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… machst du unseren Charakter so klein

Wir gehen lieber nach Friedrichshagen und schauen auf die Wasser und Flöße des Müggelsees © Fritz-Jochen Kopka

Wir gehen lieber nach Friedrichshagen und schauen auf die Wasser und Flöße des Müggelsees
© Fritz-Jochen Kopka

Von diesen Olympischen Spielen in Rio wollte ich mich eigentlich ausschließen. Wahrscheinlich bin ich auch gedopt (Hustenbonbons), es wird da nie eine Gerechtigkeit geben. Das Vorspiel hat mir schon gereicht, da ist man schon satt, wenn es mit den Spielen selbst beginnt. Das Gastgeberland Brasilien kann einem leid tun.  Es baut Stadien, die später in der nun einmal hingestellten Dimension nicht mehr gebraucht werden und wahrscheinlich verfallen, es verbraucht Unmengen Geld, und die Einwohner, die doch ein großes friedliches Spektakel erleben und zufrieden werden sollen, denken, dass dieses Geld doch besser ihnen zukommen solle, protestieren oder verweigern sich. Und dann die große Frage: Wem kann man trauen. Sie lässt sich am besten beantworten, wenn man sie so stellt: Wem kann man nicht trauen? Den Russen natürlich. Das weiß man schon von ihren Whistleblowern. Dennoch ahnen alle, dass die Frage damit nicht geklärt ist. Wie sagte ein deutscher Sportler: Es müssten auch noch andere Nationen ausgeschlossen werden. Jawohl, können wir fortsetzen, es müssen alle ausgeschlossen werden, die besser sind als wir, damit wir auch Medaillenchancen haben. Das wurde leider nicht geleistet. Und so dauerte es ein paar Tage, bis endlich auch Deutschland im Medaillenspiegel auftauchte, den die FAZ mit konstantem Stumpfsinn „Zerrspiegel” nennt. Warum sie das tut, steht im Kleingedruckten: „Aufgrund der Doping-Manipulationen, einem in manchen Ländern nicht oder nur unzureichend existierenden Kontroll-System und der teilweise bislang nicht nachweisbaren, verbotenen Substanzen übernimmt die Redaktion keine Gewähr für die Richtigkeit der Angaben. Eingefrorene Proben dürfen zehn Jahre lang nachkontrolliert werden. Mit einem endgültigen Ergebnis ist erst nach Ablauf der Verjährungsfrist 2026 zu rechnen.” Du lieber Himmel! Was soll man dazu sagen? Geht es hier um die Lottoergebnisse? Ohne Gewähr? Kann die FAZ verantwortlich gemacht werden, wenn sie den Medaillenspiegel abdruckt? Kann ein zwölfter Sieger bei ihr die Goldmedaille einklagen? Nimmt sich die Zeitung für Deutschland zu wichtig? Ja, sicher, das tat sie schon immer. Macht sie sich dabei auch lächerlich? Kommt drauf an, was für eine Art von Humor man hat. Man kann sich wundern, wie viel die FAZ zum Thema Doping druckt und wie wenig sie dabei aufklärt. Ein Interview mit der Schwimmerin Britta Steffen und ein kleiner Essay des Philosophen Slavoj Zizek, die sich allerdings auch in ihren Spalten fanden, sagen viel Konkreteres über das Problem als die jahrelange Polemik mit Schaum vorm Mund.

So lange Deutschland keine Medaille errungen hatte, befasste sich die Zeitung in ihrer Olympiaberichterstattung vorwiegend mit Dopingfragen. Am Dienstag, dem 9. 8., ganzseitig auf der Sportaufschlagseite unter der Schlagzeile „Das ekelt mich an”. Einen Tag später hatten deutsche Pferde und Kleinkaliberwaffen für die ersten Medaillen gesorgt. Da zog eine ganz andere, echt deutsche Stimmung, ein: „Der größte Reiter seiner Epoche”. Unterzeile: „Alles andere als Gold hätte wie ein Irrtum gewirkt …” (Solche Irrtümer gab’s aber einige.) Was sagen wir nun dazu? Und wieder, FAZ, machst du unseren deutschen Charakter so klein.

Das Geburtstagskonzert

August 5, 2015 3 Kommentare
Wenzel mit Kapitänsmütze, an der Gitarre Künstlerfreund Andreas Dresen

Wenzel mit Kapitänsmütze, an der Gitarre Künstlerfreund Andreas Dresen

Die Schlange erstreckte sich über den Hof des Admiralspalasts und über ein gutes Stück der Friedrichstraße, und sie bewegte sich kaum vorwärts. Da es um das Geburtstagskonzert von Wenzel (60; ich glaub, er mag das Wort Liedermacher nicht, schon wegen des unschönen Verbs machen) war es eigentlich unvermeidlich, dass man einige Leute in der Schlange zumindest flüchtig kannte, aber an die Dame, die vor mir stand, musste ich mich doch mit einer Frage wenden: Hab ich mich so verändert oder hast du dich so verändert, dass wir uns nicht mehr erkennen? Ach, sagte sie, ich erkenne die Leute doch nur an ihrer Stimme, das war schon immer so, es ist so eine Anomalie der Augen, die sonst gar nicht so schlecht sind, ich kann die Leute eben nur an ihrer Stimme erkennen. Aber du redest noch so wie früher. Sie nannte auch den Namen dieser Anomalie, aber ich hatte schon in diesem Moment keine Hoffnung, dass ich mir den merken könnte, und so kam es auch. Als wir schon ziemlich weit vorn an dem Tisch mit den Karten waren, ging ein ehemaliger Bundestagspräsident stolz an der Schlange vorbei und ließ sich seine Karten sofort aushändigen. Ich möchte wissen, welche Berechtigung er dafür anführen kann, sagte die Dame. So einfach ist es mit der Demokratie nicht, dass immer alle gleich sind, sagte ich, wahrscheinlich hat er das Minibuch mit dem Text des Grundgesetzes bei sich und findet für jede heikle Frage die geeignete Antwort. Später erinnerte ich mich, dass es vor knappen vierzig Jahren eben diese Dame gewesen war, die mich an die Kunst von Wenzel und damals noch Mensching heranführte, indem sie mir sagte, dass die besondere Ästhetik der beiden darauf beruhe, dass sie Anarchisten seien; wenn man das nicht wisse, könne man sie nicht verstehen. Ich dachte an Bakunin und an Herrschaftslosigkeit und muss zugeben, dass mir trotz einer unerklärlichen Voreingenommenheit das, was die beiden mit ihren Ensembles und Bands machten, von Anfang bis Ende gefallen hat. Es war einfach anders als alles andere und vielleicht schon aus diesem Grund anarchistisch. Sie haben immer Schwerstarbeit auf der Bühne geleistet und es dabei immer so aussehen lassen, als ginge das leicht und lässig, abgesehen davon, dass sie irgendwann getrennte Wege gingen, so dass Wenzel der Clown, der er eben auch war, abhanden kam, allein konnte er, glaube ich, kein Clown sein, der große Clown, Wenzel, brauchte den kleinen Clown, Mensching, und der kleine den großen. Wenzel konnte auch ernste und traurige Lieder im Clownskostüm singen, es schadete den Liedern nicht, ihm Gegenteil, es gab ihnen noch eine Extraportion Anarchie dazu. Allein war er dann Poet, Sänger, Instrumentalist, Schauspieler, Anarchist, aber eben nicht mehr Clown, was ich sehr bedauerte, weil da eine wichtige Seite fehlte.

New Generation Mascha, Karla und Theo plus Gitarristen

New Generation Mascha, Karla und Theo plus Gitarristen

An diesem Tag, dem 31. Juli, wurde er 60 und gab sein Geburtstagskonzert zusammen mit seiner Band und einigen Künstlerfreunden. Er kam allein auf die Bühne, griff sich das Akkordeon und legte los. Der Mann, der in diesen Momenten sechzig wurde, hat das unbezahlbare Talent einer leichten wie selbstverständlichen Bühnenexistenz. Du siehst, dass die Leute auf der Bühne sich wohl fühlen, und du, im Zuschauersaal, fühlst dich auch wohl, du gehörst fast dazu und wartest nicht umsonst darauf, dass Wenzel einige seiner charmanten Unverschämtheiten von sich gibt, dass er den Prenzlauer Berg, wie er war, adelt oder Europa, wie es gerade wird, mit Stirnrunzeln betrachtet. Er nimmt seine drei Kinder mit auf die Bühne (das jüngste ist fünf) und jedes hat etwas beizutragen, am eindrücklichsten natürlich Karla, die Älteste, und am rührendsten Mascha, wenn sie das Lied von der kleinen Insel singt. Wenzel ist auch ein großer Katzenfreund, aber so weit hat er es noch nicht getrieben, dass er auch die Katzenfamilie mit auf die Bühne nimmt, obwohl er absurde Geschichten über sie erzählen kann (seinen Landkater musste er persönlich sexuell aufklären). Ob er auf der Bühne steht oder an seinem Gartentisch in Vorpommern sitzt, er ist der Fürst in seinem Reich (Capote über Brando), die Sätze fallen ihm zu, er schert sich nicht darum, dass sie ungerecht sind, wenn er gerechte Sätze sprechen wollte, würden sie schlapp werden, er sagte: In diesen Städten hast du keine Chance. Damals meinte er Zwickau, aber er spielte auch in vielen anderen Städten, in denen er keine Chance hatte, und er hat sie immer genutzt. Wenn ich etwas an Wenzel auszusetzen hätte, dann wäre das die Theorielastigkeit seiner Interviews, aber auf der Bühne ist von dieser Last nichts zu spüren. Die Theorielastigkeit, die sich plötzlich in nichts auflöst, gehört mit dazu, dass ich denke: Dieser Wenzel mit seiner witzigen Melancholie ist eigentlich unentschlüsselbar.

Orden um Orden, Zahn um Zahn. Wenzel und Mensching als Clowns Weh und Meh

Orden um Orden, Zahn um Zahn. Wenzel und Mensching als Clowns Weh und Meh

Er hat eine gute Band, die naturgemäß etwas gegen die Textverständlichkeit anarbeitet, aber der Geist der Songs überträgt sich doch, weil ein Lied bekanntlich immer Redundanz hat. (Ein Lied ist alles, was allein laufen kann.) Auf der Bühne ging es manchmal zu wie in einem Traum oder wie in Phantasiestücken von E. T. A. Hoffmann. Musiker sind sonderbare Gestalten, ich denke an die schöne singende Riesin im schwarzen Gewand oder an den Akkordeonisten, der weiß, wie man die Instrumente richtig halten muss. Wenzels Lieder sind atmosphärisch, poetisch, ironisch, polemisch. Balladesk eher selten. Sie haben keine Helden, nur das lyrische, zweifelnde Ich und die mehr oder minder ferne Geliebte. Typisch für ihn ist „An mich, nachts” mit der Refrainzeile: „Ich habe mir für morgen so viel vorgenommen”, kann aber nicht schlafen, verdammt. Am Ende trafen sich die Wege von Wenzel und Mensching nach all den Jahren noch einmal. Sie zogen die alten schäbigen Klamotten an, die immer noch nicht auseinander gefallen sind (und auch noch passten) (( und nicht weggeworfen wurden)), sie spielten die Ordensverleihung und die Pikoeisenbahn-Szene, und alle, die diese Stücke von früher kannten, sagten mit Tränen in den Augen: Wie schön, dass wir das noch einmal erleben durften.

Der Glaube versetzt gar nichts mehr

Was??? Ich war Zähneputzen! Und jetzt steht es 5:0!!

So ungefähr war das in der unwirklichen Nacht vom Dienstag zum Mittwoch. Am Ende 7:1. Ein solches Halbfinale hat es noch nie gegeben. Brasilien spielte ohne seinen Superstar Neymar und glaubte, ohne ihn noch besser zu sein, weil nun alle anderen für ihn mitspielen und das Beste und Letzte aus sich herausholen würden. Jedoch. Die Zeiten, wo das Wünschen noch geholfen hat und der Glaube Berge versetzen konnte, sind lange vorbei. Die Brasilianer sind die Größten der Welt, sie tragen fünf Sterne am Trikot für gewonnene Weltmeisterschaften, aber gestern mussten sie die Spanier beneiden, deren Absturz gegen die Niederlange mit 1:5 vergleichsweise glimpflich ausging. Sie mögen es geglaubt haben, aber niemand konnte auch nur annähernd die Rolle von Neymar Jr. übernehmen, und auch der naive Innenverteidiger Thiago Silva erwies sich als unersetzbar. Misstraut dem Glauben! Beargwöhnt die Emotionen! Quatscht euch nicht besoffen! Das perfekte Spiel gibt es nicht, aber die deutsche Mannschaft spielte schon ziemlich vollkommen. Sie war grandios in ihrer Sachlichkeit, in ihren Spielverlagerungen, in ihrer schnellen Entschlossenheit. Sie war – zum Glück – nicht genial. Dazu war sie viel zu besonnen, zu professionell. Als die Brasilianer nach der Halbzeitpause aufbegehrten, raubte Manuel Neuer ihnen mit seinem Stoizismus die letzte Zuversicht. Auf den Tribünen spielten sich Dramen ab, die Tränen flossen still oder impulsiv.

„Ein Gänsehautauftritt der deutschen Elf, aber auch Mitgefühl für die Brasilianer”, sagte der einfühlsame Bela Rethy, und dann warf er sich für den brasilianischen Stürmer Fred in die Bresche, der von den eigenen Fans gnadenlos ausgepfiffen wurde: „So ist das, wenn die Massen einen ausgucken.” Am liebsten hätte er wohl gesagt: der Mob.

Der unglückliche Fred, der als Ungerührter, als Unbeteiligter durch diese Weltmeisterschaft ging, der Mann, den die Bälle nie erreichten und der trotzdem wie ein zufriedener Friseurmeister aus der Vorstadt aussah: Der Laden läuft, meine Kunden bezahlen mich gut, ich kriege sogar Trinkgeld. Seine einzige Heldentat war ein Schwindel: der gegen Kroatien herausgeholte Elfmeter. Was auch immer Fred in seinem Fußballerleben geleistet haben mag, in dieser Weltmeisterschaft ist er überhaupt nicht angekommen. Dass Trainer Scolari ihn trotzdem immer wieder in die Startelf stellte, zeigt ein Problem dieses Mannes, dieser Mannschaft und dieses Landes. Man fühlt sich eins mit Gott und glaubt in seiner Selbstgefälligkeit die Realität überlisten zu können.

Mich würde interessieren, welche Gebete die brasilianischen Spieler am Ende in den Himmel geschickt haben: Verzeih uns, dass wir Deinen Auftrag nicht ausführen konnten. Wir sind nur schwache Menschen. War es das? Oder: Mein Gott, warum hast du uns verlassen? Was wolltest Du uns mit diesem Debakel sagen? Vielleicht beteten sie auch: Lieber Gott, danke. Danke, dass du uns – hoffentlich für immer – erlöst hast von unserem hochfahrenden Glauben an unsere Genialität und von unserer Gewissheit, dass Du immer auf unserer Seite stehen wirst.

Das wäre wohl das Beste.

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Körpersprache

Berlin Luxemburg-Platz. Irgendwo ist immer Fußball

Berlin Luxemburg-Platz. Irgendwo ist immer Fußball. Meistens da, wo auch Bier ist

Erst kommt der Sieg. Dann kommt der Hype. Das ist es ja, was mir die deutschen Siege (bei aller – ich sag mal – Freude) immer auch suspekt macht. Die Medien sind in ihrem Selbstverständnis dazu verpflichtet, dem Sieg des Teams noch einmal einen Sieg der Worte, der Hymnen und der Superlative aufzupfropfen. Sie nennen das neuerdings eine Erzählung des Spiels zu verfertigen. Eine Erzählung, in die alles Mögliche hineingepackt wird, was man zum Spiel hinzuerfinden könnte, wenn man das entsprechende Gehirn hat. Jetzt ist Deutschland Müllerland. Thomas Müller hat drei Tore gegen Portugal geschossen und indirekt für die Rote Karte des portugiesischen Abwehrspielers Pepe gesorgt. Und da gab es doch schon mal einen Müller, der Deutschland zum Weltmeister-Titel geschossen hat, Gerd Müller, den Bomber der Nation, ebenfalls FC Bayern München. Die Welt, titelt der Berliner Kurier, die Welt feiert unseren Tore-Storch. Das ist nämlich der Clou dieser Fußball-Erzählung, der Clou und die Innovation: Thomas Müller, der in der brütenden brasilianischen Hitze rennt und rennt und immer an der richtigen Stelle steht, um auf manchmal recht unorthodoxe Art einzunetzen, hat keine Muskeln. Das ist doch ein Phänomen. Er hat original Stöckerbeine, aber sie tragen ich überall hin.

Ich glaube schon, dass er Muskeln hat. Man sieht sie nur nicht. Sie sind unsichtbar (etwa so wie bei mir). Das ist auch nicht ungewöhnlich. Die klassischen Fußballer hatten nur selten begnadete Körper. Man schaue sich die Weltmeister von 1954 an. Die hatten richtige Gebrauchs- oder Funktionskörper, mit denen man bei keinem Schönheitswettbewerb zugelassen worden wäre. Das macht auch nichts. Muskeln sind oft nur Show. Ich habe einen muskelbepackten Typen gesehen, der keinen Klimmzug zustande brachte.

Nebenbei gesagt habe ich mich gefreut, dass die FAZ in ihrer Erzählung zum Spiel Deutschland gegen Portugal den Ball flach hielt. Bei uns klappte alles, bei den Portugiesen funktionierte nichts. Ich habe mich gewundert, wie gut wir und wie schlecht sie verteidigt haben. Und wenn du in der ersten Viertelstunde des Spiels einen umstrittenen Elfmeter gegen dich bekommst, dann wird aus dem Schwung Wut (rote Karte) und aus der Wut wird Resignation und aus der Resignation wird ein 0:4. Statt den Ball ins Tor zu schießen, laufen sich zwei Portugiesen gegenseitig um.

Tags darauf, Brasilien gegen Mexiko, heißt der Held nicht mehr Müller, sondern Ochoa. Guillermo Ochoa mit diesem merkwürdigen Haarband. Der mexikanische Torwart fällt mir schon auf, als er am Anfang des Spiels beruhigend auf seine Verteidiger einwirkt, als wisse er schon: Keine Sorge, an mir kommt heute kein Ball vorbei. Du wirst dich wundern, denke ich, aber dann fischt er einen sagenhaften Kopfball Neymars aus der Ecke, blockt einen Schuss Paulinhos aus nächster Nähe, entschärft einen verdeckten Schuss Neymars und einen Kopfball Thiago Silvas aus vier Metern Entfernung. Der brasilianische Stürmer Jo ist schließlich so eingeschüchtert, dass er den Ball gar nicht erst trifft.

Was Positives über Bela Rethy: Da ist keiner. Er köpft dahin, wo er selber steht normalerweise, sagt er über einen mexikanischen Stürmer. Mehr davon bitte.

Ach wie viele Tore

Berlin Alexanderplatz. So groß kann Özil sein.

Berlin Alexanderplatz. So groß kann Özil sein.

Die Weltmeisterschaft ist voller Überraschungen. Kroatien, das kleine, zeigt sich Brasilien durchaus gewachsen. Die Brasilianer brauchen einen Mondelfmeter, um in Führung zu gehen. Wir sehen Schwächen bei den brasilianischen Außenverteidigern, wir sehen, dass Ivica Olic noch immer 90 Minuten rennen und kämpfen kann und wir fragen uns, wie Hulk und Fred in eine brasilianische Weltmeistermannschaft passen. Hulk viel zu steif und Fred irgendwie unbeteiligt wie ein Friseurmeister aus der Vorstadt, der sich nicht aufs Spiel konzentrieren kann, weil er immer an seinen Laden denken muss. Wird er reich? Geht er unter? So einer kann im Strafraum dramatisch fallen. Dass der Schiedsrichter dafür Elfmeter pfeift, ist einfach nur schwach. Wir erleben den Untergang der spanischen Weltmeister gegen die eigentlich abgeschriebenen Holländer. Die Leichtigkeit des Ballbesitzfußballs ist vorbei. Du brauchst jetzt Bissigkeit, du brauchst jetzt den Zug zum Tor, du brauchst den Einzelspieler, der sich durchkämpfen und -krampfen kann. Bei Halbzeit sah es durchaus nicht nach einem spanischen Untergang aus. Auch Spanien bekam einen Elfmeter, der keiner war, und hatte die Chance auf 2 oder 3 zu Null zu erhöhen. Und dann kommt dieser Ausgleich in der 44. Minute. Viel zu einfach. Ein weiter Ball, ein Innenverteidiger, der schläft, und ein Torwart, der im Niemandsland steht und von van Persie leicht überköpft werden kann. In der zweiten Halbzeit zwei Merkwürdigkeiten. Iniesta verliert plötzlich jeden Zweikampf und Robben zieht nicht mehr von rechts außen in die Mitte, um dann mit dem linken Fuß abzuziehen; er spielt eher einen Mittelstürmer, und darauf sind die Spanier nicht eigestellt, finden kein Mittel. Nüchtern betrachtet waren die vier holländischen Tore in der zweiten Halbzeit ganz schöne Gurken. Man kriegte Robben nicht zu fassen, der allerdings den Vorzug hatte, dass der Ball ihm bei jedem schon verlorenen Zweikampf wieder vor die Füße fiel. Dem dritten Tor war ein klares Foul am Torwart vorausgegangen, und vor dem vierten träumte Casillas nach einem Rückpass, und auch van Persie fiel der Ball nach einem Pressschlag wieder vor die Füße. Es war ein Begräbnis des spanischen Fußballs erster Klasse, aber ich nehme an, dass die Wiederauferstehung von den Toten schon geplant ist. Es wird spannend sein zu sehen, ob sie gelingt.

Der Fußball-Experte (ich?!) tippt 4:1 für Uruguay und kann sich trotzdem über den 3:1-Sieg für Costa Rica freuen. Die haben wirklich alle ihre Möglichkeiten in die Waagschale geworfen und dabei noch kühlen Kopf bewahrt. So kam es, dass die Urus außer ihren engen Trikots und einem üblen Frustfoul nichts zu bieten hatten.

Die Kolumbianer schenken den defensivstarken Griechen drei Tore ein. Das sind junge Kicker, die keine Blockade im Kopf haben und nach phlegmatischen Phasen plötzlich frisch drauflos spielen.

Die jungen Engländer Sterling, Sturridge und Welbeck konnte man nur bewundern. Sie gewinnen viele wichtige Zweikämpfe, geizen nicht mit Fernschüssen, aber der erste Fernschuss der Italiener sitzt. Solche Schüsse werden zu 99 Prozent geblockt, aber diese Rakete findet ihre Bahn durch vier verteidigende Engländer hindurch ins Tor. Joe Hart sieht den Ball zu spät. Viel mehr Chancen hatten die gnadenlos effektiven Italiener nicht, vielleicht noch zwei oder drei, aber eine davon köpft Balotelli zum Sieg ins Tor. Trotzdem. Ich möchte die Engländer wenigstens noch im Viertelfinale sehen.

Ein Muster der Vergeblichkeit

Ich hatte Pech. Ich war nicht müde. Ich konnte mir das Endspiel des Confed-Cup ansehen. Brasilien gegen Spanien. Gastgeber und Rekordweltmeister gegen den aktuellen Welt- und Europameister. Man hätte sich diese klare Niederlage Spaniens vielleicht besser ersparen sollen, denn natürlich unterlag hier der schönere, durchdachtere dem wuchtigeren, ich könnte auch sagen, dem gewaltbereiteren Fußball, aber es ist wichtig, sowas von Anfang bis Ende zu sehen und zu erdulden. Man hatte sich gerade mal umgedreht, da stand es schon 1:0. Ein Slapstick-Tor. Der Ball sprang als unberechenbares Objekt zwischen vier stürzenden Körpern herum, und es war dann einfach der beste Maulwurf von den vieren, der den Ball gewissermaßen unterirdisch ins Tor beförderte. (Uns hat man früher noch gesagt, dass man im Liegen nicht weiterspielen dürfe.) Dieser beste Maulwurf war der Brasilianer Fred, ein Mann, der gut und gern in deutscher Fernsehunterhaltung den Latin Lover spielen könnte. Spanien im Rückstand – wann kommt das schon mal vor! Es lief dann so: Brasilien spielte die Fouls, Spanien kassierte die gelben Karten, und Bela Rethy vom ZDF forderte Rot. Es ist eine große Sehnsucht in ihm, die Akteure auf dem Platz in seiner gemütlichen Reporterkabine noch zu übertreffen, eine sehr sportliche, aber noch mehr absurde Haltung. Da er nun schon so lange dabei ist, der gute Bela, glaubte er immer, zu jeder halben Spielsituation eine ganze Theorie liefern zu können, was ihn unweigerlich zum Totalopportunisten macht. Er ist jederzeit bereit, dem vermeintlichen Sieger in den Arsch zu kriechen, und wenn das Blatt sich zu wenden scheint, dann macht es ihm auch nichts aus, dem Gegner in den Arsch zu kriechen, wobei er so tut, als hätte er es schon immer gewusst.

Für Spanien lief es, mit dem frühen Gegentor angefangen, denkbar schlecht. Pedro hat die klarste Chance des Spiels, will aber den Ball allzu elegant um Julio Cesar herumschlenzen, so dass der Innenverteidiger David Luiz den Ball noch von der Linie kratzen kann. Wenig später steht es statt 1:1 dann 0:2. Kam Neymar nicht aus dem Abseits? Egal. Das passiert kurz vor Ende der ersten Halbzeit. Und kurz nach Beginn der zweiten bereitet die Wühlmaus Marcelo mit einer seiner Wühleinlagen das 3:0 vor. Den Elfmeter für Spanien, den ich allerdings auch nicht gegeben hätte (wahrscheinlich eine Kompensation des Schiedsrichters) setzte Ramos geistesabwesend neben den Pfosten.

Nehmen wir das Positive. Dies war das aufrüttelnde Spiel, das Spanien veranlassen muss, sich konsequent mit dem Begriff brotlose Kunst auseinanderzusetzen. Im verdichteten Strafraum wirkt das Kurzpassspiel wie ein bleibendes Muster der Vergeblichkeit. Man muss sich Gedanken machen um das Anforderungsprofil des Spielers, der bei Spanien in vorderster Linie spielt. Wer da spielt – die Frage ist immer noch offen. Einer wie Torres? Einer wie Villa? Einer wie Fabregas? Oder ein ganz anderer? Frisches Blut? Die Spanier haben sich ein System zu Eigen gemacht, das die Leidenschaft weitgehend aus dem Spiel nimmt. Die Fähigkeit, auch mal zu explodieren, muss wiederbelebt, die Frage beantwortet werden, woher die Ideen kommen, wenn Iniestas Ideen nicht aufgehen. Wir wissen jetzt in etwa, was mit dieser Fußballweltmeisterschaft auf uns zukommt. Es gibt viel zu tun. Auch für uns Zuschauer. Wir spielen ja immer mit.

Noch ein Wort zu Neymar. Er scheint zu glauben, dass zu einem jungen Supertalent auch die hysterischen Flugeinlagen eines alten Knattermimen gehören. Gibt es niemandem in seinem Umfeld, der ihm erläutern könnte, dass das ganz, ganz falsch gedacht ist?