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Archive for the ‘Brachwitz weekly’ Category

Die Unfertigkeiten seiner Welt

Oktober 12, 2019 1 Kommentar

Kleines Chaos in Ilmenau
© Christian Brachwitz

Was ich zur Eröffnung der Brachwitz-Ausstellung in der Galerie Helle Coppi sagte:

Brachwitz begehrte, in Babelsberg Kamera zu studieren. Wurde abgelehnt, ging nach Buna Schkopau und ins KWO Berlin, wo er sich Fotoarbeiter nannte, kam zum Sonntag, der kulturpolitischen Wochenzeitung, die keine Botschaft, aber einen Boten hatte, der sich allerdings Kurier nannte, und dann, 1983, 84, fuhren wir los, nach Köpenick und kreuz und quer in Berlin, nach Hertefeld im Löwenberger Land, nach Gransee, nach Königs Wusterhausen, Halle, Zwickau, Neubrandenburg, nach Kalbe/Milde und Tangermünde, nach Eisenach, in Dörfer, die es vielleicht nicht mehr gibt. Nach überall. Während ich im Hotel die Texte sortierte, ging Brachwitz auf die Straße. Da hatte er keinen Auftrag und kein Konzept, sondern nur noch das Prinzip unbeteiligter Wahrnehmung und ein gewisses Lächeln, das die Leute für ihn einnahm. Kann ein Mensch freier sein und das in der DDR.

Später stahl das Theater oder konkret Alexander Lang ihn der Straße, er war nun ein Theaterfotograf. Es war auch nicht so schwer, ihn zu klauen. Der Chefredakteur der Zeitung kriegte doch jedes Mal einen Zinken, wenn er Brachwitz’ Bilder sah: Da sind doch gar keine Genossen drauf! Keine Helden der Arbeit! Keine Erbauer des Sozialismus! Trotzdem rutschten die Bilder ins Blatt. Sie zeigten Alltagsmenschen, die man nicht aus der Welt schaffen konnte und nicht aus der Republik. Das war der Sieg des Reellen über die Ideologie, der unauffällige Triumph der Ohnmacht über die Macht, wobei man, wie wir jetzt wissen, beide Begriffe in Anführungsstriche setzen muss. Aber die Straße versuchte Brachwitz zurückzuholen. Die Straße, ihr Licht und ihr uninszeniertes Theater. Wo der Alltagsmensch er selbst ist und auch Darsteller einer erwünschten Rolle. Kinder noch ungenierter als Erwachsene. Frauen noch ambitionierter als Männer. Homos noch exaltierter als Heteros.

Von uns diskreten Unberühmten ist Brachwitz, Jahrgang 53, der Nachhaltigste. Ich erkenne fünfunddreißig Jahre alte Bilder sofort wieder, sie sind historisch, aber auch gegenwärtig, und manche sind Ikonen geworden. Die Wege der Kindheit sind weit. Muss man sie nicht unendlich nennen: Der Junge auf dem Fahrrad, das Mädchen mit dem Puppenwagen, beide in leichter Schräglage. Kippt die Welt, zur Seite, nach rechts? Der Schritt des Halbwüchsigen ins Neubaugebiet. Hat man je so etwas Unfertiges, Unaufgeräumtes gesehen. Ja. Alle Tage. Der dämonische Glatzkopf auf einer Brache in Ilmenau vor einem maroden Wirtschaftsgebäude mit fahrig nachverputzten Fugen. Reste einer Umzäunung. Ein abgestorbenes Bäumchen. Einen Totbaum zerrt der Dämon zum Feuer. Im Einsamen köcheln die Aggressionen. Was soll das nur werden, wenn es fertig ist. Aber es wird ja sowieso nicht fertig. Brachwitz fotografierte die Unfertigkeiten seiner Welt. Die Dialektik des Unfertigen.

Das ist nun die Gelegenheit, vom bedauerlichen Siegeszug der Farbe und vom glorreichen Untergang von Schwarz-Weiß mit allen seinen Graustufen zu reden. Jeder Fortschritt hat seine Nachtseite. Die Welt wird auf dem Farbfoto farbiger, als sie je sein kann. Deshalb sage ich, im Schwarz-Weiß-Bild steckt mehr Wahrheit. Oder sagen wir nicht Wahrheit, das Wort ist so abgekämpft, sagen wir Erkennbarkeit. Im Schwarzweißbild ist mehr Erkennbarkeit, vor der uns das Farbfoto schützt. Schönen Dank auch. Und der Untergang des Schwarz-Weißen ist glorreich, weil: Die Bilder sind ja da. Die Bilder bleiben. Auch nach weiteren fünfunddreißig Jahren werden wir Brachwitz’ Bilder wiedererkennen. Sofort. Unverzüglich.

Das Ohr am Gleis

Irgendwo in der Altmark
© Christian Brachwitz

Wir sind vor den Toren von Kalbe/Milde, einer ziemlich kleinen Stadt mit einem ziemlich großen Kulturhaus in der Altmark, und wir sind unter Kindern. 1983. Das Mädchen legt das Ohr auf die Schiene, das rechte Ohr verschließt sie mit der Hand. Sie ist hochkonzentriert, scheint sicher zu sein, dass eine imaginäre Ferne ihr eine Botschaft senden wird. Was entfernt sich von uns, was kommt auf uns zu. Sie wird es ihren skeptischen Freunden mitteilen, auch wenn sie nicht weiß, ob sie die richtigen Worte finden wird, damit sie ihr glauben. Das ist ja das Problem aller Propheten.

Dieses und einige andere Fotos von Christian Brachwitz auf schönen Silbergelatine-Abzügen sind ab morgen, dem 10. 10. In der Galerie Helle Coppi (www.coppi.de), Auguststraße 83 in Berlin Mitte zu sehen. Außerdem Malerei von Sibylle Prange und Skulpturen von Michael Jastram. Beginn der Eröffnung 18 Uhr.

A Taste of Isolation

Soldat, kommst du nach Königs Wusterhausen, mach dich auf das große Schweigen gefasst
© Christian Brachwitz

Welche Überschrift passt zu diesem Bild. Ich biete an: A taste of isolation. Oder: Das Schweigen. Oder: Hierarchie. Oder: Königs Wusterhausen 1982. In dieser Haltestelle haben sich mal fünf Personen angefunden, die sich nichts zu sagen haben. Das ist schon selten in der Kleinstadt und überhaupt. Novemberstimmung. Es riecht auch nach Mottenpulver. Die Greisin mit dem Topfhut ist sich sicher, dass man bei Anwesenheit eines Soldaten besser nicht schwatzt. Kann Ärger bringen. Es stört sie die Reisetasche des Soldaten, die sich so breit macht auf der Brüstung, und sie weiß, dass es einem Soldaten untersagt ist, die Hände in die Manteltaschen zu stecken. Beim Kaiser war das jedenfalls so. Die Königs Wusterhausenerin mit Brille und Kopftuch wendet dem Soldaten konsequent ihren militanten Rücken zu. Der Rest der disparaten Gemeinde brütet vor sich hin. Was war. Was ist. Was wird. Warum bin ich allein.

Die Mäntel bei der Nationalen Volksarmee wurden Pferdedecken genannt, wegen des groben, schweren Materials, aus dem sie gewebt waren. Wenn man diesen Mantel länger als eine Stunde trug, bekam man Rückenschmerzen. Es war ein ganz spezifischer punktueller Schmerz zwischen den Schulterblättern, den ich vorher nicht kannte und der nach der Armee immer wieder mal auftauchte, ein bleibendes Geschenk. Aber unser Soldat hier ist Unteroffizier und trägt schon einen Mantel aus feinerem Material. Er trägt auch ein Hemd und eine Krawatte. Vielleicht ist er ein Zehnender, ein junger Mann, der sich für zehn Jahre verpflichtet hat. Er wurde nicht gescheucht. Er durfte befehlen. Er hatte Freiheiten und bekam vergleichsweise gutes Geld. Das wog die Isolation nicht auf. Von den Soldaten wurden die Berufsunteroffiziere verachtet wegen der vielen Tage, die sie zu dienen hatten. Von den Offizieren wurden sie mit Hochmut gesehen, weil sie nach zehn Jahren wieder Zivilisten sein würden. Dazwischen musste sich der Unteroffizier einen ganz eigenen Hochmut anschaffen. Er sparte eisern, er trug die Haare länger, als es den Soldaten gestattet war, vielleicht war er sogar Außenschläfer. Dieser hier ist unterwegs zu seiner Verlobten. Wir hoffen, dass er sein Kommen angekündigt hat.

Im Reich der Peitschenlampen

Mittlerer Held in der Ho Chi Minh Straße 1985, heute wieder Weißenseer Weg, in Berlin
© Christian Brachwitz

Vater, Lulle, Kind. Er hat eingekauft, unter anderem eine freudlose Grünpflanze für die Kultur im Heim, hat den Kinderwagen zur Haltestelle geschoben, die Lulle angesteckt, sich ein Stück entfernt, damit das Kind nicht zum Mitraucher wird und gehofft, dass die Straßenbahn erst kommt, wenn er die Zigarette durchgezogen hat. Das könnte klappen. Wahrscheinlich kann er sich auch noch ne zweite und dritte anstecken, bis die Bahn endlich da ist, vielleicht auch die ganze Schachtel. Das Baby schläft. Im Rücken von Vater und Kind tuckert ein ziemlich selbstgebautes Seitenwagengespann auf einer ziemlich leeren Straße. Neubaugebiet. Nichts ist richtig fertig. Auf dem Mast, der das Bild in zwei ungleiche Hälften teilt, steht Why. Ja. Warum soll man sich in dieser Leere eigentlich zu Hause fühlen. Weil warmes Wasser aus der Wand kommt, weil es einen Müllschlucker gibt und weil man die Nachbarn so gut hören kann.

Die Nadeln des Schäfers

Das Glück der Schäfer ist nur für Schäfer nachvollziehbar
© Christian Brachwitz

Der Schäfer sah glücklich aus, obwohl er wenig Kontakt zu Menschen und Friseuren hatte, vielleicht aber zu Hut- und Uhrmachern. Es gab in seiner Herde keine schwarzen Schafe, höchstens Lämmer, die sich ab und zu verirrten. Und auch die Wölfe waren damals, 1985, noch nicht zurückgekehrt ins Oderbruch. Es war für den Schäfer noch nicht so schwer, die Tiere vor Gefahren zu schützen. Ich vermute, er befindet sich hier auf den allgemein zugänglichen Flächen zwischen den Orten Neulietzegöricke und Güsterbieser Loose. Anreisende Berliner waren seiner Zeit fasziniert nicht nur von diesen zusammengesetzten Ortsnamen, sondern auch von der stillen Würde der Dörfer selbst.

Von der Umhängetasche mit dem bolzenwehrten Gurt und dem Gehstock, der nicht zu Unrecht wie ein verlängerter Dirigentenstab aussieht, wirkt alles beim Schäfer wie selbstgemacht. Er sorgt für Wolle, Fleisch, Käse und Landschaftspflege, sollte ein Blasinstrument spielen können, weil die Schafe angeblich auf Musik ansprechen. Man kann sich ihn auch als romantischen Helden der seit der Antike beliebten Schäfer- oder Hirtendichtung vorstellen, in der die Städter sich nach der Schlichtheit des Landlebens sehnten.

Offiziell heißt der Schäfer Tierwirt. Das ist ein Ausbildungsberuf. Es soll noch etwa 900 hauptamtliche Tierwirte in Deutschland geben.

Zur Gefasstheit des Fotos trägt bei, dass es von einem schmalen Waldstreifen gesäumt wird; zu seiner Belebtheit, dass einige Schafe in Hektik geraten sind, während der Schäfer die Ruhe weg hat. In seiner linken oberen Jacken- oder Blusentasche stecken zwei Sicherheitsnadeln. Offenbar ist die Tasche ziemlich prall gefüllt. Was der Schäfer damit befestigt hat – das soll sein Geheimnis bleiben. Geld wird es nicht sein wie bei Emil und die Detektive. Eher Notizen zu einer Schäferdichtung. Die Tradition ruht, aber sie vergeht nicht.

Untergehende Berufe

1981 – als die Kohlenträger noch gefragte Leute waren
© Christian Brachwitz

Als gelernter Schriftsetzer komme ich auch aus einem untergegangenen Beruf. Aber klar. Das war nur eine Verlegenheitslösung, ich wollte das nie lange machen und habe es auch nicht lange gemacht. Was bleibt ist die Erinnerung an die Zeit unter Schriftsetzer- und Buchdruckerlehrlingen und das Jahr in der kleinen Druckerei, das unersetzbare Geplänkel der fünf oder sechs Setzer in der Werkstatt, jeder von ihnen eine schräge Type; das vergisst man nicht.

Kohlenträger und Kohlenhändler sind noch mal was ganz anderes. Wir sprachen mit einem in jenem heute unvorstellbar kalten Winter 1988/89. Wir sind die letzten Sklaven, sagte der. Ick kann mir nie wat vornehmen. Immer kleb ick dran am Kohlenhandel.

Er hatte Probleme mit den Leuten, die nie daran dachten, dass es einen Winter gibt und dass der Winter sehr kalt sein kann. Die kam dann zu ihm bei zehn Grad minus und führten große Dramen auf. Sie brauchten die Kohlen sofort, unverzüglich. Er hatte aber nur für drei bis vier Tage Vorrat, was sollte er machen. Er war gelernter Betonbauer. Aber dann machte sein Vater Alarm, er musste die Kohlenhandlung übernehmen. Das andere Problem des Kohlenhändlers waren seine Leute. Wer im Kohlenhandel tätig war, brauchte keine Kaderakte vorzulegen. Man konnte immer damit rechnen, dass von fünf Mann zwei nicht zur Arbeit erschienen. Geklaut haben sie auch, völlig unsinnige Sachen.

Da ist der Mann auf unserem Bild von einem anderen Schlag. Freundlich, immer zu einem Scherz aufgelegt. Jeden Tag Haare waschen. Die Klamotten sehen allerdings so aus, als gehörten sie einem anderen. Das Koppel hat er wahrscheinlich von der Volksarmee mitgenommen, das war legitim. Aber wollte man sich im zivilen Leben noch an die Fahne erinnern?

Die Kohlenkästen in geschlossener Formation im Rücken – mit denen umzugehen, musste man lernen. Wie war das mit dem ersten? Da bin ick beim Absetzen gleich umgefallen. Den hab ich nich ganz runtergekriegt. Man muss ’n bisschen det Been ausstellen.

Muss man bald nicht mehr. Der Kunde, der noch ein Öfchen hat, kriegt seine Kohlen fein abgepackt auch im Supermarkt.

Die offensive Schwester

Wie unterschiedlich können Schwestern sein
© Christian Brachwitz

Schwestern teilen alles, von Sandalen und Söckchen mal abgesehen, die sind schon noch unterschiedlich.

So sah das aus, auf Rügen 1985. Der grob gepflasterte Hof, das durchstoßende Unkraut, die schwere Stalltür, die feuchten Mauern – so hätte es fünfzig Jahre vorher auch schon aussehen können. Manchmal haben wir nichts gegen die stehengebliebene Zeit.

Die Mädchen haben sich in den entferntesten Winkel gedrängt, Wand und Tür geben ihnen Halt und Schutz. Der Dorffriseur hat sie hübsch gemacht. Auch wenn er vom Dorf ist, versteht er sein Fach.

Und auch wenn sie die gleichen Frisuren, die gleichen Pullis, die gleichen Ohrhänger und die gleichen Röcke tragen – wie unterschiedlich können Schwestern eigentlich sein! Der skeptisch auf den Fotografen gerichtete Blick und der nach unten oder mehr noch innen gewandte! Die im Rock versteckten Hände, das mit Farbe verschmierte Gesicht. So was könnte man ja gerade lustig finden! Für dieses Mädchen ist es ein äußerst ungünstiger Moment. Aber sie hat ja ihre offensive Schwester, und wenn es gut läuft, ergänzen und helfen sie sich ein Leben lang.

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