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Posts Tagged ‘Wetten dass’

Draußen im Sommer

Kein Husten, kein Handy, kein Wind

Im Sommer telefonieren die Leute in ihren Gärten. Sind Sie sicher, dass die ganze Straße hören möchte, was Sie da ins Handy sprechen? Nein, sind sie nicht. Ist ihnen aber egal. Ich denke, also bin ich. Das war mal. Ich quatsche ins Handy, also bin ich. Wer nicht ins Handy quatscht, wer keine Spur in der Cloud hinterlässt, kann nicht sicher sein, dass er existiert.

Andere, etwa ich, lesen im Sommer die Zeitung im Garten. Zeitung lesen im Wind – da sind Könner gefragt. Man kann das nicht auf Anhieb. Es entstehen sagenhafte Verknuddelungen (ich verwende gern mal ein Wort, das nicht im Duden steht). Neben dem Wind stört mich der Husten aus den Nachbargärten. Auch da sind Könner am Werk. Es gibt welche, die gleichzeitig husten und lachen. Es gibt andere, die gleichzeitig husten und sprechen. Ich bin unschlüssig, wem die Krone gebührt. Hör mal, wie schön ich husten kann. Niemand hat die Absicht, ernsthaft etwas gegen seinen chronischen Husten zu unternehmen. Denn einfach nur lachen und einfach nur sprechen kann jeder. Aber gleichzeitig dazu zu husten – das gibt’s sonst nur im Zirkus. Oder früher bei Wetten dass.

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Kindergeburtstag auf dem Mars

In den Werbepausen von „Almost Famous” wurden wir übermütig und schalteten zu Wetten dass und Markus Lanz. Das können insgesamt nicht mehr als neun Minuten gewesen sein, aber wir hatten trotzdem das Gefühl, die volle Ladung abbekommen zu haben. Atze Schröder als Cindy aus Marzahn. THE HORROR THE HORROR THE HORROR (Heiner Müller). Im Nachtrab kann man sagen, dass bei Thomas Gottschalk noch ein gewisses Augenmaß vorhanden war. Vorbei. Kindergeburtstag auf dem Mars, könnte man nennen, was sich da begab, auch wenn die Kinder wie Erwachsene aussahen, aber darum nur umso infantiler auftraten.

War das nicht die aparte Halle Berry, die dort saß? Und war das nicht Tom Hanks, der Mann ohne Gesicht und mit tausend Gesichtern? Der alles spielen kann? Was mögen die gedacht haben, wo sie gelandet sind? Bei den Außeridischen? Oder den Unterirdischen? Sie saßen da mit indignierten Gesichtern und mussten die Bremer Stadtmusikanten darstellen, weil man aus Bremen sendete und weil Markus Lanz in seiner freien Zeit Sackhüpfen geübt hatte und alle zeigen wollte, wie gut er das kann. Die Wetten fielen in den Sektor: Was soll das denn? Ist der verrückt? Hat der nichts Besseres zu tun? Hat die zu viel Zeit? Hat das nicht ziemlich viel mit Dekadenz zu tun? Das war wie aus dem Lexikon der unnützen Fähigkeiten entnommen. Man hat eben einen Haufen doofer Ideen. Das kommt in den besten Kreisen vor. Aber dass man die auch noch verwirklicht und einige Millionen Leute mit hineinzieht, das gibt’s nur am Tatort TV. In jedem Manne steckt ein Kind, und das will spielen. Das geht auf Nietzsche und Morgenstern zurück. Homo ludens. Sendungen wie diese legen den Verdacht nahe, dass wir die Fähigkeit zu spielen verloren haben.

Lanz unterliegt dem Glauben, geistesgegenwärtig und witzig zu sein. Gegenwärtig ist er schon, aber ohne Geist. Und die Witzigkeit ist schmierig. Wer da lacht, dem sollte es später leid tun. Idiotenfernsehen von Idioten für Idioten, schreibt jemand bei Spiegel online. Klingt radikal. Trifft die Sache aber nicht. Vielmehr müssen wir fragen: Was ist mit uns los? Uns Deutschen? Uns Einschaltern? Uns Typen, die wir ja eigentlich keine Idioten sind, uns aber dazu machen, für drei Stunden oder neun Minuten …

Würde-Verzicht

Eine Meise setzt sich aufs schräge Klofenster und sieht mir frech beim Scheißen zu. Ein Eichhörnchen lässt sich nicht aus dem Walnussbaum vertreiben, muss ja auch nicht sein, ich fürchte nur, dass es demnächst wieder unters Dach kriecht und dort zerstörerische Aktivitäten entfaltet. Wahrlich, ich lebe in finsteren Zeiten, da eine unschuldige Verrichtung unter Beobachtung steht und mein Haus bedroht ist.  Bei „Wetten dass” ist ein Pudel zu Tode gekommen (das ZDF bedauert den Tod außerordentlich, der Tierschutzbund merkt an, dass Tiere nicht auf die Bühne gehören. Hätte man eigentlich wissen können.), und die Würde des Kindsmörders Gäfgen ist mit 3000 € Schadenersatz plus Zinsen wiederhergestellt.

Auch wenn das Grundgesetz, das gleichwohl nicht Gott gegeben ist, etwas anderes sagt, wissen wir doch, dass die Würde des Menschen antastbar ist. Wissen wir auch, dass die Würde des Menschen nie einseitig zu sehen ist. Stellen wir fest, dass Menschen sich ständig würdelos verhalten oder dazu verleitet werden, sich würdelos zu verhalten, zum Beispiel im Fernsehen. Wenn nun ein Mensch seine Würde durch ein Verbrechen nicht nur angetastet und verletzt, sondern getötet hat, beispielsweise weil er glaubte, dass Gewinnstreben jede Handlung rechtfertigte (Raskolnikow lebt!), wie kann man dann seine Würde wieder lebendig machen durch 3000 € plus Zinsen? Was ist mit den Eltern, die ein Kind verloren haben? Gehört es nicht auch zur Würde des Menschen, dass er seine Kinder unbeschadet aufwachsen sehen kann? Welchen Schadenersatz hält der Staat für die Eltern bereit? Können wir zulassen, dass Leute wie Gäfgen schlauer sind als das Gesetz? Ist es nicht Anmaßung, wenn die Justiz  glaubt, der abgetöteten Würde mit ein paar tausend Euro aufhelfen zu können? Für eine Weile sollten wir auf das Wort Würde verzichten. Auch wenn’s schwerfällt.