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Posts Tagged ‘Schnaps’

Der Schlaf des Gerechten (9)

„Es soll aber kein Tod sein, sondern ein hundertjähriger tiefer Schlaf.”
© Kopka

Auf dem Alexanderplatz fand eines der vielen ununterscheidbaren Feste mit den immer gleichen Buden und den hoffnungslosen Angeboten statt, von denen das eine oder andere dann doch nachgefragt wird und seinen Mann ernährt. Nur die Touristen können daran noch Gefallen finden, alle anderen zeigen ihr Desinteresse und die Händler verbergen ihre Depression. Am Osteingang des Bahnhofs lagen zwei Männer, die der stickige Augusttag (und nicht nur der) an den Rand ihre Kräfte gebracht hatte. Zwei Helden am Ende der Schlacht, die sicher nicht gewonnen wurde. Immerhin war man mit dem Leben davongekommen. Oder wenn man so will: Die gute weise Frau hatte den Todesfluch der bösen weisen Frau in einen tiefen hundertjährigen Schlaf verwandelt. Wie Königssöhne erschienen zwei Ordnungshüter, die sich anschickten, die beiden Dornröschen wachzuküssen. Zunächst rüttelten sie an den Schultern, dann entwanden sie dem einen Schläfer eine noch zu drei Vierteln volle Schnapsflasche. Als auch darauf keine Reaktion erfolgte, wussten sie wohl, dass sie die rechten Königssöhne nicht waren oder dass die hundert Jahre Tiefschlaf noch nicht an ihr Ende gekommen sein konnten. In der Mitte zwischen den zwei Dornröschen stand ein Plastikbehälter, in den man Geld hätte hinein werfen können. Vielleicht hätte es die zwei Dornröschen munter gemacht, wenn da ein paar Scheine hineingefallen wären, doch dazu kam es nicht. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann schlafen sie noch heute.

Als ich noch auf die Berliner Schnauze usw.

März 20, 2017 2 Kommentare

Frühlingsanfang. Die Tische lauern auf Gäste und Verhängnisse

Im Imbiss an der Ecke

Gerhard: Ich denke, du trinkst nicht mehr, Harry?

Harry: Is richtig. Ich trink nichts mehr. Außer Bier und Schnaps.

Gerhard: Zwei Bier und zwei Schnaps für mein Freund Harry und seine Chefin.

Harrys Olle: Nö. Wir wollen keinen Schnaps.

Harry: Lass ihn doch. Wenn Jungens reden, bist du still.

Gerhard: Sieheste. So leicht kommt Harry sonst nich zu sein Schnaps.

Harry: Wat? Ick bring dir deinen Ofen zurück.

Gerhard: Den hab ick dir doch geschenkt, Harry.

Harry: Na, dann krieg ick von dir noch 47 Euro, wenn de mir den geschenkt hast.

Gerhard versteht nicht und geht lieber aufs Klo. Ist lange weg.

Harry: Das ist Münchhausen. Der ist 970 Jahre alt, wenn er alles erlebt hat, was er erzählt und immer dasselbe. Wahrscheinlich hat er sich zu dolle mit dem Staat hier eingelassen. Ick bin rübergegangen. Zu mir habense gesagt, als Filmvorführer bin ick Kulturfunktionär und muss in die Partei. Da wusst ick bescheid und weg.

Gerhard kommt hinkend zurück.

Gerhard: Verdammte Stufe, ick habe die Stufe nicht beachtet.

Harrys Olle: Aber die Stufe war doch schon immer da!

Gerhard: Wat is, Harry, hauste noch’n Bier rein?

Harry: Ick bin ’n friedlicher Mensch. Ich hau nich. Der macht sowieso sone Sachen, lädt einen ein, und denn hat er kein Geld bei und ick muss zahlen.

Gerhard: Ick hab immer alle Leute geholfen, aber jetzt, wo ick fertig bin, mir hilft keiner, Mensch, ick kann meine Miete nich zahlen.

Harry: Mir haste nich geholfen. Mir braucht keiner helfen.

Gerhard: Und was ist mit den Ofen?

Harry: Einen Kaffe für meinen Freund Gerhard.

Die Melancholie des Mülls

Wer mit solchen Kreissägen arbeitet, kann froh sein, wenn seine Finger noch komlett sind © Christian Brachwitz

Wer mit solchen Kreissägen arbeitet, kann froh sein, wenn seine Finger noch komplett sind
© Christian Brachwitz

Was wir sehen, Flaschen, Lumpen, Altpapier, wurde zum Zeitpunkt der Aufnahme 1979 Sekundärrohstoff genannt, wir sammelten als Kinder und brachten alles zum Altstoffhändler, für Altpapier bekam man wenig, für Knochen bekam man ziemlich viel Geld und am meisten für Buntmetall, aber Buntmetall lag leider nirgendwo rum. Der Mann auf seinem Hof ist kein VEB, kein Volkseigener Betrieb, er arbeitet privat oder selbstständig mit dem Müll, er sammelt auch Holz und zersägt es mit der rustiakalen Kreissäge. Alle Finger sind noch dran. Die Holzscheite werden in Säcke gelegt, die auch mehr oder minder Müll sind. Das Brennholz kann er gut verkaufen; keine Frage.

Die Melancholie des Mülls besteht darin, dass – unabhängig von Vergänglichkeit und Wiederverwendbarkeit – der Müll ansteckend wirkt. Der Hof wird Müll, das Haus wird Müll, der Schnauzbart wird Müll, und so kompakt die Gestalt des Mannes auch wirkt, seine Augen verraten es: Er kennt die dunklen Stunden des Lebens besser, als ihm lieb ist. Er kann alles gebrauchen, aber das Gebrauchte vereinnahmt ihn auch. Irgendwo steht immer ’ne Flasche Schnaps, die braucht er, um sich zu desinfizieren.

Ach ja. Einmal, als wir, wenigstens an den Wochenenden auf dem Land lebten und noch nicht an die Müllabfuhr angeschlossen waren, überlegten wir, was wir mit den Resten machen könnten. Vieles konnte man auf den Kompost werfen, vieles verbrennen, alte Kleidungsstücke konnte man umarbeiten, und was dann immer noch übrig blieb: Daraus konnte man kleine Geschenke basteln und andere Leue damit belasten.

Huflattich

Wo man mit einem ganz breiten Besen fegte … © Christian Brachwitz

Wo man mit einem ganz breiten Besen fegte …
© Christian Brachwitz

In einer anderen Zeit. In einer anderen Stadt. Güstrow. Aber da komm ich ja auch her. Da bin ich geboren und zur Schule gegangen, da hab ich einen Beruf gelernt und in der Druckerei „Vorwärts” gearbeitet, ja, „Vorwärts”, in der Hageböcker Straße, die dann Straße der Nationalen Einheit und dann wieder Hageböcker Straße hieß, wenn mich die Erinnerung nicht täuscht. Es gab (und gibt) den Sumpfsee und den Inselsee. Es gab (und gibt vermutlich nicht mehr) die Spirituosenfabrik Winkelhausen, die Bettfedernfabrik, die Sitzmöbelfabrik Bruchhäuser, den VEB Holzindustrie Walter Griesbach und die Zuckerfabrik.

Und anscheinend gab es auch die Produktions-Abteilung Güstrow des VEB Pharmazeutisches Werk Halle, die dazu aufrief, Arzneipflanzen zu sammeln und dafür mit einem lohnenden Nebenverdienst lockte. Frisch- und Trockenware wurde von Montag bis Freitag von 8 bis 11 Uhr angenommen.

An diese Produktionsabteilung mit der abblätternden Farbe, dem bröckelnden Mauerwerk, dem futuristischen Fallrohr und den unternehmungslustigen Mitarbeitern erinnere ich mich nicht mehr. Sehr wohl erinnere ich mich indessen daran, wie wir in Wald und Wiese unterwegs waren, um etwa Schafgarbe, Kamille, Huflattich, Spitz- und Breitwegerich zu sammeln. Das Zeug wurde gewogen und für so leicht befunden, dass das Wort lohnender Nebenverdienst der reine Hohn war. Den dünnen Mann da, der den Daumen so lässig in die Jacke steckt und die Lulle cool zwischen Zeige- und Mittelfinger führt, kann ich mir sehr gut abends im Linden-Krug vorstellen, von Montag bis Sonnabend von 17 bis Null Uhr, wo er aufblüht und natürlich Kräuterschnaps trinkt, so dass man nicht mal davon reden kann, dass Dienst Dienst ist und Schnaps Schnaps, sondern: Dienst ist Schnaps und Schnaps ist Dienst. Die Grenzen zwischen gesellschaftlichem und privatem Tun lösten sich auf.

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