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Archive for the ‘Brachwitz weekly’ Category

O Deutschland, bleiche Mutter

Wer denkt an die Mütter? Die Mütter
© Christian Brachwitz

Die Stadt ist zu voll. Dabei sind hier zwischen Edeka und Kirche noch nicht mal Touristen unterwegs. Gibt ja auch nichts zu sehen, nichts, was man fotografieren, nichts, was man kaufen könnte zum Angeben und so, wenn man dann wieder zu Hause ist. Und mit dem Bild einer geplagten Mutter kann man nicht angeben. Eine geplagte Mutter steht erst mal für sich allein. Sie hat das Handy zwischen Ohr und Schulter geklemmt und versucht, etwas zu handeln, aber mit wem sie auch spricht – Mann, Mutter oder Schwiegermutter – alle sind harthörig und sagen: Du hast doch Zeit. Du bist doch den ganzen Tag zu Hause. Das Kind musste sich längst daran gewöhnen, dass seine Mutter nicht mit ihm spricht, sondern mit dem Handy. Was folgt daraus für seine Entwicklung? Für seine kommunikativen Fähigkeiten? Für dieses unser Land, in dem viel, sehr viel gesprochen wird, aber irgendwie immer daneben? Autisten sind aus der Mode gekommen, weil sie so selbstverständlich geworden sind. Zufrieden allein, wer einen Döner kauft und isst. Und isst. Und isst.

Erdbeerzeit. Wenigstens das. Eine Schale für 1,50 €, zwei Schalen für zwei Euro. Manchmal schmecken sie noch wie früher. Wenn man Glück hat.

Ein Phänomen auf diesem Foto, über das ich nicht hinwegkomme. Der junge Mann im Anschnitt ganz links scheint keinen Unterleib zu haben. Oder sich einen Unterleib mit dem Jungen neben ihm zu teilen. Sensationen des Alltags. Panoptikum, Panoptikum.

Rauhe Schale

Auf den Mann am Grill kommt es an
© Christian Brachwitz

So fröhlich waren wir 1982. Oder anders: Es kam keine Volksfeststimmung auf. Vielleicht, weil das, was da langsam am Spieß geröstet wurde, aussah, als wäre es ein Saurier gewesen, und Saurier waren beliebt. Vielleicht kam auch keine Volksfeststimmung auf, weil die Leute in der Schlange das Gefühl hatten, das Fleisch werde entweder nie gar oder es würde nichts mehr da sein, wenn sie an der Reihe wären. Wir müssen aber darüber reden, dass wir uns in Gesichtern (und auch in Körpern) täuschen können. Der Mann, der das Wildschwein oder den Ochsen grillt – er würde sich vielleicht selbst nicht mögen, wenn er sich so im Spiegel sähe. („Ich ist ein anderer.”) Er ist ins Schwitzen gekommen, so nah am Feuer. Vielleicht tropft sein Schweiß auch aufs Fleisch, den essen wir dann mit. Es ist keine leichte Sache, ein so großes Stück Fleisch zu braten. Das Äußere könnte leicht verkohlen und das Innere noch roh sein. Da brauchst du einen Profi am Grill. („Ich mach das, so lange ich denken kann.”) Der Mann spielt vielleicht auch Fußball in der Dorfmannschaft. Er weiß, dass er langsam ist. Er kann seinen Gegenspielern nicht folgen, er muss sie anders bespielen. Er rempelt sie beiseite, er haut ihnen in die Knochen. Er schätzt es nicht, ausgelacht zu werden, wenn die jungen Burschen ihn austanzen. Man legt sich eine gewisse Brutalität zu, aber eben nur beim Fußball oder wenn ein Fotograf vorbei geht. Brachwitz meint, er hatte Angst, dass der Metzger ihn mit auf den Spieß legt. Der sah so verständnislos aus für alles, was außerhalb seines Jobs war. Aber da sage ich wieder, dass wir uns in Gesichtern und wie erst in Gesichtsausdrücken täuschen. Auch in unseren eigenen Gesichtern täuscht man sich. Mich wundert, dass ich für fröhlich gehalten werde, aber ich bin gar nicht fröhlich. Mich wundert, dass ich für zynisch gehalten werde, aber ich bin gar nicht zynisch. Was bin ich denn überhaupt? Mein Gesicht führt in die Irre.

 

Das dünne Mädchen

Versunken, versunken
© Christian Brachwitz

Wann das war, wo das ist, nicht so wichtig, sagt der Fotograf, spielt keine Rolle, es ist ein Bild. Ich weiß aber, wo wir sind: an der Peripherie des Festes einer Stadt, die am Rand des Landes liegt. Kleine Städte sind immer Rand. In der Mitte des Bildes aber steht das dünne Mädchen. Nein. So dünn ist sie gar nicht. Sie ist nur so leicht wie Luft. Nur die Schuhe sind nicht leicht, und dass sie eine Kniebandage trägt, ist sicher auch nicht leicht. Wenn ich das Bild vergrößere, sehe ich, dass sie mit einem bunten Ball spielt, der an Fäden hängt, die zwischen ihren Händen aufgespannt sind. Sie scheint ganz auf den Ball und diese Fäden konzentriert zu sein, aber das glaube ich nicht. Unter dieser vordergründigen wirkt eine tiefere Konzentration. Die ist gerichtet auf das Leben, das auf sie zukommen wird. Wird es sie wegführen aus dieser kleinen Welt der geflochtenen Körbe, in der (hinten links) so hingebungsvoll gegessen wird? Aus dieser Welt, in der alles Handarbeit ist? Und alles alt? Und wo man den Schatten aufsucht, weil die Sonne so viel Macht hat? Und wann und wie wird ihr bewusst werden, was sie verloren hat, wenn sie diese Welt hinter sich gelassen hat? Das weiß ich nicht, und das sollte man auch nicht wissen wollen.

Aus der Zeit fallen

Jeder lebt in seiner Zeit
© Christian Brachwitz

’ne schicke Armbanduhr mit blauem Zifferblatt tragen und aus der Zeit gefallen sein. Die leichte Sommermütze, die getönte Brille, die diebstahlsichere Weste, die lässig aufgekrempelten Hemdsärmel dieses rosa Hemds! Als ich den Fußballnomaden wegen seines rosa Hemds einmal ein wenig hopp nahm, sagte er stolz, das war eine Gelegenheit! Ich habe fünf davon. Ich hätte aber gleich zwanzig kaufen sollen. (Es gibt günstige Gelegenheiten und ungünstige Gelegenheiten. Das sind dann aber, streng genommen, keine Gelegenheiten mehr.) Gleichwohl: Dem alten Herrn steht das rosa Hemd gar nicht schlecht. Man soll sich von seinen Vorurteilen lösen. Weniger gut steht ihm die automatische Tür des Busses, aus dem heraus dieses Foto offenbar gemacht wurde. Er mag automatische Türen insgesamt nicht, diese ganze verdammte moderne digitale Scheiße. Eine Tür ist dazu da, dass man sie selbst öffnet und schließt, man möchte sich auf sich selbst verlassen. Er hat nur Verachtung für all seine Rentnerkollegen übrig, die Computerkurse absolvieren, um ihren Enkeln noch was vormachen zu können und überall mit dem Smartphone rumfuchteln und dabei über einen vorstehenden Stein stürzen und sich einen Oberschenkelhalsbruch zuziehen. Was soll denn so falsch daran sein, aus der Zeit zu fallen! Dies ist nicht meine Zeit! Einen großen Teil dessen, was zu dieser Zeit gehört, mache ich nicht mit! Da stehe ich drüber. Und es fehlt mir nichts. Und neben dieser neuen Zeit gibt es eben noch ein Zeitsegment, in dem ich mich bewege und zwar mit einer besseren Orientierung als die Leute um mich herum. Ich weiß, wo ich hin will. Ich weiß, wo ich nicht hin will. Ich kaufe, was ich brauche und was mir gefällt, und nicht das, was gerade gesenkt ist. Und meine Mundwinkel bleiben so lange da unten, wie es mir passt.

Der Genius loci, wo man ihn trifft

Wie lange noch, Genius loci? Für immer
© Christian Brachwitz

Brachwitz wollte mir den Genius loci zeigen. Den Geist des Ortes oder besser noch Schutzgeist des Ortes. Der kann überall sein, aber in diesem Fall musste ich mich zum Westhafen begeben, das ist eine S-Bahnstation auf dem Ring. Ich war zu früh da. Brachwitz war noch früher da. Eine schroffe Gegend, aber das Licht war gut. Die Brücke über der vielgleisigen Bahnstrecke. Der Verkehr auf der mehrspurigen Fahrbahn. Kein Platz für Menschen scheinbar, eher einer für Fahrzeuge, für Geschwindigkeit. Der Zusammenstoß der Architekturen. Industriebauten. Ein Stück weiter das Robert-Koch-Institut, dann ein imposantes Bürgerhaus. In welchem Stadtbezirk sind wir hier? Sowie eine Frage auftaucht, fragt Brachwitz. Die junge Frau war stolz, dass sie ihr Wissen preisgeben konnte. Das hier ist Wedding, und auf der anderen Seite des Kanals ist schon Moabit. Da mussten wir hin. Dachte man nicht, dass der Wedding so aussehen kann. Der sanfte Schwung des Wasserlaufs – man kam sich vor wie in Halle an der Saale. Vor der Ausländerbehörde standen zwei Schwarzafrikaner und klärten ihre Aussichten ab. Und dann waren wir an diesem Ort. Eine Brücke brach ab, eine neue wird gebaut. Kräne und Bagger am Heben und Wühlen. Daneben der aufgegebene Kiosk. Da wurden vielleicht mal Zeitungen, Getränke und Zigaretten verkauft. Der Ort ist verlassen, aber bemalt. Nicht mal ein Unort ist von allen guten Geistern verlassen. Ein maritimes Fabelwesen, eine Hyäne, Ornamente. Zwischen den Betonplatten struppiges Gras. Ein Mann in einer schwarzweiß karierten Joppe begibt sich in eine Nische neben dem Kiosk. Da ist tatsächlich noch eine Toilette.

Es wird weiter verändert und weiter gemalt werden, bis das alles verschwunden ist. Der Verkehr wird fluten. Was Neues, was Großes wird entstehen. Der Genius loci – hier ist er der Geist der Kleinteiligkeit in der Großteiligkeit. Er wird seine Kommentare geben. Wenn auch alles anders wird, der Genius loci wird die Kleinteiligkeit und die Randständigkeit schützen. Die Zeit, die aus der Zeit, und den Raum, der aus dem Großraum fällt.

Das Vorbild der Väter

Locker bleiben, Mädels, die Väter leben es vor © Christian Brachwitz

Locker bleiben, Mädels, die Väter leben es vor
© Christian Brachwitz

Väter in Sachsen-Anhalt wollen das Beste für ihre Kinder wie Väter in Mecklenburg-Vorpommern oder in Rheinland-Pfalz auch. Dazu gehört nicht nur, dass sie den Kindern die angesagten Markenklamotten kaufen, die Smartphones beizeiten bereitstellen oder sie in einem Verein oder einer Interessengemeinschaft, zum Beispiel Tanz, unterbringen. Dazu gehört vielmehr auch, dass sie ihren Kindern ein sinnvolles Leben vorleben. Sie zeigen, dass sie nicht von gestern und schon gar nicht von vorgestern sind. Wenn es etwa Mode ist, das Hemd über der Hose zu tragen, dann tragen sie das Hemd über der Hose, auch wenn man dann nicht mehr sieht, wie fit sie noch sind. Wenn es Mode ist, Strümpfe unter den Sandalen zu tragen, dann halten sie sich daran. Und wenn es Mode ist, sich die Haare an den Seiten absäbeln zu lassen, dann sind sie vielleicht nicht die Ersten, die das tun, aber die Dritten oder Vierten auf jeden Fall. Man könnte von einem ungeschriebenen Generationenvertrag reden. Es ist ein Geben und Nehmen zu aller Nutzen. Die Väter bleiben jung durch ihre Kinder. Die Kinder werden alt durch ihre Väter. Oh nein, das letzte vergessen wir mal.

Segen und Verhängnis zugleich

Generationen beim Fest © Christian Brachwitz

Generationen beim Stadtfest
© Christian Brachwitz

So. Das ist ja nun, ist ja nun ein Foto von einem Stadtjubiläum, wie sie überall mal gefeiert werden, in diesem Fall in Werben an der Elbe; das Städtchen hat sich schon einige Male auf diesen Seiten gezeigt. Werben hat eine 1000-Jahr-Feier gefeiert, das geht wohl auf einen Kaiser Heinrich II. zurück und eine Urkunde, die in seinem Namen ausgefertigt wurde. Ich habe solche Stadtjubiläen auch schon in Güstrow und in Berlin erlebt; sie sind ein Segen in Frakturschrift, wie man auch auf diesem Bild sieht, eher für die Älteren, denen es zwar nicht an einer Perücke, aber an Distanz fehlt zum Jubiläum und der Art, wie es gefeiert wird, nämlich mit einem große Festumzug, für den ein sogenannter Fanfaren- oder Spielmannszug die schamlos schiefen Begleittöne liefert. Da wird alles, was je in der Stadtgeschichte eine Haupt- oder Nebenrolle gespielt hat, aufgeboten, alle Berufe, alle Institutionen parlieren in selbstangefertigten Kostümen vorüber, Lanzen, Kutschen, Trecker, Mähdrescher, und das zieht sich. Man sieht es den Gesichtern der Burschen auf dem Bild, die offenkundig Zwillinge sind, an: Man kann die Freude, den Stadtstolz und die Heimatliebe schon teilen, aber nicht den ganzen Tag, vom Morgen bis in die Nacht, man möchte dann auch wieder mal was Normales machen, nicht immer nur winken und trinken, wachen und lachen, jubeln und trubeln.