Archive

Posts Tagged ‘Tatort Münster’

… der Heuschnupfen ist wieder da

Irritation am Bahnhof Ostkreuz

Irritation am Bahnhof Ostkreuz

Der Heuschnupfen schätzt es nicht, wenn man sagt, man habe ihn nicht oder er sei dieses Frühjahr nicht so schlimm wie sonst.

Tag des Sturms. Blumentöpfe werden umgenietet. Planen fliegen durch die Luft. Sphärische Geräusche. Verrückte Betrüger rufen an und wollen stotternd und drohend Geld eintreiben. Apokalyptische Stimmung. Darauf zwei Calvados. Auf 3 Sat „Good Will Hunting” von Gus van Sant mit Matt Damon und Robin Williams. Ich hatte etwas ganz anderes im Sinn (Hunter = Jäger), aber dann las ich vorab von dem zügellosen Hochbegabten, dem alles zufällt, nur kein Gefühl. Der Film war nicht schlecht, versprach aber mehr, als er auf Dauer halten konnte. Gleichzeitig spielt Dortmund gegen Real Madrid und scheint das Unmögliche möglich machen zu können. 2:0 zur Halbzeit. Beide Tore Reus. Dann werden drei Großchancen vermasselt, dabei darf ja auch kein Gegentor fallen, und Dortmund ist draußen. Ist auch okay, das ist zum Glück kein Verein, der jedes Jahr bis ins Finale kommen muss.

Ich holte Tabletten und Tropfen gegen den Heuschnupfen. Die Apothekerin war winzig, zuvorkommend und erkältet. Aber vor allem winzig. Ich wollte schon fragen, wieviel sie wiegt. Nun sitze ich da mit meinen Medikamenten für 17,70 €, und der Heuschnupfen hat sich zurückgezogen, als habe er mich nur zu dieser sinnlosen Geldausgabe bewegen wollen. Was für einen seltsamen Charakter haben doch diese Allergien.

Am Fenster. Dicke Frauen mit scharfen Hunden.

Manon. Der Donnerstagabend-Dreiteiler auf Arte, der meistens gut ist. Die Fünfzehnjährige mit der großen Wut (so ähnlich wie Will Hunting, siehe oben). Es beginnt damit, dass Manon ihrer Mutter das Küchenmesser in den Bauch rammt. Sie müsste in den Jugendknast, bekommt aber noch eine Chance im Erziehungsheim. Wie Furien gehen die Mädchen dort aufeinander los. Verbale und körperliche Gewalt, anlasslos. Der bürokratische, machthungrige, unsensible Direktor, eine Gestalt, wie sie oft in französischen Filmen vorkommt. Nach und nach bekommt man mit, was mit Manon (Alba Gaia Bellugi ungemein intensiv, beängstigend und mitleiderregend) los ist. Sie ist der maßlosen, besitzergreifenden, hysterischen Liebe ihrer so bedauernswerten wie verkorksten Mutter hilflos ausgesetzt. Immer wieder diese erzwungenen gierigen Umarmungen, diese einseitigen Küsse, die noch nicht mal Manon direkt gelten, sondern einfach einem Du, dessen die Frau (Marina Fois) sich ermächtigt.

Der hygienische westliche Lebensstil fördert die Allergien. (Weiß man das in der Ukraine?) Der Birkenpollenallergiker liegt ganz vorn im Wettstreit der Geschädigten. Die Kranken werden schlecht versorgt, weil die Ärzte die Behandlung nur höchst unzureichend abrechnen können. (Wahrscheinlich sind unsere Gesundheitspolitiker weitgehend allergiefrei, weil sie nicht nach dem hygienischen westlichen Lebensstil leben.) Der Allergiker soll vor dem Betreten der Wohnung die Kleider wechseln, täglich die Haare waschen, Naseduschen vornehmen und die Fenster geschlossen halten. Ach was. Ich weiß selber, wie man sich das Leben zur Hölle machen kann.

Der Tatort aus Münster? Irgendwas zwischen Karneval, Comedy und Kinderfernsehen. Je rundlicher Axel Prahl wird, desto besser eignet er sich für die Rolle des Klamaukkommissars, prescht im grünweißen Sportdress mit vorgeschobener Wohlstandswampe hinter Motorrädern her, wird ans Bett gekettet oder verhakt sich übereifrig mit dem Hosenbund an der Türklinke, kann sich aber selbst befreien. Es ist, wie W. H. Auden über Falstaff sagte: Das Alter und der Altersspeck löschen die Unterschiede zwischen den Geschlechtern aus. Es fehlt nicht viel, und der Mann ist eine Matrone.

Der Schauspieler Prahl ist durchaus in der Lage, den Erfolg der Tatort-Krimis zu relativieren. Er zweifelt am Realitätsbezug der Filme und meint, man solle sie nicht so ernst nehmen und Handlung und Charaktere besser überzeichnen. Das nenne ich mal eine Schutzbehauptung. Wir machen Mist, aber mit Absicht.

Es war noch jedes Mal peinlich

Der Tatort aus Münster möchte nicht ernst genommen werden und gibt sich gern kleinstädtisch. Dabei ist Münster gar nicht so klein (fast 300 000 Einwohner). Wenn man hört, dass Thiel und Boerne die beliebtesten deutschen Ermittler sind, fühlt man sich fremd im eigenen Land.

Hier konnten wir die feine Münsteraner Gesellschaft bewundern in Frack und Abendkleid anlässlich der Vernissage einer chinesischen Künstlerin/Dissidentin. Professor Boerne (das ist Jan Josef Liefers) wirft sich in den Staub vor der Dame und „brilliert”, wie man im Feuilleton so gern untertitelt, mit einigen chinesischen Brocken. Dann nimmt er die chinesische Prinzessin mit in die Pathologie und gibt an mit seinen Leichen. Kommissar Thiel (Axel Prahl) hingegen hat Geburtstag, gießt ordentlich einen auf die Lampe und darf den total Besoffenen spielen, ein Paradestück für jeden Schauspieler, wir haben es millionenfach gesehen, und es war noch jedes Mal peinlich. Um so mehr, da Thiel, von dem man nun bald nicht mehr weiß, ob er ein Proll oder nicht doch eher ein Troll ist, sich des Eindrucks nicht erwehren kann, dass er im Suff die junge Assistentin Nadeshda verführt hat. Nun schlägt ihm das Gewissen, er tastet sich vorsichtig heran, um zu erfahren, wie verliebt die Schöne in ihn sei. Auch das soll ein schauspielerisches Kabinettstück sein, aber auch sowas haben wir einige tausend Male gesehen, und es ist nicht minder peinlich. Exotik und Problembewusstsein importiert der Münsteraner aus China. Für die Tatort-Macher steht am Ende des turbulenten Geschehens noch die unerheblichste von allen Fragen: Wen haben wir denn so als Täter im Angebot? Ein gewisser Überraschungseffekt soll dabei sein. Ist aber nicht. Ist auch vollkommen egal.

Auch wenn sie im Koma liegt

Der Tatort aus Münster war realistisch. Auch ich weiß von einer Dame, durchaus attraktiv, selbstbewusst und eindimensional, die in Roland Kaiser verliebt ist (da lachen ja die Hühner), und Roland Kaiser war die Attraktion dieser Folge. Da heißt der Kaiser König und der Roland Roman, der Lack ist ab hier wie da, aus der schlanken ist die untersetzte Gestalt geworden; die Fans mit ihren trüben Augen stört es nicht. Aus dem einfallslosen Schematismus, mit dem die Realfigur in die, nun, nicht wahr, Kunstfigur übertragen wird, kann man schon ableiten, wie in Münster gearbeitet wird. Der verordnete Humor verkürzt alle Gestalten auf Zwergenformat. Man kann vorhersagen, wie sie reagieren, wie sie herumtänzeln und was sie von sich geben werden. („Jetzt hat der Pole das Loch immer noch nicht zugespachtelt.”) Ein Spannungsaufbau ist nicht möglich, weil der Film immer wieder bei dieser oder jener Schranze verweilt. Auf der anderen Seite bemüht man sich, das Ding möglichst hochzuhängen mit berühmten Wagner-Aufnahmen von Bruno Walter und Sätzen wie: Denk mal dran, was mit John Lennon passiert ist. Ja, auch der Schlagersänger Roman König ist attentatsgefährdet und kann insofern John Lennon das Wasser reichen. Rührend zu sehen, wie der Schlagersänger Roland Kaiser den Schlagersänger Roman König spielt, der etwas hausväterlich daherkommt und auch ein Familienleben hat („Er liebt seine Frau abgöttisch, auch wenn sie im Koma liegt.”). Am überzeugendsten ist er denn doch als Leiche, aber das muss ihn nicht kratzen: Im Tatort Münster werden alle zu Laiendarstellern.  Alberich, den Asservatenbeutel! Aber zügig und in angemessener Eile!

Kategorien:Tatort TV Schlagwörter: , ,

Kannste vergessen

Tatort Münster lief unter dem Titel „Das Wunder von Wolbeck” und unter dem Motto „Die Deppen aus der Stadt treffen die Deppen vom Land”. Münster ist bekanntlich der lustigste und damit auch der beliebteste Tatort. Wer über Kommissar Thiel und Professor Boerne nicht lachen kann, kriegt auf die Mütze. Thiel ist der Proll, Boerne der Popper, dieses Modell soll’s richten, und richtet es anscheinend auch. In einem Bauernhaus liegt ein Leichnam, die Frau des Toten wirkt leicht verrückt, der Nachbar züchtet Kühe, die Boerne ins Gesicht scheißen, die Frau des Kuhbauern ist Polin und wird von der Schwiegermutter gehasst. Kommissar Thiel ist wieder schlanker geworden, er kann es nur nicht so zeigen, Axel Prahl spielt diese Rolle, warum auch immer, etwas laientheaterhaft, vielleicht ist das auch beliebt. Und der feine Schnösel Boerne, von Jan Josef Liefers dargestellt – eine solche zweifelsfreie Gestalt kann man sich im Leben nicht vorstellen. Am Ende ist der Fall gelöst, die Leiche aber hinter den einfältigen Plänkeleien längst in Vergessenheit geraten, und wahrscheinlich ging es auch nicht um Mord, sondern um einen Unfall. Man hätte sich die Mühe sparen können, jegliche Mühe.

Lachort Münster

Lustig wie im Münsterlande

Lustig wie im Münsterlande

Der Tatort aus Münster ist als der Krimischwank der Reihe bekannt. Die Erfinder sind ins Panoptikum gegangen, und was sie da fanden, haben sie in ihre Drehbücher geschrieben, den Proll, den Dandy, die Kleinwüchsige, das Mannweib … Der Proll und der Dandy sind sich nicht grün und sticheln, seit es den Münsteraner Tatort gibt, der Proll prollig und der Dandy arrogant. Das scheint den Leuten zu gefallen. Die Statistiken sagen, dass der Tatort aus Münster besonders gern gesehen werde. Man tut gut daran, nicht an der Statistik zu zweifeln oder am Massengeschmack, sondern an beidem. Normalerweise bringt der Tatort Realitätsgewinn, er blickt in die Abgründe der Seele und in die Dreckecken des Landes. Der Tatort aus Münster wartet mit Realitätsverlust auf. Der Preis ist Gelächter. „Du hast ein gutes Herz”, sagt das spätere Opfer. „Ja, mein Kardiologe ist sehr mit mir zufrieden”, antwortet der Dandy, Gerichtsmediziner Boerne, dargestellt durch den vielsagenden Jan Josef Liefers. Das soll schon einer der besseren Scherze sein, vergelt’s Gott. Wie stellt man einen Proll dar? Knurrig, ruppig, untersetzt, schlecht frisiert und gekleidet, eine Bombenrolle für den Schauspieler Axel Prahl. Dass der Proll schlechte Manieren haben muss, ist klar, aber dass er einem derart auf die Nerven geht, wenn er beim Sprechen selbstgefällig mit seinem Essbesteck gestikuliert, ist ein Zacken zu scharf.

In diesem unpolitischen Kabarett ist der Mörder natürlich Nebensache. Trotzdem muss einer gestellt werden, es ist ja ein Krimi. Der Hauptverdächtige scheidet aus, wer bleibt da noch, um Himmels willen. Es kann nur einer aus den Reihen der Polente sein, der alberne Pressesprecher, der eine obskure russische Delegation völlig sinnlos durch den Polizeiapparat führt. Da fällt einem doch der Unterkiefer runter.

Prahl und Liefers – das Traumpaar der deutschen Krimiproduktion. Neulich träumte mir, ich säße in einem vollbesetzten Kino. Da tauchte Axel Prahl auf der Leinwand auf. Und eine törichte Stimme sagte: „Diesen Schauspieler seh ich auch immer gern!” Und das Kinopublikum lachte von Herzen.