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Für den Alkohol bist du verloren

Der Rest ist Schweigen

Der Rest ist Schweigen

An einem Donnerstag in Berlin (4)

Auf dem Alexanderplatz habe ich wieder Hunger und kaufe ’ne Bratwurst. Der ambulante Händler wartet, bis er mein Geld in der Hand hat, dann übergibt er mir die Wurst. Da scheint schon mancher weggelaufen zu sein, ohne zu bezahlen. Hoch oben auf dem Dach des Abrissblocks am Anfang der Karl-Marx-Allee steht ein Mann. Wie ist der da hinaufgekommen? Er zieht sein T-Shirt aus und schwenkt es über seinem Kopf, als habe er einen schwierigen Gipfel erklommen, erhält aber keine Reaktionen von unten. (Der Bezwinger des Mount Everest geht leer aus). Auch ich kann ihn nicht fotografieren, weil ich noch die halbe Bratwurst in der Hand habe. Unter den Bäumen hat sich eine Sinti-, Roma- oder Zigeunerfamilie häuslich eingerichtet. Die Jungen streiten mit den Alten. Verheugen steht im Eingang seines Blocks. Ich höre das bis oben hin, es geht schon den ganzen Tag, sagt er. Wie soll man da nicht ausländerfeindlich sein. Das sind ja deutsche Staatsbürger, sage ich. Haha, sagt er. Dann bist du auch deutscher Staatsbürger.

Das sind so seine Scherze. Die Kellnerin kommt mit zwei Speisekarten. Die Karten können Sie wieder mitnehmen. Wir wollen nur trinken, sagt Verheugen. Die Kellnerin ist einverstanden. Ob ich was gegessen habe? ’ne Bratwurst auf dem Alex. Die sollte man nicht essen. Verheugen hat die Verkäufer beobachtet. Wenn sie morgens ihre Würste auspacken, fällt schon mal einiges davon aufs Pflaster, er hat’s selbst beobachtet, und dann tropft ihr Schweiß auf die Würste und so weiter. Ich weiß, sage ich, eigentlich kann man gar nichts mehr essen. Man kann auch kein Bier mehr trinken. Könnte immer sein, dass sich eine Wespe im Glas versteckt hat.

Verheugen hat nach einem Unfall ein halbes Jahr total abstinent gelebt. Es macht mir nichts aus, sagt er. Für den Alkohol bist du vermutlich verloren, meine ich. Ich werde schon wieder trinken, sagte er, Bier auf jeden Fall, vielleicht keinen Schnaps. Wie ein Leistungssportler nach einer langen Verletzungspause erst langsam wieder Muskeln aufbauen muss, so musst auch du dich wieder fit machen für den Alkohol.

Nun ist es also so weit. Er trinkt die fünf Bier, als wäre zwischendurch nichts gewesen. Nur bei dem Gratisgrappa am Ende zweifelt er, aber nur kurz.

So neigt sich ein Donnerstag in Berlin. Der Alexanderplatz hat sich in Dunkelheit und Schweigen gehüllt. Tut ihm mal ganz gut, wird aber nicht lange dauern.

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