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Wahnsinnsfilm

© Fritz-Jochen Kopka

Wenig später war alles viel bunter

Frauen tanzen mit Frauen. Trinker trinken mit Trinkern. Halbtote begegnen Halbtoten. Neben der zertrümmerten Mauer spielt Herbst in Peking We Need Revolution. Und immer wieder sehen wir die Kreuzung Schönhauser//Pappel-/Kastanienallee/Eberswalder/Dimitroff-Straße. Der sogenannte Magistratsschirm. Die U-Bahn, die hier weit über der Erde fährt und somit Ü-Bahn heißen müsste. Die DDR ist zusammengebrochen. Die Westen ist noch nicht ganz da. Die erfahrenen Loser wissen schon, dass sie wieder die Loser sein werden. Die jungen Loser wissen es noch nicht. Und manche bekommen gar nicht mit, was los ist. Genug Geld für Bier wird doch immer noch da sein, oder? Bange Gedanken. Sonst braucht man doch nichts.

Was sind das für Schuppen! Was sind das für Tapeten! Was für ein Licht! Egal, das Tanzbein geschwungen und mitgesungen: Wir nehmen alles so hin, wie es kommt. Wir können’s ja nicht ändern. Die Dummen werden wir immer wieder sein. Wie lassen uns nicht unterkriechen! Den Humor lassen wir uns nicht nehmen.

Das alles haben wir vergessen. Die U-Bahn fährt ungerührt zwischen Pankow-Vinetastraße und Thälmann-Platz.

Die Näherinnen stellen in ihrer Textilbude („modisch – schick – flott”) die Unverkäuflichkeit ihre Ware fest: Im Moment is kein Modell bei, dass ich anziehen würde. Die Röcke und Modelle sind nicht absetzbar, da die einfach nicht modisch sind, ich muss das mal so sagen.

Das nächste Geschäft: Wir haben den Laden selbst aufgebaut, 41 Jahre, und jetzt werden wir fertig gemacht vom Westen. Also, wir haben ganz klein angefangen, und jetzt geht alles flöten.

Altenheime, Rentnertanz, die Haare mit Wasser gekämmt, die Krawatte sorgsam gebunden, gekonnt ist gekonnt: Da kriegt’ ich denn noch ne andere Frau, war’n Jahr mit ihr zusammen, war Pech jewesen ooch wegen den allgemeinen Krebs. Wie et is. Den Ärmsten beißen immer die Hunde. Wir haben uns beide inner Volkssolidarität kennengelernt.

Wer jung ist, macht Projekte, ob im Knaackklub oder im besetzten Haus: Sind wir bemüht, Informationen rauszugeben zwecks Häuserkampf. Wir haben ne Druckmaschine, die is aber noch nich hier, weil das Transportproblem noch nicht gelöst ist.

Ost trifft West zum Prater-Ball. Wahnwitzige Maskeraden. Nobel geht die Welt zugrunde.  Die Sängerin singt versuchsweise: Ich wollt nur mal mit dir reden, oder ist es eher ein Murmeln?

Gönnerhafte Westfrau fragt Ostfotograf: Habense dich denn schon auf Stasi überprüft? Und, sauber? Unbelastet? Und schon so ’ne tolle Kamera? Für wen arbeitest du überhaupt? Wird alles von Springer eingenommen.

Im Wiener Café spielt eine rumänische Combo Schwarze Augen und Rosamunde. Rosamunde, schenk mir dein Sparkassenbuch. Ein Bartträger feiert Geburtstag und möchte von allen Frauen umarmt werden. Da sitzt auch Mühle, die Szenegestalt mit dem nihilistischen Charme und der häuslichen Strickjacke. Sieht immer aus, als fröstele ihn. Wird gebeten, noch mal die Geschichte zu erzählen von einer Prämie, die er bekam, 36 000 DDR-Mark. Honorar war das, berichtigt Mühle, Honorar. Davon hat er sich ein Segelboot und seiner Frau einen Mantel gekauft. Und der Rest? Das andere ging durch die Kehlen meiner Freunde und durch die meinige auch.

Im Wiener Café ist der Mensch nicht irgendwo, sondern unter Prominenten. Ich war die Verlobte von Manne Krug. Kann ich beweisen. Ich verkehr mit Manne noch eenmal im Jahr mit seine Frau. Jetzt bin ick glücklich. Jetzt werde ich ma wat von Trude Herr singen.

Mühle bettet sein benebeltes Haupt an die Brust von Mannes Ex-Verlobter. „Da ist es, wo man schöner ruht als in dem Freudenbett der Königin …”

Die Westmark ist da. Frau Ziervogel geborene Konnopke, weiß nicht, was auf sie zukommen wird mit ihrer Currywurstbude. Alles ist ungewiss. Die Jalousie geht hoch. Die ersten Kunden stehen schon da mit dem neuen Geld. Für Konnopke wird’s weiter gehen, soviel steht fest.

Das ist der Film „Berlin Prenzlauer Berg 1990”. Petra Tschörtner ist zwischen 1. Mai und 1. Juni mit der Kamera durch Etablissements, Betriebe und Straßen gelaufen. Häuser angeschaut, Verfall, mit Leuten geredet, das Mikro hingehalten. Ein Wahnsinnsfilm, sagen die Leute heute. Ein Wahnsinnsleben damals zwischen den Welten. Man kann den Film unter kraftfuttermischwerk.de/blogg/?p=41300  anschauen. Wir sehen Menschen, die mehr sagten als „Wahnsinn” in dem Moment, als sie Grenzen überwinden konnten.

Petra Tschörtner ist in diesem Jahr gestorben, 54 Jahre alt. Sie hat eine Spur gelegt.

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