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Archive for August 2013

Was vom Leben übrigbleibt

War das ein Segen oder ein Sägen – und immer die passenden Handschuhe dazu © Foto und Text: Christian Brachwitz

War das ein Segen oder ein Sägen – und immer die passenden Handschuhe dazu
© Foto und Text: Christian Brachwitz

Ein Haus, erschöpft vom müden Alten, ungenutzter leerer Zeit, will endlich zu neuem Leben erwachen. Wachgerüttelt werden. Da helfe ich mit. Räume, was so herumsteht, liegengeblieben ist, heraus und ab in einen Container. Hier ist jemand geflohen, denke ich, vorm halbleeren Ehebett unterm Dach juche. Die dunklen Kleiderschränke mit muffigen Klamotten aus Feldarbeitszeiten sind zu Monstern geworden, die man nur noch fliehen kann. Oft sah ich die Frau, allein geblieben, über die Felder spurten. Mit angewinkelten Armen oder Stöcken in der Hand suchte sie nach Hölzchen für ihren Kachelofen. Oder rannte sie weg vor Vergangenheit und Gegenwart? Irgendwann hing ein Zettel im Fenster. Darauf stand ZUM VERKAUF 100 Tausend DM Telefonnummer soundso. Das war neben der Spur und ne große Illusion, aber auch GEHE FÜR DICH zu DEINEM NUTZEN und GLÜCK. Am Ende ging es für 9 Tausend € über den Tisch. Irgendwann bei dieser Drecksarbeit fand ich dann diese  VOLKSTIMME da, hineingequetscht gegen die Zugluft aus OSTUNDWEST.

Was das jetzt soll. Tja, auseinandergefaltet und glattgezogen konstituierte sich da die Volkskammer, und unverhofft steckte ich wieder im Kaspertheater des Kasernensozialismus. Mir blieb nur, ein Stilleben zu arrangieren, weil wir wissen  (ob wir es wollen oder nicht), „wir sind nicht mehr, was wir waren , und wir werden nicht mehr sein , was wir sind.” Ich wollte kein Kaspertheater, ich wollte aufräumen, modern sein. Ein Individuum, das begutachtet, was andere beobachtet haben. Sagt sinngemäß HERR LUHMANN.

Genial ungelenk

Sprachlich traditionsbewusst gibt sich die FAZ heute auf Seite 3. In der Unterzeile des Aufmachers heißt es sehr schön: „Der Geschichte des Wahlversprechens kann man, wenn man sie nicht allzu ernst nimmt, auch durchaus heitere Seiten abgewinnen.” Wow. Da staunt man und erinnert sich an den Ausspruch eines Brandenburger Hauptfeldwebels im schönsten NVA-Deutsch. „Wir können ja auch mal der Sache im Ernst umschlagen lassen. Denn ist es aber vorbei mit dem Spaß.” Auch mit der Rhetorik des berühmten Bundesligastürmers Jürgen Wegmann kann sich die FAZ hier messen: „Erst hatten wir kein Glück, und dann kam auch noch Pech dazu.” Weiter so, Qualitätszeitung!

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Keiner weiß

„Nicht einmal Saddam wusste, dass er keine Massenvernichtstungswaffen hatte.”

Aufschlussreicher Satz aus der FAZ vor fast zehn Jahren, der das ganze absurde Theater eines Kriegsbeginns offenbarte, in dessen Folge jeden Tag Menschen abstürzten, erschossen, in die Luft gejagt wurden.

Heute wissen die Nachfolgeregierungen, dass es in Syrien ziemlich sicher einen Giftgaseinsatz gegeben hat. Da es aber Zweifel gibt, wer diese chemischen Waffen eingesetzt hat, die syrische Regierung oder die Rebellen/Terroristen, sagen sie mit umso größerer Bestimmtheit, es könne keinen Zweifel geben, dass die Regierung Assad sich dieser Waffen bediente. Und dass sie bestraft werden muss und bestraft werden wird. Zu gegebener Zeit. Wenn die Inspekteure das Land verlassen haben. Dass nach dieser Aktion nichts besser sein wird, aber unter Umständen vieles gefährlicher, darüber kann allerdings auch kein Zweifel bestehen.

Woher kommen die Gewissheiten der Politiker? Offensichtlich aus den Irrtümern und Fehlern von gestern.

 

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Es gibt immer einen Weg

Zwanzig Sekunden genügten mir, um mich mit dem FC Schalke zu versöhnen. Draxler auf der linken Außenbahn im ultimativen Laufduell (90. Minute) mit seinem griechischen Gegenspieler.  Kurz vor der Auslinie schwenkt er nach rechts, ist am Griechen vorbei, dringt in den Strafraum ein, in dem Torwart und Abwehrspieler den Weg zum Tor verbauen. Der kurze Blick, der kurze Tick, mit dem Draxler nicht aufs Tor hämmert, sondern trocken den heranstürmenden Adam Szalai  bedient – darauf muss man in der Eile erst mal kommen und das kann man auch nicht besser machen. Es gibt immer einen Lösungsweg im Fußball – und im Leben.

Und schon packt mich die Wut

Der neue Roman von Daniel Kehlmann ist da oder wird gleich da sein.  Und schon packt mich die Wut. Die Feuilletons überschlagen sich. Je größer die Eloge für das neue Kehlmann-Buch ausfällt, desto größer werden auch die Zeitung und ihr Rezensent sein. Das ist die Methode. Das Buch ist der „Roman dieses Herbstes” („Die Welt”). Sollen wir jetzt aufhören zu lesen, denn der Roman dieses Herbstes ist ja schon da? Sind sich die Rezensenten so sicher, dass da nichts mehr kommt? Das Buch ist „der meistdiskutierte Roman des Jahres 2013”, denn „seit der Vermessung der Welt, dem 2005 erschienenen Weltbestseller, ist naturgemäß jeder neue Roman von Daniel Kehlmann der meistdiskutierte Roman des Jahres” („Die Zeit”). Was für eine Logik! Oder anders: Was für eine Impertinenz, seine Texte mit solch sinnlosen Behauptungen aufzuladen. Ein Hinweis darauf, welche heißen Fragen Kehlmanns Roman zum meistdiskutierten machen könnten, wird nicht geliefert. Und schon gar nicht der Beginn der Diskussion. Nur eben diese vorauseilende Jubelarie. Der Roman mit dem „geheimnisvoll knappen Namen F”. Was soll denn an einem Solobuchstaben geheimnisvoll sein! Man trifft sich mit Daniel Kehlmann in Paris, man trifft sich mit Daniel Kehlmann in London, man trifft sich mit Daniel Kehlmann in Berlin. „Wann und wo immer man ihn trifft, erlebt man einen klugen, höflichen und freundlichen Mann mit der Begeisterungsfähigkeit eines großen Jungen” („FAZ”), dem, vermute ich mal, damit gedient wäre, wenn man sich seinem Buch mit Neugierde, Leselust und Sachverstand näherte und nicht mit fahlen Lobeserhebungen und sinnlosen Superlativen.

Der Roman ist übrigens „ein frappierend leichtfüßig geschriebenes Gedankenspiel”. In der Rezension eines anderen Buchs im selben Blatt lese ich von einem „wunderbar leichthändig” erzählten Roman. Das wirft für mich die Frage auf: Ist irgendwas nicht in Ordnung mit Daniel Kehlmanns Händen?

Wir brauchen hier kein Superhirn

Der Norden hat seine Geheimnisse (und auch noch ein paar Fensterscheiben)

Der Norden hat seine Geheimnisse (und auch noch ein paar Fensterscheiben)

Es war lange fällig, dass wir etwas Genaues über das Kindheitstrauma der Rostocker Polizeiruf-Kommissarin König erfahren, bis jetzt waren es nur Andeutungen, jetzt aber wissen wir: Die kleine Kathrin floh mit ihrer Mutter übers Meer aus der DDR nach Westen, sie ließ ein rotes Köfferchen, das ihr Ein und Alles war, fallen, die Mutter wollte den Koffer retten und ertrank. Und nun, wieder in der Gegenwart, tröstet Kommissarin König die kleine Franzi, die sich eine Schuld am Tod ihrer Mutter gibt, und schärft ihr ein, dass kleine Kinder immer unschuldig sind. Immer immer immer. So kunstvoll, mögen die Rostocker Krimi-Macher denken, werden bei uns Vergangenheits- und Gegenwartshandlung miteinander verschränkt. So kunstvoll, dass uns Zuschauern dieses Betuliche eher lästig ist.

Kriminalhauptkommissar Bukow, ihr Kollege, ist ein prolliger Typ, hat aber das Herz auf dem rechten Fleck. Er kommt uns auch entgegen als wunderbarer Kinderversteher. Wie macht er das? Indem er den Kindern immer das Indianer-Ehrenwort abnimmt und es ihnen seinerseits auch gibt. Das Indianer-Ehrenwort ist ein uralter ostdeutscher Filmtopos, den könnten wir uns bald mal abgewöhnen. (Ich glaube auch nicht, dass Kinder darauf noch anspringen. Eher auf Softwareentwickler-Ehrenwort oder Model-Ehrenwort oder so). Die Rostocker Polizisten protzen gern mit ihren Schusswaffen, mit denen sie sich für jedermann sichtbar behängen, was heißen soll: Leute, bewundert uns mal, hier kann’s jeden Augenblick knallen. Die beiden jüngeren Semester des Kommissariats wirken so, als seien sie die Restmasse der sieben Zwerge. Es geht in diesem Krimi um universitäre Laufbahnen und um Edelprostitution, ebenfalls kunstvoll ineinander verschränkt. Julia hatte eine vielversprechende Karriere vor sich, sagt ein Prof, extrem begabt.  Und Bukow poltert raus: Der weiß, dass seine Frau Nutte war. Der weiß das.

Langsam kommen wir dahinter, dass uns der Rostocker Polizeiruf zeigen will: Auch schlichte Gemüter sind sehr wohl in der Lage, Verbrechen aufzuklären. Superhirne haben wir hier im Norden gar nicht nötig.

Einen Satz gab es, der mir gut gefiel. Frau König zu Herrn Bukow: Fragen Sie mich bitte nicht alle zehn Minuten, ob alles okay ist. Okay?

The Boxer

Warum musste ich mir des Nachts noch diese bescheuerten Boxkämpfe des Sauerland-Stalls in der ARD ansehen! Arthur Abraham und Jürgen Brähmer. Von den Gegnern hatte man noch nie was gehört. Ein Nigerianer und ein Italiener. Aber sie waren mutig und hatten Kämpferherzen. Geld wollen sie auch verdienen mit ihren körperlichen Fähigkeiten. Versuchen wir also, uns ihre Namen zu merken, auch wenn es wahrscheinlich nicht funktionieren wird. Willbeforce Shihepo (NAM) und Stefano Abatangelo (I). Beide mit großem Eifer und erheblichen Nehmerqualitäten. Auf der anderen Seite sind Abraham und Brähmer im Herbst ihrer Karriere angekommen. Der große Punch, der ihnen nachgesagt wird, ist Vergangenheit. Arthur holt schon mal gewaltig aus, schlägt aber oft Luftlöcher. Brähmer wirkt wie der working class hero, der Mann aus dem Steinbruch. Sie müssen jetzt meistens über die volle Distanz gehen. Die Schläge werden immer unklarer. Cuts an den Augen. Während sich Abraham hinter seine Doppeldeckung zurückzieht und sich dem Wirbel der Schläge aussetzt, bis die Kräfte des Gegners vorerst schwinden und er zurückhauen kann, lässt sich Brähmer mit fortschreitender Kampfzeit in fruchtlose Nahkämpfe und wirres Gewürge verstricken, ab und zu geht er zu Boden, weil er die Balance verliert. Das sind Kämpfe, die irgendwo zwischen Sport und Maloche stehen. Eingeleitet werden sie mit pompösen Inszenierungen. Bei einem Spartensender wären sie besser aufgehoben als bei der ARD. Aber das ist ja Quatsch. Die ARD gibt sich oft genug wie ein Spartensender.

Den Namen Jürgen Brähmer hörte ich das erste Mal, als ich 1996 eine Reportage über die Stadt Schwerin schrieb und mir auch den damals noch berühmten Boxclub ansah. Da war sofort und in Abwesenheit von Jürgen Brähmer die Rede, dem Jahrhunderttalent, nicht ohne dass ein Zweifel anklang, denn Brähmer war der Schläger, wie sie so durch die mecklenburgischen Städte liefen, ein Schläger, der zum Boxer wurde, aber den Schläger in sich nicht ganz besiegen konnte. Der Sponsor des Clubs sagte damals: Wenn wir die Jungs von der Straße holen und verhindern, dass sie kriminell werden, dann haben wir doch schon viel erreicht. Jürgen Brähmer wurde berühmt, aber nicht schnell, sondern mit Unterbrechungen und Abstürzen. Er wurde Profi beim Hamburger Boxstall Universum. Der Junge ist eine tickende Zeitbombe, sagte ein Trainer. Einige Male kam es vor, dass Brähmer seine Fäuste auch außerhalb des Boxrings gebrauchte. Oder dass er Auto fuhr, ohne im Besitz eines Führerscheins zu sein. So kam es zu Gefängnisaufenthalten, die normalerweise das Ende der Karriere bedeuten. Aber Brähmer wusste, dass Boxen seine einzige Chance war. Er hielt sich fit und kam immer wieder zurück. Inzwischen scheint er soweit zu sein, dass er eine Familie und eine Mitte gefunden hat. Die Spuren eines wilden Lebens sind nicht zu übersehen. Und die Karriere eines Boxers verläuft in Grenzen. Kann Jürgen Brähmer noch mal Weltmeister werden? Ich wünsche es ihm. In seinen Augen stehen Fragen, die sich nicht beantworten, und Erwartungen, die sich nicht erfüllen lassen. Auf seiner Homepage sagt  er gern, dass er sich riesig freut: auf den nächsten Kampf, über die Anteilnahme der Fans. Er hatte Trainer, die ihn mannhaft begleitet haben durch ein Leben, das gefährdet und gefährlich war. Andererseits muss jeder für sich selbst verantwortlich sein. Vielleicht weiß er das jetzt.

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