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Archive for Februar 2016

Ohne Erbarmen

Marco Huck haben sie runtergeschrieben. Angeblich ist er am Ende, nachdem er sich überschätzt, mit seinem Bruder einiges auf eigene Faust unternommen und etliche falsche Entscheidungen getroffen, zum Beispiel sich vom sogenannten Kulttrainer Uli Wegner getrennt, ein eigenes Management aufgebaut und Kampfabende schlecht placiert und vorbereitet hat. Quittung war eine krachende Ko-Niederlage gegen den Polen Glowacki. Marco Huck bekommt die volle Verachtung ab, die die Leitmedien für jemanden empfinden, der sich ihrer Meinung nach übernommen hat (was bei ihnen ja nie vorkommt).

Ich konnte trotzdem nicht widerstehen und schaute mal rein in den Kampf gegen den farbigen Briten Ola Afolabi, der noch nie eine Ko-Niederlage hinnehmen musste, ja, noch nicht einmal auf die Bretter geschickt wurde.

Huck scheint zu wissen, dass dies seine letzte Chance ist. Er ist absolut austrainiert, fit und fokussiert. Geht auf den Gegner los, und wenn er getroffen hat, zieht er sich nicht zurück, sondern stürzt sich auf den Mann und begräbt ihn unter einem wilden Schlaghagel. Auch der andere ist nicht faul und gibt es Huck zurück. Der Reporter sieht schnell, dass das linke Auge des Briten getroffen ist und zuschwillt. Es sieht so aus, als gewänne Huck Runde für Runde, es sieht auch so aus, als könne der Brite die Rechte Hucks nicht mehr kommen sehen, und Hucks Trainer im grünen Shirt schreit immer wieder: Hau ihm aufs Auge, hau ihm aufs Auge. Der Ringarzt und der Ringrichter schauen sich das Auge an, aber es scheint weiterzugehen. Der Reporter meint, dass man verhindern müsse, dass bleibende Schäden entstehen und Afolabi sein Augenlicht verliere. Aber es wird weitergeboxt, und es wird weitergeschrien, aufs Auge, hau ihm aufs Auge. Und Huck haut zu, muss auch einstecken, denn der Brite will sich mit einem Lucky Punch befreien, und so genau schlägt Huck auch nicht, dass er das Auge, das mittlerweile total geschlossen ist, treffen könnte, höchstens per Zufall. Afolabi macht seinem Ruf Ehre. Obwohl er Serien wütender Schläge einsteckt, gerät er nie in die Gefahr, zu Boden zu gehen. Ausgangs der zehnten Runde ist Schluss, Afolabi gibt auf, er sieht nichts mehr. Huck springt auf und jubelt, denn er weiß: Gegen diesen Mann hat man erst gewonnen, wenn der Kampf beendet ist, wie angeschlagen er auch immer sei. Marco Huck umarmt seinen Gegner mit derselben Leidenschaft, mit der er eben noch auf ihn eingeprügelt hat. Er scheint nachgerade in Liebe für ihn entflammt zu sein. Bis zuletzt war er sich nicht sicher, ob er seine Haut retten kann. Daher diese Erbarmungslosigkeit, zu der natürlich auch der andere fähig ist. Die Karriere kann fortgesetzt werden.

Kategorien:Fighters

Scheißvolksfest

Solch eine Laune möcht’ ich sehen …  © Christian Brachwitz

Solch eine Laune möcht’ ich sehen … Oder lieber nicht.
© Christian Brachwitz

Volksfeste sind sowieso bestens geeignet, schlechte Laune aufkommen zu lassen und sie dann auch zu hegen und zu pflegen, aber so schlimm wie hier, Berlin 1983, muss es trotzdem nicht jedes Mal kommen. Mürrische, ratlose, aggressive Gesichter, Vereinzelung, Untätigkeit – da helfen nicht mal die Zigaretten. Nur die Jungs, die das Klettergerüst erklommen haben, fühlen sich wohl. Sie haben etwas geleistet, sie sind in der Gruppe, und außerdem ist die Luft da oben besser. Unten war anscheinend nicht mal für Getränke gesorgt. Und niemand bewundert das schicke Sweatshirt aus Chicago. Chicago Jogging. Ja. Die Stadt am Michigansee ist eine der weltweit berühmtesten Laufstädte. Es gibt betreute Routen. Morgens um 6.30 Uhr geht’s schon los, um wach zu werden. Beim Laufen werden Glückshormone ausgeschüttet. Das wär doch mal ne Idee.

Nur die Lehrer heißen Lehrer

Eine meiner alten Schulen. Auch Uwe Johnson hat hier geschmort. Jetzt isser ’n Denkmal geworden.  © Fritz-Jochen Kopka

Eine meiner alten Schulen. Auch Uwe Johnson hat hier geschmort. Jetzt isser ’n Denkmal geworden.
© Fritz-Jochen Kopka

Man lernt eben im Leben nicht nur von Lehrern, aber nur die Lehrer heißen Lehrer. Man lernt auch durch Erfahrung, durch die Praxis, durch Leute, die zufällig unseren Weg kreuzen, durch Bücher, die wir uns selbst aussuchen. Und niemand geht durch die Schule, ohne Enttäuschungen und Ernüchterungen oder gar bleibende Schäden zu erdulden. Und manche nehmen sogar ein Stigma mit. (Auch Lehrer)

Wir kennen Lehrer, die eine Aura haben, Lehrer, die Respekt verdienen und Respekt erhalten, Lehrer, denen man auf der Nase herumtanzen kann, und Lehrer, die einfach nichts vermitteln können.

Ein spezielles Problem ist aber, dass es den Lehrern aufgegeben ist, Vorbild zu sein. Sie müssen sich an die Regeln halten, regelkonformes Verhalten vorleben, sie müssen brav sein. Wie schrecklich. Wahrscheinlich gibt es da auch einen ungeschriebenen Dresscode.

Wahrscheinlich so kam es dazu, dass man, in der DDR jedenfalls, von jemandem, der keine Jeans („Nietenhosen”) trug, sagte, er trage Lehrerhosen. Eigentlich ein harmloses Wort, aber im wahren Leben gab es nichts Schlimmeres als Lehrerhosen. Diese Monstren waren grau, braun oder beige, hatten einen Aufschlag und vielleicht noch Bügelfalten.

Wir lernen weiter, bis ans Lebensende. Das Leben ist so. Wir müssen nicht mehr alles lernen, nur noch das, was wir lernen wollen. Und wir lernen ohne Lehrer. Wir könnten aber auch lernen, langsam etwas fürs Image der Lehrer zu tun. (Falls das hier nicht schon geschehen ist.)

Von der Lehrerhaftigkeit

Nach dem Zorn der Gartenzwerge

Nach dem Zorn der Gartenzwerge

In einem Nachwort zu seinen Erinnerungen („Der Schmuggel über die Zeitgrenze”, Verbrecher Verlag) erzählt Chaim Noll, wie seine Enkelin ihm einen Gartenzwerg zeigt und von ihm wissen will, wie er den findet. „Ich erklärte ihr, dass ein Gartenzwerg für mein Gefühl kitschig, geschmacklos und überaus hässlich sei …” Das Mädchen ist nicht enttäuscht, vielmehr empfindet sie Mitleid und sagt: „Tja, Großpapa, du bist alt.”

Für Noll war die Episode Anlass, sich zu erinnern und die Autobiographie aufzuschreiben. Das Buch, das dabei entstanden ist, deutet darauf hin, dass Noll den Witz der kleinen Geschichte nicht ganz abgegriffen hat. In der Tat, in unserer Generation war es obligatorisch, Gartenzwerge kitschig zu finden und zu didaktischen Vorträgen anzusetzen, wenn jemand sich trotzdem einen Gartenzwerg in den Garten stellte. Da wurden Menschen aller Bildungsstufen zu Lehrern und belehrten die Ahnungslosen. In Nolls Buch ist die DDR auch so ein Gartenzwerg, und er will uns erklären, wie kitschig, geschmacklos und überaus hässlich sie war (wie er übrigens auch seiner Mitschülerin Nina Hagen erklärte, dass ihre Barbiepuppe kitschig und hässlich sei). Aber das wissen wir ja alles selbst! Und wir wissen noch viel mehr! Wir haben unsere Erinnerungen, und wir vergleichen sie gern mit den Erinnerungen eines anderen, bloß die Lehrerhaftigkeit stört. Die kleine Sarah findet den Gartenzwerg süß, und wir finden die DDR im Rückblick ziemlich speziell. Es ist sinnlos, der einen oder den anderen ihren persönlichen Eindruck auszureden. Warum kann ein Großpapa nicht eine Lehre von seiner Enkelin annehmen: Dass wir vielleicht in einer Zeit leben, in der es keine feststehenden Urteile mehr gibt, jedenfalls kommt es nicht auf sie an. Und wenn jemand einen Gartenzwerg süß findet – freuen wir uns über diese originelle Anschauung.

 

Berlin Alexanderplatz (25): Bulle Bulle Spaßverderber

Suspicious Minds ohne Verstärker © Fritz-Jochen Kopka

Suspicious Minds ohne Verstärker
© Fritz-Jochen Kopka

Der Currywurstbrater im Bahnhof hat Superlaune. Er witzelt über nicht verhandelbare Preise, er pfeift, singt und wünscht jedem Kunden ein schönes Wochenende. Einmal, wenn er zahlt. Und einmal, wenn er geht. Und draußen Berliner Februarsonne. Gibt immer noch Leute, die über die Weltzeituhr staunen. Leute, die den Womacka-Brunnen, sich selbst und ihre Freunde fotografieren. Frauen, die auf dem Brunnenrand sitzen und ihre Einkäufe auswerten. Männer im vornehmen Schwarz, die, ebenfalls auf dem Brunnenrand, Ausschau halten. Nach jemandem, der das Wochenende verschönen könnte, I am a lonely boy. Es gibt keine Goldgräber auf dem Alexanderplatz, aber Müllgräber, die in den kugelrunden Behältern nach wertvollen Dingen suchen, die andere Leute wegwerfen. Stolze Eltern, die ihre Kinderwagen schieben, aber nicht mit den Kleinen sprechen, sondern mit ihren Smartphones. Vorm Kaufhof hat sich ein Bettler niedergelassen, der mit schwerem Gepäck reist. Und noch ein Stück weiter vorn singt und klampft Geraint John Jones, der Mann aus Wales, aus Brigdend, aus Leeds, aus Paris und Berlin. Das sind seine Heimatstädte, in ihnen hat er seinen Song geformt, deren Einflüsse hat er aufgenommen. Er hat seine erste CD produziert, er plant eine Tournee durch Frankreich und Deutschland, und er ist gut. Die Fans fangen an zu wippen und zu tanzen, kommen zu ihm und werfen Münzen in seinen Gitarrenkoffer und nicht nur Münzen. Und Geraint John registriert das Anwachsen seiner Einnahmen wohl, aber man sieht es ihm nicht an, er lächelt nicht, er verbeugt sich nicht, er ist ganz bei seinem Song. Und dann sind die Bullen bei ihm. Wo ist die Auftrittsgenehmigung. So ein Wort hat Geraint John wahrscheinlich noch nie gehört. Auf dem Alexanderplatz darf man nur mit Auftritts- oder Ausnahmegenehmigung spielen. Auf dem Hackeschen Markt dürfe man spielen. Und auf dem Alexanderplatz mit Verstärker und Mikrofon schon gar nicht. Geraint John hört sehr höflich zu. Er kennt die Straßen und die Polizisten dreier Länder. Kein Problem, sagt er, darf ich noch einen Song spielen, ohne Verstärker? Die Bullen heben die Schultern und gehen zu ihrem Einsatzwagen. Geraint John zieht das Kabel aus dem Verstärker und spielt Suspicious Minds. Argwöhnische Gedanken. Er muss sich ganz schön ins Zeug legen, besonders stimmlich. Dann packt er ein und wünscht seinen Fans noch einen schönen Tag.

Die Bullen stehen an ihrem Einsatzwagen. Sie haben ihren Job gemacht. Bettler, Säufer, Müllsucher und Taschendiebe lassen sie gewähren.

 

Once upon a Time in Köpenick

Die sieben Schwäne, vielleicht auch nur sechs © Christian Brachwitz

Die sieben Schwäne, vielleicht auch nur sechs, nee, doch sieben
© Christian Brachwitz

1986 rannten wir durch Köpenick, es ging um eine Reportage für den „Sonntag”, der heute der „Freitag” ist. Köpenick ist schon ein seltsamer Stadtbezirk in Berlin, nah am Wasser gebaut, was auch heißt viel Natur, Romantik, man kann regelrecht italienische Nächte erleben in Köpenick. Vorm Rathaus ist der Hauptmann von Köpenick verewigt, der Kleinkriminelle und Schuster Wilhelm Voigt, der die Stadtkasse plünderte und die Stadt, die Köpenick damals noch war, blamierte. Ein berühmter Platz, ein schöner Ort, dieses Köpenick, man könnte ihn genießen und doch sieht man dort immer Leute, die einen ziemlich fertigen Eindruck machen, es ist mir ein Rätsel warum.

Die Greisin hält ihre Handtasche fest, die junge Mutter ihr Kind, das Kind das Geländer. Alle brauchen Halt, nur die Schwäne nicht. Ich hatte mal einen Freund, der in Köpenick in einer Villa direkt am Wasser wohnte, an der Spree. Der konnte sich nie von der fixen Idee lösen, einen Schwan zu fangen und zu probieren, ob das Fleisch wirklich so zäh ist, wie sich vermuten lässt. Aber er hat den Mut für diesen Tabubruch, so weit ich weiß, nie aufgebracht. Die Schwäne, meinte er, haben unheimliche Kraft in ihren Flügeln. Und was passiert, wenn sie zubeißen, weiß man auch nicht so genau. Wenn alle Einwohner von Köpenick unter solchen Zwangsvorstellungen leiden, dann wäre es kein Wunder, dass sie so elend aussehen. Vielleicht hilft ein Psychiater. Oder eine ganze Tausendschaft von Psychiatern.

Drei Leben in einem Haus

„Die Hauswände bestanden aus Jerusalemer Steinen, die ihre wilde, unbehauene Außenseite zeigten …”

„Die Hauswände bestanden aus Jerusalemer Steinen, die ihre wilde, unbehauene Außenseite zeigten …”

Von Amos Oz hatte ich nichts gelesen, aber jetzt „Judas”, erschienen bei Suhrkamp.

„Er war ein kräftiger junger Mann, fünfundzwanzig Jahre alt, empfindsam, ein Sozialist und Asthmatiker, schnell zu begeistern und leicht zu enttäuschen.” – Das war der Satz, auf der ersten Seite, der mich sofort hineinzog ins Buch, so geht das. Der kräftige junge Mann ist Schmuel Asch. Er bricht sein Studium ab wegen einer unglücklichen Liebesgeschichte, aber auch wegen seiner M. A.-Arbeit „Jesus in den Augen der Juden”, mit der er nicht weiterkommt, obwohl er sie einst mit großer Begeisterung begonnen hat. Alles, was ihm einfällt, alles, was er entdeckt, haben längst schon andere geschrieben. Weiter las ich, immer wieder animiert von Beschreibungen wie dieser: „Professor Eisenschloss” (Schmuels Lehrer) „war ein kleiner, penibler Mann mit einer bierglasdicken Brille und scharfen, eckigen Bewegungen, die denen eines Kuckucks glichen, der plötzlich aus dem Türchen einer Wanduhr schoss.” Ich bekomme ein anschauliches Bild davon, wie man in Jerusalem lebt. Ich kriege einiges an überraschender Bibel-Auslegung. Zum Beispiel: Judas war ehrenwerter Mann. Unter den Jüngern war er der glühendste Verehrer Jesus’, und wenn er seinen Meister verriet, dann nur darum, damit er seine historische Mission erfüllen konnte: Ans Kreuz geschlagen werden und vor den Augen der Menschen auferstehen, um das Zeichen der Erlösung zu setzen. Nie und nimmer hätte Judas Jesus für dreißig Silberlinge verraten. Im Gegensatz zu den anderen Jüngern, armen Fischern und Bauern, war er ein vermögender Mann, schon darum ist dieser Teil der Erzählung unwahrscheinlich.

Schmuel Asch, der Student, der sich selbst exmatrikuliert, findet einen Job in einem abgelegenen, ramponierten Haus, wo er den verkrüppelten, geistig hellwachen Gerschom Wald zu betreuen hat. „Er war ein hässlicher Mensch, lang und breit und krumm und bucklig, mit einer Nase so spitz wie der Schnabel eines Vogels, und die Krümmung seines Kinnes erinnerte an eine Sense.” Wald spricht polemische Monologe ins Telefon. Auch Asch muss ihm sein Ohr leihen und kann schüchtern seine Argumente vortragen. Im Haus lebt nicht zuletzt Atalja, Walds Schwiegertochter, deren Mann auf bestialische Weise getötet wurde, eine Frau in mittleren Jahren, schön, rätselhaft, unnahbar. Die Situation zwischen diesen drei Menschen in dem verfallenden Haus ist hochintensiv, voller Zwischenfälle und Offenbarungen, Hingabe und Verweigerung.

Schließlich noch ein Satz aus den Gesprächen zwischen Gerschom Wald und Schmuel Asch: „Die Wahrheit ist, dass alle Macht der Welt den Feind nicht in einen Freund verwandeln kann. Man kann den Feind zum Sklaven machen, aber nicht zu einem Liebenden.”