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Posts Tagged ‘Richy Müller’

Der Krimi wird zum Wunschkonzert

Düster ist das Lied des Krimis, auch in der Weihnachtszeit, die schon längst begonnen hat

Düster ist das Lied des Krimis, auch in der Weihnachtszeit, die schon längst begonnen hat

Kriminalhauptkommissar (KHK) Thorsten Lannert erschießt den hysterisch schreienden Supermarkteinbrecher und Geiselnehmer, der dem Wachmann die Pistole an die Schläfe hält, Finger am Abzug. Es ist ein Schuss in höchster Not. Jeder kann das nachvollziehen. Jeder versteht das. Wie es das Gesetz vorschreibt, muss Lannert oder eben sein Darsteller Richy Müller, dessen Nase nach dem Schuss gleich noch mal so lang wird, sich dennoch einem Verfahren stellen, und alles wäre in Ordnung, wenn nicht der arrogante Anwalt Pflüger den Polizisten (und seinen Kollegen Sebastian Bootz, dargestellt von Felix Klare) mit seiner zynischen Rabulistik attackierte und zum schießwütigen Monster machen wollte. Man hat sofort das Gefühl, dass die Dramaturgie hier die Wahrscheinlichkeit über die Maßen beugt, um den Fall zuzuspitzen. Ist es möglich, dass ein Polizist, der in äußerster und noch dazu per Videofilm dokumentierter Not handelt, derart auf die Seite des Unrechts gerät? Es ist Hass auf den ersten Blick zwischen uns Zuschauern und dem Anwalt, dem seine bigotte Ehefrau assistiert. Beide haben sich ein Robin-Hood-Image auf den Leib geschrieben: „Ich lasse die Bürger in ihrer Ohnmacht nicht alleine.”

Der Stuttgarter Tatort „Eine Frage des Gewissens” steht mit dieser Geschichte im krassen Gegensatz etwa zum Schweiger-Krimi aus Hamburg. Wenn da derart penibel nach jedem Notwehrschuss recherchiert würde, müsste der Film acht Stunden und länger dauern.

Für die immer wieder biedere Staatsanwältin fällt den Drehbuchschreibern in Stuttgart nach wie vor nichts ein. Sie sieht halt immer aus, als käme sie gerade aus dem Bett und fragt verträumt: Und? Gibt’s Neuigkeiten? Die Kommissare sagen da lieber nichts.

Als Entschädigung erfüllen die Autoren die innigsten Wünsche der Zuschauer. Der Anwalt, das Objekt unseres Hasses, ist, wie sich am Ende herausstellt, selbst kriminell und in den Fall verwickelt. Das ist allzu schlicht konstruiert, der Film wird damit zum Schmarren. Das hat Richy Müller nicht verdient.

Immerhin. Lorenz Jäger von der FAZ ist sehr zufrieden, dass eine Spur ins linksradikale Milieu führt, das seiner Meinung nach für gewöhnlich als harmlos dargestellt wird. Hier endlich mal nicht. Junge, Junge, wo leben wir!

Der Knast als Alibi

Tatorte gibt es, die sind mit dem nächsten Tageslicht schon verblasst. So einer war der gestrige „Freigang” genannte aus Stuttgart, obwohl gegen den Kommissar Bootz (Felix Klare) nach wie vor nichts einzuwenden ist ganz zu schweigen vom Kollegen Lannert, den der unverwechselbare Richy Müller immer beherrscht darstellt. Bootz’ Ehe soll tatsächlich geschieden werden, aber die Ehe ging ja nie besonders gut. Nun agiert Bootz natürlich noch schmallippiger. Die Leichen werden verwechselbar, wenn man sie nicht als Lebende kannte. Hier steht die Frage, ob ein Inhaftierter morden kann, und da der Verdacht besteht, er kann, muss der gute Richy Müller, der gerade aus der Wüste kommt, undercover in der JVA ermitteln. Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um, umso eher, wenn er auf dem besten Wege ist, herauszukriegen, wie das gehen kann, dass ein Inhaftierter auch ohne Freigang mordet. Wir lernen hier, dass die Kripos meistens in voller Bekleidung schlafen und dass sie sich zu ihren geheimen Absprachen im Bordell treffen. Was soll das denn? Da merkt man schon die Schwächen des Buchs, die man durch interessante Locations zu übermalen versucht. Aber was ist an einem Bordell im deutschen Krimi noch interessant? Meine Herren! Reizvoll war der schwäbische Dialekt der Frau Scheffler, deren Mann auch ein Opfer der Korruption im Knast wurde. Und Richy Müller kommt natürlich nicht um in der Gefahr, in die er sich begeben musste. Aber knapp war’s schon.

Der höfliche Detektiv

Dezember 2, 2013 1 Kommentar

Höflicher kann ein Detektiv nicht sein als Thorsten Lannert sprich Richy Müller. Das ist ein Mann, den das Schicksal schwer geschlagen hat und der in der Folge lernte, seine Gefühle zu beherrschen. So gibt es auch keine scharfen Verhöre, sondern leise geäußerte Inständigkeiten wie: „Denken Sie bitte nach.” Und noch einmal: „Denken Sie bitte nach.”

Auf seinen Kollegen Sebastian Bootz (Felix Klare) kann Lannert im Moment nur bedingt zählen. Dessen Frau hat ihn verlassen und sich in die Arme eines Rollstuhlfahrers begeben. Nun wird Bootz von seinen Trennungskindern vereinnahmt, die ihm in ihren Verlassenheitssängsten keinen Spiel- und Arbeitsraum lassen, so dass er sie am Ende mit an den Ort der Tat und der Festnahme nehmen muss, wo sie ihrem Papa aus dem Auto heraus Beifall spenden. Jetzt wissen sie erstmal, was das für ein Mann ist! Ein Mann, wie er wohl auch im Leben vorkommt, einer, der sich ungeschickt kleidet und sich den falschen Friseur und auch die falsche Frau aussucht, aber doch immer wieder mal einen Geistesblitz hat und sei es, um eine schwarze Hundebestie zu zähmen.

Für einen Strang der Tatort-Reihe wird ein gewisser Hang zur Versöhnlichkeit zum Problem. Der hinterlässt nun allmählich den Eindruck, dass wir in Deutschland gar keine richtigen Verbrecher besitzen (die kämen dann höchstens aus den osteuropäischen oder arabischen Ländern), nur Kavaliere, die ab und zu eben ein Kavaliersdelikt begehen, einen Versicherungsbetrug oder einen Missbrauch bei Einverständnis. Zum Ausgleich verfügen wir natürlich über eine Unterschicht mit prekären Trinkgewohnheiten, bei der die verbale Gewalt fast so schmerzhaft ist wie die körperliche. Und in deren Schoß wird eine nymphenhafte Rotzgöre wie Sarah Baumbach groß (Vater Knast, Mutter Klapse), die ihrem Gönner eine Dostojewski-Ausgabe stiehlt, nicht, um sie zu Kohle zu machen, sondern um sie zu lesen, jedenfalls schon mal den ersten Band. „Ich bin bei Dostojewski nie über Seite 50 hinausgekommen”, sagt Lannert aufmunternd. Wahrheit? Anbiederung? Beides ist möglich. Der reiche Gönner wiederum sieht sich als einen Vertreter der Erben-Generation, die das Geld zum Fenster rausschmeißt, das die Eltern mit Blut und Schweiß verdient haben. Denn: „Ich mach mir nichts aus Geld.” So lange er genug davon hat. „Happy Birthday, Sarah” hieß dieser Tatort aus Stuttgart, und Ruby O. Fee als Sarah war dann auch wirklich das emotionale Zentrum des Films. Und Richy Müller und Felix Klare schätzen wir nach wie vor, wie versöhnlich sie auch sein mögen.

Richy oder Die Aura der Ruhe

Richy Müller wirkt als Kommissar Lannert wie ein Zauberzwerg. Der Mann, der weiß, dass er das Schlimmste in seinem Leben hinter sich hat und in dessen Erscheinung die Ruhe eines Menschen zur Aura wird. So gelingt es ihm, seinen Kollegen Bootz, der von seiner Frau verlassen wird, mit gekonntem Schulterklopfen und beziehungsphilosophischen Einlassungen in die Spur zurückzubringen, auch wenn Bootz noch mal den beleidigten Helden spielen muss und im O-beinigen Cowboygang das Grundstück des Nebenbuhlers betritt. Lannert und Bootz funktieren als Team ziemlich gut. Bootz und seine Frau Julia nicht. Die ist der Ehe mit einem Polypen nicht gewachsen.

Der Clou des Tatorts aus Stuttgart sollte der Pakt mit dem Teufel sein. Kann man sich mit einem Verbrecher einlassen, wenn das hilft, ein Kapitalverbrechen zu verhindern? Kann man ihm vertrauen? Die Antwort muss zwiespältig ausfallen. Zwiespältig auch, wie der flämische Schauspieler Filip Peeters den Edelganoven Viktor de Man spielt. Offensichtlich glauben die Flamen, sie könnten ein besonders lässiges Deutsch sprechen. Können sie auch. Man versteht sie bloß nicht.

Und noch eine Frage. Kann es sein, dass Drehbuchautoren bestimmte Rollen oder Schauspieler derart verabscheuen, dass sie ihnen nur blöde Sätze in den Mund legen? So muss die Staatsanwältin Alvarez allenthalben sagen: „Immerhin ermitteln wir jetzt auf Augenhöhe.” „Ich verlass mich auf Sie.” „Oah.” „Sie müssen ja neun Leben haben.” Das könnt Ihr besser, Jugendfreunde!

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Die verliebte Staatsanwältin

Oktober 22, 2012 1 Kommentar

Aus Tatorten und Polizeirufen kennen wir Staatsanwälte als Verhinderer, Umstandsbolzen, Aufschneider, Zauderer und Diktatoren. Stuttgart präsentierte jetzt die verliebte Staatsanwältin. Wenn das mal reicht. Die von Natalia Wörner dargestellte Schwäbin war regelrecht liebestoll („Begierde brennt ihr immer im Gesicht”) und konnte ihr Glück kaum fassen, als sich herausstellte, dass ihr gut betuchter Lover auch noch unverheiratet war und ihr einen ehrlichen Antrag machen konnte. Die Staatsanwältin vernachlässigte ihre Dienstpflichten mit dem Großmut aller Liebenden, und keiner konnte der fröhlichen Frau irgendwas verübeln. Natürlich verlangte die Dramaturgie des Krimis, dass der gute Johannes bald zum Kreis der Verdächtigen zu zählen war und die Staatsanwältin sich selbst als befangen aus der Feuerlinie nahm. Und an ihre Stelle trat der gewohnte Volljurist, ein selbstherrlicher Eierkopp sondergleichen.

Für kommende Stuttgarter Folgen wünschen wir uns also Frau Wörner zurück, reif ist sie schon, und ruhiger wird sie auch noch werden. Muss aber nicht sein.

Es zeigt sich hier wie da: Wenn die Ermittler okay sind, so, wie in Kiel Milberg und Kekilli und hier in Stuttgart Richy Müller und Felix Klare, dann sind wir in der Lage, dem Tatort so manche Wirrnisse und obskure Täter zu verzeihen. Die Ermittler sollen eben nicht populistisch sein und sich beim Zuschauer mit Scherzchen und sogenannten liebenswerten Schwächen anbiedern. Bei Richy Müller durfte man in dieser Folge sagen: Wie die Nase des Mannes – so seine Weisheit und Güte. Er ist lebensklug und hat in fast jeder Lebenslage für jeden und jedes Verständnis. Fast möchte ich sagen: Er ist ein Fatalist (wie ich). Und diesem Kommissar sieht man das nach, wir erinnern uns an einen Schicksalsschlag, den er erlitten hat. Nicht jeden macht das Leben ungerecht und hart.

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Hochnäsige Kritikerstimmen

Noch ist kein Porzellan zerschlagen …

Tatort „Scherbenhaufen” Stuttgart. Zwei Sätze:

„Mein Gott, dann wirke ich ja noch dicker”, klagt der ältliche Unternehmer aus der Porzellanindustrie, als er sich die schusssichere Weste anlegen soll.

„Das wichtigste ist, dass die Tage strukturiert sind”, glaubt der entlassene Angestellte Bischoff noch treuherzig, bis er zum Selbstmörder wird.

Was sonst noch? Die Ruhe von Richy Müller, dem nimmt man das ab. Das rationale Argumentieren, was einem bei anderen wohl auf den Geist gehen würde.

Und das Riesenquantum Schicksal, das ein Schauspieler wie Otto Mellies einbringt, wenn er einen Unternehmer spielt, der seine Firma nicht retten kann, ohne schuldig zu werden.

Solche Tatorte werden von den Damen und Herrschaften des Feuilletons bevorzugt mit Bemerkungen wie „allenfalls mittelprächtige Handlung”, „brav erzählt” eingestuft. Sie sind zwar nur blasse Rezipientengeschöpfe, müssen aber unbedingt zeigen, wie hoch bei ihnen die Latte liegt. Denn wer sich selbst erhöht, der soll erniedrigt werden, denke ich. Mir sagt es zu, wenn die Dialoge nicht durch forcierten Raumton zugedeckt und unverständlich werden, wenn die Story logisch und nachvollziehbar ist, wenn die Realität dieses Landes beschrieben wird (was auch eine Wertung beinhaltet) und wenn man sich nicht in eine Szene begibt, von der man letztlich doch keine Ahnung hat (Fußball, Popbranche). Ist nur zu hoffen, dass sich die Leute vom TV nicht durch die hochnäsigen Kritikerstimmen verunsichern lassen.