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Posts Tagged ‘Ostkreuz’

Die Demut unter der Sonne

Stell dich mitten in die Sonne und verlier die Nerven nicht
© Christian Brachwitz

In verregneten Sommern sind die unerwarteten Sonnentage besonders belastend. Auf die gnadenlose Hitze sind wir nicht mehr eingestellt. Die Losung des Tages ist die Flucht in den Schatten, nicht mehr wie früher, als wir Kinder waren, der Ausflug an den See. Wir sind in Berlin am Ostkreuz. Ich wüsste nicht, wo da viel Schatten wäre. Ostkreuz wurde gemieden. Schlimm genug, wenn man da umsteigen musste. Wir kennen in Berlin Ostkreuz, Westkreuz und Südkreuz. Nordkreuz nicht. Kreuz heißt hier nichts weiter als Knotenpunkt. Hier kreuzen sich die Bahnen. Ich konnte mich nie von dem Gedanken lösen, dass es mit diesen Orten auch ein wahres Kreuz sei. Mit dem Ostkreuz noch mehr als mit dem Westkreuz. Es bröckelte so langsam vor sich hin. Jetzt wird es aufgewertet. Es tut sich viel. Wir nehmen es nicht wahr. Einmal schlimm, immer schlimm. Die junge Frau in der Mitte des Bildes lässt mich daran denken, dass sie in den heißen Ländern mit der gnadenlosen Sonne viel besser umgehen können. Der Tagesablauf ist darauf eingerichtet, dass man der Sonne aus dem Weg geht. Sie haben dort so gebaut, dass überall schöne Schattenplätze entstehen. Und außerdem sind sie im Besitz einer ganz anderen Demut. Gehst du zur Sonne, vergiss die Demut nicht. Aber du musst sie erstmal haben. Die Demut.

Gespenst im besten Licht

Das links da ist kein Gespenst, sondern ein ausgedienter Wasserturm © Christian Brachwitz

Das links da ist kein Gespenst, sondern ein ausgedienter Wasserturm
© Christian Brachwitz

Das ist der Wasserturm am Ostkreuz in Berlin, ansonsten wird da gebaut. Der Bahnhof war lange marode. Schon in den DDR-Jahren fürchtete man sich vor der allfälligen Sanierung bei notwendigerweise laufendem Betrieb. Am liebsten hätte man dieses verrottete Stück Berlin aus der Stadt herausgeschnitten, aber ein Wunder des Malachias war nicht zu erwarten. Ich lese, dass seit 2006 an diesem Knotenpunkt gebaut wird, für mein Gefühl geht das schon seit Ewigkeiten so. Ganze Bahnsteige verschwinden, gewaltige Erdmassen werden bewegt und der Bahnsteig der Ringbahn hat bereits eine neue und auch imposante Glashalle. Kräne bewegen sich, die Bauarbeiter manchmal auch (nein, nein, sie sind fleißig. Arbeiten heißt nicht toben.). Die Passagiere rasen, um ihre Anschlussbahnen zu erreichen und nicht ewig warten zu müssen. In all dem Gewimmel versucht man auszuweichen und wird von hinten angerammelt. Das Imbisswesen ist in der neuen Halle schon auf der Höhe der Zeit. Nun ist auch noch ein Hostel eröffnet worden mit 1500 Plätzen, sagt man. Die jungen Touristen brechen von hier in die City auf und verstopfen Bahnhof und Bahnen erst recht; haben natürlich auch Orientierungsschwierigkeiten. Der Turm steht still und schweiget. Er ist die Konstante in dem Gewimmel. Mich oder mir, ich weiß es nicht, mutet er eher an wie ein Gespenst. Denn es ist ja so: Zu tun hat der Wasserturm schon lange nichts mehr. Wassertürme füllten die Tender der Dampflokomotiven. Das ist vorbei. So steht der Turm am Bahnhof Ostkreuz da wie ein Untoter. Neulich durfte ein Lokaljournalist ihn auf Anfrage von innen anschauen. Es ward ihm aufgetan. Er sah eine tote Taube und eine verirrte lebendige sowie viel Staub. Dann wurde er von wachsamen Wachleuten eingeschlossen und dank Handy wieder befreit. Das Schicksal der toten Taube blieb ihm erspart. Und auch das. Die Bahn hat den Turm verkauft. Sagt aber vorerst nicht an wen. Es ging ihr, der Bahn, nicht nur um Geld, sondern auch um die Art der Nutzung, so kennen wir sie. Es soll wohl auf eine gemischte Nutzung hinauslaufen. Turmatelier und Restaurant oder so. Ein Turm will kein Gespenst mehr sein. Ich aber freue mich über das schöne Licht auf diesem Bild.

Der Schlaf des Gerechten (8)

Wer schläft sündigt wahrscheinlich nicht © Fritz-Jochen Kopka

Wer schläft sündigt wahrscheinlich nicht
© Fritz-Jochen Kopka

Am Ostkreuz versucht ein Typ verzweifelt, sich anrempeln zu lassen, um dann explodieren zu können, zweimal hat er’s fast geschafft, aber die Leute ziehen kurz die Schulter ein oder machen einen Ausfallschritt, und die tickende Zeitbombe vom Dienst muss es weiter versuchen. In der S-Bahn dann liegt direkt neben der Tür ein Mann und schläft den Schlaf des Gerechten. Gerechter als er kann keiner sein. Man sieht seinem Gesicht an, dass er schöne Träume träumt. In seiner Nähe befindet sich keine leere Schnapsflasche, sondern ein gemütlicher Becher Coffee to go, Hose und Schuhe sind die eines Freizeitsportlers. Die Schuhbänder hat der Gerechte sorgfältig gelöst, nachdem er den Kaffee getrunken hatte und die Schläfrigkeit nach ihm griff. Sicher ist er zu warm angezogen für die S-Bahn, besonders die Schlumpfenmütze sorgt dafür, dass seine Ohren sich röten. Besser als frieren ist das allemal. Warum kommt mir jetzt das Benn-Gedicht in den Sinn, in dem es heißt: Sie aber lag und schlief wie eine Braut am Saume ihres Glücks der ersten Liebe? Wahrscheinlich doch, weil sich auch beim Anblick dieses Mannes der Eindruck einer schönen Harmonie einstellt. Es ist die frühe Abendstunde. Auf den Bänken neben dem Gerechten hat sich eine schwedische Jugendgruppe niedergelassen. Andere Länder, andere Sitten, scheinen die unaufgeregten Schweden zu denken, so lebt man also in der Partystadt Berlin, man schläft im Fahren neben der Tür. Als sie die Bahn Jannowitzbrücke verlassen, steigen sie behutsam über den Schläfer hinweg. Die Party hat noch nicht begonnen. Ach, wenn ihr doch alle so schliefet …