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Das Schicksal im Zehngeschosser

So viele Fenster, so viele Menschen, so viele Schicksale
© FJK

Ich lüge nicht, wenn ich sage, dass ich das Schlimmste ahnte, als sie eine neue TV-Anlage in unserem Block installierten. Nein, nein, Sie werden staunen, es wird alles viel besser. Nun habe ich den Salat: Alles wird besser! Manche Sender kriege ich überhaupt nicht mehr. Okay, das macht mir nichts aus. RTL, SAT 1 und so weiter, ich brauche das nicht, das gucke ich sowieso nicht. Aber Bayern, 3 sat, Phönix, alpha? Das will ich haben, ich bezahle das, mein Anbieter kassiert. Ich frage die Leute im Haus. Nee, die haben keine Probleme. Wahrscheinlich sehen die sowieso nur RTL und wissen gar nicht, was 3 sat ist, die haben schon solche privaten Gesichter, womit ich nicht sagen will, dass ich ein öffentlich-rechtliches Gesicht habe. Liegt es am zehnten Stock? Ich frage meine Nachbarn in der Mitte und rechts. Bei denen ist alles in Ordnung. Warum immer ich!

Okay. Ich höre sowieso lieber Radio. Zum Beispiel Erkennen Sie die Melodie mit Stephan Holzapfel. Da rufen vorzugsweise Rentner und Schlaganfallpatienten an. Oder die guten alten Hörspielproduktionen, das waren noch Zeiten mit echter Kunst.

Am meisten ärgert mich das ZDF. Das kriege ich, aber nach wenigen Momenten ist das Bild total verpixelt oder zerrissen. Manchmal bringen sie ja doch was Ordentliches. Ich lasse mir das nicht bieten. Ich rufe den Anbieter an. Der Anbieter schickt den Mechaniker. Ich stelle das Gerät an, und es kommt, wie ich befürchtet habe, zum Vorführeffekt. Das Bild ist einwandfrei. Ich kriege einen roten Kopf und glaube, mich rechtfertigen zu müssen. Irgendwann fängt das Bild zum Glück dann doch an zu wackeln. Der Mechaniker geht in den Keller und schraubt herum. Es dauert eine Dreiviertelstunde. Ich habe alles probiert, sagt der Mechaniker, jetzt sollten Sie auf der sicheren Seite sein. Ich bin sehr dankbar und drücke ihm fünf Euro in die Hand. Und es ist klar, dass überhaupt nichts in Ordnung ist. Das ZDF-Bild ist nach wie vor verpixelt. Ich habe inzwischen fünf Mal bei meinem Anbieter angerufen. Beim fünften Mal bin ich laut und unvornehm geworden. Wir haben Ihnen vier Leute geschickt, die haben alles durchgemessen. Sie rufen immer wieder an. Wir schicken Ihnen keinen Mechaniker mehr. Ende der Vorstellung.

Mit ist schon klar, was sie da über mich denken. Ein einsamer alter Querulant, der Gesellschaft braucht. Der vielleicht gar einen strammen jungen Mechaniker vernaschen will. Ich brauche keine Gesellschaft! Ich will meine Ruhe haben und das ZDF! Ich bin nicht schwul! Ich will keinen Sex! Jedenfalls nicht mehr! Ich bin eigentlich auch nicht alt!

Aber was nützt all das Reden. Im ZDF spielt Spanien gegen Russland. Ich fahre runter. Der Kiosk neben dem Netto hat ein großes TV-Gerät aufgestellt. Zwanzig Stühle. Zwölf sind besetzt. Ich setzte mich auf den dreizehnten, in leichter Entfernung von den anderen. Ich will nicht mit denen fachsimpeln. Ich will keine Gesellschaft. Ab und zu hole ich mir am Tresen ein kühles Bier. Das Spiel gefällt mir gut. Nach dem vierten Bier sogar ausnehmend gut. Elfmeterschießen. Da geht mir nichts darüber. Ihr könnt mich alle mal.

Nebengeräusche

Diese Kuh steht in Leipzig. Hat nichts mit der Fußball-WM zu tun außer, dass sie das Schweizer Trikot trägt. In der Realität sind Kühe schwarz-weiß oder braun-weiß gefleckt.
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Was ist eine Fußball-Weltmeisterschaft wert, an der Hajo Seppelt, der Doyen des Doping-Journalismus, nicht teilnimmt? Erst erklärt ihn der Russe zur Unerwünschten Person, dann will er ihn doch reinlassen, ihm aber Fragen stellen. Vor diesen russischen Fragen haben aber die zuständigen deutschen Stellen gewarnt. Hajo bleibt zu Hause, zu seiner eigenen Sicherheit. Schade drum, wirkt er doch wie eine Gestalt aus einem Dostojewski-Roman. In Insiderkreisen wird er gar Fürst Myschkin genannt. Na gut, allzuviel Dostojewski können diese Kreise nicht gelesen haben. Dazu passt vielleicht eine Äußerung im Kicker online Forum: Dafür bringt die ARD am Sonntag einen Bericht über Doping im brasilianischen Fußball. Nachdem es mit Russland nicht geklappt hat, versucht man nun, uns damit die WM zu vermiesen. Bin gespannt, was da sonst noch kommt.

Charakterstudien im Schatten der WM: Am Tag nach dem Ausscheiden entfernt der   Deutsche alle Deutschlandfahnen von Haus und PKW. So kennt er es auch von Reportern und Kommentatoren: Mit einer erfolgreichen Sache macht er sich gern gemein, mit einer erfolglosen auf keinen Fall.

Wenn ich das richtig verfolgt habe, hat Sergio Ramos diese WM ohne eine einzige gelbe Karte absolviert. Ausgerechnet Sergio Ramos, der offensichtlich eine gewaltige Feind-Gemeinde hat und vor dem Turnier als Killer verschrien wurde, ein Mann, dem bewusst herbeigeführte Körperverletzungen des Gegenspielers das Wichtigste am Fußball sind. Ich sehe ihn eher als Raubein und Haudrauf, den am Fußball nicht zuletzt der körperbetonte Zweikampf Mann gegen Mann reizt. Das kann ich gut verstehen.

Die Kompressor-Moderatorin (Deutschlandfunk Kultur) redet mit einem Philologen über Fußballfansprache. Die sich auch irgendwie geändert hat. Manches würde man heute nicht mehr sagen, sagt der Philologe und nennt Beispiele. Ja, meint sie und ergänzt, Günter Netzer, der Bomber der Nation, das ginge heute gar nicht mehr. Großartig! Da hat sie sich fleißig Wissen angelesen und überhaupt nichts verstanden. Du kannst bei großen Turnieren den Typ der Konjunktur-Ritterin wunderbar verfolgen. Junge Karrierefrauen, die zum richtigen Zeitpunkt plötzlich über superviel Fußballwissen verfügen, um dabei zu sein, wenn alle beim Public Viewing sitzen, und zu glänzen. Da ist schon manche manchem Boss positiv aufgefallen.

Am Marheineke-Platz streife ich das erste Public Viewing. Ich schau nur kurz oben auf die Zwischenstände. Dänemark – Frankreich 0:0. Australien – Peru 0:1. Die Zuschauer ereifern sich kaum.

Der Reporter Steffen Simon glaubte beim Spiel Polen gegen Kolumbien den früheren polnischen Star Kazimierz Deyna im Publikum entdeckt zu haben. Wäre eine Sensation gewesen, weil es einen unwiderlegbaren Beleg für die Reinkarnation bedeutet hätte. So weit wollte Simon aber nicht gehen. Deyna, Jahrgang 1947, ist schon 1989 gestorben und Simon entschuldigte sich in aller Form. Bei wem auch immer.

Wahlkampf ist immer. Der grüne Cem Özdemir weist zum Ausscheiden der Fußballnationalmannschaft darauf hin, dass Innenminister Seehofer der Zuständige für den Sport ist. Der Horst hat’s verkackt, von der CSU der.

Eine Kitagruppe stürmt über die Lichtung. Voran ein Junge mit Basecap, er treibt den Ball, tritt, im Übereifer, drauf, auf den Ball, der rollt unter ihm hinweg, der Junge fällt der Länge nach, erst auf den Hintern, dann auf den Rücken und den Hinterkopf. Ist das ein Idiot, murmelt der Läufer, aber in diesen Tagen ist diese Art Umgang mit dem Ball ja symptomatisch.

Dieser Giraud im französischen Team – ist das wirklich ein Franzose namens Giraud oder ist das eine Mutation von Mario Gomez. Wär doch schön. Wir hätten dann einen Deutschen im Endspiel.

Sollen deutsche Politiker Putin die Ehre erweisen und zur Fußball-WM reisen, sich gar mit ihm auf der Tribüne zeigen? Würden sie da nicht sein Regime stabilisieren? Abgesehen davon, dass Merkel kurz vor der WM dort gewesen war und recht glücklich aussah mit dem Blumenstrauß, den Putin ihr überreichte, kann ich nur sagen: Sie überschätzen sich, die Politiker, sie überschätzen sich ungemein, und sie verschätzen sich in Putin.

Die Kicker-Redakteure haben auch ’n Knall. Sie versuchen sich als Experten darzustellen, indem sie den besten Fußballern die miesesten Noten geben. Zum Beispiel Toni Kroos zweimal eine 5 (der schlechteste Wert ist die 6) oder Kevin de Bruyne gegen Frankreich auch eine 5. Da gab es ganz andere Schwachstellen, reibt euch mal das Weißbier aus den Augen.

Nach jedem Spieltag habe ich einen neuen Helden. Gestern Ivan Perisic. Was der laufen kann! Und in welchem Tempo. Und das nach zwei Spielen mit Verlängerung und Elfmeterschießen. Und immer raufgeballert aufs Tor. Der wollte es! Der hat das Spiel gedreht. Schade um England. Wobei: Die waren mir alle irgendwie zu stämmig und die Köpfe zu eckig. Vom schönen Harry mal abgesehen.

Ein Sonntag mit böhmischen Schlössern

Auf die lange Bank gesetzt, wenigstens ins vordere Drittel
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Chemnitz! In meiner Kindheit fuhr man da von Berlin aus durch, heute steigt man in Leipzig um, auf eine Nebenstrecke. Meine Mutter setzte mich in den Zug, meine Oma nahm mich in Empfang. Chemnitz war für mich lange Zeit Keplerstraße 7, dort wohnte die Oma, die sich mit „Keplerstraße sieben” auch am Telefon meldete. Jetzt ist keine Oma mehr da, aber die Villa Esche, die Kunstsammlungen am Theaterplatz und die lange Bank, Banc éléphant, von der französischen Designerin Andrée Putman entworfen, die die Metapher mit 20 Meter eindrucksvoll bedient.

Der Himmel über Chemnitz

In den Sammlungen

Die Kunstsammlungen bieten mehr, als man an einem langen Sommersamstag zur Fußball-WM erwartet. Sie waren angenehm Besucher-leer, aber mit viel Personal gesegnet, so dass man jede Wärterin persönlich grüßt, sobald man einen neuen Raum betritt. Die wohl schönsten Bilder im Hause sind die Gemälde von Karl Schmidt-Rottluff, der, wie jeder weiß, aus dem Chemnitzer Stadtteil Rottluff stammt: expressive Blumenbilder, Stillleben, mauve-farbene Sonnenuntergänge, Landschaften mit gelben Rapsfeldern und roten Häusern, wuchtige Farborgien.

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Villa Esche, alles leuchtet

Was ist jetzt mit der Villa Esche. Die Esches waren eine der ältesten sächsischen Unternehmerfamilien, Strumpffabrikanten, führend in Europa, zunächst in Limbach ansässig, dann in Chemnitz. Eine Spezialität waren Seidenstrümpfe für Herren, wahre Kunstwerke: Wer in Europa auf sich hielt, trug MSE (=Moritz Samuel Esche)-Strümpfe. Herbert Esche aus der dritten Generation war mit Henry van de Velde befreundet und ließ sich vom belgischen Gestaltungs-Genie eine Villa bauen, die Villa Esche, die nach dem Ende des Kriegs lange zweckentfremdet wurde und nach der Wende leer stand. Gerettet wurde die Villa von der Wohnungsgesellschaft GGG, die ein Kultur- und Veranstaltungszentrum mit Museumsräumen daraus machte. Im unteren Teil des Hauses sieht man die fließenden Raumübergänge, kann einige Möbel bewundern, auch sie wurden von van de Velde für die Villa entworfen, bis hin zu den Badarmaturen stammte alles aus einer Hand. Vieles ist im Laufe der Jahre und Zeiten verschwunden, zerstört, aber einiges konnte rekonstruiert, Velde-Möbel auf Auktionen erworben werden, und so spürt man einer Zeit eines auch sozial engagierten Unternehmertums nach, das sich mit Künstlern verband und in den Alltag hineinwirkte ….

Der Himmel über der Grenze

Exkursionen veranstaltet die Villa auch, am Sonntag ging’s ins Schlösserland Böhmen: Becov (Petschau) und Lázne Kynzvart (Bad Königswart), die Region Kaiserwald zwischen Karlsbad und Marienbad. Um sieben in der Früh startete der Bus, hinein ins serpentinenreiche Erzgebirge. Gegen acht passierten wir die Grenze und konnten gleich mal Geld tauschen zum Kurs von 1 zu 22 oder so. Die Männer bewunderten die glatten Fahrbahnen, die die Tschechen da hinbekommen haben.

 

 

Rentner und Erwachsene in Becov

Vor dem Dorfladen

In Becov, dem Dorf, sah man die Burg aufragen, mehrere große Baukörper aus unterschiedlichen Stilepochen zu einem Ensemble zusammengefügt. Unsere Reiseleiterin kauft die Karten: „Wir sind achtzehn Rentner, fünf Erwachsene und eine Reiseleiterin.” Exakter (und gleichzeitig melancholischer) kann man es nicht sagen.

Im barocken Schlossteil befindet sich die Attraktion, der Maurus-Schrein, das zweitwertvollste Golddenkmal Tschechiens. Der Schrein enthält sterbliche Überreste des heiligen Maurus, von Timotheus (nicht richtig zugehört, wer das ist), Apollinaris und Johannes dem Täufer.

Metternichs Sommersitz. Kann man aushalten

„Mein Gott, haben Sie die alle gelesen?”

Soviel abgelegene Historie macht hungrig und durstig. In der Ortskneipe gibt’s Knödel, Kraut und Braten. Und Tschechenbier. Anschließend eine gute Stunde bis Lázne Kynzvart. Dort befand sich die Sommerresidenz der Metternichs, jener Metternichs, deren bedeutendster Spross Klemens Wenzel Nepomuk Lothar dreißig Jahre lang österreichischer Staatskanzler und trotzdem drei Mal glücklich verheiratet war, erzkonservativ und doch nicht gänzlich unfortschrittlich.

Das Schloss ist ein prächtiger, gleichwohl schlichter klassizistischer Bau von vollendeten Proportionen, den man sich auch in englischen Filmen vorstellen könnte. Hier wurde besonders darauf geachtet, dass wir alle schön auf dem Teppich blieben.

Erholung im Park

Wenn man sich im romantischen Schlosspark zu Kaffee und Eis niederlässt und aus den Augenwinkeln vereinzelte Golfer beobachtet, kommt man sich selbst ein wenig aristokratisch vor, was sich schnell wieder erledigt, wenn man in den Bus steigt und an etlichen Baustellen vorbei zurück nach Chemnitz düst.

Was hatten wir nun gelernt? Lernen wollten wir eigentlich nicht sonderlich viel an einem Sonntag im Juli. So viel blieb aber hängen, dass auch restaurative Epochen ein paar schöne Seiten haben. Und Böhmen mehr als eine Reise wert ist …

ADe

Der Läufer und der Ultra

Hier können Läufer Läufer treffen
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Nach vier Tagen ging der Läufer wieder auf die Piste. Mal sehen, was ich meinem Knie zumuten kann, es ist das linke, wo es ab und zu zuckt. Die Erschütterungen, die beim Aufsetzen des Knies ausgelöst wurden, gefielen dem Knie überhaupt nicht. Der Läufer lief ein Stück weiter, dann ging er, um alsbald wieder zu laufen. Dosierte Belastung. Auf der Hälfte der Strecke traf er zwei Hundehalter, die sich – wie alle Hundehalter – viel zu sagen hatten. Sie trennten sich, und der Läufer ging ein Stück neben dem Hundehalter mit dem Fahrrad her. Das Knie, sagte er, um zu erklären, warum er ging und nicht lief, das Knie will nicht. Wessen Knie?, fragte der Hundehalter. Meine, sagte der Läufer. Nee, meine, sagte der Hundehalter. Was bin ich früher gelaufen. Ich war sogar Ultramarathonläufer. Hundert Kilometer, neun Stunden, jetzt geht gar nichts mehr, deshalb das Fahrrad. Ich denke, ich krieg das wieder hin, sagte der einfache Läufer, im Knie zuckt es ab und zu, besonders beim Treppensteigen, und jetzt hab ich das Knie auch noch an einer Eisenstange gerammelt. Was sagt der Orthopäde?, fragte der Ultramarathonläufer. Da war ich nicht, sagte der einfache Läufer. Meinen Orthopäden habe ich erst zum Laufen gebracht, sagte der Ultramarathonläufer, der läuft jetzt noch, aber mir kann er nicht helfen. Ich muss warten. Der Hund kommt nicht nach. Ist ja eher ein Staubwedel als ein Hund.

Hatte es wahrscheinlich auch mit den Knien, wenn so kleine Hunde überhaupt Knie haben. Der einfache Läufer ging wieder zum Laufen über und achtete auf die Reaktionen des Knies. Dann ging er wieder ein Stück, dann lief er, immer mit Rücksicht auf das Knie. Ich krieg das wieder hin. Ihm fiel ein, dass er doch schon mal beim Orthopäden gewesen war. Der verschrieb ihm eine Kniegelenkbandage. Wenn die Kita-Kinder das sahen, staunte sie mit offenen Mündern, als liefe er mit einer Prothese. Dann traf er einen Wunderheiler. Der legte seine magischen Hände auf seine Knie. Danach brauchte er keine Bandage mehr. Das hätte ich dem Ultramarathonmann erzählen sollen. Vielleicht hätte er dann noch eine Chance.

 

Der Selbstmord des Ballbesitzfußballs

IMG_1259Wo liegt hier der Ballbesitzfußball?

Der Selbstmord des Ballbesitzfußballs fand an einem Sonntagnachmittag von vier bis sieben im Lushniki-Stadion in Moskau statt. Die Ballkünstler aus Spanien gegen die Heros der Defensive aus Russland. Meine Mittipperin hat noch am Vormittag angefragt, ob sie nicht lieber umtippen solle, für einen Sieg Russlands, das würde massig Punkte bringen. Ja, klar, aber ich war konservativ genug, um zu sagen: Ich wüsste nicht, wie das gehen soll. Die Spanier spielten 1114 Pässe (gegenüber 290 der Russen), von denen 1006 ankamen, was eine Passquote von 90 Prozent bedeutet. Der Ballbesitz lag bei 79 % für Spanien. Trotzdem benötigten die Spanier den Russen Ignatschewitsch, um ein Tor zu erzielen. 1:0 in der 12. Minute. Was danach passierte, ließ ihn mir die bange Ahnung aufkommen, dass meine Mittipperin eine himmlische Eingebung gehabt haben könnte. Die Spanier sonnten sich in ihrem Ballbesitz und entdeckten (nicht zum ersten Mal) die Schönheit der brotlosen Kunst. Arroganz war auch dabei. Sie ließen den Ball laufen, ohne je in die Tiefe des Raumes zu gelangen. Es ging viel zu langsam. Wie sollst du auch Tempo aufnehmen, wenn sich das Spiel nur im letzten Drittel des Gegners abspielt. In der 40. Minute köpfte Artjem Dziuba den Ball an den hochgereckten Arm Pique’s. Elfmeter. Pique versuchte den Schiedsrichter lachend zu belehren, dass das kein strafbares Handspiel war, da der Ball in seinem Rücken gespielt wurde und folglich keine Absicht vorgelegen haben konnte. Aber das Lachen und die Argumente überzeugten den Niederländer Kuipers keineswegs. Dziuba schmetterte den Ball in den Kasten und zeigte einen charmanten militärischen Gruß. Der Ausgleich zog den Spanien den Boden unter den Füßen weg. Immer öfter breitete der ballführende Jordi Alba hilflos die Arme aus: Wo soll ich hinspielen? Eine Geste, die ich seit eh und je hasse, weil sie nur dem Gegner bestätigt, dass er auf dem richtigen Kurs ist. Isco rannte ein übers’s andere Mal mit dem Ball am Fuß horizontal an der vorderen Abwehrkette der Russen entlang und konnte sich zu nichts entschließen. Endlich wechselten die Spanier den Kopf der Mannschaft, Andres Iniesta, das bleiche Genie, ein, aber das Team war schon derart irritiert, dass auch das nichts mehr nützte. Schüsse von Aspas, Rodrigo Moreno und Iniesta wehrte Igor Akinfejew im russischen Tor reaktinsschnell ab. Da war mir schon klar, dass er im Elfmeterschießen ein bis zwei Heldentaten vollbringen würde. Tschertschessow, der Trainer der Russen, war in seiner aktiven Zeit Torwart. Er weiß, dass der Keeper beim Elfer immer in die eine oder andere Ecke springen wird, und so hämmerten die Russen ihre Elfmeter mit konstanter Bosheit in die Mitte des Tores. Den Selbstmord des Ballbesitzfußballs besiegelten dann Koke und Aspas mit zwei nicht mal schlecht geschossenen Elfern; aber es war der Tag von Igor Akinfejew, der in früheren Turnieren immer einen Klops dabeihatte, aber dieses Mal alles hielt, was ein Mensch irgend halten kann.

Am Ende muss man sagen, dass die Leistung der Spanier mindestens ebenso blamabel war wie die von uns Deutschen. Sie beruhte offensichtlich auf einem Denkfehler, der eben Ballbesitzfußball heißt. Man will nicht einsehen, dass man den mittlerweile sehr gut verteidigen kann.

Auf der Tribüne saß der russische Ministerpräsident Medwedjew, der nicht verbergen konnte, dass das Spiel ihn mäßig bis gar nicht interessierte. Da hatte Putin beim ersten Spiel der Russen eine bessere Figur gemacht.

 

Wir waren trübe Tassen

Die Netze haben unsere Stürmer nicht gerade zerschossen in Russland. – Welche Stürmer?

Nach dem Spiel, der Niederlage und dem Ausscheiden in der Vorrunde in echt weltmeisterlicher Tradition (Italien 2010, Spanien 2014) zog Realismus ein, um den wir uns vorher vergeblich bemühten. Wir haben es nicht verdient, weiterzukommen, sagte Trainer Löw in ungewohnter Klarheit.

Das Spiel Deutschland gegen Südkorea war ein typisches 0:0-Match, mit dem wir allerdings auch ausgeschieden wären. Wir bekamen den Ball nicht ins Tor, und Südkorea war nicht in der Lage, seine Konter sauber auszuspielen. Dass dann ausgerechnet in der Nachspielzeit, die wir so lieben, zwei Tore für die Koreaner fielen, macht diese Niederlage zu einer grandiosen Parodie. Und auch zu einem Denkzettel für die Realitätsverweigerer in der Medienmeute, die jetzt noch sagen: Die Südkoreaner haben nur einen einigen Kicker von Weltklasse in ihren Reihen. Wie viele Spieler von Weltklasse hatten wir denn gestern auf dem Platz? Angeblich waren wir das spielerisch viel bessere Team. Woran bemisst sich das? Ich erinnere kurz mal daran, dass ein FAZ-Fußballfachjournalist namens Penders das Gesetz der Serie bemühte, um uns zur Titelverteidigung zu schreiben: Thomas Müller wird wie bei jeder WM seine fünf Tore schießen und da Timo Werner noch bei jedem Nachwuchsturnier Torschützenkönig wurde, wie Joshua Kimmich miterlebte, so wird er diesen Titel  auch in Russland erringen und mindestens sechs Tore schießen. Was für ein Traumtänzer.

Wir waren trübe Tassen. Der ballführende Spieler war die ärmste Sau, weil er so gut wie keine Anspielstationen hatte. Es ist nicht immer nur eine Frage der Leidenschaft, der Opferbereitschaft, es ist auch eine Frage der Lust auf schnelle Passfolgen, Doppelpässe, Tricks. Wer hat hier überhaupt Lust, mit wem zu spielen, zu zaubern, Laufwege zu kennen oder zu ahnen, blindes Verständnis zu zeigen?

Ziemlich am Anfang sagte ich im ahnungsvollen Selbstgespräch über den Welttorhüter: Heute ist er fällig. Er ließ den Ball abprallen und versuchte hochmütig, Gegenspieler außerhalb des Strafraums auszuspielen. Dass er am Ende im Wahn war, die Tore selbst erzielen zu können, kann man nur als Indiz für eine sonderbare Abgehobenheit werten. Oder Thomas Müller, der nach dem 0:1 erst recht glaubte, im Rest der Nachspielzeit die Entscheidung zu erzwingen und einen neuen Mythos schaffen zu können.

Immerhin: Die Frisuren saßen bis zur zehnten Minute der Nachspielzeit. Unzureichend war hingegen die Hilfestellung des amerikanischen Schiedsrichters. Was nützen vier gelbe Karten für Südkorea (keine für uns), wenn er sich nicht ermannen kann, zu gelbrot oder auch glattrot zu greifen! Eine Überzahl hätte unserem Team unter Umständen genützt.

Wir sind draußen. Das ist schon Größeren widerfahren. Den Rest der Weltmeisterschaft verfolgen wir entspannt. Mit dem Blick auf die jüngste Fußballvergangenheit sagen wir: Das Vorrunden-Aus war folgerichtig. Hier war das Schicksal mal konsequent. Wäre echt schlimmer gewesen, wenn wir uns bis ins Halbfinale durchgewurstelt hätten.

Harald Schmidt wiedersehen

Sonntag zwischen elf und eins im Deutscher Theater
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Sonntags um elf trifft Gregor Gysi Zeitgenossen im Deutschen Theater in Berlin, heute Harald Schmidt. Ich dachte, Harald Schmidt ist obsolet, weil er keine TV-Show mehr hat, und weil er, als ich ihn zuletzt sah, nur Gesundheitstee trank und lange weiße Haare hatte wie ein Prophet. Aber da hatte ich mich gründlich getäuscht. Harald Schmidt ist leichtsinnig, lässig und lang wie eh und je. Ich bin froh, dass wir’s im Sitzen machen, sagte Gysi. Alles lacht. Harald Schmidt ist etwa doppelt so groß wie er. Ich bin damit gut gefahren, mit dieser Größe, sagt er.

Gysi ist bestens präpariert, wenn er seine Zeitgenossen trifft. Man sieht es an dem Stoß Karteikarten, A 6, weiß, die wissen ganz genau, was man Harald Schmidt so fragen kann. Schmidt ist in Neu-Ulm, Bayern, geboren, in Nürtingen, Baden-Württemberg, aufgewachsen, wo die Leute sehr reich sind, was man sich in Berlin nicht so vorstellen kann. Die Eltern und Großeltern waren Vertriebene aus Böhmen und Mähren. Die Vertriebenenfrage spielte in der Familie immer eine Rolle, aber nicht politisch, sondern praktisch: Es wurde böhmisch gekocht. Ansonsten wurde im Hause Schmidt parodiert. In der Kleinstadt kannte jeder jeden, auch seine Eheprobleme (Facebook ist ein Rückschritt, sagt Schmidt), da war der Mann, der Kaiser Wilhelm genannt wurde, da war das Burgfräulein, da war der Rotfuchs, man konnte mit ihnen reden, aber man wusste nicht, wie sie wirklich heißen. Im Vergleich zu damals bin ich heute schüchtern, sagt Schmidt. Er konnte eine Busladung voller Menschen stundenlang zuquatschen. Schmidt hielt sich die Leute, besonders Lehrer und Respektspersonen, vom Leibe, indem er sie parodierte. Sonntags ging man in die Kirche, die der Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens war. Kein Wunder, dass Schmidt Priester werden wollte, bis ihm zu Ohren kam, dass Priester keinen Sex haben.

Er feiert seine Erfolge und mehr noch seine Misserfolge mit Coolness. Als Jüngling sah er in London ein Filmplakat mit Clint Eastwood und wollte so werden wie der. Er kaufte sich ein Paar Stiefeletten, die zu klein waren, weil er den Unterschied zwischen deutschen und englischen Größen nicht kannte, und humpelte durch die fremde Weltstadt. Man kann tatsächlich über alle Missgeschicke, die ihm widerfuhren, lachen und wünscht sich fast, dass einem selbst auch so etwas passiert wäre. Er ging auf die Schauspielschule und spielte anschließend Rollen, in denen er selten mehr als einen Satz zu sagen hatte, bis er sich endlich durch schamloses Klinkenputzen ins Fernsehen hineingekämpft hatte als eine Art deutscher Letterman. Harald kann nicht mit einfachen Leuten, sagten die Produzenten und ließen ihn mit Promis reden.

Ab und zu möchte Gysi sich gern auf ein tiefergehendes Gespräch mit Schmidt einlassen, aber immer, wenn er gerade dabei ist, verlangen die Karteikarten wieder ihr Recht und fragen mit Gysis Mund: Wie war das damals mit Herbert Feuerstein? Was mich auch noch interessiert: Wie war das eigentlich mit Oliver Pocher? Wenn es Gysi persönlich betrifft, tritt die Karteikarte auch mal freiwillig zur Seite: Sie haben mich drei Mal in Ihre Talkshow eingeladen. Warum? War der Stargast ausgefallen? Nein, nein, der Stargast, wenn der Stargast ausgefallen war, war immer Hella von Sinnen, sagt Schmidt. Die war ungefähr sechzehnmal in der Show. Die kam mit der Straßenbahn, musste nicht versorgt werden und schlief zu Hause.

Alle sind happy

Vor Jahren habe ich Schmidt im Gespräch mit Christoph Schlingensief in der Kantine der Volksbühne gesehen und es war damals wie heute: Der Gesprächspartner steht deutlich im Schatten von Harald Schmidt. Er ist weniger gedankenschnell, weniger eitel, weniger uneitel, weniger zynisch, weniger geistreich, weniger über der Zeit stehend als Harald Schmidt. Ja, Harald Schmidt steht deutlich über unserer Zeit. Er schaut auf sie herunter, sieht alle ihre schmierigen kleinen Tricks und Ticks, ihre Angebereien, ihre Ängste, ihre Verlogenheiten und findet in all dem eine Pointe. Die Zeit, aus der er gefallen ist, könnte ja auch viel schlimmer sein.