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Archive for the ‘Brachwitz weekly’ Category

Sechs Mann ein Team

Sie bauen die Hauptstadt auf. Das ist doch was Großartiges.”
© Christian Brachwitz

Im Fußball und auch uff Arbeit reden wir von Teams, früher auch von Kollektiven. „Wurde mit dem Kollektiv sozialistische Brigade. Manchmal lag sie ja auch schief, doch auch dafür stand sie grade …” Aus „Maria”, dem berühmtesten und schönsten Demmler-Lied. Diese Männer auf dem Dach in der Karl-Marx-Allee lassen uns ins Jahr 1982 zurückblicken. In ein anderes Jahrhundert. Gab es damals nicht diese Berlin-Initiative? Arbeiter aus der ganzen DDR wurden nach Berlin gelockt, um die Hauptstadt zu einer Metropole zu machen, während die Provinz verkam? Man erinnert sich dunkel. Sie verdienten wahrscheinlich doppelt, konnten unbehelligt von Familien und Ehefrauen ihr Feierabendbier trinken und das, was der gewöhnliche Mensch Abenteuer nennt, war auch drin. Nicht jede Ehe wird diese Initiative überstanden haben, aber viele Ehen überstehen auch manches Andere nicht.

Ach ja, ein freier Autor wollte eine Reportage über ein Bauarbeiterwohnheim schreiben. Unser linientreuer Chefredakteur war gar nicht dafür. „Wozu brauchen wir das”, maulte er. „Ich kenne diese Wohnheime. Da sieht man sehr unterschiedliche Sachen. Wer ist denn dieser Autor? Kann der denn so was politisch richtig einordnen?”

Konnte er natürlich nicht. Die Reportage lag vor, und unser Chefredakteur war hochgradig erregt: „Das sind doch Leute, die bauen die Hauptstadt auf, das ist doch was Großartiges, die machen bewusst was für den Sozialismus, und was les ich hier? Die haben doch alle ’n Knacks, der eine, der keinen Anschluss findet, kennst du das? Als ich 17 war, 18, habe ich immer welche gekriegt, wenn ich wollte! Und der zweite, der will nicht nach Hause, weil er da nichts zu sagen hat, und der andere, der ist nur nach Berlin gekommen, weil das in der Mitte liegt, zwischen Süden, wo seine Verlobte wohnt, und Norden, wo er zu Hause ist. Und dann die aus Greifswald, die wollten eigentlich zum Kernkraftwerksbau, die sind aus Versehen hier gelandet, das gefällt mir nicht, die sitzen hier und saufen und trauern ihrem Klub nach.” Außerdem kam kein einziges Mal das Wort FDJ vor und auch nicht das Wort Genosse.

In einer Spalte meines Bewusstseins kommt es mir so vor, als sei die Reportage damals trotzdem gedruckt worden. Wie war das nur möglich.

In der Natur der Sache

Wir vermissen hier nichts. Im Gegenteil.
© Christian Brachwitz

Die Kleingärtner sind wieder da mit ihrem dezenten Übergewicht und allem Schönen, was blasierte Leute Kitsch nennen. Wagenräder, Lichterketten, Pergolen und Kunstschmiedearbeiten. Wir sind mit unserem Garten älter geworden, und wir waren nie unzufrieden. In der Kleingartenkolonie hilft einer dem anderen und der andere dem einen. Hier draußen schmeckt der Kaffee auch viel besser nach getaner Arbeit. Und Arbeit gibt es immer genug. Es kommt darauf an, dass der Garten dem Vergleich mit anderen Gärten standhält. Und dass er auch etwas Besonders zu bieten hat. Das kann zum Beispiel eine einfache Ansammlung von Feldsteinen sein, sowas Rustikales. Die Kinder können hier Hopse spielen und alles Mögliche. Ab März löchern die uns schon: Wann geht’s wieder in den Garten. Wir haben hier auch schon wunderbare Spartenfeste gefeiert; jeder leistet seinen Beitrag, und am Ende gibt’s immer einen, der nicht mehr Herr seiner Sinne ist. Wir sind ja unter uns. Da kann man das schon machen. Am nächsten Tag gibt’s dann ein bisschen Spott. Nichts Bösartiges. Ich sag mal: Alles Böse hat im Garten keine Chance. Das liegt in der Natur der Sache.

Die Metaphysik der Bäuche

Die Vielfalt in der Einfalt
© Christian Brachwitz

Es wird auch wieder Sommer werden wie hier in den Republiksjahren in Havelberg, wir werden Volksfeste feiern, die Sonne wird uns auf den Pelz brennen, wir werden unsere Hemden ausziehen und uns bräunen, wir werden es vielleicht auch lassen, je nachdem. Ja. Je nach Bauch. Je nach Bauch werden wir die Hemden lieber anlassen, vielleicht auch die Pullover. Die Metaphysik der Bäuche. So wie die Sachsen nicht wissen, dass sie sächsisch sprechen, so wissen die meisten Männer nichts von der Dimension ihrer Bäuche, die auch Wampe oder Mollenfriedhof genannt werden. Wenn man sich aufrecht hält, wenn man taktisch geschickt atmet, hat kein Mensch einen Bauch. Bis auf wenige Ausnahmen, halblinks und ganz links im Bild. Im Gegensatz zu den sportlichen Typen ignorieren diese Männer die Kamera, als könnte man sie nicht sehen, wenn sie wegschauen. Da stand die Alternative volle Pulle Bier oder flacher Bauch. Den einzigen Sport, den so einer noch betreibt, nennt er einarmiges Reißen. Der Bauch versteckt sich lange, und wenn er nicht mehr wegzuleugnen ist, ist es zu spät. Er hat auch was Pornographisches; wie eine Erektion.

Als wir noch Studenten waren, traten wir in einer Reihe zur vormilitärischen Ausbildung an. Die Sonne knallte. Unsere Hemden durften wir ausziehen. In der Formation dünner Jünglinge ragte ein Bauch heraus. Der Bauch unseres schärfsten Biertrinkers. Der Bauch schämte sich und zitterte. Er versuchte zu verschwinden, aber es war nicht möglich. So lange kann keiner die Luft anhalten.

Es gibt auch Männer, zu denen ein Bauch passt. Die werden erst authentisch, wenn sie endlich einen Bauch haben. Aber dieses Glück ist nur wenigen beschieden.

Frauen haben keine Bäuche. Klar, sie trinken kein Bier, und den Rest besorgen die Mode und die Textilindustrie.

Ganz hinten links in Bild die Fahne der Republik. Es geht kein Wind, und sie weht doch.

Das Neue

War das alles einmal wahr?
© Christian Brachwitz

Aus den Zeiten der ersten freien Wahlen auf dem Territorium der Deutschen Demokratischen Republik. Wir hatten ein Wartehäuschen errichtet. Wir hatten es eingefliest. Wir warteten auf den Bus. Aber der Bus kam nicht. Daran hatten wir uns gewöhnt. Kommt er heut nicht. Kommt er morgen. Wir hatten Zeit. Und bekamen noch mehr Zeit. Wir bekamen auch eine neue Moral. Obwohl wir noch nicht mal eine alte Moral hatten. Manchmal sieht das Neue überhaupt nicht neu aus. Der alte Mann ist ängstlich, der dicke Mann schläft im Stehen. Sie werden sich neu einkleiden, nicht mehr mit solchen Bügelfalten und solchen Beuteln rumrennen, einfach etwas legerer, etwas freier. Eine neue Politik. Eine neue Wirtschaft. Eine neue Jacke. Die neue Moral überlassen wir der Volkspartei.

Der grüne Punkt

Stille Straße mit grünem Punkt
© Christian Brachwitz

Wer weiß, ob du deinem Sohn einen Gefallen tust, wenn du ihm seinen größten Wunsch erfüllst und ihm das Messi-Trikot kaufst. Er mag damit durch die Straßen laufen und sich hinter einem Mast festsetzen, kein Problem, auch wenn die Werbung neben dem BSR-Abfallbehälter reichlich bedrohlich wirkt (worum geht’s da eigentlich? Computerspiel?) Aber wenn’s ernst wird, wenn es wirklich zum Spiel kommt, dann wird dein Sohn an Lionel Messi gemessen und daran wird er für einen Nachmittag zerbrechen. Auch wenn es sich nicht um das Messi-Trikot vom FC Barcelona, sondern um das der argentinischen Nationalmannschaft handelt, in der Messi regelmäßig unter seinen Möglichkeiten bleibt. Kauf deinem Sohn einfach das Trikot von André Schürrle. Da erwartet keiner was von ihm. Da kann er, wenn ihm was gelingt, das Image von André Schürrle sogar aufwerten. Er muss nur daran denken, dass Fußball nicht aus Rennen, Rennen, Rennen besteht, sondern auch aus Tricks, Pässen und Einfällen.

Aber es geht ja doch um das Bild. Um die menschenleere Straße. Um die Sanftheit des Jungen und die Bedrohlichkeit des Reklamemanns. Darum, was der Junge da mit zugekniffenen Augen fixieren mag. Und um den rätselhaft leuchtenden grünen Punkt in dem Treppen- oder Klofenster des Hauses rechts. Das grüne Leuchten – wo kommt es her, was hat es vor. Stille Tage im Sommer. Es hat sie gegeben und wird sie wieder geben.

 

 

 

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Lost in Vacation

Ich geh mit meinem Ha-Handy und mein Ha-Handy mit mir …
© Christian Brachwitz

Urlaub steht auf dem Foto, mehr nicht. Für mich changiert es zwischen den Jarmusch-Titeln „Permanent Vacation” und „Stranger than Paradise”. In welcher verdammten Stadt findet denn dieser verdammte Urlaub statt? Irgendwo in Österreich? Honolulu?

Vor der Filiale, vor dem großen Tor, könnte ich singen. Die Urlauberin macht ein Selfie, um zu beweisen, dass es McDonald’s überall gibt auf der Welt. Ein Beweis, dessen es nicht bedarf. Sie hat sich bekleidet, wie man sich nur im Urlaub anziehen darf. Wo einen keiner kennt. Bemerkenswert die schlanken Fesseln, die das (unter anderem bei McDonald’s) angefutterte Gewicht wohl nicht lange zu tragen vermögen. Da spricht man dann euphemistisch von Pflastermüdigkeit. Falls sie Single ist, frage ich mich besorgt: Wie hält sie das aus, ganz allein in der fremden Stadt, ohne die Chance, den Frust am Partner auszulassen. Oh ja, sie hält es aus durch die Hoffnung, jemanden zu finden, der ähnlich verloren im Urlaub ist wie sie und dem sie sich von ihrer besten Seite zeigen könnte. Denn die hat sie auch.

Vorbildlich laufen die Linien im Bild aufeinander zu und auf diese Mittelpunkt-Gestalt, die uns, wir wundern uns selbst, nicht kalt lassen kann. Sie wirft einen schönen Schatten.

Peter privat

Hier bin ich Mensch …
© Christian Brachwitz

Das ist der Wohnwagen von Herrn Peter Altmaier, dem Kanzleramtsminister. Welchen wichtigen Posten er in der neuen Regierung einnehmen wird, ist noch nicht sicher, auf jeden Fall ist er Angela Merkels wichtigster Mann. In jeder Talkshow, die sie nicht selbst wahrnehmen kann oder will, springt er ein und spricht ganz in ihrem Sinne. Voll vertrauenswürdig. Ihn hat noch keiner aus der Fassung gebracht. Wenn es dann mit der Talkshow und dem anschließenden versöhnlichen Plausch zu spät geworden ist, fährt Peter Altmaier nicht mehr nach Hause, sondern er geht in seinen bereitstehenden Wohnwagen. Das ist eigentlich immer das Schönste. Er liebt das einfache Leben, das Leben auf engem Raum, und er sagt: Es sieht vielleicht nicht danach aus, aber mein Wohnwagen ist drinnen ziemlich luxuriös. Es gibt sogar einen kleinen Kühlschrank, und darin befinden sich immer kleinen Leckereien, Sachen, die ich vergessen habe, und über die ich mich umso mehr freue, wenn ich sie wiederentdecke. Ein kleines Piccolofläschchen Sekt ist auch meistens dabei, ein Piccolöchen, wie man so sagt.

Sie haben sicher vieles selbst gemacht, an diesem Wohnwagen?

Oh nein, sagt Peter Altmaier, ich bin mit den Händen gar nicht so geschickt, ich bin ein typischer Kopfarbeiter. Die hübsche Gardine, die ist allerdings von mir. Da treffen sich Geschmack und Geschick.

In Wahrheit weiß ich natürlich nicht, ob dies wirklich der Wohnwagen von Peter Altmaier ist; es fiel mir nur so ein, aus reiner Sympathie.

Und dann denke ich an ein Interview, das der Spiegel vor zwei Jahren mit Claus Peymann führte, als der noch Intendant des Berliner Ensembles war.

Jetzt kommt der Minister, sagte Peymann, wie heißt der noch mal, der es jetzt richten soll, der Dicke?

Altmaier?

Ja, der. Altmaier tritt als Retter auf. So eine Art Falstaff, wie bei Heinrich IV., ein trink- und raufsüchtiger Soldat. Ich würde ihn sofort engagieren. Wahrscheinlich müsste man ihn dauernd betrunken machen, dann wäre er ganz toll. Solche haben wir am Theater leider nicht.

Wieso nicht?

Auf der Bühne geht es nur um Schönheit. Die Schönen werden Schauspieler. Das ist ein Problem, denn man braucht auch Normalität und Hässlichkeit auf einer Bühne. Da könnten wir uns vielleicht bei der Politik bedienen.

Claus Peymann! Ich möchte eigentlich mindestens jeden Monat ein Interview mit ihm lesen. Dem fällt wirklich immer was ein. Wie großartig war doch auf einmal das Literarische Quartett, als Claus Peymann zu Gast war! Er sollte immer mitmachen, habe ich damals schon gesagt. Mein Gott, ich komme ja hier vom Hundertsten ins Tausendste.