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Als ich dünn war

Grüne Flut hinterm Frisiersalon

Grüne Flut hinterm Frisiersalon

An einem Donnerstag in Berlin (3)

In Hanley’s Hairshop bekomme ich Angenehmes zu hören. Du bist so dünn. Kriegst du nichts zu essen? Ich bin fit, sage ich, ich laufe und esse keine Schokolade. Ach, magst du Schokolade? Nee, eigentlich nicht. Ich aß sie nur zur Gesellschaft. So wie meine Oma nur zur Gesellschaft rauchte, etwa bei Geburtstagsfeiern. Ein Kapitel Kindheit. Damals gab’s noch keine Filterzigaretten. Die Tabakkrümel blieben an den Lippen meiner Oma kleben, sie versuchte sie wegzuspucken. Es war ein richtiges kleines Inferno. Meine Mutter saß daneben und schämte sich wegen ihrer Mutter in Grund und Boden, was man ja eigentlich nicht tun soll (sich wegen seiner Mutter oder seines Vaters zu schämen). Meine Mutter versuchte ihrer Mutter die Zigarette auszureden. Ach, ich rauche doch nur zur Gesellschaft, sagte meine Oma. Und schon ging die Spuckerei wieder los.

Der Pony ist ganz süß, sagt Deborah zu einer Neukundin. Der ist eigentlich schon wieder zu lang, sagt die Neukundin. Sie hat ihn in Wien schneiden lassen. Sie kommt aus Berlin, aber jetzt wohnt sie in Wien. Im Moment probt sie in Clärchens Ballhaus für ein Stück, das dann in Hannover aufgeführt wird. Keine Ahnung, wie das alles zusammengeht. Auf alle Fälle ist es nicht leicht, die richtige Farbe für den Pony herauszufinden. Der Farbkatalog wird gewälzt. Der Pony soll schwarz sein, aber wiederum nicht allzu schwarz und vor allem nicht alt wirken.

Die Azubi ist eine junge energische Frau. Anscheinend hat sie sich in meinen Vornamen verliebt. Sie kann keine Frage stellen, keinen Satz sagen, ohne ihn mit „Fritz” zu beenden. (Kommst du bitte hier rüber zur Haarwäsche, Fritz? Die Kopfmassage belebend oder beruhigend, Fritz?) Klingt gar nicht mal schlecht. Langsam wird mein Vorname Kult. Ich nehme an, dass die Azubi nicht Friseurin bleiben, sondern zum Film gehen wird. Wir alle haben Toni Erdmann gesehen und schütten noch mal Lob über den Film aus. Ich wünsche Sandra Hüller den Darsteller-Oscar, das wäre auch verdient, sage ich fachmännisch, wie es sonst gar nicht meine Art ist.

Der Erfolg eines Friseursalons, meine ich, hängt von der Kreativität der Friseure und der Qualität der Scheren ab, aber dann auch schon von den Spiegeln. Niemals sehe ich so gut aus wie in den Spiegeln dieses Hairshops. Eine Stunde gut aussehen, darum gehen wir zum Friseur. Wahrscheinlich war es auch eher der Spiegel, der mich so dünn aussehen ließ.

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