Startseite > Fußballfieber > Im Jugendfußball ist noch vieles offen

Im Jugendfußball ist noch vieles offen

Keiner konnte ahnen, dass wir armen Hansa-Rostock-Schweine am Ende der miserabelsten Saison aller Zeiten noch eine angenehme Überraschung erleben. Die A-Junioren. Schon toll, dass sie sich als Zweiter ihrer Liga für das Halbfinale der Deutschen Meisterschaft qualifizierten. Eigentlich hatte man eher nach unten geblickt, um nicht absteigen zu müssen. Als aber die Abstiegsgefahr gebannt war, setzte das erhebliche physische und psychische Kräfte frei. Was aber für das Halbfinale wenig bedeuten mochte, denn da ging es gegen FC Bayern München, der natürlich auch für seinen Nachwuchs-Bereich ganz andere Mittel zur Verfügung stellen kann als zum Beispiel wir armen Hansa-Rostock-Schweine.

Die Experten und Reporter bestätigten den Münchnern einige tausend Mal, dass sie ihren mecklenburgischen Gegnern technisch und spielerisch überlegen seien. Ich sage mal, dass es unter anderem ihre Fischkopp-Mentalität war, die die Rostocker Junioren ins Finale führte. Sie standen gegen die heranstürmenden Bayern in der Abwehr ziemlich sicher, droschen die Bälle aus dem Strafraum raus und machten nach vorne mehr so nichts. Als echte Stoiker schläferten sie den Gegner ein mit einem Torwart Künnemann an der Spitze, der erst recht nicht aus der Ruhe zu bringen war. Und als dann 84 Minuten von der Uhr runtergespielt waren , jagte Nils Quaschner, der schon einige Male bei den Profis gespielt hat, dem Bayern-Verteidiger Hager den Ball ab, umspielte eiskalt den Torwart und machte das 1:0. Die Welt stand Kopf. Aber es gab vier Minuten Nachspielzeit. Genug Gelegenheiten für die Münchner? Nee. In den letzten Sekunden der Nachspielzeit zog Quaschner von rechts außen ab, der Ball war drin. Das war das Hinspiel in München, 2:0 für Rostock, und der Trainer mahnte: Wer den Jugendfußball kennt, weiß, dass da immer viel passieren kann.

Und so war es auch. 8000 Fans mit mitreißenden Choreographien in der Rostocker DKB-Arena sahen die verwöhnten Münchner Jungs im Dauerangriff auf Künnemanns Hansa-Tor. Die liefen richtig heiß, während die Rostocker Stoiker Bälle wegschlugen und so taten, als wüssten sie nicht, dass die Münchner auch ein Tor haben. Und  dann bekamen sie mal den Ball nicht weg aus ihrem Strafraum, Künnemann sprang vergeblich. 0:1. Danach änderte sich das Spiel. Rostock konnte plötzlich auch stürmen. Man muss es schon einen genialen Täuschungsversuch nennen, im Hin- wie im Rückspiel so zu tun, als könne man nicht über die Mittellinie hinauskommen. Die Bayern fielen zwei Mal darauf herein. Kurz vor der Halbzeit gab’s einen Lattentreffer für Hansa, und in der zweiten Halbzeit sah man, dass die Münchner sich müde gelaufen hatten. Sie kamen nicht damit zurecht, dass die norddeutschen Phlegmatiker plötzlich mehr Ballbesitz hatten und das Spiel machten. Eine mittelschwere Depression ergirff den FC Bayern. Flath hämmerte einen Freistoß ans Lattenkreuz. Das hätte schon das 1:1 sein können. Wenig später wieder ein Freistoß für Hansa von rechts. Gebissa tritt an. Wieder Latte, wahrscheinlich hat der Ball beim Aufspringen die Torlinie schon übersprungen, aber Quaschner als Hansa-Profi weiß, dass man als Rostocker immer auf Nummer sicher gehen muss und köpft den Ball endgültig ins Tor. Staunt, aus Erfahrung klug, dass der Schiedsrichter das Tor auch wirklich gibt, denn oft finden sie ja immer noch irgendeinen Grund, um nein zu sagen, aber so weit sind sie bei den Junioren zum Glück noch nicht. Danach sind alle Messen gelesen. Die frustrierten Bayern  bringen außer ein paar gelben Karten nicht mehr viel zustande.

Was nützt das alles? Von der Hansa-Junioren-Meistermannschaft des Jahres 2010 sind gerade vier Kicker ablösefrei weggeholt worden, wenn ich das richtig sehe.. Sie spielen jetzt in den zweiten Mannschaften von Dortmund und Stuttgart oder in Fürth. Nein, die Fußball-Welt verliert viele ihrer Reize. Im Jugendfußball ist noch vieles offen, was später – nach dem Muster Kir Royal – mit Geld zugeschissen wird. Kann man einen schöneren Fußball spielen als die spanischen U-21-Junioren, die gerade Europameister geworden sind? Schwer vorstellbar. Der ballführende Spieler hat immer drei, vier Anspielmöglichkeiten. Der Ball läuft und läuft. Und die Jungs ergehen sich auch nicht in der negativen Seite des Tiki-Taka-Fußballs. Sie gewinnen nicht 1:0 wie die Großen, sie gehen mehr Risiko, suchen den Abschluss, fangen auch mal ein Gegentor und siegen 4:2. That’s Soccer.

  1. Lindsey Fitzgerald
    Juli 5, 2013 um 11:41 am

    Wer am gestrigen Freitag in der Rostocker Innenstadt unterwegs war, der wird sich verwundert die Augen gerieben haben. Eine riesige Warteschlange formierte sich in der Breiten Straße, die schnurstracks in den Hansa Fan-Shop führte. Die wenigen Rostocker, die nicht affin zum Fußball sind, beobachteten das Schauspiel schon ein wenig perplex. Vor allem, als man ihnen eröffnete, dass es sich bei diesem Andrang um das Interesse an einem Jugendspiel handele.

  1. No trackbacks yet.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: