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Chilenische Mail (2)

Verwunschen, verwunschen. Man denkt, von der welt verschluckt zu werden Für alle Fotos © Julia Thalheim

Verwunschen, verwunschen. Man denkt, von der Welt verschluckt zu werden
Für alle Fotos © Julia Thalheim

Liebe Heimat,

yeah! Ich stand mit beiden Füssen in Patagonien! Tolles Gefühl, sage ich Euch. So weit das Auge reicht Berge, Seen, Steppe und Wind, Wind, Wind. Dazwischen lustige Tierchen wie Nandus (irgendwat Straußenartiges, was nicht fliegen kann, nur po-wackelnd rennen, aber das mit einem Affenzahn), Guanacos (wat Lamaartiges) und hoch oben die auf dem Wind sich treiben lassende Condore. An einem Tag kannst du alle vier Jahreszeiten mitnehmen.

Nach der ersten Touri-Highlight-Abgeklappere-Tour (Japaner kreisen mit Riesen-Objektiven kopulierende Guanacos ein) sind wir am nächsten Tag mit einem gemieteten Auto in den Nationalpark Torres del Paine alleine rein und haben eine siebenstündige Wanderung bewältigt. Endlich Bewegung nach vier Tagen Rumgesitze auf dem Schiff. Ziel des steilen Anstiegs war, einen kurzen Blick auf die beiden Torres zu ergattern, bevor Nebel und Schneegraupel alles verschlucken. Haben wir geschafft! Auf dem Weg da hoch ziehen immer wieder bekannte Gesichter an dir vorbei, die du ein paar Tage zuvor auf dem Schiff getroffen hast.

Unser Schiff ist das größte …

Unser Schiff ist das größte …

Apropos Schiff! Das war ’ne Tour von Puerto Montt nach Puerto Natales! Irgendwat zwischen Backpackersammelsurium und Kreuzfahrtschiffatmosphäre (am letzten Abend gab es Bingo).  Tagelang durch menschenleere Fjorde, an Gletschern vorbei und durch engste Kanäle. Dauergrau, Regen und die Wolken so tief, dass du fast drin verschwindest mit dem Kopf. Ab und zu kam eine Flosse zum Vorschein. Mehr haben die Meeresbewohner nicht von sich blicken lassen. Stopp am Fischerdorf Puerto Eden, wo wir Touris für 5000 Pesos das Schiff mit Fischerbooten verlassen durften, um in orangefarbenen Schwimmwesten auf einem vorgegebenen Holzsteg durch das Dorf zu jagen.

Ich stand die ersten Tage an Bord eigentlich nur unter Drogen. Dauermüde gab es jeden Morgen erst mal eine Pille zum Frühstück. Den letzten Tag an Deck habe ich ohne gepackt. Wahnsinn. Selbst das Busfahren meistere ich mittlerweile ohne Fremdunterstützung. Am zweiten Tag ging es mit dem Schiff am Golfo de Penas auf den offenen Ozean. Ich habe so ein Riesenschiff noch nie so schwanken sehen. Wir haben es irgendwie geschafft, rauf aufs Deck zu kommen, weil frische Luft laut Mauricio, unserem Schiffsverantwortlichen, angeblich helfen sollte. Aber du hast wirklich ein wenig Angst, von Bord zu fliegen. Wie ein Kind auf der Schaukel, nur in riesengroß. Vorne taucht das Schiff ein und hinten stößt es sich in die Luft und das im Sekundentakt. Die Matrosen hatten ordentlich Spaß; mit Wasserschläuchen bewaffnet haben sie sich immer in Deckung gebracht, wenn von oben das zuvor eingenommene Mittagessen runter klatschte. Dann haben sie aber eilig Tüten verteilt, weil es ihnen offensichtlich zu viel wurde.

Und ich habe nicht gekotzt! Als eine der wenigen!!!

Meine Bekanntschaft an Bord: Mandy und Torsten aus Dresden. Mitte dreißig, seit fünfzehn Jahren verheiratet und das erste Mal in Südamerika (weil Chile am sichersten sei …). Mandy hat für eine Mandy ziemlich viel Humor und sagt auch, dass ihr Name eher eine Diagnose sei, sie aber den Gegenbeweis antreten wolle. Und Mandys Schwester heißt übrigens Peggy …  Jibt es denn sowat??? Ist die Mutter noch ganz bei Trost gewesen?

Nach vier Tagen Ankunft in Puerto Natales, ein herausgeputztes und ganz auf Touris eingestelltes Dörflein am Rande des Nationalparks.

Everythig I Do …

Everything I Do …

Der Hostel-Papa Alejandro war so gierig nach den spärlichen Gästen, dass er einen förmlich auffraß. Was am Anfang noch ganz nett war, ist innerhalb von zwei Stunden so lästig, dass man nur noch fliehen kann. Dummerweise hatte ich vor den zwei Stunden eingewilligt, mit ihm eine Tour zum Fliegenfischen mit Übernachtung zu unternehmen. Wenn jemals ein Mann wieder „Baby” zu mir sagt und versucht, meine Hand zu greifen, gibt es Tote!

So geht Fliegenfischen in Chile

So geht Fliegenfischen in Chile

Wir haben im engsten Zweimannzelt aller Zeiten übernachtet. Und nachdem mir zu seinem Bedauern nicht kalt wurde, wurde ihm kalt. Ich war noch nie so froh, endlich das erste Tageslicht zu erblicken. Ich habe die ganze Nacht laut auf meinem iPod Mugge gehört, um sein Schnarchen zu übertönen und Gunacos gezählt. Alejandro schaffte es wirklich, alles zu versauen. Das Fliegenfischen nutze er für Körperkontaktherstellung, nüscht durfte ich alleine probieren. Dann Lagerfeuer, und wat macht Alejandro? Autotüren auf und laut Brian Adams. Everything I Do… Auch auf der Straße war Alejandro der King. Jedes an uns vorbeiziehende Lebewesen wurde per Autohupe begrüßt. Mit stolz geschwellter Brust blickte er zu mir herüber, um sicher zu gehen, dass ich das auch ja wahrnehmen würde.

Ich habe irgendwann komplett dicht gemacht und gar nichts mehr gesagt. Was allerdings zu lustigen Selbstgesprächen seitens Alejandros führte, der meinen Part einfach mitübernahm.

Mein Abgang in Puerto Natels war daher ein wenig überhastet. Mich befiel leichte Panik, weil ich keinen Flug bekam. Wollte ja zunächst noch mal in den Norden, ins Warme. Aber es gab nichts.

Im Büro der Sky Airline ’nen Flug für den nächsten Tag immerhin zurück nach Puerto Montt. Also mit dem Bus von Puerto Natales nach Punta Arenas. Dort dann in den Flieger. Da kam ich abends an und musste zum Busbahnhof. Alejandro meinte, ich müsse unbedingt darauf achten, ein gekennzeichnetes Taxi zu nehmen. Auf keinen Fall woanders einsteigen. Da war aber nüschte. Also bin ich zu drei Männern ins Auto gestiegen. Für 5000 Pesos. Fand ick fair.

Ein Ort für Walfänger – gewesen

Ein Ort für Walfänger – gewesen

Am Bahnhof standen hunderte von Bussen, alle completto. Die von Pullmann-Bus haben gleich mal das Licht in ihrem Schalter ausgeknipst und dumm gegrinst. Die Dame von Tur-Bus hat mir abenteuerliche Verbindungen für 40.000 Pesos nahegelegt. Jott sei Dank fiel mein Blick dann noch auf ETM Bus. Und was soll ich sagen: Um kurz vor Mitternacht ging es für 12.000 Pesos mit dem nettesten und charmantesten  „Busmatrosen” aller Zeiten nach Concepción, und Alejandro war sofort vergessen…

Nun bin ich also wieder bei der Familie in Conce. Hier verbringe ich meine restlichen Chile-Tage mit gemütlichen Ausflügen weit ab vom Touristrom. Lavastromerkundungen und ein Besuch der stillgelegten Kohlemine Lata gab es bereits. Letzte Nacht haben wir den Film „Sub terra“ geschaut, der in der Mine spielt. Irre, wenn man kurz vorher durch diese Kulisse gelaufen ist.

Der Mann, der uns durch die Mine führte, hat dort auch gearbeitet. Mit acht Jahren fing er an. Der chilenischen Schulklasse, die mit uns durch die Mine stolperte, erklärte er immer wieder: Wenn ihr eure Geschichte nicht kennt, dann verliert ihr eure Identität. Aber det interessierte die dicken kleinen Süßen herzlich wenig …

Vor dem Lavastrom. Im Skigebiet

Der Lavastrom, der ein Skigebiet auslöschte 

Jetzt muss ich nur noch zurück nach Santiago. Ich werde versuchen, die ETM Bus Company zu nehmen.

Den Norden nehme ich mir von Bolivien aus vor. Irgendwann, wenn das Konto ein wenig aufgeräumt ist…

Das Wetter war nicht so ganz auf meiner Seite. Habe auch viel zu viele Klamotten für warme Tage statt für kalte Tage dabei. Im Prinzip komme ich mit ’nem halben Rucksack sauberer Wäsche heim und laufe seit Wochen in denselben vier Pullis und zwei Hosen übereinander rum.

Lasst Euch nicht stressen, wir sehen uns in Berlin, liebe Grüße und Kuss

Julchen

Kategorien:Schriftverkehr Schlagwörter: , , ,
  1. Juli 8, 2013 um 4:44 pm

    Aus der Gegend wanderten waehrend der letzten Jahrzehnte ueberdurchschnittlich viele Jungs in die USA aus. So kommt es, dass die meisten der hiergebliebenen Familienmitglieder US-dollar beziehen. Anlaesslich der Feiertage kommen dann die ausgewanderten Chicanos zu Besuch, schick verkleidet in Markenklamotten und aufgemotzten Pickups. In der Dorfkirche herrschte deshalb hochbetrieb, da Hochzeiten, Taufen und aehnliches allesamt in diesen Zeitraum verlegt werden.

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