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Archive for the ‘Brachwitz weekly’ Category

Der grüne Punkt

Stille Straße mit grünem Punkt
© Christian Brachwitz

Wer weiß, ob du deinem Sohn einen Gefallen tust, wenn du ihm seinen größten Wunsch erfüllst und ihm das Messi-Trikot kaufst. Er mag damit durch die Straßen laufen und sich hinter einem Mast festsetzen, kein Problem, auch wenn die Werbung neben dem BSR-Abfallbehälter reichlich bedrohlich wirkt (worum geht’s da eigentlich? Computerspiel?) Aber wenn’s ernst wird, wenn es wirklich zum Spiel kommt, dann wird dein Sohn an Lionel Messi gemessen und daran wird er für einen Nachmittag zerbrechen. Auch wenn es sich nicht um das Messi-Trikot vom FC Barcelona, sondern um das der argentinischen Nationalmannschaft handelt, in der Messi regelmäßig unter seinen Möglichkeiten bleibt. Kauf deinem Sohn einfach das Trikot von André Schürrle. Da erwartet keiner was von ihm. Da kann er, wenn ihm was gelingt, das Image von André Schürrle sogar aufwerten. Er muss nur daran denken, dass Fußball nicht aus Rennen, Rennen, Rennen besteht, sondern auch aus Tricks, Pässen und Einfällen.

Aber es geht ja doch um das Bild. Um die menschenleere Straße. Um die Sanftheit des Jungen und die Bedrohlichkeit des Reklamemanns. Darum, was der Junge da mit zugekniffenen Augen fixieren mag. Und um den rätselhaft leuchtenden grünen Punkt in dem Treppen- oder Klofenster des Hauses rechts. Das grüne Leuchten – wo kommt es her, was hat es vor. Stille Tage im Sommer. Es hat sie gegeben und wird sie wieder geben.

 

 

 

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Lost in Vacation

Ich geh mit meinem Ha-Handy und mein Ha-Handy mit mir …
© Christian Brachwitz

Urlaub steht auf dem Foto, mehr nicht. Für mich changiert es zwischen den Jarmusch-Titeln „Permanent Vacation” und „Stranger than Paradise”. In welcher verdammten Stadt findet denn dieser verdammte Urlaub statt? Irgendwo in Österreich? Honolulu?

Vor der Filiale, vor dem großen Tor, könnte ich singen. Die Urlauberin macht ein Selfie, um zu beweisen, dass es McDonald’s überall gibt auf der Welt. Ein Beweis, dessen es nicht bedarf. Sie hat sich bekleidet, wie man sich nur im Urlaub anziehen darf. Wo einen keiner kennt. Bemerkenswert die schlanken Fesseln, die das (unter anderem bei McDonald’s) angefutterte Gewicht wohl nicht lange zu tragen vermögen. Da spricht man dann euphemistisch von Pflastermüdigkeit. Falls sie Single ist, frage ich mich besorgt: Wie hält sie das aus, ganz allein in der fremden Stadt, ohne die Chance, den Frust am Partner auszulassen. Oh ja, sie hält es aus durch die Hoffnung, jemanden zu finden, der ähnlich verloren im Urlaub ist wie sie und dem sie sich von ihrer besten Seite zeigen könnte. Denn die hat sie auch.

Vorbildlich laufen die Linien im Bild aufeinander zu und auf diese Mittelpunkt-Gestalt, die uns, wir wundern uns selbst, nicht kalt lassen kann. Sie wirft einen schönen Schatten.

Peter privat

Hier bin ich Mensch …
© Christian Brachwitz

Das ist der Wohnwagen von Herrn Peter Altmaier, dem Kanzleramtsminister. Welchen wichtigen Posten er in der neuen Regierung einnehmen wird, ist noch nicht sicher, auf jeden Fall ist er Angela Merkels wichtigster Mann. In jeder Talkshow, die sie nicht selbst wahrnehmen kann oder will, springt er ein und spricht ganz in ihrem Sinne. Voll vertrauenswürdig. Ihn hat noch keiner aus der Fassung gebracht. Wenn es dann mit der Talkshow und dem anschließenden versöhnlichen Plausch zu spät geworden ist, fährt Peter Altmaier nicht mehr nach Hause, sondern er geht in seinen bereitstehenden Wohnwagen. Das ist eigentlich immer das Schönste. Er liebt das einfache Leben, das Leben auf engem Raum, und er sagt: Es sieht vielleicht nicht danach aus, aber mein Wohnwagen ist drinnen ziemlich luxuriös. Es gibt sogar einen kleinen Kühlschrank, und darin befinden sich immer kleinen Leckereien, Sachen, die ich vergessen habe, und über die ich mich umso mehr freue, wenn ich sie wiederentdecke. Ein kleines Piccolofläschchen Sekt ist auch meistens dabei, ein Piccolöchen, wie man so sagt.

Sie haben sicher vieles selbst gemacht, an diesem Wohnwagen?

Oh nein, sagt Peter Altmaier, ich bin mit den Händen gar nicht so geschickt, ich bin ein typischer Kopfarbeiter. Die hübsche Gardine, die ist allerdings von mir. Da treffen sich Geschmack und Geschick.

In Wahrheit weiß ich natürlich nicht, ob dies wirklich der Wohnwagen von Peter Altmaier ist; es fiel mir nur so ein, aus reiner Sympathie.

Und dann denke ich an ein Interview, das der Spiegel vor zwei Jahren mit Claus Peymann führte, als der noch Intendant des Berliner Ensembles war.

Jetzt kommt der Minister, sagte Peymann, wie heißt der noch mal, der es jetzt richten soll, der Dicke?

Altmaier?

Ja, der. Altmaier tritt als Retter auf. So eine Art Falstaff, wie bei Heinrich IV., ein trink- und raufsüchtiger Soldat. Ich würde ihn sofort engagieren. Wahrscheinlich müsste man ihn dauernd betrunken machen, dann wäre er ganz toll. Solche haben wir am Theater leider nicht.

Wieso nicht?

Auf der Bühne geht es nur um Schönheit. Die Schönen werden Schauspieler. Das ist ein Problem, denn man braucht auch Normalität und Hässlichkeit auf einer Bühne. Da könnten wir uns vielleicht bei der Politik bedienen.

Claus Peymann! Ich möchte eigentlich mindestens jeden Monat ein Interview mit ihm lesen. Dem fällt wirklich immer was ein. Wie großartig war doch auf einmal das Literarische Quartett, als Claus Peymann zu Gast war! Er sollte immer mitmachen, habe ich damals schon gesagt. Mein Gott, ich komme ja hier vom Hundertsten ins Tausendste.

 

Stilles Chaos

Ein Literat hätte jetzt die Aufgabe, diese Leute in Beziehung zueinander zu setzen
© Christian Brachwitz

Alexanderplatz 1983 steht auf dem Foto. Erster Mai? Republiks-Geburtstag am siebten Oktober? Ja, wohl eher das. Am 1. Mai war man besser drauf. Der war nicht nur der Kampf-sondern auch der Sauftag, es wurde wärmer, man konnte die leichten Sachen rausholen und vom Sommer träumen. Am siebten Oktober war das schon wieder vorbei. Eine leichte Verkrampfung stellte sich ein. Man beachte die Hände des vornehmen älteren Herrn, der sich mit dem Freizeithut ein wenig vergriffen hatte. Solche Herrschaften hielten Ausschau nach Frauen, die ihrer würdig wären und wurden selten fündig. Die Frau in seinem Rücken war ihm zu volkstümlich. Den mutwilligen Aufenthalt des Dicken auf dem Dach der Telefonzelle missbilligte er schweigend. Der Knabe mit der Brille, der Friedenstaube und den steifen Turnschuhen möchte später auch mal so einen schönen Bart haben wie der Papa. Der Mann mit der Lederjacke schaut hinab in den U-Bahn-Schacht. Missmutig. Kommt da jemand hinauf, den er kennt? Jemand, der ihm gute Laune macht? Die Menschenmenge nach der Demonstration hat sich aufgelöst. Der Tag steuert zielgerichtet ins Nichts. Ein Kapitel Beziehungslosigkeit. Jeder steht für sich. Besser, wenn man sich da keiner Illusion hingibt. Und umso schöner, wenn das Leben einmal anders spielte.

Ach, Arbeit

Mann der Arbeit, aufgewacht! – Ich bin doch wach.
© Christian Brachwitz

Arbeiten wir, um zu leben oder leben wir, um zu arbeiten. Das waren so die pseudophilosophischen Diskussionen, die wir früher zu führen hatten. (Leben wir, um zu rauchen, oder rauchen wir, um zu sterben? – das war schon schneidiger, aber natürlich inoffiziell). Wenn Brachwitz Arbeits- oder Arbeiterfotos macht, worum geht’s ihm da? Geht es ihm darum, den Menschen zu zeigen und das Kreuz, das er zu tragen hat? Warum verfluchen wir den Montag und warum empfinden wir am Freitag diese grenzenlose Entspannung? Wenn wir – was weiß ich – nach vierzig Jahren von der Arbeit befreit sind, blicken wir zurück und sagen: Lieber Himmel, so schlimm war es doch nun auch nicht. Warum habe ich das nicht viel leichter und heiterer genommen?

Aber so lange der Druck noch da ist, unsere Freiheit eingeschränkt, leiden wir. Auf der anderen Seite sucht Brachwitz auch den Arbeiter, der dahin gehört, wo er sich befindet. Ein Fürst in seinem Reich. Hier kennt er alles und jeden, die einen liebt er, die anderen hasst er, und er weiß, dass sein Chef ihn braucht.

Auf der Arbeit bewegen wir uns zwischen den Polen Langeweile und Überforderung. Ich kann auch einfach dadurch überfordert sein, dass ich diese Langeweile acht Stunden lang nur schwer ertrage.

Okay, ich gehe davon aus, dass dieser junge Mann, 1981 in einem Keramikbetrieb in dem berühmten Keramikstandort Römhild in Südthüringen aufgenommen, mit seinem Job klar kommt. Er braucht keine übermenschlichen Kräfte, die Hitze am Brennofen erträgt er, die alten Anlagen hat er verstanden, und sie verstehen ihn. Er muss hier vor keinem Angst haben. Nachgiebigkeit sehe ich in seinen Gesichtszügen, Selbstbewusstsein aber auch. Er kennt keine anderen Betriebe als diese etwas altmodischen, morschen, leicht verdreckten, in denen immer mal wieder was zusammengeflickt werden muss und in denen man über die Kantinen spottet. Aber man frisst, was auf den Tisch kommt.

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Die Demut unter der Sonne

Stell dich mitten in die Sonne und verlier die Nerven nicht
© Christian Brachwitz

In verregneten Sommern sind die unerwarteten Sonnentage besonders belastend. Auf die gnadenlose Hitze sind wir nicht mehr eingestellt. Die Losung des Tages ist die Flucht in den Schatten, nicht mehr wie früher, als wir Kinder waren, der Ausflug an den See. Wir sind in Berlin am Ostkreuz. Ich wüsste nicht, wo da viel Schatten wäre. Ostkreuz wurde gemieden. Schlimm genug, wenn man da umsteigen musste. Wir kennen in Berlin Ostkreuz, Westkreuz und Südkreuz. Nordkreuz nicht. Kreuz heißt hier nichts weiter als Knotenpunkt. Hier kreuzen sich die Bahnen. Ich konnte mich nie von dem Gedanken lösen, dass es mit diesen Orten auch ein wahres Kreuz sei. Mit dem Ostkreuz noch mehr als mit dem Westkreuz. Es bröckelte so langsam vor sich hin. Jetzt wird es aufgewertet. Es tut sich viel. Wir nehmen es nicht wahr. Einmal schlimm, immer schlimm. Die junge Frau in der Mitte des Bildes lässt mich daran denken, dass sie in den heißen Ländern mit der gnadenlosen Sonne viel besser umgehen können. Der Tagesablauf ist darauf eingerichtet, dass man der Sonne aus dem Weg geht. Sie haben dort so gebaut, dass überall schöne Schattenplätze entstehen. Und außerdem sind sie im Besitz einer ganz anderen Demut. Gehst du zur Sonne, vergiss die Demut nicht. Aber du musst sie erstmal haben. Die Demut.

Fröhlich sein und Äpfel

Die alten Leute und die neue Zeit, hier 1981
© Christian Brachwitz

Wir lebten im Grünen. Die Omas und die Enkel durften zu Hause bleiben. Alle anderen: Arbeit oder Schule. Das Grüne im Grünen reichte nicht. Wir brauchten auch noch ein Blumenfenster, das könnte man aus heutiger Sicht fast ein Objekt nennen, eine Skulptur. Die Oma war immer warm angezogen; richtig gesund war sie nicht mehr. Eine solche Oma würde heute viel jünger aussehen und sich viel schicker anziehen; gesunder wäre sie auch. Heute gibt sich eine Oma nicht so früh auf. Sie müsste dem Enkelkind, das ihr Ein und Alles ist, auch nicht aus der „FRÖSI” vorlesen. Frösi – die „Fröhlich sein und Singen”. Ich erinnere mich, die erste Nummer dieser neuen Kinderzeitschrift habe ich damals gekauft und dann keine mehr. In der „Fröhlich sein und singen” waren mir einfach zu viel Noten drin, sie nahmen das sehr ernst mit dem Singen. Und ob die Oma gerne aus der Frösi vorgelesen hat, wage ich auch zu bezweifeln; die Geschichten, die darin enthalten waren, entsprachen womöglich nicht ihrer Erfahrung und nicht ihrer Anschauung vom Leben, vielleicht kränkelte sie auch deshalb ein bisschen. Die alten Leute kamen mit dem neuen Leben in der DDR nicht mehr über einen Kamm. Und die Enkel mühten sich mit den viel zu großen Äpfeln ab.