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Archive for the ‘Brachwitz weekly’ Category

Die Demut unter der Sonne

Stell dich mitten in die Sonne und verlier die Nerven nicht
© Christian Brachwitz

In verregneten Sommern sind die unerwarteten Sonnentage besonders belastend. Auf die gnadenlose Hitze sind wir nicht mehr eingestellt. Die Losung des Tages ist die Flucht in den Schatten, nicht mehr wie früher, als wir Kinder waren, der Ausflug an den See. Wir sind in Berlin am Ostkreuz. Ich wüsste nicht, wo da viel Schatten wäre. Ostkreuz wurde gemieden. Schlimm genug, wenn man da umsteigen musste. Wir kennen in Berlin Ostkreuz, Westkreuz und Südkreuz. Nordkreuz nicht. Kreuz heißt hier nichts weiter als Knotenpunkt. Hier kreuzen sich die Bahnen. Ich konnte mich nie von dem Gedanken lösen, dass es mit diesen Orten auch ein wahres Kreuz sei. Mit dem Ostkreuz noch mehr als mit dem Westkreuz. Es bröckelte so langsam vor sich hin. Jetzt wird es aufgewertet. Es tut sich viel. Wir nehmen es nicht wahr. Einmal schlimm, immer schlimm. Die junge Frau in der Mitte des Bildes lässt mich daran denken, dass sie in den heißen Ländern mit der gnadenlosen Sonne viel besser umgehen können. Der Tagesablauf ist darauf eingerichtet, dass man der Sonne aus dem Weg geht. Sie haben dort so gebaut, dass überall schöne Schattenplätze entstehen. Und außerdem sind sie im Besitz einer ganz anderen Demut. Gehst du zur Sonne, vergiss die Demut nicht. Aber du musst sie erstmal haben. Die Demut.

Fröhlich sein und Äpfel

Die alten Leute und die neue Zeit, hier 1981
© Christian Brachwitz

Wir lebten im Grünen. Die Omas und die Enkel durften zu Hause bleiben. Alle anderen: Arbeit oder Schule. Das Grüne im Grünen reichte nicht. Wir brauchten auch noch ein Blumenfenster, das könnte man aus heutiger Sicht fast ein Objekt nennen, eine Skulptur. Die Oma war immer warm angezogen; richtig gesund war sie nicht mehr. Eine solche Oma würde heute viel jünger aussehen und sich viel schicker anziehen; gesunder wäre sie auch. Heute gibt sich eine Oma nicht so früh auf. Sie müsste dem Enkelkind, das ihr Ein und Alles ist, auch nicht aus der „FRÖSI” vorlesen. Frösi – die „Fröhlich sein und Singen”. Ich erinnere mich, die erste Nummer dieser neuen Kinderzeitschrift habe ich damals gekauft und dann keine mehr. In der „Fröhlich sein und singen” waren mir einfach zu viel Noten drin, sie nahmen das sehr ernst mit dem Singen. Und ob die Oma gerne aus der Frösi vorgelesen hat, wage ich auch zu bezweifeln; die Geschichten, die darin enthalten waren, entsprachen womöglich nicht ihrer Erfahrung und nicht ihrer Anschauung vom Leben, vielleicht kränkelte sie auch deshalb ein bisschen. Die alten Leute kamen mit dem neuen Leben in der DDR nicht mehr über einen Kamm. Und die Enkel mühten sich mit den viel zu großen Äpfeln ab.

O Deutschland, bleiche Mutter

Wer denkt an die Mütter? Die Mütter
© Christian Brachwitz

Die Stadt ist zu voll. Dabei sind hier zwischen Edeka und Kirche noch nicht mal Touristen unterwegs. Gibt ja auch nichts zu sehen, nichts, was man fotografieren, nichts, was man kaufen könnte zum Angeben und so, wenn man dann wieder zu Hause ist. Und mit dem Bild einer geplagten Mutter kann man nicht angeben. Eine geplagte Mutter steht erst mal für sich allein. Sie hat das Handy zwischen Ohr und Schulter geklemmt und versucht, etwas zu handeln, aber mit wem sie auch spricht – Mann, Mutter oder Schwiegermutter – alle sind harthörig und sagen: Du hast doch Zeit. Du bist doch den ganzen Tag zu Hause. Das Kind musste sich längst daran gewöhnen, dass seine Mutter nicht mit ihm spricht, sondern mit dem Handy. Was folgt daraus für seine Entwicklung? Für seine kommunikativen Fähigkeiten? Für dieses unser Land, in dem viel, sehr viel gesprochen wird, aber irgendwie immer daneben? Autisten sind aus der Mode gekommen, weil sie so selbstverständlich geworden sind. Zufrieden allein, wer einen Döner kauft und isst. Und isst. Und isst.

Erdbeerzeit. Wenigstens das. Eine Schale für 1,50 €, zwei Schalen für zwei Euro. Manchmal schmecken sie noch wie früher. Wenn man Glück hat.

Ein Phänomen auf diesem Foto, über das ich nicht hinwegkomme. Der junge Mann im Anschnitt ganz links scheint keinen Unterleib zu haben. Oder sich einen Unterleib mit dem Jungen neben ihm zu teilen. Sensationen des Alltags. Panoptikum, Panoptikum.

Rauhe Schale

Auf den Mann am Grill kommt es an
© Christian Brachwitz

So fröhlich waren wir 1982. Oder anders: Es kam keine Volksfeststimmung auf. Vielleicht, weil das, was da langsam am Spieß geröstet wurde, aussah, als wäre es ein Saurier gewesen, und Saurier waren beliebt. Vielleicht kam auch keine Volksfeststimmung auf, weil die Leute in der Schlange das Gefühl hatten, das Fleisch werde entweder nie gar oder es würde nichts mehr da sein, wenn sie an der Reihe wären. Wir müssen aber darüber reden, dass wir uns in Gesichtern (und auch in Körpern) täuschen können. Der Mann, der das Wildschwein oder den Ochsen grillt – er würde sich vielleicht selbst nicht mögen, wenn er sich so im Spiegel sähe. („Ich ist ein anderer.”) Er ist ins Schwitzen gekommen, so nah am Feuer. Vielleicht tropft sein Schweiß auch aufs Fleisch, den essen wir dann mit. Es ist keine leichte Sache, ein so großes Stück Fleisch zu braten. Das Äußere könnte leicht verkohlen und das Innere noch roh sein. Da brauchst du einen Profi am Grill. („Ich mach das, so lange ich denken kann.”) Der Mann spielt vielleicht auch Fußball in der Dorfmannschaft. Er weiß, dass er langsam ist. Er kann seinen Gegenspielern nicht folgen, er muss sie anders bespielen. Er rempelt sie beiseite, er haut ihnen in die Knochen. Er schätzt es nicht, ausgelacht zu werden, wenn die jungen Burschen ihn austanzen. Man legt sich eine gewisse Brutalität zu, aber eben nur beim Fußball oder wenn ein Fotograf vorbei geht. Brachwitz meint, er hatte Angst, dass der Metzger ihn mit auf den Spieß legt. Der sah so verständnislos aus für alles, was außerhalb seines Jobs war. Aber da sage ich wieder, dass wir uns in Gesichtern und wie erst in Gesichtsausdrücken täuschen. Auch in unseren eigenen Gesichtern täuscht man sich. Mich wundert, dass ich für fröhlich gehalten werde, aber ich bin gar nicht fröhlich. Mich wundert, dass ich für zynisch gehalten werde, aber ich bin gar nicht zynisch. Was bin ich denn überhaupt? Mein Gesicht führt in die Irre.

 

Das dünne Mädchen

Versunken, versunken
© Christian Brachwitz

Wann das war, wo das ist, nicht so wichtig, sagt der Fotograf, spielt keine Rolle, es ist ein Bild. Ich weiß aber, wo wir sind: an der Peripherie des Festes einer Stadt, die am Rand des Landes liegt. Kleine Städte sind immer Rand. In der Mitte des Bildes aber steht das dünne Mädchen. Nein. So dünn ist sie gar nicht. Sie ist nur so leicht wie Luft. Nur die Schuhe sind nicht leicht, und dass sie eine Kniebandage trägt, ist sicher auch nicht leicht. Wenn ich das Bild vergrößere, sehe ich, dass sie mit einem bunten Ball spielt, der an Fäden hängt, die zwischen ihren Händen aufgespannt sind. Sie scheint ganz auf den Ball und diese Fäden konzentriert zu sein, aber das glaube ich nicht. Unter dieser vordergründigen wirkt eine tiefere Konzentration. Die ist gerichtet auf das Leben, das auf sie zukommen wird. Wird es sie wegführen aus dieser kleinen Welt der geflochtenen Körbe, in der (hinten links) so hingebungsvoll gegessen wird? Aus dieser Welt, in der alles Handarbeit ist? Und alles alt? Und wo man den Schatten aufsucht, weil die Sonne so viel Macht hat? Und wann und wie wird ihr bewusst werden, was sie verloren hat, wenn sie diese Welt hinter sich gelassen hat? Das weiß ich nicht, und das sollte man auch nicht wissen wollen.

Aus der Zeit fallen

Jeder lebt in seiner Zeit
© Christian Brachwitz

’ne schicke Armbanduhr mit blauem Zifferblatt tragen und aus der Zeit gefallen sein. Die leichte Sommermütze, die getönte Brille, die diebstahlsichere Weste, die lässig aufgekrempelten Hemdsärmel dieses rosa Hemds! Als ich den Fußballnomaden wegen seines rosa Hemds einmal ein wenig hopp nahm, sagte er stolz, das war eine Gelegenheit! Ich habe fünf davon. Ich hätte aber gleich zwanzig kaufen sollen. (Es gibt günstige Gelegenheiten und ungünstige Gelegenheiten. Das sind dann aber, streng genommen, keine Gelegenheiten mehr.) Gleichwohl: Dem alten Herrn steht das rosa Hemd gar nicht schlecht. Man soll sich von seinen Vorurteilen lösen. Weniger gut steht ihm die automatische Tür des Busses, aus dem heraus dieses Foto offenbar gemacht wurde. Er mag automatische Türen insgesamt nicht, diese ganze verdammte moderne digitale Scheiße. Eine Tür ist dazu da, dass man sie selbst öffnet und schließt, man möchte sich auf sich selbst verlassen. Er hat nur Verachtung für all seine Rentnerkollegen übrig, die Computerkurse absolvieren, um ihren Enkeln noch was vormachen zu können und überall mit dem Smartphone rumfuchteln und dabei über einen vorstehenden Stein stürzen und sich einen Oberschenkelhalsbruch zuziehen. Was soll denn so falsch daran sein, aus der Zeit zu fallen! Dies ist nicht meine Zeit! Einen großen Teil dessen, was zu dieser Zeit gehört, mache ich nicht mit! Da stehe ich drüber. Und es fehlt mir nichts. Und neben dieser neuen Zeit gibt es eben noch ein Zeitsegment, in dem ich mich bewege und zwar mit einer besseren Orientierung als die Leute um mich herum. Ich weiß, wo ich hin will. Ich weiß, wo ich nicht hin will. Ich kaufe, was ich brauche und was mir gefällt, und nicht das, was gerade gesenkt ist. Und meine Mundwinkel bleiben so lange da unten, wie es mir passt.

Der Genius loci, wo man ihn trifft

Wie lange noch, Genius loci? Für immer
© Christian Brachwitz

Brachwitz wollte mir den Genius loci zeigen. Den Geist des Ortes oder besser noch Schutzgeist des Ortes. Der kann überall sein, aber in diesem Fall musste ich mich zum Westhafen begeben, das ist eine S-Bahnstation auf dem Ring. Ich war zu früh da. Brachwitz war noch früher da. Eine schroffe Gegend, aber das Licht war gut. Die Brücke über der vielgleisigen Bahnstrecke. Der Verkehr auf der mehrspurigen Fahrbahn. Kein Platz für Menschen scheinbar, eher einer für Fahrzeuge, für Geschwindigkeit. Der Zusammenstoß der Architekturen. Industriebauten. Ein Stück weiter das Robert-Koch-Institut, dann ein imposantes Bürgerhaus. In welchem Stadtbezirk sind wir hier? Sowie eine Frage auftaucht, fragt Brachwitz. Die junge Frau war stolz, dass sie ihr Wissen preisgeben konnte. Das hier ist Wedding, und auf der anderen Seite des Kanals ist schon Moabit. Da mussten wir hin. Dachte man nicht, dass der Wedding so aussehen kann. Der sanfte Schwung des Wasserlaufs – man kam sich vor wie in Halle an der Saale. Vor der Ausländerbehörde standen zwei Schwarzafrikaner und klärten ihre Aussichten ab. Und dann waren wir an diesem Ort. Eine Brücke brach ab, eine neue wird gebaut. Kräne und Bagger am Heben und Wühlen. Daneben der aufgegebene Kiosk. Da wurden vielleicht mal Zeitungen, Getränke und Zigaretten verkauft. Der Ort ist verlassen, aber bemalt. Nicht mal ein Unort ist von allen guten Geistern verlassen. Ein maritimes Fabelwesen, eine Hyäne, Ornamente. Zwischen den Betonplatten struppiges Gras. Ein Mann in einer schwarzweiß karierten Joppe begibt sich in eine Nische neben dem Kiosk. Da ist tatsächlich noch eine Toilette.

Es wird weiter verändert und weiter gemalt werden, bis das alles verschwunden ist. Der Verkehr wird fluten. Was Neues, was Großes wird entstehen. Der Genius loci – hier ist er der Geist der Kleinteiligkeit in der Großteiligkeit. Er wird seine Kommentare geben. Wenn auch alles anders wird, der Genius loci wird die Kleinteiligkeit und die Randständigkeit schützen. Die Zeit, die aus der Zeit, und den Raum, der aus dem Großraum fällt.