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Die Russen vor meiner Tür

Der Mann am Rand der Bedeutungslosigkeit

Der Mann am Rand der Bedeutungslosigkeit

Am Wochenende fand vor unserer Haustür das Russenfest statt, offiziell die Deutsch-Russischen Festtage. Vor unserer Haustür liegt nämlich die Trabrennbahn Karlshorst, und die war die erste Berliner Sportstätte, die nach dem Krieg wieder eröffnet wurde, und zwar auf Initiative des sowjetischen Stadtkommandanten Bersarin. Karlshorst wurde in den fünfziger Jahren Klein-Moskau genannt, hier befand sich das russische Hauptkommando. Ich hatte mir mal aus Moskau eine Schiebermütze mitgebracht, und als ich daheim aus der S-Bahn stieg, sagte ein Typ zu seiner Freundin: Man sieht gleich, dass wir in Karlshorst sind. Der hielt mich glatt für einen Russen, was mich sowohl erheiterte als auch nachdenklich stimmte. Okay, lange her. Auf jeden Fall hat die Sache hier Tradition. Das Russenfest findet in dieser Form jetzt zum siebten Mal statt, es verfügt über eine gute Basis, weil Gazprom der Hauptsponsor ist, und damit ist auch der FC Schalke 04 mit im Boot.

Russische Salzgurke 1 €, Lenin (rechts unten) unverkäuflich

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Man geht als Karlshorster über die Rennbahn und sieht, was so los ist. Viel Schaschlik und jede Menge Folklore.  Wir erlebten die Folkloregruppe Ukrainische Welt, fünf Frauen unterschiedlichen Gewichts, und ein Mann, der nicht unbedingt wie der Hahn im Korbe wirkte, weil er eine gewisse Schüchternheit und Fremdheit partout nicht ablegen konnte. Im nächsten Lied geht es wieder um die Liebe, sagte eine Sängerin mit ganz eigenem Charme, und dann ging es im typisch mehrstimmigen russischen oder meinetwegen auch ukrainischen Gesang tatsächlich um die Liebe, und nachdem es in einem weiteren Lied um Lemberg und die Karpaten gegangen war, sagte die Sängerin, dass es im nächsten Lied wieder um die Liebe gehen werde, und sie bedankte sich bei den Leuten, die mittanzten, mitsummten und mitklatschten. Die Stimmung war gelassen und heiter. Der oder das Schaschlik (beides ist möglich) kostete von 4,50 bis 6 €, das war kulinarisch der Renner, russisches Schaschlik ist irgendwie doch das Original. Natürlich gab es auch Borschtsch, Piroggen, Pelmeni und Blini. Im Literaturzelt ging es ziemlich steif zu. „Daraus ergeben sich folgende Aufgaben…” sagte die Moderatorin, aber auf diese Aufgaben konnten wir uns nicht recht konzentrieren. Interessant war die Vorstellung eines Buches, das sich mit den Schicksalen von Russlanddeutschen befasste.

Literatur im strengen Rahmen

Literatur im strengen Rahmen

Man fühlte sich gelegentlich wie auf den Straßen Moskaus, so wurde gedrängelt und gestoßen, der Moskauer als Großstädter braucht das, auch wenn ihm ausreichend Zeit zur Verfügung steht. Im Boxring gaben sich Boxer aus Moskau, Kaliningrad und Berlin ordentlich auf die Schnauze, aber es waren Amateure, sie trugen Kopfschutz. Am Rand stand die Schalker Fußballlegende Olaf Thon und gab in weltmännischem Gestus Autogramme. Ich verrate gewiss nichts Falsches, wenn ich sage, dass wir die Rennbahn mit einem Lächeln verließen.

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