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Ein Hauch Vollendung

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Gruppenbild der Künstler mit Galeristin. Zweite von links Helle Coppi, dritter von rechts Harald Metzkes

© Corinna Fricke

Wir standen vor der offenen Tür der Galerie und versuchten,  moderne Gespräche zu führen. Was geschieht, wenn man die Künstliche Intelligenz fragt, ob Friedrich Nietzsche dem Faschismus geistigen Vorschub geleistet habe. Da kommst du ins Grübeln, bei dem Text, sagte Wolf, der noch die spanische Bräune im Gesicht trug. Sie kann sicher auch Bilder malen, die KI, sagte der Sizilianer, aber ich male meine Bilder selber und werde das immer machen. 

Vor einem Jahr hatte ich ihn für ein Gedicht seines Landsmanns Giuseppe Ungaretti begeistert. Du hast dir wahrscheinlich immer noch keinen Band von Ungaretti besorgt… 

Nein. Ich weiß nicht. Die Sprache ist so synthetisch. Ich verstehe die Gedichte nicht. 

Sei froh, wenn du etwas nicht verstehst. Aber eine Ahnung bekommst von dem, worum es geht. 

Das gefiel Giuseppe, dem Sizilianer. 

Ab und zu kamen Passanten. Was ist da los, hinter der offenen Tür? Wir zeigten auf das Schild. Finale. Die letzte Ausstellung der Galerie Helle Coppi. 

Oh, sagten sie, warum? Helle Coppi hat das 35 Jahre gemacht. 

Alle guten Galerien machen hier zu! Hat sie denn keinen Nachfolger? 

Wer hat heute noch Nachfolger? Die Handwerker haben keine Nachfolger, die Galeristen nicht, keiner. 

Helle Coppi hatte eine Rede gehalten. Keine wehmütige. Ein Hauch von Vollendung. Sie hatte erzählt, was in diesen Jahren geschehen war und ihren Künstlern, unter ihnen der legendäre Harald Metzkes, eine Rose in die Hand gedrückt. Warum soll etwas nicht sein Ende finden dürfen. Es überlebt in unseren Köpfen. Die Bilder leben. Die Skulpturen leben. Die Maler werden weiter malen. Die Leute werden weiter Bilder ansehen. Bilder kaufen. Sammeln. An die Wände hängen. 

Gerade hatte die Auktion der vorletzten Bilder begonnen. Vorn drängten sich die Bieter, weiter hinten hörte man die gedämpften Galeriegespräche, und wir standen draußen vor der Tür. 

Der Zigarilloraucher wunderte sich, dass ihn noch keiner an diesem Monatsersten in den April geschickt hatte. Der Aprilscherz stirbt aus. Wolf kam auf den Maler Ronald Paris, der so gerne Besuch hatte, weil er dann Schnaps trinken und Zigarren rauchen durfte, was seine Frau ihm normaler Weise untersagte. Lebt er noch, Ronald Paris? Nein. Im vorletzten Jahr gestorben. 

Es waren viele alte Leute in der Galerie. Die jungen gehen anderswo hin. Aber was ist alt? Was ist Alter? Das Alter ist eine Zahl und eine Reihe schleichender Einschränkungen, aber kein Lebensgefühl. Gerade waren wir doch noch jung. Und die Galerie, die mit dieser Ausstellung für immer schließt, kommt uns auch jung vor. 

Wolf begeisterte sich für die hellen Länder des Südens und verzweifelte am dunklen, mit seelenlosen Blöcken zugeklotzten Berlin. Deutschland ist das Land der Autos, der Hunde und der Chöre. Ja. Gerade der Chöre. Oder nein. Richtig ist: Deutschland ist das Land der Autofahrer, der Hundehalter und der Chorsänger. Wir vereinigen uns in einem Chor und bringen einen Klang hervor, den wir uns sonst nie zugetraut hätten. Der Hund steht für die Natur, das Auto steht für die Maschine. Die exemplarische Maschine. Die wir beherrschen, mit der wir Herr über die Geschwindigkeit sind. Und der Hund, das Lebewesen, der treue Gefährte des Menschen, der uns folgt, uns nicht widerspricht. 

Zwei Häuser weiter, unterm Dach, dreht einer durch, apokalyptische Schreie in dieser Straße in der Mitte Berlins. Aus dem Hotel haben sie ein Asyl gemacht. Flaschen werden aus dem fünften Stock herunter geschleudert, zersplittern auf Autodächern und Pflastersteinen, harmlose Passanten kommen so eben mit dem Schrecken davon. Wir hätten ein Loch im Kopf haben können. 

Wir stehen vor der offenen Tür der Galerie. Zeitgeistgespräche. Es geht etwas zu Ende, das wir vermissen werden. Wir finden keine Nachfolger. Nicht mal der Aprilscherz findet welche. 

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