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O Deutschland, bleiche Mutter

Wer denkt an die Mütter? Die Mütter
© Christian Brachwitz

Die Stadt ist zu voll. Dabei sind hier zwischen Edeka und Kirche noch nicht mal Touristen unterwegs. Gibt ja auch nichts zu sehen, nichts, was man fotografieren, nichts, was man kaufen könnte zum Angeben und so, wenn man dann wieder zu Hause ist. Und mit dem Bild einer geplagten Mutter kann man nicht angeben. Eine geplagte Mutter steht erst mal für sich allein. Sie hat das Handy zwischen Ohr und Schulter geklemmt und versucht, etwas zu handeln, aber mit wem sie auch spricht – Mann, Mutter oder Schwiegermutter – alle sind harthörig und sagen: Du hast doch Zeit. Du bist doch den ganzen Tag zu Hause. Das Kind musste sich längst daran gewöhnen, dass seine Mutter nicht mit ihm spricht, sondern mit dem Handy. Was folgt daraus für seine Entwicklung? Für seine kommunikativen Fähigkeiten? Für dieses unser Land, in dem viel, sehr viel gesprochen wird, aber irgendwie immer daneben? Autisten sind aus der Mode gekommen, weil sie so selbstverständlich geworden sind. Zufrieden allein, wer einen Döner kauft und isst. Und isst. Und isst.

Erdbeerzeit. Wenigstens das. Eine Schale für 1,50 €, zwei Schalen für zwei Euro. Manchmal schmecken sie noch wie früher. Wenn man Glück hat.

Ein Phänomen auf diesem Foto, über das ich nicht hinwegkomme. Der junge Mann im Anschnitt ganz links scheint keinen Unterleib zu haben. Oder sich einen Unterleib mit dem Jungen neben ihm zu teilen. Sensationen des Alltags. Panoptikum, Panoptikum.

Döblin

Vor sechzig Jahren starb Alfred Döblin in Emmendingen bei Freiburg. Er war 78 Jahre alt und hatte nach seiner Rückkehr aus dem Exil keine guten Jahre mehr in Deutschland gehabt. Er fühlte sich vergessen und wenn nicht, dann auf seinen Roman „Berlin Alexanderplatz” reduziert. „Sie hatten mich auf eine Formel gebracht: Schriftsteller des Milieus, der Unterwelt, der Berliner Unterwelt, so dass, als ich in Berlin sprach, mich wieder diese Formel empfing.”

Döblin und Berlin. Er arbeitete als Armenarzt und schrieb; er schaffte ein gewaltiges Pensum. 1933 musste er die Stadt verlassen, 1947, nach dem Exil in Frankreich und den USA, nach Krieg und in der Nachkriegszeit, sah er sie wieder. Man kann nicht sagen, dass er erschüttert war. „Ich wusste schon alles. Es ist keine große Phantasie nötig, nachdem man ein Dutzend zertrümmerter Städte gesehen hat, sich auch diese vorzustellen. Verstümmelung ist Verstümmelung, also auch hier die traurigen Reihen der Häuserskelette, die leeren Fassaden, die Schutthaufen, alles, was die Kriegsfurie und der Brand übriggelassen hatten. ” Als Kind, 1888, war Döblin nach Berlin gekommen, das schon Großstadt war, aber die „eigentliche riesenhafte Entwicklung” noch vor sich hatte. Die Orte, wo er seine besten Zeiten erlebte, sind noch zu erkennen, aber zum Schweigen gebracht. Döblin versucht sich zu erklären, was falsch gelaufen war in Berlin und in Deutschland. Er erwähnt den fürchterlichen deutschen Provinzialismus, den geistigen Rückstand – man konnte sich nicht zur Großstadt, zur Demokratie, ja, nicht einmal zur Gegenwart bekennen. Alle Deutungen helfen ja nichts. Man fällt der Resignation anheim und bleibt, jedenfalls Döblin, angriffslustig und kämpferisch. „Und wieder sehe ich: Ein Mensch hat es leichter als eine Stadt, sich zu ändern. Ein Mensch kann sich wandeln. Eine Stadt stürzt ein.” Ein Kunststück so eine Bemerkung, die sowohl zu zuversichtlich als auch zu pessimistisch ist.

Zitate aus Alfred Döblin: Autobiographische Schriften und letze Aufzeichnungen, Walter-Verlag AG Olten 1980

An der Peripherie der Peripherie

Einsam zwischen den Bildern
© Fritz-Jochen Kopka

Wie hieß das Deutsch-Russische Museum in Berlin-Karlshorst zu DDR-Zeiten? Auf einer Schautafel steht: „Museum der bedingungslosen Kapitulation des faschistischen Deutschland im Großen Vaterländischen Krieg 1941 – 1945”. Oder noch kürzer: Sowjetisches Kapitulationsmuseum. Meine Erinnerung zweifelt. Ich meine, der erste Name würde ja schon mal darauf hindeuten, dass man im Bemühen um political correctness (die es damals nicht gab) normale Interessenten eher abstieß. Und der Kurzname ließ den verhängnisvollen Schluss zu, dass es nicht Deutschland, sondern die Sowjetunion war, die kapitulierte. Heute jedenfalls: „Deutsch-Russisches Museum”. Und es liegt mehr denn je an der Peripherie der Peripherie. Ortsunkundige werden Schwierigkeiten haben, es zu finden. An diesem Abend soll die Ausstellung „Kinder und Krieg” eröffnet werden. Einige Botschafter und Museumsleiter werden sprechen, und im Anschluss gibt es einen kleinen Empfang. Die Ausstellung ist eine Produktion des Zentralmuseums des Großen Vaterländischen Krieges in Moskau, was nicht heißt, dass die Karlshorster Museumsleute es leicht gehabt hätten mit der Einrichtung der Ausstellung für das deutsche Publikum.

Der Panzer vorm Fenster. Sa Rodinu – Für die Heimat

Das Museum hat militärische Tradition. Hier befand sich das Offizierscasino der Pionierschule 1 der Wehrmacht. Am 8. Mai 1945 wurde die Kapitulationsurkunde der Wehrmacht unterschrieben. Danach agierte hier der Chef der Sowjetischen Militäradministration. Karlshorst bekam den Beinamen Klein-Moskau. Etwas Düsteres ist dem Haus durchaus zu eigen. Vielleicht sind die Fenster für die Räume zu klein. Vielleicht nehmen die Bäume zu viel Licht weg. Vielleicht ist es die Düsternis des Geschichtskapitels, die den Eindruck der Lichtlosigkeit verstärkt.

Ingel Glesel: Ich bin ja erst achtzig

Die Ausstellung hat ihre Vernissage, und zu Beginn kann der Museumsdirektor Jörg Morré verkünden, dass wir unter uns sein werden. Weder die Botschafter der Russischen Föderation, der Ukraine und Weißrussland noch Viktor N. Skrjabin vom Zentralmuseum aus Moskau sind erschienen; warum auch immer. Dafür sind einige Überlebende des Kinderheims von Iwanowo, nord-östlich von Moskau gelegen, gekommen. In diesem, 1933 von der Internationalen Roten Hilfe gegründeten Heim lebten nach der faschistischen Machtergreifung die Kinder von Revolutionären und Antifaschisten, deren Eltern in ihren Ländern verfolgt oder getötet wurden. Inge Glesel war in diesem Interdom genannten Heim von 1945 bis 1945 und begrüßte alte Gefährtinnen und Gefährten, eine war trotz ihres hohen Alters gar aus Hamburg gekommen. Ich selbst bin ja erst 80, sagte Frau Glesel und gab einen konkreten Bericht vom Leben in diesem Kinderheim, in dem man nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion einen Überlebenskampf führte, auch als Kind. Die Versorgung brach zusammen, die Kinder hungerten. In den Wintern waren die Räume nicht warm zu kriegen. Die Kinder betrieben Landwirtschaft (als Technik gab es nicht mehr als den Spaten) und bekamen die Erlaubnis, in einem Waldstück Bäume zu fällen. In diesen schweren Jahren entstand ein Zusammenhalt, der für ein ganzes Leben reicht. Ich hoffe, ich habe mich verständlich ausgedrückt, sagte Frau Glesel. Daran war kein Zweifel. Anschaulicher kann ein Erlebnisbericht kaum sein.

Jörg Morré erzählte genau, beherrscht, mit historischer Umsicht die Geschichte des deutschen Krieges gegen die Sowjetunion, der als Vernichtungskrieg geplant und als Vernichtungskrieg auch geführt wurde. Die Toten, die Erniedrigten, die Ausgehungerten. Man meint, alles darüber zu wissen, aber in der Erzählung Morrés leuchteten für mich viele unbeachtete Aspekte auf. Er erzählte mit der kultivierten Resignation eines Mannes, der ein Haus leitet, das in mehrfacher Hinsicht an die Peripherie gerückt ist. In Russland zieht man es vor, den Sieg zu feiern, als der Kapitulation des Gegners zu gedenken, und die deutsche Politik erinnert sich an dieses Kapitel der Geschichte äußerst ungern, zumal man aktuell mit den Russen überkreuz ist und meint, allein die richtigen Werte zu bedienen.

Anschließend wurde die Ausstellung zur Besichtigung freigegeben. Kinder im Krieg, Kinder, die mit dem Hunger kämpfen, Kinder im Konzentrationslager, Kinder, die sich militärisch ausbilden, Kinder, die sich an die Front melden, Kinder, die zu den Partisanen gehen. Kinder als Helden?, hatte Morré in seiner Erzählung gefragt. Das ist nicht unbedingt unsere Sicht der Dinge. Aber kann es falsch sein, wenn die russischen Partner es so sehen?

Bedrückende Bilder. Ausbildung in der Suworow-Militärschule in Kursk

Der kleine Empfang: ein paar Flaschen Bier, ein paar Flaschen Wein, ein paar Flaschen Wasser. Gedämpfte Worte, nachdenkliche Stimmung.

Die philosophische Ambition

Wat sitzt Ihr denn da oben rum in diesem Irish Pub, wenn Ihr ja doch nüscht trinken könnt als Puppen? – Na ja.

Da ist es wieder: Sie können heute sachlich über Ihre Forschung diskutieren? – Na ja, ganz so ist es nicht.

Ich meine das „na ja”. In diesem Fall sagt es ein Niederländer, der Soziologieprofessor Ruud Koopmans. Ich höre dieses na ja in meinem deutschen Umfeld ständig. Und es wird nicht als Floskel, als Füllwort verwendet, sondern vielsagend, mit etlichen schwebenden Bedeutungen. Meinen Sie, dass Donald Trump sein erstes Amtsjahr übersteht? – Na ja.

Ist der Klimawechsel in Wirklichkeit nur eine Erfindung grüner Aktivisten? – Na ja.

Hat Martin Schulz doch noch eine Chance, Kanzler zu werden oder wenigstens Außenminister in einer großen Koalition? – Na ja.

Oder privater:

Findest du das richtig, dass diese Frau ihren Mann verlässt, nur weil er trinkt? – Na ja.

Dieses na ja ist das kürzeste philosophische Programm, das man sich denken kann. Und es ist irgendwie unanfechtbar. Du solltest eine bedeutsame Miene aufsetzen, wenn du na ja sagst. Und du solltest das na mit einem kleinen Fragezeichen versehen und das ja sehr lang ziehen. Wird der Flughafen Berlin-Brandenburg jemals fertig werden? – Na (?) jaaa …

Dann wird jeder denken: Dieser Mensch versteht etwas von der Materie.

Ich erinnere mich. Im Berliner Schriftstellerverband stellte Stephan Hermlin sein „Deutsches Lesebuch”, eine Auswahl exemplarischer deutscher Texte (Von Luther bis Liebknecht), das natürlich an Hugo von Hofmannsthals Deutsches Lesebuch (Von Lessing bis Rudolf Hildebrand) anknüpfte. Hermlin sprach über Leistungen und Defizite der Deutschen. Sie haben keine herausragenden Romane geschrieben und waren nicht die größten Maler. Aber in der Musik und in der Philosophie waren sie fast ohne Konkurrenz. Sowas merkt man sich. Und ich finde: Dieses unentwegt gebrauchte „Na ja” deutet auf die philosophische Ambition und Begabung der Deutschen hin.

Internet und Herrschaftswissen

Das Herrschaftswissen löst sich in seine Einzelbestandteile auf
© Klaus

Mit der Ausbreitung des Internet begann der Niedergang des Begriffs Herrschaftswissen und all dessen, wofür er steht, und das ist auch gut so. Das Internet ist die reine Demokratie mit allem Für und Wider. Es fällt einem nicht in den Schoß, das Internet, man wird nicht hineingezwungen, aber wenn man es hat, kann man überall dabeisein. Und kann das, was wir Herrschaftswissen nennen, aufstöbern. Und schon ist Herrschaftswissen kein Herrschaftswissen mehr. Okay. Ich weiß nicht alles, aber ich könnte alles wissen, wenn ich nur wollte und meine Zeit mir nicht zu schade wäre. Nie waren die Statements der Politiker so durchsichtig, wie jetzt in den Zeiten des Internet. Nie war die Geheimnistuerei der Manager so lächerlich. Aber so hoch will ich gar nicht greifen. Der Handwerker ist nur noch eingeschränkt König. Den Boiler, den er mir für 700 € in Rechnung stellen würde, kaufe ich im Netz für 500. Die Info, wie ich den Rollladenantrieb meiner Jalousie programmieren kann – er enthält sie mir vor, weil er sich wichtig tun und mit jeder Kleinigkeit Kohle machen will – ich hole mir die Anleitung im Netz. Und dann mache ich das selbst. Leckt mich doch alle am Arsch. Das eigene Herrschaftswissen, das man sich über Jahre und Jahrzehnte angeeignet hat und mit dem man hier und da auf die uns eigene bescheidene Art aufgetrumpft hat, ist allerdings auch von seinem Glanz befreit. Das halten wir aus.

Sauberste Stadt

Es wird jetzt hier sehr sauber werden demnächst …
© Kopka

Ich muss in die Stadt. Und wenn ich in die Stadt muss, dann will ich auch in die Stadt. So denken, fühlen und handeln Fatalisten. Von der neuen Fußgängerbrücke am S-Bahnhof herab sehe ich eine Schar von BSR-Mitarbeitern (oder Straßenbauern?), eine geballte Ladung Sauberkeit. Das wäre doch ein Slogan der Post-Wowereit-Ära: Berlin muss sauberste Stadt werden! Um jeden Preis. Mit aller Macht. Mit der Hundescheiße ist es ja schon viel besser geworden. Die Hundehalter haben ihre Tütchen dabei und sammeln alles auf, und auch die Hunde reißen sich zusammen, bis sie endlich in der freien Natur sind. Man kann einem Hund ja so unendlich viel beibringen. Wenn man kann. Bis der Hund schließlich fast ein Mensch ist. Aber macht das Sinn? Und auch die Sache mit der saubersten Stadt: Die Helden von der BSR säubern ja nicht nur die Stadt, sie erfüllen sie ja auch mit infernalischem Lärm mit ihrer Technik, die aus Horrorfilmen entliehen sein könnte. Was sie allein mit ihren verdammten Trennscheiben anrichten. Sagenhaft. Wir möchten lieber allein sauber machen. Wir können es nämlich auch leise, wir einfachen Berliner!

Draußen im Sommer

Kein Husten, kein Handy, kein Wind

Im Sommer telefonieren die Leute in ihren Gärten. Sind Sie sicher, dass die ganze Straße hören möchte, was Sie da ins Handy sprechen? Nein, sind sie nicht. Ist ihnen aber egal. Ich denke, also bin ich. Das war mal. Ich quatsche ins Handy, also bin ich. Wer nicht ins Handy quatscht, wer keine Spur in der Cloud hinterlässt, kann nicht sicher sein, dass er existiert.

Andere, etwa ich, lesen im Sommer die Zeitung im Garten. Zeitung lesen im Wind – da sind Könner gefragt. Man kann das nicht auf Anhieb. Es entstehen sagenhafte Verknuddelungen (ich verwende gern mal ein Wort, das nicht im Duden steht). Neben dem Wind stört mich der Husten aus den Nachbargärten. Auch da sind Könner am Werk. Es gibt welche, die gleichzeitig husten und lachen. Es gibt andere, die gleichzeitig husten und sprechen. Ich bin unschlüssig, wem die Krone gebührt. Hör mal, wie schön ich husten kann. Niemand hat die Absicht, ernsthaft etwas gegen seinen chronischen Husten zu unternehmen. Denn einfach nur lachen und einfach nur sprechen kann jeder. Aber gleichzeitig dazu zu husten – das gibt’s sonst nur im Zirkus. Oder früher bei Wetten dass.

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