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Wiener Inschriften

Selten ist der Aufgang zur Albertina im Herzen Wiens so frei von Besuchern, dass man das Bild, welches die Treppenstufen in enger Gemeinschaft zusammenfügen, erkennen kann. Hier ist es „Der Sämann” von Vincent van Gogh, der an diesem grauen Novembertag zur Ausstellung „Wege des Pointillismus” hinaufführt. Van Gogh war nicht pedantisch genug, um lange Pointillist zu bleiben, aber, so kann man hier erfahren, in seiner Farbgebung verdankt er dieser Stilrichtung doch sehr viel.

wien_steffelVon der Albertina bis zum Stephansdom sind es nur ein paar Schritte. Auch der hat bereits angefangen, Weihnachten zu feiern. „So lange der Steffl in den Himmel ragt, ist für den Wiener die Welt in Ordnung”, heißt es. Adolf Loos hat den Stephansdom den weihevollsten Kirchenraum der Welt genannt.

wien_grabsteineDie Zeit für Friedhöfe muss man sich nehmen bei einem Wien-Besuch. Mit der Anandsiebzga, der Straßenbahnlinie 71, dem Witwenexpress, zuckelte ich zum Sankt Marx, dem einzigen erhaltenen Biedermeier-Friedhof der Welt. Die 71 endet am Zentralfriedhof, den ich mir fürs nächste Mal aufhebe. Auf dem St. Marxer ruht die k.u.k.-Monarchie. Die Inschriften der Grabsteine sind oft ausführlich und berühren seltsam. Hier finden sich die sterblichen Überreste der k. k. Rechnungsrathsgattinnen, der Haus- und Küchengärtner, der Kaiserlichen Räthe und Herzoglichen Hofräthe, der aufrichtigen Katholiken, der bürgerlichen Küchengärtnerstöchter und der fürstlichen Esterhazy’schen Oberbuchhalterwitwen. Friede ihrer Asche. Es gibt eine Gleichheit im Tod. Und es gibt schöne Abschiedsworte: „Hier ruhet Yella. Ihr Leben liegt faltenlos und leuchtend ausgebreitet. Kein dunkler Flecken blieb darin zurück. Freiin v. Spielmann, gestorben im 23. Lebensjahre.”

wien_mozartVielleicht wäre es nicht schlecht gewesen, wenn ich das Mozart-Grab verfehlt hätte, aber letztlich führen alle Wege dorthin, wie mir ein Besucher sagte. Das Grab entbehrt jeglicher Echtheit und Andacht, es ist eher eine sentimentale Fiktion, aber gut, man mag darüber lächeln, die Wiener können das gewiss.

Die Hinweistafel zählt die Zuordnungen der hier bestatteten Persönlichkeiten auf, darunter Statistiker, Pädagogen, Totengräber, Tanzlehrer, Maria Theresia Ordensritter, Kommunale Würdenträger, Jäger, Nonnen, Kupferstecher, Kunstreiter und Erfinder. Und damit sind wir wieder in einer versunkenen Welt.

wien_schiffVon den Grabkammern zur Kunstkammer im Kunsthistorischen Museum, natürlich auch eines der größten der Welt. Mich haben die großen Gemälde von Pieter Brueghel in ihrer Farbintensität und die Miniaturen von Kriegssegelschiffen mir ihrer ausgefeilten Mechanik beeindruckt. Schon der Museumsbau an sich bringt einen zum Staunen, und das wirkt bei einer Melange im Café des Hauses lange nach. Eigentlich hätte ich noch ins Hawelka oder in den Bräunerhof gehen müssen, dort saß Thomas Bernhard oft, man schafft nicht alles, was man sich vornimmt. Die Kaffeehäuser, oder wie man in Wien sagt das „Kaffeezuhaus“, nehme ich mir fürs nächste Mal vor.wien_cafe

Tagesnotizen des Rückkehrers

Tagesnotizen über die Tage hinaus

Tagesnotizen über die Tage hinaus

Im April 1950 ist Anders an Bord eines Überseedampfers. Der Emigrant auf dem Rückweg. „Mir scheint, seit Jahren hatte ich daran gezweifelt, dass Europa noch da ist … Das heißt also Nachhausekommen: weit hinter sich die Leichen der Eltern zurücklassen; im Schutt einer Stadt stochern, die man niemals gesehen hatte … Und doch ist man zuhause.” Die Stationen sind Southampton, Paris, Zürich und endlich Wien. Die ersten Eindrücke: das Dekorative der Ruinen (…die Ruinen „sind pathetisch nur dann, wenn sie von einer Welt Zeugnis ablegen, die als ganze verloren ist”). Das Deutsch, das er spricht, nachdem er zehn Jahre englisch sprach, ist überholt und altmodisch. Die Leute sehen ihn an, als spräche er in Versen. Die Wiener werden argwöhnisch, wenn er ihnen sagt, dass London oder Rotterdam viel stärker zerstört sind als ihre Stadt. Nur die Zerstörung des Eigenen gilt etwas, keine Empathie für die anderen.

1953 Reise durch Deutschland. „Wenn es zerfällt, wird auch das Erbärmliche bedeutend …”, sieht er in Köln. Acht Jahre nach Kriegsende hat er in Berlin das Gefühl, nur den Stadtplan zu durchwandern, nicht die Stadt.

1958 besucht Anders die Stätten der ersten Atombombenabwürfe Nagasaki und Hiroshima, er setzt sich dem aus. Für ihn hat hier die ›Abschaffung des Krieges‹ stattgefunden für etwas, das „ungleich furchtbarer ist als der Krieg”: die „Vertilgung”. Das ist die Aktion, „die grundsätzlich auf keinen Widerstand mehr rechnet.”. Anders scheut sich nicht, die Schrecken aufzuzählen, die hier dokumentiert sind, um immer wieder zu sagen: genug davon! Und sich sogleich wieder und wieder ins Wort zu fallen: nein, nicht genug! „Denn Entrinnen ist dir nicht gegönnt.”

Rom sehen. Das war der Traum des Sechzehnjährigen. Nun, mit 56 Jahren, erfüllt sich Anders den Traum und stellt fest: zu spät. „Sinnlos, die Steine anzurühren.” Der erwartete Zauber stellt sich nicht ein. „Versäumt bleibt versäumt … Erst Hunger ohne Speise, und nun Speise ohne Hunger.” Er ist kein Mann, der einer Illusion noch eine Chance gäbe, er nimmt die Entzauberung hin, ohne zu zucken; er will Erkenntnisse, er kommt zu Erkenntnissen.

Wie sowas enden kann: Fritz J. Raddatz hat es in seinen Tagebüchern erzählt. Er sucht Anders in Wien auf, sieht die unbeschreiblich ärmliche Wohnung, die dreckige Küche voller Reste geronnener Speisen, die arthritisch verformten Hände, den ungebrochenen Stolz: Sein Freund Hans Jonas „bekommt die Preise für die Bücher, die ich geschrieben habe.” Das ist 1988, vier Jahre, bevor Anders, neunzigjährig, in Wien stirbt.

Irrtum der Natur

Das Leben hat diese Seiten – leider © Christian Brachwitz

Das Leben hat diese Seiten – leider
© Christian Brachwitz

Es war (wieder mal) in Wien. Das Burgtheater inszenierte „Glaube und Heimat” von Karl Schönherr und schickte den Theaterfotografen zu einer Schlachtung, weil es Fotos von einer solchen für das Programmheft zu brauchen glaubte. Dem Fotografen, wenngleich ein Mann aus ländlichen Gefilden und der Natur mit all ihren Schön- und Rauheiten zugetan, konnte nicht gefallen, was er sah, es war zuviel Stahl, Blut und Lärm, aber er durfte die Augen nicht abwenden und musste seine Arbeit tun, dachte jedoch auch an die zunehmende Zahl von Vegetariern.

Das Stück ist aus dem Jahr 1911. Karl Schönherr war ein „stark heimat- und volksverbundener Schriftsteller”, Verfasser „schlagkräftiger Heimat- und Bauerndramen um erdverwurzelte, oft holzschnittartige Menschen der Tiroler Bergwelt” (Lexikon der Weltliteratur, Alfred Kröner Verlag). Es ist anzunehmen, dass das Theater eine recht moderne und ironische Version des Stücks auf die Bretter brachte. Der nach der Schlachtung reichlich bediente Fotograf wunderte sich hingegen, dass die Schweineköpfe auf seinen Fotos unvermutet glücklich aussahen. „Erklär’s mir. Ich kann es nicht.” Es handelt sich offensichtlich um einen Irrtum der Natur, eine Ironie des Schicksals, irgend so etwas. Die Schweine hatten ein Schweineleben hinter sich. Man sah es ihnen nicht mehr an.

Die Fleischerfamilie bekam extra gute Freikarten für die Premiere. Wie sie sich da fühlte – wer weiß das schon.

Kleines Fest am Rand

Tänzer, Spieler, Wiener © Christian Brachwitz

Tänzer, Spieler, Wiener
© Christian Brachwitz

Brachwitz hatte gelernt (oder war es ihm von Anfang an so eingeschrieben?), in den Metropolen wie hier in Wien die Ränder nicht zu meiden. Dahin zu gehen, wo nichts los ist. Dahin, wo die Vernachlässigung um sich greift, wie es auch bei älteren verlassenen Männern der Fall ist (laut E. L. Doctorow). Wie der 1. Mai in Wien gefeiert wird, wissen vornehmlich die Wiener selbst. Aber wie wienerisch geht es am Rande zu? Das wissen die Randexistenzen überall auf der Welt. Etwas, das wir hier wohl Spielmannszug nennen würden, hat nach dem großen Aufmarsch, wo er nicht richtig zum Zuge kam, am Kirchplatz halt gemacht, Instrumente und Notenständer ausgepackt und losgespielt. Noch sind die Künstler in der Überzahl (was ihnen nichts ausmacht), aber die wenigen Zuschauer beginnen schon zu tanzen (so weit man nach der Musik eines Spielmannszugs tanzen kann): die Mutter mit der Großmutter, die große Schwester mit der kleinen Schwester, und das Mädchen unterm Briefkasten würde am liebsten von dem Jungen mit dem geilen Anorak (Sky Board) zum Tanz geholt werden. Aber dann könnte ja jemand ihren Roller klauen. Egal. Der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus, die Schatten sind lang, noch muss man sich warm anziehen. Ich erinnere mich, dass die Spielmannszüge, wie ich sie aus meiner Kindheit kenne, meistens ohne Noten auskamen. Und mit Noten wurde ihre Musik nicht besser. In Wien kann das schon anders sein.

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Trost der Farben

Über Graffiti kann man streiten, aber lieber konkret als pauschal. Der Schwung einiger Linien ist beachtlich. © Christian Brachwitz

Über Graffiti kann man streiten, aber lieber konkret als pauschal. Der Schwung einiger Linien ist beachtlich.
© Christian Brachwitz

Ich weiß nicht, wo wir sind und hingehen. Ein Unort in der Stadt, die sich nicht um alles kümmern kann und einiges links liegen lässt. Die Stadt beginnt mit W, so viel ist übermittelt worden. Kann Weimar so hässlich sein? So steinern? So un-goethisch? Eher nein. Also Wien. Je größer die Stadt, desto hässlicher sind die Ecken, die sie zu bieten hat. Ich suche die Plakate und Aufschriften mit der Vergrößerungsfunktion ab. „SPARGEL”, das würde in Weimar nicht in Versalien an den Eingang eines Supermarkts getextet werden. Der lachende Mann auf dem Plakat ist Herbert Steinböck, ein österreichischer Kabarettist, der uns auf seiner Website so begrüßt: „Freut mich! Große Ehre, dass gerade Sie bei mir vorbeischaun!” Die Ehre ist zweiseitig. Oder einseitig. Je nachdem, welche Art von Humor man bevorzugt. Herr Steinböck wohnt in einer uralten Bäckerei, die er als energieeffizientes Künstlerhaus ausbaut. Über seine Photovoltaikanlage schreibt er ein Energie-Blog powered bei Bausparkasse. Über die Vergrößerungsfunktion bekomme ich auch heraus, dass Wolfgang Fuchs, Österreichs renommiertester Reisefotograf, einen Bildvortrag über Irland hält. Die Gegend ist nicht so hoffnungslos, wie es auf den ersten Blick aussieht. Der grüne Eisenzaun, die gelbe Abklebung, das Blau der Plastikverkleidung muntern uns auf. Der schwarze Rentner geht trotzdem gesenkten Hauptes an dem Graffiti vorbei. Er hat den Blues, davon muss man ihm nichts erzählen.

Wiener Tage

Ich weiß nicht, wie dieser blonde Kopf auf mein Bild kam. Plötzlich war er da © Fotos und Text: Andrea Doberenz

Ich weiß nicht, wie dieser blonde Kopf auf mein Bild kam. Plötzlich war er da
© Fotos und Text: Andrea Doberenz

So sieht Weihnachtsschmuck in der Mitte Wiens aus, hier in der Rotenturmstraße. Gleich hinterm Stephansplatz. Und am Graben leuchten die Lüster.

wien_bettSchlafen in Wien. Hotel Kaiserhof. Behütet vom Kaiser und der Sissy. Die junge Sissy aß am Morgen gern eine Scheibe Rind und trank dazu ein Glas Rotwein. Zum üppigen Frühstück im Kaiserhof wird dem Gast erzählt, dass Sissy in ihren späteren Jahren auf ihre Linie sah, eine Schale Tee, etwas Obst und Gebäck genügten ihr. Was der Kaiser davon hielt, ist nicht überliefert. Der Gast zieht es vor, der Kaiserin in diesem Punkt nicht zu folgen.

wien_schraubeSelten sieht der Mensch so viele Denkmäler von Technikern und Erfindern wie hier. Josef Madersperger ist, wie jeder weiß, der Erfinder der Nähmaschine und nicht primär Herr Singer. In seiner Nähe steht Josef Ressel, der Erfinder der Schiffsschraube, der dem Park den Namen gab. Hinter dem Denkmal die Technische Universität. Die Latte für die Studenten liegt hoch. Macht ihnen aber nichts aus.

wien_palmenhausSchloss Schönbrunn, Sommerresidenz der Habsburger, auch Österreichs Versailles genannt. Das Palmenhaus. Die Gewächse sind den Wiener Gärtnern gefügig. Die Touristen zieht es im November eher auf die Christkindlmärkte als nach Schönbrunn. Die Krähen bleiben da unter sich.

wien_tögelHerrn Tögels Saftladen kurz vorm 1. Bezirk. 1. Wiener Mostfachgeschäft ist eine geniale Umschreibung. Herr Tögel verkauft die schönsten Obstler, die sich der Genießer nur vorstellen kann. Auch Botschafter kaufen bei ihm. Herr Tögel persönlich bevorzugt allerdings wirklich den Most. Der Laden ist überwältigend in der Fülle des Wohlgenusses. Die Verkostung kann schon am Mittag beginnen, gnädige Frau: Marillenbrand, Schwarzbrot Edelbrand, Heubrand und besonders überwältigend der Brand aus den Zapfen der Zirbe, einer Kiefernart aus der Steiermark.

wien_gröstlWiener Spezialitäten auf dem Weihnachtsmarkt. Sättigung schlägt die Romantik. Die Reisende bevorzugt allerdings eine Melange im Café Korb oder im Prückel mit Sachertorte, Topfenstrudel oder ohne. Am Abend geht’s ins Burgtheater. Sie spielen die Courage, die man aus Berlin ganz anders kennt.