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Offene Räume

Der Spiegel zitiert Landschaft und Mensch © Fritz-Jochen Kopka

Der Spiegel zitiert Landschaft und Mensch
© Fritz-Jochen Kopka

Wir kennen die Stadt nicht, in der wir leben, nicht diese Einfamilienhaus- und Villensiedlungen, nicht diese in Entstehung befindlichen Quartiere, nicht diese Schackelsterstraße und diesen Grabensprung, durch die wir mit dem Rad fahren, bis wir endlich am Schloss Biesdorf angekommen sind, um am Tag des offenen Museums teilzuhaben.

Das Schloss ist alt und neu

Das Schloss ist alt und neu

Schloss Biesdorf ist keine schlechte Wahl, es erzählt ein bisschen was vom Niedergang des Adels, vom ambivalenten Interesse der Großindustrie, von städtischen und staatlichen Zweckentfremdungen, mal positiver, mal negativer Art, von Zerstörung und Vernachlässigung und von den nicht nachlassenden Anstrengungen der Bürgerinitiativen und Vereine, um so ein Schloss oder Herrenhaus zu retten und neu zu nutzen, denn wenn so ein Gebäude nicht genutzt wird, wird es unweigerlich verfallen. Das ist Schloss Biesdorf. Die von Rüxlebens haben es gebaut und mussten es verkaufen, weil sie sich beim Glücksspiel verschuldeten. Die von Bültzingslöwens mussten es abgeben, weil sie sich verspekulierten, die von Siemens’ übernahmen es und verloren das Interesse, als Wilhelm von Siemens ausgerechnet bei einem Kuraufenthalt in Arosa starb. Ein wahrscheinlich von den Nazis gelegter Brand zerstörte das Obergeschoss, aber der Rest genügte der Roten Armee, um den Park als Friedhof und das Rudimentschloss als Totenhalle zu nutzen.

Geschichte des Hauses als Graphic Novel von Laleh Torabi

Geschichte des Hauses als Graphic Novel von Laleh Torabi

In der DDR folgten die üblichen sozialen und kulturellen Nutzungen („es war immer irgendwas los”), und nach der Wende Stillstand und Verfall, bis der Verein Schloss Biesdorf obsiegte, restaurierte und übergab, und jetzt haben wir hier ein Zentrum für Kunst und öffentlichen Raum, kurz ZKR.

Die Geschichte des Hauses, so wie sie ihr erzählt wurde und wie sie sie deutete, hat die iranische Künstlerin Laleh Torabi nicht ohne Witz und Wehmut an die Wände gezeichnet.

Wie man Kunst an die Leute heranträgt

Wie man Kunst an die Leute heranträgt

Am Tag des offenen Museums wird man geführt. Katja Aßmann, Direktorin des Zentrums, sagt was zur Kunst. Dr. Heinrich Niemann, Vorstandsvorsitzender des Vereins, spricht, nachdem er sich eine leichte Seglermütze aufgesetzt hat, zu Geschichte und Architektur. Der Mann hat Humor, die Frau schöngeistige Hingabe. Manchmal treffen sie sich, etwa wenn Frau Aßmann auf Michael Sailstorfers Installation „Clouds” hinweist, die im Lichthof zwischen Erd- und Obergeschoss angebracht ist und natürlich den freien Blick nach oben verstellt, und man Dr. Niemann die Erleichterung darüber anmerkt, dass diese Kunstwerk nur ein Leihgabe ist, aber eindrucksvoll sind sie auch für ihn, diese straff aufgepumpten, sich windenden schwarzen Autoschläuche.

Wolken wie Autoreifen oder umgekehrt

Wolken wie Autoreifen oder umgekehrt

Vom zerstörten Obergeschoss des neoklassizistischen Bauwerks mit imposantem Portikus und antiken Säulen existierten keine Fotos, keine Dokumentationen, so dass sich die Zusammenarbeit mit Denkmalpflegern endlich einmal als leicht erwies, große Vorgaben konnten sie nicht machen. Architekt der zweistöckigen spätklassizistischen Turmvilla von 1868 war Heino Schmieden, zeitweilig Partner von Walter Gropius und königlicher Baurat, aber inzwischen total vergessen, bis ihn der Verein wiederentdeckt und der Vergessenheit entriss.

Mückenhaus, des Nachts häufig überfüllt

Mückenhaus, des Nachts häufig überfüllt

Die offenen, ineinander übergehenden Räume erlauben weite Sicht und durchdringende Blicke. Alles ist alt und gleichzeitig neu, ein Kunsthaus mit Café und Museumsshop und einer ersten Ausstellung, die Auftrag Landschaft heißt. Auftragswerke, Landschaftsbilder aus der DDR etwa von Günter Brendel und Manfred Butzmann und neue Statements zu Landschaft und Kunst, die Spiegel von Jeppe Hein, die, leicht bewegt vom Wind, Landschaften und Menschen noch einmal irritierend zitieren, das Mückenhaus über der Außenlaterne oder die botanische Wunderkammer von Janet Laurence. Auf dem Rückweg fahren wir am Biesdorfer Baggersee vorbei, auch noch ein Kapitel des Romans von Menschen und Landschaften.

  1. September 16, 2016 um 7:16 pm

    Interessant zu lesen und gut verarbeitet. Glückwunsch und danke.

  2. September 16, 2016 um 7:36 pm

    Gern geschehen. Ich danke auch. War ein schöner Sonnabendnachmittag in Schloss und Park.

  3. Oktober 5, 2016 um 4:23 pm

    Ein frischer gut formulierter informativer Beitrag. Gerade deshalb sollte ein Fehler korrigiert werden: Schmieden war der kongeniale Partner des Nach-Schinkel Architekten Martin Gropius (Gropius-Bau). Der Walter war dessen Neffe (Bauhaus).
    Und eine Anmerkung:
    Wie soll man die mehrdeutige Formulierung von den „üblichen“ sozialen und kulturellen Nutzungen zu DDR-Zeiten verstehen? Es waren sinnvolle, nötige und geförderte Nutzungen, so als Stadtbezirkskulturhaus. Auch von 1994 bis zum Baubegeinn 2013 als Stadtteilzentrum. Wenn das mit „üblich“ beschrieben sein sollte, o.K. Sonst wäre dieses schöne Gebäude wohl nicht mehr rettbar gewesen.

    Dr. Niemann,mit Dank für die freundliche Erwähnung!

  4. Oktober 5, 2016 um 5:04 pm

    Danke für die Korrektur: Martin Gropius, nicht Walter. Das sollte wirklich nicht so stehen bleiben.
    Und die üblichen sozialen und kulturellen Nutzungen … das übliche war in diesem Falle keineswegs negativ gemeint, ich denke, wir Ostler kennen diese Nutzungen, haben auch sicher alle in der einen oder anderen Weise davon profitiert. So war’s gemeint, wenn vielleicht auch etwas nonchalant ausgedrückt.

  1. September 23, 2016 um 10:32 am

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