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Home Sweet Home

© Fritz-Jochen Kopka

Unvertraute Besucher, unvertraute Stadt

Es geht. In der „Villa Italia” feiern wir das goldene Abitur. Im Nebenraum ist Public Viewing, Deutschland gegen Portugal. Ganz oder gar nicht, denke ich und kümmere mich nicht darum und die anderen Köpfe meiner Generation auch nicht. Es geht also, es geht. Einmal dringt ein unbegeisterter Lärm durch die geschlossene Tür, und einmal treten ein paar unbegeisterte Gestalten mit schwarzrotgoldenen Zwergenmützen an den Tresen. Daraus kann ich schlussfolgern: schwaches Spiel (das wusste der Fußballfachfan von vornherein), Pflicht erfüllt, 1:0 gesiegt.

© Fritz-Jochen Kopka

Schall & Schwencke Biere – ein Schriftzug überdauert die Zeit

Ich sah die besten Köpfe meiner Generation, vom Wahn zerstört, hungrig hysterisch nackt … Nein, so wie Allen Ginsberg dichtete, war es nicht. Es gibt nur die in aller Stille früh Verstorbenen, und es gibt die Schicksalsschläge, das amputierte Raucherbein, der Mann, der von der Kellertreppe fällt. Manche scheinen mit ihrer Jugend, ihrer Heimatstadt und der Schule überkreuz zu sein. Sie meiden die Vergangenheit wie die Pest. Je schwerer jemand in all den Jahren geworden ist, desto mehr überlegt er, ob er sich mit denen konfrontieren soll, die besser in der Gegenwart angekommen sind. Professoren, Direktoren, Musiklehrer, Kältespezialisten. In der Tat sehen einige aus dieser Jahrgangsstufe unverschämt unverbraucht aus, leicht, ironisch, selbstgewiss, mein Banknachbar, der zur Dicklichkeit neigte, hat seine Figur im Griff, er war einer von denen, die man in Güstrow, dieser unserer Heimatstadt, Weiberhengst nannte und ist seit vierzig Jahren verheiratet. Die Frau ist des Rätsels Lösung. Nehm ich mal an.

Die Kokette von damals trägt an ihrem Gewicht, aber sie ist immer noch kokett. Du warst ja schon mit sechzehn mit einem Mathelehrer zusammen, sagt sie zu unserer Schönsten, und die sagt, was sagst du da, ich war mit einem Studenten zusammen, und das war mein erster und einziger Mann bis heute. Nein, beharrt die Kokette, du hattest einen Mathelehrer. Ist ja toll, dass du mein Leben besser kennst als ich. Auch für meinen Banknachbar hat die Kokette eine spezielle Erinnerung parat: Du hast mir unzählige blaue Flecken beigebracht! War er denn so ungeschickt, frage ich, und die Kokette lacht.

© Fritz-Jochen Kopka

Eis-Heidis Reich

Wir haben uns die Stadt angesehen, die für uns Rückkehrer für einen Tag immer leerer und kleiner zu werden scheint. Auf der einen Seite wiederhergestellte mittelalterliche Bausubstanz, auf der anderen traurige aufgegebene Häuser. Das Dach wurde noch neu und hoffnungsvoll rot gedeckt, und dann war die Kraft verbraucht. Der Brunnenplatz mit seinen zwei Kastanien, wo wir Fußball spielten, bis wir nichts mehr sehen konnten, der Friseur, der Lindenwirt, Schlachter Salbach, alles nur Erinnerung. Wer ist der größte Sohn Güstrows? Uwe Johnson? Der Sitz(möbel)riese, wie es ein allwissender Zugezogener behauptete, oder Ruthchen, die Weltmeisterin und Olympiasiegerin? Nein, sage ich, der größte Spross Güstrows ist die Eis-Heidi, die durch Rach, den Restauranttester, berühmt wurde, sie repräsentiert Güstrower Phlegma und Kampfgeist auf beispielhafte Weise. Die Stadt gehört seit Neuerem zum Landkreis Rostock, LRO ist das neue Autokennzeichen, statt GÜ. Auch nicht besonders motivierend. Aber was soll’s. Dona nobis pacem. Dat du mien Leevsten büst. Wir singen die alten Lieder und auch ein paar neue, und es klingt gut. Wir könnten ewig so weitersingen. I saw the best minds of my generation.

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