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Im Osten ein König

Zeit der harten Herzen © Christian Brachwitz

Zeit der harten Herzen
© Christian Brachwitz

Als der U-Bahnhof Eberswalder Straße einmal eine Kleinigkeit von vier Jahrzehnten U-Bahnhof Dimitroffstraße hieß nach Georgi Dimitroff, dem Helden des Reichstagsbrandprozesses … Das konnte man nach der Wende nicht so lassen, denn der Bulgare Dimitroff war nicht nur ein unbeugsamer Mann und ein rhetorisches Genie, sondern auch ein Stalinist. Geschenkt. („Was haben Sie eigentlich gegen Stalin?”) Der Akkordeonspieler aus dem Prenzlauer Berg hat sich in Hitze gespielt. Die Jacke hängt am Treppengeländer, der Krückstock, der den Gehbehinderten stützt, lehnt an der Wand, der niedrige Karren wird den Stuhl und das Instrument tragen, wenn der Mann seinen Standort wechselt, weil die Passanten allzu ungnädig sind unter dem sogenannten Magistratsschirm. Der kleine Gewerbetreibende aus dem Westen ist in Ostberlin ein König und seine Gattin eine große Dame. Das Elend im Osten behagt ihnen gar nicht („der Akkordeonspieler hat ja noch nicht mal einen Hut auf dem Kopf”), sie haben noch nicht gelernt, dieses östliche Elend so zu übersehen wie das im Westen. Die Münder sind hart oder dumm. Sie haben Geschenke mitgebracht, die sind für die Verwandtschaft, die soll mal sehen, was man sich alles leisten kann, wenn man tüchtig arbeitet im richtigen System. So. Das reicht jetzt. Wir sind heilfroh, wenn wir wieder zu Hause sind.

  1. Oktober 16, 2015 um 7:51 pm

    Ach mit Dimitroff Heldengeschichten bin ich aufgewachsen.Dunkel erinnere ich mich der Gerichtsverhandlung in der er sich selbst vertrat…

    Ja, es gab ein Theaterstück von Hedda Zinner (die, wenn ich es richtig weiß, über 100 Jahre alt geworden ist) und einen DEFA-Film: „Der Teufelskreis”. Fred Delmare spielte den van der Lubbe und ein heute vergessener Schauspieler namens Jochen Brockmann den Dimitroff.

  2. w.w.
    Oktober 18, 2015 um 2:43 pm

    Sehr scharfzüngig und pointiert geschrieben, danke Fritz.

    Danke, Wilfried. Aber scharfzüngig – das ist doch gar nicht meine Art!

  3. Oktober 22, 2015 um 3:18 pm

    Und wieder was gelernt. Ich wohne nicht weit vom U-Bahnhof Eberswalder Straße und wusste, dass sie früher Dimitroffstraße hieß, aber ich wusste nicht, wer dieser Dimitroff war. Sehr gut geschrieben! Ich bin 1982 in Italien geboren und wohne erst seit der Jahrtausendwende in Berlin, finde aber schade, dass das alte Berlin immer mehr verschwindet und dass man versucht, alles aus DDR-Zeiten zu löschen oder schlecht zu machen (außer das, womit man sich mit den Touris Geld machen lässt)
    Liebe Grüße,
    Silvi
    http://www.eckenberlins.wordpress.com

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