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An einem Donnerstag in Berlin

Berlins Donnerstaggesicht © Fritz-Jochen Kopka

Berlins Donnerstagsgesicht
© Fritz-Jochen Kopka

Die Bahn und das Buch

Ich kam noch zum Kochen, aber nicht mehr zum Essen. Kein Hunger um halb drei. Hätte noch den Regionalzug schaffen können, wollte mich aber nicht beeilen und schon gar nicht rennen. In der S-Bahn las ich Noteboom. Turbulenzen. Reisegeschichten, die gleichzeitig ein Nachdenken übers Reisen, aber auch über die Schicksale von Büchern und übers Alter sind, Cees Noteboom ist Jahrgang 1933. Erzählt von einer Lesung in Berlin, 1987, er war in Deutschland noch ein ziemlich unbekannter Mann, aber die Lesung lief gut, und die glückliche Buchhändlerin sagte am Ende, suchen Sie sich ein Buch aus, und Noteboom zeigte auf ein ziemlich dickes Werk, auf dem Schopenhauer stand. Die Frau lachte. Hatte Noteboom wieder mal auf das teuerste Buch gezeigt? Nein nein. Sie lachte, weil der Autor des Buches zufällig auch anwesend war, Rüdiger Safranski, der eine Schopenhauer-Biografie geschrieben hatte, und das war Beginn einer wunderbaren Freundschaft. Safranski signierte seine Schopenhauer-Biografie und legte Noteboom ein Noteboom-Buch zum Signieren vor, „Philip und die anderen”, von 1958, ein Buch, das nach seinem Erscheinen nahezu spurenlos verschwunden war, und jetzt tauchte es auf, dreißig Jahre später, in einer deutschen Buchhandlung. Woher haben Sie dieses Buch, fragte Noteboom perplex, und Safranski sagte, dass es damals auf seiner Schule ein Geheimtipp gewesen sei. Er habe es immer wieder gelesen, und da der Name des Autors nie mehr auftauchte, dachte er, Noteboom sei gestorben. Bis Safranskis Frau sagte: „Dieser Noteboom, von dem du manchmal sprichst, der gibt heute abend eine Lesung. Der ist überhaupt nicht tot.” Und wenig später war er berühmt. „Bücher führen ein verborgenes Leben”, sagt Noteboom. „Sie stellen sich tot, wenn ihnen danach ist.”

Ostkreuz fuhr mir die Bahn vor der Nase weg, aber die nächste kam sogleich. Ich renne Bahnen sowieso nicht mehr hinterher, eines meiner ungeschriebenen Großstadtgesetze.

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