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Archive for the ‘Brachwitz weekly’ Category

Schulfreunde auf dem Lande

Zwei Jungs im Oderbruch
© Christian Brachwitz

Zwei wohlerzogene Jungs vom Lande, aus dem Oderbruch. Bauernjungs möchte man nicht sagen; dazu sind sie zu grazil. Bauernsöhne mussten schon ordentlich ranklotzen, die gingen früh in die Breite und sahen immer etwas zu alt aus für ihr Alter. Auf dem Lande wohnten eben nicht nur Bauern, auch Lehrer, Aussteiger und Künstler, zum Beispiel Maler, Bildhauer, Keramiker. Die Straßen waren schlecht, die Alleen schön, die Landschaft weit. Die Dörfer hießen (und heißen) Güstebieser Loose, Wuschewier, Gusow-Platkow oder Neulietzegöricke; sie hatten einen Anger, ein Spritzenhaus, einen Dorfladen und einen Sportplatz. Die Jungs können von Glück reden, dass sie in den letzten Monaten tüchtig gewachsen sind, sonst müssten sie nämlich Pfeffer reiben auf dem Rad (wie wir das nannten, wenn man mit den Beinen die Pedalen nicht richtig erreichte und auf dem Sattel von einer Seite zur anderen rutschte) oder gar das rechte Bein unter der oberen Stange durchschob, was bleibende Haltungsschäden zur Folge haben konnte. Der zweite Junge, der mit dem hausgemachten Haarschnitt, trägt Brille, was selten vorkam auf dem Lande. Da wurde man gleich Professor genannt. Dass sie mit diesen engen Turnhosen zur Schule fahren … , na ja, von manchen Dingen des Lebens hatte man damals, 1981, noch nichts gehört. Warum uns das Bild so gefällt: Es ist vielleicht das Paar-hafte, zwei Jungs, zwei Räder, zwei Reihen Chaussee-Bäume. Der Schulweg durchs Grüne. Das Leben, das noch vor einem liegt. Man denkt an den Schulfreund, den man selber hatte und von dem man nicht weiß, wie es ihm jetzt geht. Die Straße, die nicht zu enden scheint. Das Licht, die Schatten.

Schreckgespenst Westrentner

Ich suche und finde ihn nicht. Schönhauser Allee 1992
© Christian Brachwitz

In welcher Wüste sind wir denn? Schönhauser Allee. Eigentlich die interessanteste Straße Ostberlins, aber nach der Wende wurde der Mythos gründlich enteiert. Wie kriegt man eine florierende Straße kaputt? Durch zügelloses Baugeschehen ohne echten Plan und erklärtes Ziel. Was ist des Ostberliners Heimatstadt? Nur noch Schutt, Bagger, Kräne, Dreck und Lärm. Hier gab’s ein paar geile Bars, Tanzschuppen und Cafés. Und natürlich Konnopkes berühmten Currywürste unter der das Tageslicht kreuzenden U-Bahn. Ein Stück ostdeutsche Unternehmergeschichte. Und es zeigte sich: Einzig Konnopke war unbesiegbar.

Und unsere Mittelpunktfigur? Westmantel, Westdiplomatenkoffer, Westbrille, Westhaarschnitt. Was sucht er denn da, was hat er vergessen: den Grundbuchauszug. Von dem hat er allerdings nur geträumt. Es war ein Traum, in dem seiner Familie ein großes Haus in guter Lage gehörte, das man in den Zeiten der Teilung völlig vergessen hatte und mit dem man nun noch mal richtig reich werden wollte. Oft genug war dieser Traum auch real. Der Westrentner wurde zum Schreckgespenst im Osten. Das Schicksal war ihm hold. Nie fiel ihm ein Ziegel auf den spitzen Kopf. Und wenn doch, zersplitterte der Stein.

Die Unfertigkeiten seiner Welt

Oktober 12, 2019 1 Kommentar

Kleines Chaos in Ilmenau
© Christian Brachwitz

Was ich zur Eröffnung der Brachwitz-Ausstellung in der Galerie Helle Coppi sagte:

Brachwitz begehrte, in Babelsberg Kamera zu studieren. Wurde abgelehnt, ging nach Buna Schkopau und ins KWO Berlin, wo er sich Fotoarbeiter nannte, kam zum Sonntag, der kulturpolitischen Wochenzeitung, die keine Botschaft, aber einen Boten hatte, der sich allerdings Kurier nannte, und dann, 1983, 84, fuhren wir los, nach Köpenick und kreuz und quer in Berlin, nach Hertefeld im Löwenberger Land, nach Gransee, nach Königs Wusterhausen, Halle, Zwickau, Neubrandenburg, nach Kalbe/Milde und Tangermünde, nach Eisenach, in Dörfer, die es vielleicht nicht mehr gibt. Nach überall. Während ich im Hotel die Texte sortierte, ging Brachwitz auf die Straße. Da hatte er keinen Auftrag und kein Konzept, sondern nur noch das Prinzip unbeteiligter Wahrnehmung und ein gewisses Lächeln, das die Leute für ihn einnahm. Kann ein Mensch freier sein und das in der DDR.

Später stahl das Theater oder konkret Alexander Lang ihn der Straße, er war nun ein Theaterfotograf. Es war auch nicht so schwer, ihn zu klauen. Der Chefredakteur der Zeitung kriegte doch jedes Mal einen Zinken, wenn er Brachwitz’ Bilder sah: Da sind doch gar keine Genossen drauf! Keine Helden der Arbeit! Keine Erbauer des Sozialismus! Trotzdem rutschten die Bilder ins Blatt. Sie zeigten Alltagsmenschen, die man nicht aus der Welt schaffen konnte und nicht aus der Republik. Das war der Sieg des Reellen über die Ideologie, der unauffällige Triumph der Ohnmacht über die Macht, wobei man, wie wir jetzt wissen, beide Begriffe in Anführungsstriche setzen muss. Aber die Straße versuchte Brachwitz zurückzuholen. Die Straße, ihr Licht und ihr uninszeniertes Theater. Wo der Alltagsmensch er selbst ist und auch Darsteller einer erwünschten Rolle. Kinder noch ungenierter als Erwachsene. Frauen noch ambitionierter als Männer. Homos noch exaltierter als Heteros.

Von uns diskreten Unberühmten ist Brachwitz, Jahrgang 53, der Nachhaltigste. Ich erkenne fünfunddreißig Jahre alte Bilder sofort wieder, sie sind historisch, aber auch gegenwärtig, und manche sind Ikonen geworden. Die Wege der Kindheit sind weit. Muss man sie nicht unendlich nennen: Der Junge auf dem Fahrrad, das Mädchen mit dem Puppenwagen, beide in leichter Schräglage. Kippt die Welt, zur Seite, nach rechts? Der Schritt des Halbwüchsigen ins Neubaugebiet. Hat man je so etwas Unfertiges, Unaufgeräumtes gesehen. Ja. Alle Tage. Der dämonische Glatzkopf auf einer Brache in Ilmenau vor einem maroden Wirtschaftsgebäude mit fahrig nachverputzten Fugen. Reste einer Umzäunung. Ein abgestorbenes Bäumchen. Einen Totbaum zerrt der Dämon zum Feuer. Im Einsamen köcheln die Aggressionen. Was soll das nur werden, wenn es fertig ist. Aber es wird ja sowieso nicht fertig. Brachwitz fotografierte die Unfertigkeiten seiner Welt. Die Dialektik des Unfertigen.

Das ist nun die Gelegenheit, vom bedauerlichen Siegeszug der Farbe und vom glorreichen Untergang von Schwarz-Weiß mit allen seinen Graustufen zu reden. Jeder Fortschritt hat seine Nachtseite. Die Welt wird auf dem Farbfoto farbiger, als sie je sein kann. Deshalb sage ich, im Schwarz-Weiß-Bild steckt mehr Wahrheit. Oder sagen wir nicht Wahrheit, das Wort ist so abgekämpft, sagen wir Erkennbarkeit. Im Schwarzweißbild ist mehr Erkennbarkeit, vor der uns das Farbfoto schützt. Schönen Dank auch. Und der Untergang des Schwarz-Weißen ist glorreich, weil: Die Bilder sind ja da. Die Bilder bleiben. Auch nach weiteren fünfunddreißig Jahren werden wir Brachwitz’ Bilder wiedererkennen. Sofort. Unverzüglich.

Das Ohr am Gleis

Irgendwo in der Altmark
© Christian Brachwitz

Wir sind vor den Toren von Kalbe/Milde, einer ziemlich kleinen Stadt mit einem ziemlich großen Kulturhaus in der Altmark, und wir sind unter Kindern. 1983. Das Mädchen legt das Ohr auf die Schiene, das rechte Ohr verschließt sie mit der Hand. Sie ist hochkonzentriert, scheint sicher zu sein, dass eine imaginäre Ferne ihr eine Botschaft senden wird. Was entfernt sich von uns, was kommt auf uns zu. Sie wird es ihren skeptischen Freunden mitteilen, auch wenn sie nicht weiß, ob sie die richtigen Worte finden wird, damit sie ihr glauben. Das ist ja das Problem aller Propheten.

Dieses und einige andere Fotos von Christian Brachwitz auf schönen Silbergelatine-Abzügen sind ab morgen, dem 10. 10. In der Galerie Helle Coppi (www.coppi.de), Auguststraße 83 in Berlin Mitte zu sehen. Außerdem Malerei von Sibylle Prange und Skulpturen von Michael Jastram. Beginn der Eröffnung 18 Uhr.

A Taste of Isolation

Soldat, kommst du nach Königs Wusterhausen, mach dich auf das große Schweigen gefasst
© Christian Brachwitz

Welche Überschrift passt zu diesem Bild. Ich biete an: A taste of isolation. Oder: Das Schweigen. Oder: Hierarchie. Oder: Königs Wusterhausen 1982. In dieser Haltestelle haben sich mal fünf Personen angefunden, die sich nichts zu sagen haben. Das ist schon selten in der Kleinstadt und überhaupt. Novemberstimmung. Es riecht auch nach Mottenpulver. Die Greisin mit dem Topfhut ist sich sicher, dass man bei Anwesenheit eines Soldaten besser nicht schwatzt. Kann Ärger bringen. Es stört sie die Reisetasche des Soldaten, die sich so breit macht auf der Brüstung, und sie weiß, dass es einem Soldaten untersagt ist, die Hände in die Manteltaschen zu stecken. Beim Kaiser war das jedenfalls so. Die Königs Wusterhausenerin mit Brille und Kopftuch wendet dem Soldaten konsequent ihren militanten Rücken zu. Der Rest der disparaten Gemeinde brütet vor sich hin. Was war. Was ist. Was wird. Warum bin ich allein.

Die Mäntel bei der Nationalen Volksarmee wurden Pferdedecken genannt, wegen des groben, schweren Materials, aus dem sie gewebt waren. Wenn man diesen Mantel länger als eine Stunde trug, bekam man Rückenschmerzen. Es war ein ganz spezifischer punktueller Schmerz zwischen den Schulterblättern, den ich vorher nicht kannte und der nach der Armee immer wieder mal auftauchte, ein bleibendes Geschenk. Aber unser Soldat hier ist Unteroffizier und trägt schon einen Mantel aus feinerem Material. Er trägt auch ein Hemd und eine Krawatte. Vielleicht ist er ein Zehnender, ein junger Mann, der sich für zehn Jahre verpflichtet hat. Er wurde nicht gescheucht. Er durfte befehlen. Er hatte Freiheiten und bekam vergleichsweise gutes Geld. Das wog die Isolation nicht auf. Von den Soldaten wurden die Berufsunteroffiziere verachtet wegen der vielen Tage, die sie zu dienen hatten. Von den Offizieren wurden sie mit Hochmut gesehen, weil sie nach zehn Jahren wieder Zivilisten sein würden. Dazwischen musste sich der Unteroffizier einen ganz eigenen Hochmut anschaffen. Er sparte eisern, er trug die Haare länger, als es den Soldaten gestattet war, vielleicht war er sogar Außenschläfer. Dieser hier ist unterwegs zu seiner Verlobten. Wir hoffen, dass er sein Kommen angekündigt hat.

Im Reich der Peitschenlampen

Mittlerer Held in der Ho Chi Minh Straße 1985, heute wieder Weißenseer Weg, in Berlin
© Christian Brachwitz

Vater, Lulle, Kind. Er hat eingekauft, unter anderem eine freudlose Grünpflanze für die Kultur im Heim, hat den Kinderwagen zur Haltestelle geschoben, die Lulle angesteckt, sich ein Stück entfernt, damit das Kind nicht zum Mitraucher wird und gehofft, dass die Straßenbahn erst kommt, wenn er die Zigarette durchgezogen hat. Das könnte klappen. Wahrscheinlich kann er sich auch noch ne zweite und dritte anstecken, bis die Bahn endlich da ist, vielleicht auch die ganze Schachtel. Das Baby schläft. Im Rücken von Vater und Kind tuckert ein ziemlich selbstgebautes Seitenwagengespann auf einer ziemlich leeren Straße. Neubaugebiet. Nichts ist richtig fertig. Auf dem Mast, der das Bild in zwei ungleiche Hälften teilt, steht Why. Ja. Warum soll man sich in dieser Leere eigentlich zu Hause fühlen. Weil warmes Wasser aus der Wand kommt, weil es einen Müllschlucker gibt und weil man die Nachbarn so gut hören kann.

Die Nadeln des Schäfers

Das Glück der Schäfer ist nur für Schäfer nachvollziehbar
© Christian Brachwitz

Der Schäfer sah glücklich aus, obwohl er wenig Kontakt zu Menschen und Friseuren hatte, vielleicht aber zu Hut- und Uhrmachern. Es gab in seiner Herde keine schwarzen Schafe, höchstens Lämmer, die sich ab und zu verirrten. Und auch die Wölfe waren damals, 1985, noch nicht zurückgekehrt ins Oderbruch. Es war für den Schäfer noch nicht so schwer, die Tiere vor Gefahren zu schützen. Ich vermute, er befindet sich hier auf den allgemein zugänglichen Flächen zwischen den Orten Neulietzegöricke und Güsterbieser Loose. Anreisende Berliner waren seiner Zeit fasziniert nicht nur von diesen zusammengesetzten Ortsnamen, sondern auch von der stillen Würde der Dörfer selbst.

Von der Umhängetasche mit dem bolzenwehrten Gurt und dem Gehstock, der nicht zu Unrecht wie ein verlängerter Dirigentenstab aussieht, wirkt alles beim Schäfer wie selbstgemacht. Er sorgt für Wolle, Fleisch, Käse und Landschaftspflege, sollte ein Blasinstrument spielen können, weil die Schafe angeblich auf Musik ansprechen. Man kann sich ihn auch als romantischen Helden der seit der Antike beliebten Schäfer- oder Hirtendichtung vorstellen, in der die Städter sich nach der Schlichtheit des Landlebens sehnten.

Offiziell heißt der Schäfer Tierwirt. Das ist ein Ausbildungsberuf. Es soll noch etwa 900 hauptamtliche Tierwirte in Deutschland geben.

Zur Gefasstheit des Fotos trägt bei, dass es von einem schmalen Waldstreifen gesäumt wird; zu seiner Belebtheit, dass einige Schafe in Hektik geraten sind, während der Schäfer die Ruhe weg hat. In seiner linken oberen Jacken- oder Blusentasche stecken zwei Sicherheitsnadeln. Offenbar ist die Tasche ziemlich prall gefüllt. Was der Schäfer damit befestigt hat – das soll sein Geheimnis bleiben. Geld wird es nicht sein wie bei Emil und die Detektive. Eher Notizen zu einer Schäferdichtung. Die Tradition ruht, aber sie vergeht nicht.