erfahrungen mit Elfern, übernahm aber Verantwortung. Rost hielt. Werder hatte den Pokal.

 

Zur Grundversorgung

Hackescher Markt Belin. In der Ferne eine Kleinfamilie
© FJK

Dürft Ihr noch arbeiten? Ja. Die Friseure durften noch. Sie wussten selbst nicht warum. Dann gehört unsere Arbeit zur Grundversorgung und wir müssten mit dem Mehrwertsteuersatz von 7 Prozent veranschlagt werden. Einige Kunden sagen ihre Termine ab. Das verstehen die Friseure. Auf der anderen Seite freuen sie sich über jeden, der kommt, empfangen ihn mit Instruktionen zur veränderten Lage. Mäntel selbst ablegen. Dort zum Händewaschen, hier desinfizieren. Das Angebot ist reduziert, keine Kopfmassage. Sie trugen Atemschutzmasken und Einweghandschuhe. Die Gespräche beim Haare schneiden sind ernster als sonst, die Arbeit konzentrierter, die Schnitte noch perfekter. Der Abschied von der Spaßgesellschaft im Salon. Wir sind alle Helden.

In der menschenleeren verstummten Stadt traf ich meinen alten Chef. Ein Mann stoppte sein Fahrrad bei Rot. Er trug einen breiten Schutzhelm und einen grauen Dreitagebart. Woher kennen wir uns, sagte er, helfen Sie mir mal auf die Sprünge. Ich hatte auch einen Moment gebraucht, bis die Erinnerung kam. Seltsam. Wir sprachen nicht über die Seuche, sondern über die alten Zeiten: Mit wem wir nicht mehr redeten, was aus uns geworden war. Jeder Moment ist jetzt bedeutsam. Im Touristenmekka Berlin hätten wir uns verfehlt, wie wir in unserer überhitzten Welt so vieles verfehlen. In dieser an Verfallserscheinungen so reichen Zeit, in der wir vergessen haben, worauf es ankommt. Das Muji-Kaufhaus war geschlossen, Moleskine war zugesperrt, Spirituosen Koch, so gut wie alles. Im Kaufhof am Alexanderplatz war die Lebensmittelabteilung geöffnet, zu erreichen über den Seiteneingang am Bahnhof. Grundversorgung. Ein alter Zausel mit einer gewaltigen Pelzmütze belegte den Sicherheitsmann, wie unmöglich es doch sei, weiter zu verkaufen, wir werden hier alle krank. Wenn es Ihnen nicht gefällt, bleiben Sie doch einfach draußen, sagte der Sicherheitsmann. Aber der Alte ging von Ladentheke zu Ladentheke und wollte gar nicht mehr weg. Ich schnappte mir zwei Flaschen J & B und fragte die Kassiererin, ob das schon ein Hamstereinkauf sei. Nein. Erst bei zwanzig Flaschen. So viel Alkohol hat mir schon immer Angst gemacht. Die Leere auf den Bahnsteigen, die Leere in den Bahnen, die leeren Plätze der großen Stadt. Die Zeit bleibt stehen. Die Stille stellt Fragen. Nach der Seuche wird nichts mehr sein wie vor der Seuche. Das kann auch gut sein. Das Wort Grundversorgung wird uns begleiten.

Stimmen der Seuche

Als ich noch mal draußen war
© FJK

Corona-Collage. Notizen ab 7. 2. (als man noch glaubte, es geht mit Humor)

Zur Zeit wollen alle nach China reisen. Oder eben nach Thüringen. Erster Corona-Fall in Berlin. Coronavirus – keine (?) Fälle im Osten. Die Ostler hatten schon immer das bessere Immunsystem, sagt D. Es war schnell zu sehen, dass M., wenn auch hustend, jeden Ball traf, und so stand er immer auf der Siegerseite. Donnerstag kein Fußball, aber Biathlon in Nove Mesto ohne Zuschauer. B., der sich meldet mit belegter Stimme, hat viel zu tun und ist grippeähnlich krank. E. zögert, uns zu besuchen, da ich als alter Mann besonders virus-gefährdet bin. Gesundheitsminister Spahn. Die Bösen sitzen wieder in Berlin, weil sie Fußball noch vor Zuschauern spielen. Frauen, die viel Kuchen kaufen. Ist ja klar: Gerade wo wir armen Hansa-Rostock-Schweine in unserer Bestform sind, kommt das Virus und die nächsten Spieltage werden abgesagt. Ich als Mann mit dem Schlüssel für die Halle erreichte niemanden. Das war für mich auch ein Zeichen der Seuche. Schließlich war M.’s Frau am Telefon, er würde nicht kommen, er fühle sich schlecht. Ich hatte mich schon auf einen trainingsfreien Abend eingerichtet. Die Halle war geschlossen, dunkel und leer. Dann kam R., und er kam mit Bier, war 69 geworden. Das wird ’ne billige Lage, sagte er, wir waren fünf. Deutschland – Pfützenland. Weltmeister im Händewaschen sind wir schon. Alle anderen Meisterschaften fallen aus. Aber was, wenn der Bundestag das Tagen einstellt? Wir kriegen die Raute und das tröstliche Lächeln der Unterstufenlehrerin. Geisterspiele. Wie Julian Nagelsmann bin ich gegen die Asymmetrie. Lieber alles absagen, lieber gar nicht spielen als mal mit und mal ohne den Faktor Zuschauer. Vielleicht sollte man jetzt „Die Liebe in den Zeiten der Cholera” lesen. Frau Merkel wird durch ihre Handtasche irgendwie spitzwegisiert. Ist da niemand im Umfeld, der sie darauf aufmerksam macht? Noch ein Bundesligaspieltag (ohne Zuschauer) und dann Seuchenpause. Man sucht sich nach Symptomen ab. Es soll sehr schwer sein, sich testen zu lassen. Das ist keine Seuche, sondern ein feministischer Geheimplan zur Liqiudierung alter weißer Männer. Das Loch, das Corona in unser Leben gerissen hat. Geister-Biathlon in finnischen Wäldern. Der Fluss des Geldes ist nur noch ein Rinnsal. Wir fangen an, unseren Nachlass zu regeln. Innehalten. Das Ausbleiben der Ergebnisse des Sports. Zwei Meter Abstand. Frische Luft. Die Corona-Seuche machte ihm nicht viel aus, er wusste nicht viel mit ihr anzufangen und verwies zum Vergleich auf die Grippe-Toten aller Zeiten. Bei Lila Back trinkt ein einsamer Mann einen Kaffee. Alle Flüge sind gestrichen. Marokko! Was sollen die jetzt machen! Die haben doch nur den Tourismus, von dem sie leben. In der Diskussion um Existenzgefährdungen von Klubs … entsteht … der Eindruck, dass zahlreiche Fußballfans einem Ende der gigantischen Geldmaschinenerie, zu der sich der Profifußball mit seinen astronomischen Ablösesummen und Gehältern … entwickelt hat, keine Träne nachweinen würden. Für Stubenhocker ist es eine große Zeit. Die werden jetzt zu Helden. Herbert kommt vom Hamstern. Die Kita-Frau ist freigestellt. 15,93 €, das ist weit entfernt von einem Hamstereinkauf. Muss ich mir jetzt Vorwürfe machen? Kiwis und Granätapfel. Das hilft am besten gegen das Virus. Wenn es so einfach wäre! Doch. Aber das wissen nur die wenigsten. Außer Tom Hanks und Friedrich Merz ist niemand aus unserem Bekanntenkreis infiziert. Der wievielte Whisky war das jetzt? Keine Ahnung. Ich tu jedenfalls was für meine Gesundheit. Stille. Besinnung. Leere Regale. Warum seid ihr nicht in der Schule, fragt der Rentner scheinheilig die rollerfahrenden Kinder. Wir haben frei. Aber ihr müsst doch zu Hause lernen. Finden sie nicht. Auch das Netz verfällt in Lethargie. Nirgendwo was Neues außer Corona.

Zitate: Doris S., Michael Horeni – FAZ