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Posts Tagged ‘Tatort Ludwigshafen’

Sie erzählt ihm ihre Träume

Diese Pferde sind müde, aber außer Gefahr © Julia Thalheim

Diese Pferde sind müde, aber außer Gefahr
© Julia Thalheim

Lena läuft wieder. Nach dem Burnout ist sie zur Reha in der ländlichen Pfalz. Der Therapeut macht ihr gute Laune, sie erzählt ihm ihre Träume, aber das Verbrechen holt sie ein. Im Dorf hat sich rumgesprochen, dass eine Kommissarin vor Ort ist. Ein Pferdepfleger wurde erstochen, ein Pferd wurde aufgeschlitzt, es liegt da im qualvollen Todeskampf, Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) lässt sich die Waffe des empfindsamen Dorfpolizisten geben, aber auch ihr fällt es nicht leicht, dem Pferd den Gnadenschuss zu geben.

Bei den Tatortfolgen steht die Frage, wieviel – auch abartige – Wirklichkeit des Landes importiert werden kann, und zweitens, ob es den Machern gelingt, einen Verdächtigenkreis problematischer Existenzen aufzubauen, von denen am Ende nicht der unsympathischste der Täter sein sollte – in diesem Fall der hochnäsige Anwalt – , denn das wäre Populismus. Wir sehen düstere, mit Jagdtrophäen geschmückte Bauernwohnungen, kotzende Diskobesucherinnen, Tänze zu Helene-Fischer-Songs, pornographische Angebote im Netz. Die Wirklichkeit muss wehtun, sonst ist sie keine. „Menschen, die Pferde verletzen, sind meistens psychisch gestört”, sagt Lena Odenthal mit einem vor Sorge zerklüfteten Gesicht. Ja, da mag was Wahres dran sein, und der Film bestätigt es auch. Der neurotische Jüngling kann uns sogar leidtun. Der Anwalt nicht. Er setzt sich auf die Badewanne, in der seine Verlobte ein üppiges Schaumbad nimmt, er sagt: „Ich liebe dich mehr als mein Leben. Ich muss noch ins Büro.” Die pfälzische Bürgerwehr lauert dem Pferderipper mit hochprozentigen Getränken und scharfen Waffen auf. „Sie waren wie die Tiere”, sagt Odenthals Kollege Kopper, während die coole junge Fallanalytikerin die Kommissare damit nervt, dass sie immer nur Wahrscheinlichkeiten bewerten will.

Ich kriege jetzt nicht mehr zusammen, ob der Titel „Die Sonne stirbt wie ein Tier” tatsächlich durch die Handlung gedeckt war, aber wenn man auf so einen Satz kommt, dann will man ihn auch verwenden, das kann doch jeder einsehen.

Zu unserer Beruhigung wurde im Abspann mitgeteilt, dass für diesen Film aus Ludwigshafen keine Tiere verletzt, gequält oder getötet wurden. Es sah nur so aus.

Der Großmuttervergleich

Katzen sind nicht immer ansprechbar

Katzen sind nicht immer ansprechbar

Schon beängstigend, wie oft Lena Odenthal, die – wie mir jetzt bewusst wird – dienstälteste Tatort-Kommissarin, sich den Puls fühlt, wie wenig sie läuft, wie unergründlich ihre Augen und wie tief die Augenringe sind. Und schon empörend, wie die Verdächtigen sich für Odenthals Fragen rächen, indem sie einfach frech oder – noch schlimmer – persönlich werden: Sind Sie verheiratet? Sie haben wohl keinen abbekommen?! Usw. Lena Odenthal geht es schlecht in diesem „Blackout”-Tatort aus Ludwigshafen, einer gar nicht mal so kleinen Stadt an Rhein und Neckar mit 150 000 Einwohnern, einem beeindruckenden nächtlichen Lichtermeer und einem gelb-violetten Tageshimmel. Ihre gesundheitlichen Beschwerden könnten psychische Ursachen haben; Odenthals Lebensgefährtin, eine Katze, reicht nicht hin, um das Gefühl überschwappender Einsamkeit zu verscheuchen. Im Gegenteil. Es gibt die Horrorvision, dass die Kommissarin in ihrer Wohnung stirbt, was niemandem auffällt, und die Katze, wenn das Whiskas oder was auch immer aufgefressen ist, an ihrer toten Herrin zu nagen beginnt. Das klingt vielleicht bizarr oder lächerlich, aber Ulrike Folkerts bringt es glaubhaft rüber. Sie ist in den 25 Jahren ihres Dienstes für uns zu einer Person geworden, der man alles glaubt, es sei denn, sie sagt: Mit geht’s gut. Zu Odenthals schlechtem Allgemeinbefinden kommen noch die Probleme mit der Urlaubsvertretung ihres Kollegen Kopper hinzu: Johanna Stern, eine junge, forsche, zackig unsensible Fall-Analytikerin, die ständig mit ihrem technischen Equipment herumjongliert und nicht mal hinter einem Verdächtigen herlaufen mag, weil sie sich auf ihre Unsportlichkeit einiges zugute hält, die aber auch letzten Endes nicht doof ist und manchen richtigen Faden aufnimmt. Ein interessantes Angebot der Darstellerin Lisa Bitter. Odenthal muss von dieser Exponentin einer karrierebewussten Generation vieles schlucken, eines bittet sie sich dann aber doch entschieden aus: Vergleichen Sie mich nie wieder mit Ihrer Großmutter! Es ist das Problem vieler Tatorte, dass am Anfang deutlich mehr an Informationen ausgestreut wird, als der Zuschauer gebrauchen kann. Plötzlich werden dann Dinge wichtig, die man am Anfang übersehen hat. Hier rückte ein USB-Stick mehr und mehr in den Mittelpunkt der Handlung und brachte die Lösung des Falls. Dem hatte man gar keine Beachtung geschenkt. Kommissar kann eben nicht jeder werden. Fußballtrainer schon.

Ich kapituliere

Warum sagst du nichts zum Tatort aus Ludwigshafen?

Na, der Film fängt an, Ulrike Folkerts als Lena Odenthal und Andreas Hoppe als ihr Kollege Kopper sitzen auf harten Bänken und spielen die Begeisterung, die reife Menschen befallen soll, wenn sie mal wieder im Zirkus sind und die zauberhaften Vorführungen in der Manege verfolgen. Geradezu atemlos. Sie sitzen da mit glänzenden Augen und offenen Mündern und sind plötzlich wieder Kinder. Anschließend werfen sie sich rührend naiv gegenseitig ihre Verzauberung vor, als schämten sie sich, so rückhaltlos begeistert gewesen zu sein. Wer soll das der spröden Lena Odenthal und dem mürrischen Kopper glauben! Lena Odenthal ist eine ganz eigene, fast hermetische Welt. Sie fragt, gübelt und rennt. Macht uns das jetzt nicht auch noch kaputt. Nee, habe ich gedacht, nicht schon wieder so ein Zirkusflop im Tatort wie neulich der mit Ulrich Tukur und habe ausgeschaltet.

Wenn die Bullen älter werden

Lena lief nicht in diesem Tatort aus Ludwigshafen. Lena Odenthals Sprints waren sonst stilbildend gewesen,  leicht, locker, ästhetisch ansprechend, manchmal lief sie mir auch zuviel, da wucherten die Produzenten zu sehr mit dem Pfund, das sie hatten, und nun ist Frau Odenthal und ihre Darstellerin Ulrike Folkerts älter geworden, aber daran lag’s wohl nicht, es gab einfach keinen, hinter dem sie hätte herrennen können, die Tatverdächtigen waren zu statisch, einerseits waren sie jung und verbrachten ihr Leben hauptsächlich in sitzender Stellung am Computer, andererseits besaßen sie einfach nicht das Temperament, ihre Schritte zu beschleunigen.

Lena Odenthal ließ Sensibilität im Umgang mit ihres Kollegen Kopper altem Auto vermissen, dafür ging die eher introvertierte und nachdenkliche Kommissarin eindringlich und schwarzäugig auf die Betroffenen im Umfeld des Opfers ein, des Opfers, das, und jetzt kommt’s, vermutlich ein Täter war oder geworden wäre, wenn da nicht vorher ein Schuss gefallen wäre. Ein Gymnasiast, ein sogenannter Hochbegabter, unerreichbar, weltverachtend, ein arroganter Freak – das, so wurde es unterstellt, Täterprofil eines jugendlichen Amokläufers. Am Anfang fiel der Satz: „Ich hab ihm gesagt, das kann man nicht reparieren.” Da ahnten wir bereits, dass damit mehr gemeint war als irgendein Objekt, da ging es um alles, genetische Defekte, falsche Erziehung, Kommunikationsschäden, snobistische Vereinsamung, soziale Inkompetenz.

Der Film „Freunde bis zum Tod” hatte alle Hände voll zu tun, in einem eigentlich eindeutigen Fall ein paar Nebelkerzen zu zünden und einige überflüssige Handlungsfäden wenigstens pro forma zusammenzuhalten. Der Ludwigshafener Tatort hat sicher mehr Potential, als er hier zeigte; und es liegt nicht an den Bullen (auch wenn sie älter werden), es liegt fast immer am Buch, wenn das Potential nicht ausgeschöpft wird.

Von Mensch zu Haustier

Mit dem Tatort aus Ludwigshafen war nichts los. Der Fernsehkritiker der FAZ sah sich in der Vorabrezension mangels Masse gar veranlasst, über die Kommunikation zwischen Mensch und Haustier nachzudenken, um über Freud auf die Ambivalenzen in menschlichen Beziehungen zu kommen. Ein (schlecht inszeniertes) Kindheitstrauma musste herhalten, um eine Motivation für die Tat herzuleiten. Manche Szene wirkte wie ein kinematographisches Zitat und fremdelte in diesem eklektizistischem Filmgebilde. Die Tatmotive waren derart breit und willkürlich gestreut, dass man schon sehr bald mit Gleichmut an den Täter dachte; jeder konnte es sein, jeder hatte irgendwie sein spezielles Ding an der Waffel und den Knast verdient.

Die Qualität der Schauspieler liegt wie manches Mal ein paar Stufen über der des Drehbuchs. Und ist denn so ein Tatort eine Stopfgans, die mit völlig irrelevanten Bestandteilen gefüllt wird, etwa der Hobbymusik, die Kommissar Kopper mit einer Handvoll banaler Hobbyschauspieler macht, die ständig auf sein liebeloses Zusammenleben mit der Kollegin Odenthal anspielen? Ulrike Folkerts als Kommissarin droht zu einer Frau ohne Eigenschaften, aber mit langen Haaren zu werden. Es muss dringend frische Luft ran, an diese Konstellation zwischen Odenthal und Kopper. Und an den Tatort aus Ludwigshafen sowieso.