Archive

Posts Tagged ‘Tatort Berlin’

Was heißt hier öde?

Auch Berliner Kleingärtner sind involviert

Auch Berliner Kleingärtner sind involviert

Wir wollen bitte unseren alten Berliner Tatort mit Dominic Raacke und Boris Aljinovic wiederhaben, auch wenn eine schnöselige FAZ-Rezensentin gerade schrieb, dass die beiden „allzu öde Kommissare” gewesen seien. Man kann es sich doch recht leicht machen, wenn man über den Vorzug verfügt, keine Ahnung zu haben, aber ’ne Klappe. Bloß weil Raacke und Aljinovic nicht als solche Kasperköppe wie Prahl und Liefers auftraten?

Die neuen Berliner Tatort-Leute sind borniert genug zu glauben, dass wir uns noch daran erinnern, was in ihrem ersten Fall passierte, der von einem dreiviertel Jahr gesendet wurde und auch schon reichlich unüberlegt wirkte. Darauf kommen sie im neuen Film „Ätzend” hier und da zurück. Sie sind weiter borniert genug, dass sie diesen aktuellen Tatort mit einigen offenen Handlungsfäden in die Zukunft ausstatten, an die wir uns dann in einem Jahr erinnern sollen. Geht es noch? Sie springen von Ort zu Ort, die Unübersichtlichkeit verdeckt die Abwesenheit einer stringenten Handlung. Oder auch nicht. Meret Becker bemüht sich, dem Berliner Jargon einige aparte Töne abzugewinnen, aber viel mehr als forciertes Lispeln kommt dabei auch nicht rum.

Nein, wir wollen die alte Sache mit Raacke und Aljinovic wiederhaben. Wir mögen seriöse Kommissare.

Ist der Körper der Leiche gebräunt?

Erst kam der Sichelmond, danach der neue Tatort aus Berlin

Erst kam der Sichelmond, danach der neue Tatort aus Berlin

War klar, dass die RBB-Leute alles versuchen würden, um ihre neuen Kommissare („Das Muli”) für uns Zuschauer interessant oder, wie sagt man heute?, spannend zu machen. Was kommt dabei raus? Lauter Arschlöcher und Opfer, die in den Büros und Hinterzimmern der Hauptstadt rumlungern und durch ihre Straßen spazieren. Meret Becker als Nina Rubin (was für ein schlecht ausgesuchter Name) ist zickig, läufig, aggressiv, nur scheinbar authentisch und stark prekariatsverdächtig, dafür aber recht menschlich im Gegensatz zum Nadelstreifen-Kommissar Mark Waschke als Robert Karow, der stolz darauf zu sein scheint, ein paar Untergebenen Anweisungen erteilen zu können. Wir sehen also selbstgefällige, unfähige Berliner Bullen, die, wie mir scheint, ihr Pulver schon beim ersten Auftritt verschossen haben. Am annehmbarsten ist noch die Praktikantin; sie besitzt diesen oder jenen Funken Humor.

Berlin ist noch nicht präsent, wenn man die Straßen funkeln und die Kommissarin berlinern lässt. „Mein Sohn hat mich ’ne Hure jenannt.” Solche Sätze sind ja eigentlich unzumutbar. Dagegen hebt sich Waschkes Frage, am Telefon gestellt, angenehm ab: „Ist der Körper der Leiche gebräunt?” Ja. Isser. Und damit sind die Kommissare auf der richtigen Spur.

Kategorien:Tatort TV Schlagwörter: , ,

Die Opfer des zweiten Traums

Herbst in Berlin, Endzeit im Tatort

Herbst in Berlin, Tatort-November

Wie kann man zeigen, dass man keinen Ehrgeiz besitzt? Indem man einen Tatort-Krimi „Vielleicht” nennt. Um bestimmte Dinge machen wir uns hier beim RBB keine Birne. Man war vielleicht (da haben wir’s schon wieder, aber wenigstens nicht als Titel) so fasziniert davon, dass man sich im Genre des Psycho-Thrillers versuchte, dass man anderweitig alle Sorgfalt aufgab. Die norwegische Psychologie-Studentin Trude ist mit der Gabe des Zweiten Gesichts geschlagen. Sie träumt Morde. Morde, die dann, Wochen später, wirklich geschehen. Sie warnt die potentiellen Opfer. Sie geht zur Polizei und meldet ihre Träume. Die Polizei nimmt das nicht ernst. Da tauchen genügend Spinner und Denunzianten auf. Aber was geträumt wurde, es geschieht. Die Polizisten streuen Asche aufs Haupt und ermitteln. Trude wird sich selbst unheimlich und den Ermittlern auch. Der Polizeipsychologe versucht, rationale Erklärungen zu finden. Selten sah man einen Krimi, in dem der Täter so allgegenwärtig ist. Kaum aber ist er gefasst, verlieren die Filmschöpfer jegliches Interesse an ihm. Er verschwindet von der Bildfläche. Nichts über seine Motive, seine Vorgehensweise. Was interessiert uns unser Tun von gerade eben. Es gibt einen zweiten Traum. Eine zweite Bluttat. Und wieder geschieht, was geträumt wurde, und hier nun strecken die Tatort-Macher vollends die Waffen. Wir erfahren nichts über die Opfer, nichts über den Täter, nichts über eventuellen Verbindungen. Den Jungs vom RBB sind ihre eigenen Fälle gleichgültig. Sollen die Zuschauer gefälligst selbst weiter ermitteln; sie haben ja genug Tatort-Erfahrung.

Es war der letzte Tatort von Kommissar Felix Stark, uns nachhaltig ins Bewusstsein gerückt von Boris Aljinovic.

Stark befragt. Stark zeichnet Opfer und Tatorte aufs Papier. Stark belehrt seine jungen Mitarbeiter. Stark bewegt sich wie ein Urlauber. Stark bittet um Begleitung. Stark ordnet an. Stark grübelt. Stark ist nicht danach, mit dem Polizeipsychologen ein Bier zu trinken. Stark sagt: Das ist ’ne Scheißsituation. Stark macht sich Vorwürfe. Stark zieht die schusssichere Weste an, zieht sie aus, versteckt sie unterm Schreibtisch. Stark mahnt. Stark stehen Tränen in den Augen. Stark sagt: Das ist ein Trick. Gehen Sie aus der Wohung. Mischen Sie sich unter Menschen. Stark bittet um Versetzung. Stark sagt: Wir verhalten uns ganz unauffällig.

Stark wird mit zwei Schüssen niedergestreckt.

Die Polizisten torkeln mit steifen Beinen durch den Tatort. Wie lebensgroße Puppen.

Das war ein Kommissar, den man immer ernstnehmen konnte. Ein Mann, bei dem man eine besondere Tiefe spürte. Ich weiß jetzt schon, dass ich ihn vermissen werde, ihn und seinen Kollegen Till Ritter (Dominic Raacke), der schon in dieser Folge fehlte.

Es geschah U-Bahnhof Schönleinstraße

Über den Tatort Berlin kann ich sagen, dass der immer ’ne ziemlich ernste Sache ist. Da ist der ziemlich hochgewachsene Kommissar Ritter (Dominic Raacke) , und da ist der ziemlich kleine Kommissar Stark (Boris Aljinovic), aber daraus macht man zum Glück nichts. Die sind eben so und haben ihre Gesichter, die mit den Jahren noch immer klassischer und ausdrucksstärker werden. Der Job hinterlässt Spuren. Im Berliner Tatort ist auch immer viel Berlin enthalten, in diesem Fall waren es besonders die U-Bahnhöfe in Mitte und nebenan. Wir erfahren, was in dieser Stadt (und in diesem Land) passieren kann. Der Film knüpft an den authentischen Fall des Managers Dominik Brunner an, der helfen wollte und zu Tode geprügelt wurde. Das geschah in München, aber es hätte auch in Berlin passieren können, und wie es zum Beispiel hier hätte passieren können, zeigt dieser Tatort, ohne den wirklichen Fall stumpfsinnig nachzuspielen. Hier wird eine Geschichte gezeigt, die ihre eigenen Gesetze hat. Der mutige Mann, die betrunkenen, ausflippenden Jugendlichen. Die aber ganz andere Menschen sind oder zu sein scheinen, wenn sie nüchtern sind und verhört werden. Da werden einige Register psychologischen Fehlverhaltens gezogen, einige üble Gestalten vorgeführt, aber die übelste ist wohl die des Anwalts, der glaubt Herr über Schuld und Unschuld sein zu können, ein Superhirn (tatsächlich aber ein Betonkopf), der mit juristischen Tricks die Wahrheit auf den Kopf stellen will, Anmaßung eines Größenwahnsinnigen. Die Kommissare Ritter und Stark leisten ehrliche, harte Kleinarbeit. Und die Leute, die ihre Fälle schreiben und umsetzen, auch.

Die Übermüdeten

Januar 7, 2013 1 Kommentar

Sonntagabend um zehn vor zehn sagten wir: Der Tatort war gut. Konnten auch vermuten warum. Wenn der Krimi sich vom starren Täter-Opfer-Ermittler-Schema löst (und das kann er nur, wenn er etwas Besseres zu bieten hat), wenn die Kommissare keine Zeit haben zu zeigen, dass sie sich nach soundsoviel Jahren nicht mehr ausstehen können, wenn der Anlass es auch nicht hergibt, witzig sein zu wollen, dann stehen die Chancen gut. Der Anlass war eine Kindesentführung. Der kleine Benjamin. Die Eltern sehr vermögend. Der Entführer hieß Uwe Braun, ein gut gewählter Tätername. Er kassiert die erste Tranche des Lösegelds an der Weltzeituhr Berlin-Alexanderplatz. Scheint die reine Idiotie zu sein. Der Stab beobachtet die Übergabe per Fernglas und Überwachungskamera aus einem nahen Häuserblock. Dutzende verdeckte Ermittler haben sich unter die Passanten gemischt. Frau Steiner, die unglückliche Mutter, übergibt die Tasche mit dem Geld. Der Täter fährt mit einer Rikscha im Kreis um die Weltzeituhr. Steigt aus. Verteilt das Geld bündelweise an Passanten, auch an verdeckte Ermittler. Die Detektive in ihrem Beobachtungsstudio können kaum glauben, was sie sehen.  Der Mann ist hochgradig gestört. Als das Geld, eine halbe Million, verteilt ist, stellt sich der Entführer auf eine Bank und winkt nach allen Seiten, dahin, wo er die Polizisten vermutet, es ist eine gespenstische, eine exemplarische Szene, der Mann will verhaftet werden. Er sitzt im Verhörraum und sagt nicht, wo das Kind festsitzt mit noch einer halben Flasche Wasser. Die Kommissare beißen auf Granit.

Es ist bald klar, dass dieser von dem unvergleichlichen Edgar Selge dargestellte Mann kein Krimineller ist, sondern ein Mensch,  dessen Leben durch die Gier der Banken zerstört wurde. Er will ein Zeichen setzen. Ritter und Stark reden tage- und nächtelang auf ihn ein. Es ist ein Kampf nicht nur um das Leben des Kindes, sondern auch gegen den Schlaf, gegen das Aufgeben, gegen Spekulationen und falsche Versprechen. Erschöpfungszustände, Tränensäcke, Bitterkeit, Angst und Albträume. Zwei Zähigkeiten treffen aufeinander. Ritters Wohnung sieht aus wie eine Kindertagesstätte verglichen mit der luxuriösen Villa der Steiner-Familie. Auch das ist eine Wahrheit. Wenn dieser Film sich an die gierigen Banker wendete, dann wird er nicht viel erreicht haben. Bei uns Zuschauern schon.