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Ran an die Buletten

April 27, 2015 2 Kommentare
Ob man davon Heuschnupfen kriegt?

Ob man davon Heuschnupfen kriegt?

Der letzte Tatort aus Leipzig mit den Kommissaren Keppler (Martin Wuttke) und Saalfeld (Simone Thomalla) ist angeblich der mit Abstand beste der Reihe gewesen. Ein Quantensprung. Ja, klar, das ist ein beliebter journalistischer Topos, das vielfach Kritisierte, Verspottete wird plötzlich Klasse, wenn das Ende angesagt ist. Ich möchte behaupten, dieser letzte Leipziger Tatort, „Niedere Instinkte”, war noch abenteuerlicher als die Vorgänger. Zu den im Titel angesprochenen niederen Instinkten mag auch gehört haben, dass die Autoren, die sich um die Kieler Borowski-Tatorte verdient gemacht haben, offenbar der Meinung waren, dass sie nicht fehlgehen in der Annahme, in Leipzig seien überwiegend Bekloppte und Psychopathen zu Hause, und da dürfen auch die Kommissare keine Ausnahme machen. Wuttke spricht gleich am Anfang apokalyptische Parolen in den Kühlschrank, seine Wohnung säuft ab, er tritt in Hundescheiße, stürzt häufig zu Boden, wird bei einer Drehbewegung eines Einvernommenen k o geschlagen, er halluziniert, er schleppt den Gestank der Hundescheiße mit sich herum, aber all das hindert ihn nicht daran, plötzlich auf dem Dach in der Rolle des Heilands aufzutreten und zu missionieren.

Aber worum geht es eigentlich. Um ein durchgeknalltes Leipziger Paar, das ein Kind klaut, weil es selber kein Kind kriegen kann. Auch ist der Mann stark von Heuschnupfen geplagt. Das gestohlene Kind wird in einem liebevoll ausgestatteten Kellerraum versteckt und verwöhnt. Der Mann kriegt neben dem Heuschnupfen noch Gewissenbisse und Fracksausen. Schatz, geht’s dir besser, fragt die Frau aufmunternd am Telefon, geh unter die Dusche, ich mach uns Buletten. Immerhin ist das Paar dann verrückt genug, sich selbst zu erledigen.

Nun gibt’s aber noch den Fall Keppler/Saalfrank, die mal verheiratet waren und ein Kind verloren. Sie haben in allen Folgen rumgezickt und rumgemuffelt. Kommissar Keppler wird irgendwie immer kleiner, während Saalfrank ihr Volumen vergrößert. Die Krise spitzt sich zu. Du Lady Macbeth!, giftet Keppler. Oh, wir machen auf Kultur!, höhnt Saalfrank. Fuck you, Medea, flucht Keppler. Die Liebesgeschichte zwischen diesen beiden Unglücksraben – interessiert die eigentlich irgendeine Sau? Ich glaube nicht. Bye, bye, Leipzig.

Keppler hat Kreide gefressen

Auch ’ne Art Ü-40-Party: Die im Dunklen sieht man schon gar nicht

Auch ’ne Art Ü-40-Party: Die im Dunklen sieht man schon gar nicht

Ich weiß es nimmer, warum der Tatort aus Leipzig „Frühstück für immer” hieß. Es hatte vielleicht etwas mit den Frauen über 40 zu tun, denen sich der Film hauptsächlich zuwandte, und mit den Vernebelungstaktiken, die alles im Krimi verunklaren sollen, um am Ende eine überraschende Lösung zu präsentieren. So wurden auch hier die Verdächtigen angeboten wie sauer Bier, und die Täterpersönlichkeit handelte gewöhnlicher Weise aus verletzter Liebe und eher unabsichtlich, wie kann es in einem Ü-40-Film anders sein. So lustig oder sagen wir hysterisch konnte es nicht bleiben wie am Anfang, als ausgelassene Mittvierzigerinnen mit frisch operierten Brüsten über Männer herziehen, um dann auf der Ü-40-Party die Gier nach Leben und auf Männer auszutoben. Schon liegt die Leiche im Gebüsch von Mockau Ost, und Eva Saalefeld (Simone Thomalla) sagt aus ihrer langjährigen Erfahrung heraus: Sieht nach’m Sexualdelikt aus, während ihr Kollege und Ex Keppler (Martin Wuttke) sich hinter einer Sonnenbrille und einer schwarzen Schiebermütze versteckt, um sich dann wieder zu zeigen und den ersten Verdächtigen auf den Kopp zu zu fragen: Warum sind Sie denn so nervös? So eine unverblümte Frage hat schon manchen Täter zur Strecke gebracht.

Sie wollte nicht einfach so verschwinden als Frau, sagt eine Freundin über die einst so lebenslustige Tote. Wie meinen Sie das?, fragt Keppler, als wüsste er wirklich nicht, wie das nur gemeint sein kann. Das große Thema unserer Zeit. Frauen über 40 und gar noch über 50. Haben das Gefühl, einfach so von der Bildfläche zu verschwinden, wenn sie nicht noch ganz schnell das Steuer herumreißen. Auch Kommissarin Eva, gerade noch U 40, wird nachdenklich. Haben Sie einen Mann? Nein. Sehen Sie! Ich schon. Es treten ins Blickfeld ein junger Gigolo, der gleichzeitig als Quotensachse dient (in Leipzig!), ein Flirt-Coach, ein Schönheitschirurg. Viel tiefsinniger Quatsch über die Liebe wird verzapft. Aber die Leipziger sind mutig. Sie versuchen sich unverdrossen an heiklen Szenen, die einfach schiefgehen müssen (Totenkult, Sadomasosex). Eva und der böse Keppler kommen sich näher. Absehbar, dass sie 2015 als wiedervereintes Paar aus dem Tatort abtreten werden.

Evas böse Schwester

Die Macher des Tatorts Leipzig haben eine Schwester von Kommissarin Saalfeld aus dem Ärmel gezogen, ich würde eher sagen, ’ne Halbschwester, derselbe Vater, andere, nämlich türkische Mutter, aber egal, es ist auf jeden Fall gut für die gefühlsstarke Eva Saalfeld oder Simone Thomalla und ihre Konflikte, Blut ist dicker als Wasser, aber über allem steht dann doch die Polizistenehre. Neben der sich in Empathie übenden Kommissarin agiert der Kollege Keppler sprich Martin Wuttke gewohnt unhöflich und schnöselig, er wirkt, selbst wenn er eine Weste trägt, ein wenig assihaft, wird aber in dieser seiner Art in der Halbwelt gern für voll genommen, und außerdem verspricht man sich in Leipzig gute Effekte von den divergierenden Gefühlswelten der Kommissare. Sollen sie es glauben. Die Kommissare treffen sich öfter mal überraschend und mit gezogenem Revolver an diesem oder jenem Tatort und sagen verblüfft: „Was machst du denn hier?”

Diese Folge hieß „Türkischer Honig” und zeigte jede Menge, man könnte auch sagen: viel zu viel, Brauchtumspflege, aber, na klar, wenn man sowas mühsam recherchiert hat, möchte man es auch gern vorführen.

Evas so ganz andere Schwester Julia wird entführt, vermag sich zu befreien, wirft Eva fehlenden Familiensinn vor, lügt und macht sich selbst des Mordes verdächtig. Aber das ist eine Nebelkerze. Und auch ihr Freund (ein aufsässiges Bürschchen und Studienabbrecher) und ihr Ex (der Sohn des toten Türken) können es nicht gewesen sein, und so bleibt von allen Verdächtigen nur der Unverdächtigste übrig, ein ruhiger, gütiger, vernünftiger Mann, der die Motive seiner Untat gut erläutern kann. Möge es ihm nützen.

Auffällig, dass in deutschen Fernsehfilmen in letzter Zeit häufig Sätze gesagt werden wie: „Ein bisschen zu viel Muss, ja?” Ob da schon die hinreißende Freiheitsrhetorik des Bundespräsidenten durchschlägt? Interessant auch, wie unbeholfen der großartige Schauspieler Günter Junghans in dieser Art Film agiert. Und bemerkenswert das pragmatische Strebertum der Türken, das sich in solchen Devisen manifestiert: „Heimat ist, wo du satt wirst.” Oder: „Wer früh aufsteht, wird reich.” Eines schickt sich nicht für alle.

Fauler Zauber

Der Tatort aus Leipzig wartete mit Katja Riemann, mit Schnee und mit einer überraschenden Schlusswendung auf. Ob die nun logisch war, diese Wendung? Keinesfalls. Es ging nach dem Prinzip: Wir liefern euch einen Täter, der überhaupt nicht zu den Verdächtigen zählte. Gar nicht zählen konnte.

Katja Riemann im Leipziger Tatort, das galt als kleine Sensation. Sie kam als BKA-Beamtin, als alte Flamme von Kommissar Keppler und somit auch als Rivalin von Kommissarin Saalfeld ins Spiel. Da sieht man dann, ja, die Eva Saalfeld liebt den Keppler immer noch, und wenn Frau Saalfeld plötzlich drei Liter Blut hergeben muss, kriegt man ebenso mit dem Holzhammer eingetrichtert, dass ooch der Keppler die Saalfelden noch liebt. Dieses ewige Theater der ehemaligen und künftigen Liebenden stellt sich in der hundertsten Auflage nicht weniger nervend dar als in der zweiten und dritten. Und der Dreieckskonflikt mit der eisenharten BKA-Beamtin, wo echt mal die Fetzen fliegen sollen, wird einfach schlecht inszeniert.

Der Schnee in den Zeiten des Hochwassers sorgte dafür, dass die Kommissare unvorteilhafte Strickmützen tragen konnten – man war vornehm genug, weder schön noch zeitgemäß auftreten zu wollen. Die in den Fall eines Kindstodes verwickelten Personen agierten derartig überdimensioniert, dass man sich in die Zeiten früher expressionistischer Filme zurückversetzt glaubte. Da fühlt man sich entlastet, wenn Martin Wuttke mal kurz und trocken „Ach, du Scheiße” sagt. Was er ja macht. Das wirkt wenigstens echt in dem faulen Zauber.

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Täter rennen schneller

Die Leipziger Tatort-Ermittler waren mal ein Paar. Kommissarin Saalfeld (Simone Thomalla) ist naturgemäß besser über Trennung und Wiederbegegnung hinweggekommen als Kommissar Keppler, der nun den ungehobelten Außenseiter gibt, was  zur filigranen, durchgrübelten Erscheinung des Darstellers Martin Wuttke vordergründig nicht so gut passt. Am meisten hat jedoch der Zuschauer unter der Vorgeschichte der Kommissare zu leiden, der das Geplänkel und die Unterstellung, dass sie sich eventuell noch lieben, bis ins Endlose verlängerbar ertragen muss.

Der kenntnisreiche Zuschauer ist daran gewöhnt, dass Täter immer schneller rennen als Ermittler (andernfalls hätten wir hauptsächlich Kurzkrimis. Hier ist es nun der Streifenpolizist Rahn, der den jugendlichen Gewalttätern nicht zu folgen vermag, obwohl Kommissar Keppler ihm einen ziemlich guten Fitnesszustand bescheinigt, wobei man den Hintergedanken spürt, und wirklich: Einer der jungen Brutalos ist Rahns Sohn. Es ist widerwärtig, mit der betrunkenen Gewalt konfrontiert zu sein und der Chancenlosigkeit von Zivilcourage. Wir haben in den letzten Tagen wider Erwarten einige erstaunliche Fernsehfilme gesehen („Ein vorbildliches Ehepaar” , trotz des Titels, mit, bewundernswert, so viel Selbstironie, Uwe Ochsenknecht und Heino Fersch, und der Wien-Krimi „Racheengel” mit, abermals, Heino Ferch und Hannelore Elsner). Dieser Leipziger Tatort gehörte durchaus dazu, auch wenn Eva Saalfelds Betulichkeit („Gemütlich haben Sie’s”) befremdlich wirkt, noch etwas mehr als Kepplers Glaube an die Macht der Worte, wenn er auf den durchgeknallten jugendlichen Geiselnehmer einredet: „Ruhig, ganz ruhig”. Das bringt doch nichts. Und es brachte auch wirklich nichts. Diese Kommissare sind samt und sonders keine Helden, keine Superhirne und keine Schnellläufer. Sie sind eben deutsche Kommissare und deutsche Beamte.