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Das Geburtstagskonzert

August 5, 2015 3 Kommentare
Wenzel mit Kapitänsmütze, an der Gitarre Künstlerfreund Andreas Dresen

Wenzel mit Kapitänsmütze, an der Gitarre Künstlerfreund Andreas Dresen

Die Schlange erstreckte sich über den Hof des Admiralspalasts und über ein gutes Stück der Friedrichstraße, und sie bewegte sich kaum vorwärts. Da es um das Geburtstagskonzert von Wenzel (60; ich glaub, er mag das Wort Liedermacher nicht, schon wegen des unschönen Verbs machen) war es eigentlich unvermeidlich, dass man einige Leute in der Schlange zumindest flüchtig kannte, aber an die Dame, die vor mir stand, musste ich mich doch mit einer Frage wenden: Hab ich mich so verändert oder hast du dich so verändert, dass wir uns nicht mehr erkennen? Ach, sagte sie, ich erkenne die Leute doch nur an ihrer Stimme, das war schon immer so, es ist so eine Anomalie der Augen, die sonst gar nicht so schlecht sind, ich kann die Leute eben nur an ihrer Stimme erkennen. Aber du redest noch so wie früher. Sie nannte auch den Namen dieser Anomalie, aber ich hatte schon in diesem Moment keine Hoffnung, dass ich mir den merken könnte, und so kam es auch. Als wir schon ziemlich weit vorn an dem Tisch mit den Karten waren, ging ein ehemaliger Bundestagspräsident stolz an der Schlange vorbei und ließ sich seine Karten sofort aushändigen. Ich möchte wissen, welche Berechtigung er dafür anführen kann, sagte die Dame. So einfach ist es mit der Demokratie nicht, dass immer alle gleich sind, sagte ich, wahrscheinlich hat er das Minibuch mit dem Text des Grundgesetzes bei sich und findet für jede heikle Frage die geeignete Antwort. Später erinnerte ich mich, dass es vor knappen vierzig Jahren eben diese Dame gewesen war, die mich an die Kunst von Wenzel und damals noch Mensching heranführte, indem sie mir sagte, dass die besondere Ästhetik der beiden darauf beruhe, dass sie Anarchisten seien; wenn man das nicht wisse, könne man sie nicht verstehen. Ich dachte an Bakunin und an Herrschaftslosigkeit und muss zugeben, dass mir trotz einer unerklärlichen Voreingenommenheit das, was die beiden mit ihren Ensembles und Bands machten, von Anfang bis Ende gefallen hat. Es war einfach anders als alles andere und vielleicht schon aus diesem Grund anarchistisch. Sie haben immer Schwerstarbeit auf der Bühne geleistet und es dabei immer so aussehen lassen, als ginge das leicht und lässig, abgesehen davon, dass sie irgendwann getrennte Wege gingen, so dass Wenzel der Clown, der er eben auch war, abhanden kam, allein konnte er, glaube ich, kein Clown sein, der große Clown, Wenzel, brauchte den kleinen Clown, Mensching, und der kleine den großen. Wenzel konnte auch ernste und traurige Lieder im Clownskostüm singen, es schadete den Liedern nicht, ihm Gegenteil, es gab ihnen noch eine Extraportion Anarchie dazu. Allein war er dann Poet, Sänger, Instrumentalist, Schauspieler, Anarchist, aber eben nicht mehr Clown, was ich sehr bedauerte, weil da eine wichtige Seite fehlte.

New Generation Mascha, Karla und Theo plus Gitarristen

New Generation Mascha, Karla und Theo plus Gitarristen

An diesem Tag, dem 31. Juli, wurde er 60 und gab sein Geburtstagskonzert zusammen mit seiner Band und einigen Künstlerfreunden. Er kam allein auf die Bühne, griff sich das Akkordeon und legte los. Der Mann, der in diesen Momenten sechzig wurde, hat das unbezahlbare Talent einer leichten wie selbstverständlichen Bühnenexistenz. Du siehst, dass die Leute auf der Bühne sich wohl fühlen, und du, im Zuschauersaal, fühlst dich auch wohl, du gehörst fast dazu und wartest nicht umsonst darauf, dass Wenzel einige seiner charmanten Unverschämtheiten von sich gibt, dass er den Prenzlauer Berg, wie er war, adelt oder Europa, wie es gerade wird, mit Stirnrunzeln betrachtet. Er nimmt seine drei Kinder mit auf die Bühne (das jüngste ist fünf) und jedes hat etwas beizutragen, am eindrücklichsten natürlich Karla, die Älteste, und am rührendsten Mascha, wenn sie das Lied von der kleinen Insel singt. Wenzel ist auch ein großer Katzenfreund, aber so weit hat er es noch nicht getrieben, dass er auch die Katzenfamilie mit auf die Bühne nimmt, obwohl er absurde Geschichten über sie erzählen kann (seinen Landkater musste er persönlich sexuell aufklären). Ob er auf der Bühne steht oder an seinem Gartentisch in Vorpommern sitzt, er ist der Fürst in seinem Reich (Capote über Brando), die Sätze fallen ihm zu, er schert sich nicht darum, dass sie ungerecht sind, wenn er gerechte Sätze sprechen wollte, würden sie schlapp werden, er sagte: In diesen Städten hast du keine Chance. Damals meinte er Zwickau, aber er spielte auch in vielen anderen Städten, in denen er keine Chance hatte, und er hat sie immer genutzt. Wenn ich etwas an Wenzel auszusetzen hätte, dann wäre das die Theorielastigkeit seiner Interviews, aber auf der Bühne ist von dieser Last nichts zu spüren. Die Theorielastigkeit, die sich plötzlich in nichts auflöst, gehört mit dazu, dass ich denke: Dieser Wenzel mit seiner witzigen Melancholie ist eigentlich unentschlüsselbar.

Orden um Orden, Zahn um Zahn. Wenzel und Mensching als Clowns Weh und Meh

Orden um Orden, Zahn um Zahn. Wenzel und Mensching als Clowns Weh und Meh

Er hat eine gute Band, die naturgemäß etwas gegen die Textverständlichkeit anarbeitet, aber der Geist der Songs überträgt sich doch, weil ein Lied bekanntlich immer Redundanz hat. (Ein Lied ist alles, was allein laufen kann.) Auf der Bühne ging es manchmal zu wie in einem Traum oder wie in Phantasiestücken von E. T. A. Hoffmann. Musiker sind sonderbare Gestalten, ich denke an die schöne singende Riesin im schwarzen Gewand oder an den Akkordeonisten, der weiß, wie man die Instrumente richtig halten muss. Wenzels Lieder sind atmosphärisch, poetisch, ironisch, polemisch. Balladesk eher selten. Sie haben keine Helden, nur das lyrische, zweifelnde Ich und die mehr oder minder ferne Geliebte. Typisch für ihn ist „An mich, nachts” mit der Refrainzeile: „Ich habe mir für morgen so viel vorgenommen”, kann aber nicht schlafen, verdammt. Am Ende trafen sich die Wege von Wenzel und Mensching nach all den Jahren noch einmal. Sie zogen die alten schäbigen Klamotten an, die immer noch nicht auseinander gefallen sind (und auch noch passten) (( und nicht weggeworfen wurden)), sie spielten die Ordensverleihung und die Pikoeisenbahn-Szene, und alle, die diese Stücke von früher kannten, sagten mit Tränen in den Augen: Wie schön, dass wir das noch einmal erleben durften.

Ein kurzes Gespräch über die Pflicht

Denk ich an Pflichten in der Nacht …

Denk ich an Pflichten in der Nacht …

Am Sonntagvormittag ruft mich eine alte Mitschülerin an (wir sind ja jetzt alle alte Mitschüler), um mit mir ein kurzes Gespräch über die Ehre zu führen. Weißt du schon, welche Ehre unserer kleinen Heimatstadt widerfahren ist? Nein, sage ich zögerlich, weil ich vermute, dass ich es eigentlich wissen müsste. Unser alter Mitschüler Heino ist zum Neujahrsempfang des Bundespräsidenten eingeladen gewesen. Seltsam. Bei unserem letzten Klassentreffen hatten noch alle Mitschüler ein ziemlich kritisches oder wenigstens distanziertes Verhältnis zu den Politikern. Aber wenn man von ihnen umarmt wird, verwandelt sich Distanz schnell in Euphorie. Das muss man also wissen. Ist das nicht toll? Ich bin keineswegs geneigt, Essig in den Wein zu gießen, wie stünde man dann da, und sage, ja, das ist schon mal was. Er wurde eingeladen, weil er Jahrzehnte lang ehrenamtlich als Schwimmer tätig war. Da kann man mal sehen, sage ich. Ich bin nicht so viel geschwommen. Und dann hat Heino da auch ein längeres Gespräch mit Angela Merkel gehabt. Super, sage ich. Die Worte fallen mir einfach so zu. Sie hat erzählt, was sie für ein Programm in den nächsten zwei Tagen zu bewältigen hat. Und da hat er zu ihr gesagt: Frau Bundeskanzlerin, mit Ihnen möchte ich nicht tauschen. Ich bin froh, wenn ich wieder auf meinem Dorf bin. Das war ja mutig, sage ich scheinheilig. Das kriegt sie nicht mit, also diese Scheinheiligkeit. Ja, sagt sie, aber das trau ich ihm auch zu. Fast ein bisschen rebellisch, sage ich. Er hat ja recht, sagt sie. Ich möchte das auch nicht machen. Diese Verantwortung! Diese Pflichten! Ich könnte nachts kein Auge mehr zumachen. Du wirst ja Bundeskanzlerin nicht von einem Tag auf den anderen, sage ich. Du bist ja vorher durch viele Gremien, viele Wahlen, viele Höllen gegangen. Das wird dann dein ganz normales Leben. Du, ich hatte mal die Verantwortung für zehn Leute. Und das war mir schon zu viel. Ich konnte nicht mehr schlafen. Wenn man so veranlagt ist, macht man sich die Sorgen so oder so. In diesen Momenten der Schlaflosigkeit. Da ist es doch schon besser, man kann wegen großer Dinge nicht schlafen als wegen Lappalien. Ich wachte nachts auf, sagt sie, lag wach und grübelte: Hab ich heute den oder jenen ungerecht behandelt? Was denkt er von mir. Und ich fand keinen Schlaf. Das ist schon mal der völlig falsche Ansatz, sage ich. Wenn du nachts aufwachst, muss die Fragestellung so lauten: Ist es mir heute unterlaufen, dass ich jemanden von meinen Mitarbeitern gerecht behandelt habe? Da kommst du dann zu viel besseren Antworten. Danach war das kurze Gespräch über die Ehre, das sich alsbald zu einem Gespräch über die Pflicht wandelte, auch bald beendet.  

Bela Rethy klärt auf. Unabsichtlich

Wer die Kunst des Lippenlesens beherrscht (wie etwa ich), konnte erraten, dass die deutschen Spieler den Text ihrer Nationalhymne nicht beherrschen, von jenen mal abgesehen, die nicht nur nicht so taten, als sängen sie mit. Man fragt sich, woran das liegen mag. Ich suche die Schuld nicht zuerst bei den Spielern, von denen ich sicher weiß, dass sie sich Worte, Zeilen und ganze Strophen merken können. Ich glaube viel mehr, dass der Text der deutschen Nationalhymne doch nicht ganz so signifikant ist, wie wir immer glauben, mit dieser Handvoll abstrakter Begriffe. Die Melodie ist okay. Aber um den Text sollten wir uns kümmern. Wir haben doch einen so energischen und selbstgefä …, äh, … bewussten Bundespräsidenten, vielleicht kann der da was ausrichten, aber nicht, dass er nun vorschlägt, dass wir wieder Deutschland, Deutschland über alles singen, das möchte ich bitte nicht.

Wir hatten Bela Rethy an unserer Seite, um das Spiel gegen Algerien mit der richtigen, ich sag mal, Heimatliebe anschauen zu können. Der Schiedsrichter, ließ er uns wissen, bevor noch irgendein Ball rollte, wird sehr aufpassen müssen: „Wir erwarten von den Nordafrikanern ein sehr körperbetontes Spiel.” Was heißen sollte: Das sind Holzhacker, die unseren begnadeten Edelkickern ordentlich auf die Socken geben werden. Außerdem sei die Mannschaft extrem defensiv aufgestellt – die wollen sich also ins Viertelfinale mauern.

Bei der Einblendung der Aufstellungen fehlte übrigens bei Bastian Schweinsteiger und nur bei ihm der Vorname. Sollte das unterstellen, dass er Schwein Steiger heißt? Ich weiß ja nicht.

Und dann rutschte uns guten Deutschen angesichts der ach so defensiven Algerier das Fußballerherz in die Hose. Die Jungs hatten ein echtes Konzept, was man bei uns total vermisste, und spielten unsere Abwehr ein ums andere Mal aus. Manuel Neuer bekam der Fußballkrieg wie eine Badekur, er konnte endlich, was er am liebsten tut, sein Tor verlassen und das gesamte hintere Drittel des Spielfelds befrieden, auch wenn das manchmal komisch aussieht. Deutscher Spielwitz sah nach Bela Rethys Worten so aus: Lahms Idee war, den Ball nach rechts zu spielen. Und mehr Ideen waren wirklich nicht. Positives wusste Rethy über Jerome Boateng zu vermelden. Der könnte auch so schnell sein wie die Algerier – „wenn er sich rechtzeitig entscheiden könnte, loszulaufen”. In der Verlängerung wurde noch alles gut. Thomas Müller, der sich nicht so recht entscheiden kann, ob er lieber Goalgetter oder Komiker sein will, brach links durch, flankte, Schürrle rauschte heran: Das macht er mit der Hacke, schrie Bela Rethy, das macht er mit der Hacke. Und dann gab er die Erklärung, warum das Spiel so lief, wie es lief. „In Brasilien hat die deutsche Elf ein unglaubliches Image.” So muss es sein. Der brasilianische Schiedsrichter Sandro Ricci benachteiligte die Algerier konsequent das ganze Spiel über. Er gab keine rote Karte und keinen Elfmeter, aber in den Zweikämpfen waren immer die Deutschen die Opfer. Nur als Philipp Lahm Yacine Brahimi die Hose zerriss, dachte der konservative Herr Ricci: Das sollten Männer nicht mit Männern machen, und zeigte gelb. Die Hose bezahlst du mir, dachte Brahimi, aber wie sagt man das auf Deutsch?

Reden über den Redner

Adler über den Wipfeln der Republik

Adler über den Wipfeln der Republik

Ich rede hier nicht über den Bundespräsidenten Gauck, ich rede über die Medien, die über Gauck reden. Euphorisch sind sie überwiegend, die Leitartikler und Berichterstatter. Es ist eher ein Singen als ein Reden, mit dem sie Gauck bedenken. Die Hymniker sind angetreten, um den Monothematiker noch einmal zu erhöhen und noch einmal. In der  FAZ vom Sonnabend sind in der Kommentarspalte zwei Hymniker am Jubeln, der Mann auf der Aufschlagseite des Feuilletons bemüht sich wenigstens noch um etwas Bodenhaftung. Fluch der guten Tat: Damit macht er sich extra lächerlich. Der Autor Kaube geht auf Aristoteles zurück, um das Phänomen Gauck zu deuten. Es sei „der Ton” gewesen, der die Rede des Bundespräsidenten so erfreulich machte: „ungestelzt, ausgeglichen, selbst im Pathos unterorchestriert”. Verdammt, wo habe ich da meine Ohren gehabt! Oder wo hatte der Autor Kaube sie? „Wir hörten jemanden”, sagt er, „der gern spricht, aber nicht, weil er gern verbal fuchtelt.” Sondern? Darauf geht Kaube nicht ein. Dann ergänze ich: … weil er sich gern reden hört. Autor Kohler auf Seite 1 attestiert dem Monothematiker Gauck, dass er noch ein weiteres Thema entdeckt hat: Mut. Gauck habe unentwegt, auch unausgesprochen, aufgerufen: „Habt Mut!” Bitte doch sehr. So stelle ich mir Freiheit nicht gerade vor, dass ich unablässig zu Verhaltensweisen genötigt werde, die mir erstens nicht fremd sind und über die ich zweitens schon gern selbst verfügen würde. „Gauck selbst brachte den Mut auf, nicht nur von Schuld und Schatten zu reden, sondern vor allem von den ›kostbaren Gütern‹ der deutschen Nachkriegsgeschichte.” Damit dieser Mut aber nicht Übermut werde, bestehe Gauck lediglich auf „Paradigmenergänzung” und nicht gleich auf einen Revisionismus der Erinnerungskultur. Co-Kommentator (oder –Hymniker) von Altenbockum befindet: „Die Freiheit, die Gauck predigt, ist … alles andere als alltäglich.” Alles andere als alltäglich und sehr allgemein. In dieser allgemeinen und undurchdachten Form nicht hilfreich. Die Frage, die nicht gestellt wird, ist: Denkt Gauck wirklich so undifferenziert oder bedient er sich nur einer geglaubt zugkräftigen Formelhaftigkeit, weil er meint, dass sie seinen Zuhörern, den westdeutschen vornehmlich, wie es scheint, behagt? Nebenher attestiert von Altenbockum den Osteuropäern und mithin Ostdeutschen, dass sie „Insassen einer sowjetischen Anstalt” waren.

Das Beste zum Schluss. „Die Welt” setzt keinen Hymniker, sondern einen lyrisch begabten Schnulzensänger ein: „Joachim Gauck versteht es, wie ein Ehrfurcht gebietender Adler mit weiten Schwingen über den Wipfeln dieser Republik zu fliegen.” Geht’s noch, Freunde? Wie wär’s, wenn ihr den Kollegen für ein halbes Jahr an den Kopierer setztet? Damit er zu sich kommt? Oder soll das Kabarett sein?

Zurückgetretener Vorteilsnehmer

Februar 20, 2012 1 Kommentar

Am Rücktritt des Bundespräsidenten gefällt mir, dass das Thema endlich vom Tisch ist, das wochenlang als wichtig gekocht wurde, ungeheuer wichtig. Gestern ein bisschen Dreck aufgewirbelt, heute ein bisschen Dreck aufgewirbelt und immer so weiter. Gut, dass man damit nicht weiter belästigt wird. Oder war doch etwas Bemerkenswertes an dieser Geschichte, Kampagne oder Treibjagd? Dass es nicht Dreck war, sondern Vorteile, die da aufgewirbelt wurden? Vorteile, die einem Menschen in herausgehobener Stellung angeboten werden und die er in der Regel annimmt. So kristallisierte sich ein Bild des Bundesdeutschen heraus, der weiß, wo Bartel den Most holt oder der immer mit dem Arsch in die Butter fällt oder wie man das auch sonst immer nennen will. Der Mensch als Schnäppchenjäger. Der Vorteilsnehmer, der, wenn er einen guten Tag hat, auch Vorteile gewährt. Ein besonders sympathisches Bild ist das gerade nicht. Denn dem Menschen geht es auch ohne diese Sondervorteile nicht schlecht. Warum muss er Angst haben, dass er zu kurz kommt. Dass die öffentliche Meinung in dem Fall („der Causa Wulff” – wie ich diese Art zu reden verabscheue) lange unentschieden war, hängt auch damit zusammen, dass es keiner gerne hat, wenn man in seinem Leben herumwühlt. Wie hat jemand sein Haus bezahlt? Wie reich sind seine Freunde? Warum lässt sich jemand unentwegt einladen? Auch nicht sympathisch, dass die Moral und die Glaubwürdigkeit eines Amtsträgers von Leuten untersucht wird, die selbst Vorteile in Anspruch nehmen und nach deren Moral man besser nicht fragen sollte. Und dass im Laufe dieser Geschichte sich die Bildzeitung zur Bastion der Pressefreiheit ausrufen lässt. Vorbei.

Ich erwarte von einem Bundespräsidenten nicht viel, aber das, diese Geschicklichkeit im Vorteilsnehmen oder auch das Glück, das jemand dabei hat, das erwarte ich von einem Bundespräsidenten gerade nicht. Von einem Bundespräsidenten erwarte ich ab und zu eine gute Rede, die er sich am besten selbst ausgedacht hat, jedenfalls die Grundgedanken, die substantielle Tiefe und persönliches Profil, ach was: Charakter zeigen sollten. Er sollte einen weiten Horizont haben, der es ihm erlaubt, für sehr unterschiedliche Menschen ein wertvoller Gesprächspartner zu sein. Ein Mensch, der erzählt, dass er weinte, als er mit fünfzig Jahren erstmals in seinem Leben frei wählen durfte, beeindruckt durch seine Gefühle und die Unbekümmertheit, mit der er sie ausspricht, unabhängig davon, dass er sicher sein kann, dafür Beifall zu ernten – aber es ist eben die Richtung, von der ich meine, dass sie nicht ausreicht. (Klar, dass der FDP-Vorsitzende Rösler auf der Höhe seiner Ahnungslosigkeit ausgerechnet auf diesen Zug des Kandidaten abhob.) Ich habe keine Idee für einen Bundespräsidenten. Er sollte nicht allzu unreflektiert und nicht allzu inflationär über Freiheit reden. Ein Gelehrter würde mir vorschweben, ein eigenwilliger Denker, ja, natürlich auch eine Gelehrte, eine Denkerin, aber nicht Alice Schwarzer. Und auch nicht Arnulf Baring oder so. Die, die man kennt, sind durchs Fernsehen alle verbraucht.

Vielleicht täusche ich mich auch. Vielleicht benötigt der Bundespräsident in der heutigen Zeit jene Rührseligkeit, über die der Kandidat verfügt, vielleicht steht es ihm, immer einen Tick zu privat zu sein, auch wenn es mich nicht interessiert, ob sich jemand am Ende des Tages noch nicht gewaschen hat. Es macht ihn menschlich, gewiss, aber wohin soll das führen.

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