Archiv

Posts Tagged ‘Prag’

Die Zukunft ist immer jetzt

zigeuner_1Nicht leicht, sich vorzustellen, dass diese Jungs inzwischen Männer um die vierzig sind. Sie liefen Brachwitz 1973 in Prag über den Weg, also einer Stadt mit einem Fluss in ihrer Mitte, in der eben alles ein bisschen anders ist als in Städten ohne einen solchen Fluss. Am Ufer der Moldau. Damals glaubten diese Jungs vielleicht noch, dass sie Zigeuner sind. Die Männer von heute sind Sinti oder Roma, wir lernen ohne Pause dazu. Einer der Jungs, der links da, ist natürlich Tscheche oder Böhme. Wie kam er zu den Zigeunern oder die Zigeuner zu ihm (ich rede von 1973)? Ich weiß nur von meiner Stadt in Mecklenburg, dass da manchmal ein Zigeunerlager durchzog. Die Zigeuner ließen sich auf der sogenannten Schützenwiese nieder, hängten ihre Wäsche auf, zeigten ihre Kunststücke, und einmal kamen sogar zwei Zigeunerkinder für drei Tage in unsere Schulklasse und lernten etwas zusammenhanglos, was sie noch nicht oder schon längst wussten. Diese Jungs blicken den Fotografen an, aber mehr noch ihre Zukunft, von der sie noch nichts wissen. In Zusammenhang mit dieser Zukunft haben sie Wünsche und Sehnsüchte, in Zusammenhang mit ihrem realen Leben haben sie ihre Zweifel an dieser Zukunft. Die Zweifel sind nicht mal beseitigt, wenn sie lachen. Das war damals nicht anders als heute, wo die Zweifel einfach nur noch massenhaft auftreten. Schaffen wir das? Wir und sie?

Prag 1973 – ein Lachen für die Zukunft © Christian Brachwitz

Prag 1973 – ein Lachen mit Zukunft
© Christian Brachwitz

Kategorien:Brachwitz weekly Schlagwörter: , , ,

Nie wieder! Oder mal sehen

Der Himmel der Daheimgebliebenen. Berlin Kreuzberg

Der Himmel der Daheimgebliebenen. Berlin Kreuzberg

Urlauber kehren heim.

„Eine Woche Mallorca. Das reicht auch. Ach, das war schon viel zu viel. Die Sonne! Die Sonne! Das hältst du ja nicht aus.”

„Nach Helsinki zu fahren, in den Norden, war schon die richtige Entscheidung. Na ja, das Quartier. Drei Personen, ein Bett, dazu eine Art Luftmatratze, die bei jeder Bewegung Lärm machte. Geschlafen haben wir wenig. Und unsere Reisegefährtin war immer begeistert, auf so ’ne niedliche Art. Ist nicht jedermanns Sache.”

„Prag, sehr schöne Stadt, kann man viel sehen. Wir haben eine Wohnung gemietet, haben selbst gekocht, waren nur einmal essen. Was sehr preiswert war. Drei mal Eisbein, drei Bier, drei Cola, umgerechnet 40 Euro. Also, das kann man öfter machen.”

„Wir waren am Bodensee, aber nie wieder. Der Bodensee ist zwar der größte See Deutschlands, aber trotzdem ist dort alles klein und piefig bei 41 Grad im Schatten. Was nicht klein und piefig ist, sind die Grundstücke der Reichen, direkt am Ufer. Deshalb kommt man auch nicht ans Wasser ran. Ist alles privat. Bis auf eine Badeanstalt mit saftigen Eintrittspreisen und außerdem total überfüllt. Als wir am ersten Abend im Garten saßen, immer unter den Augen der Vermieter, die uns ungefragt duzten und ständig zutexteten, an einem schmiedeeisernen Tischchen, auf kleinen schmiedeeisernen Stühlchen, schossen mir die Tränen in die Augen. Wenn wir abends nach der Tageshitze endlich die Vorhänge aufziehen konnten, stapfte draußen der Hausherr zwei Stunden lang vorbei, um per Handpumpe und Gießkanne den Garten zu wässern, so dass wir die Vorhänge wieder zuziehen mussten. Schließlich gaben wir entnervt auf und flohen an die Nordsee.”

Kategorien:Deutsche Grammatik Schlagwörter: , , ,

Als wir warteten

Es war nicht alles schlecht, schon gar nicht in Prag © Christian Brachwitz

Es war nicht alles schlecht, schon gar nicht in Prag
© Christian Brachwitz

Was macht denn der Mann da in der Schlange und dies auch noch in vorderster Position? Ziemlich unverständlich. Anstehen gehörte in den Zeiten der Stagnation zum weiblichen Rollenverhalten (wenn ich jetzt nur nichts Falsches sage, das mir auf die Füße fallen könnte). Man sieht auch gleich warum. Für Frauen war Anstehen nicht nur Anstehen, sondern auch Anlass und Gelegenheit für Kommunikation und Klatsch. Je älter die Damen sind, desto angeregter gestaltet sich das Gespräch; da braucht frau noch nicht mal ’ne Tasse Bohnenkaffee dazu. Motivierend mag auch die Nähe dieses doch recht stattlichen Mannes sein; er scheint ja mindestens genau so viel zu wiegen, wie alle anstehenden Frauen zusammen auf die Waage bringen. Könnte ein Eishockeycrack sein, wir sind in Prag 1978, die Tschechen hatten seinerzeit prächtige Eishockeyteams. In diesem Laden gibt es übrigens Fleisch und Räucherware (wenn es denn etwas gibt). Aber der Mangel scheint die böhmischen Bürger nicht zu erschüttern, schon gar nicht das Früchtchen, die dritte von rechts. Selten hat man in einer Schlange eine so kokette Person gesehen, selten auch eine Bekleidung, die so viel Lebenslust verspricht, sie ist mit ihren Gefühlen ganz woanders, Sorge bedrückt sie nicht, wir können sicher sein: Sie bekommt auf jeden Fall etwas unterm Ladentisch, wenn der Fleischer selbst verkauft und nicht seine Frau.

Kafkas Welt

Der Kafka-Block

Der Kafka-Block

Kafkas Welt liegt jetzt vor mir wie drei offene Bücher. Klar, es handelt sich um die dreibändige Kafka-Biographie von Reiner Stach. Achtzehn Jahre hat der Biograph benötigt für diese 2000 Seiten, und er fing nicht mit dem Anfang an, sondern mit der Mitte von Kafkas Leben, die Jahre der Entscheidungen, es folgten die letzten Lebensjahre und das Ende Kafkas 1924, die Jahre der Erkenntnis, und schließlich, zum Schluss das, was eigentlich an den Anfang gehört hätte, 1883 bis 1911, die frühen Jahre. Warum das erste zuletzt? Weil Stach hoffte, noch an das in Israel liegende Material aus dem Nachlass von Kafkas Freund Max Brod heranzukommen, was nur punktuell gelang. So war die Materiallage für diese ersten Jahre schlecht, und ich wage zu behaupten, wenn Stach wirklich mit diesen ersten Jahren begonnen hätte, wäre der Erfolg dieses biographischen Werks nicht so enorm gewesen, der natürlich auch dem S. Fischer Verlag gezollt werden muss. Stach hat sich richtig reingehauen, in Kafkas Welt, die Welt der böhmischen Dörfer, in der Kafkas Vater aufwuchs, das Leben der Tschechen, Deutschen und der Juden in Prag, die Ambivalenz der Kräfteverhältnisse zwischen den Bevölkerungsgruppen, die Chancen und Bedrohungen, die sich die Juden erhofften und denen sie ausgesetzt waren, die Situation der Schulbildung in Prag, die Lage der Frauen zwischen Familie und Beruf, Prostitution, intellektuelle Zirkel, berühmte Dichter und Wissenschaftler, die in Prag auftraten, Freizeitverhalten vom Schwimmen und Eislaufen bis zu den frühen Jahren des Kinos, das alles hat Stach recherchiert und auf Kafka rückgeschlossen, da, wo das Material über Kafka selbst dünn oder einfach nicht vorhanden war. Und Stach hat die erstaunliche Gabe, aus dem Hintergrundmaterial ein Vordergrundmaterial zu machen. Man liest auch diesen Band mit Gewinn, man findet Parallelen und Analogien zum Leben sonstwo in der Welt und zum Leben heute, und wenn man sich fragt, ob man wirklich auch Kafka kennt, wenn man Kafkas Welt kennt, dann ist das letztlich auch kein Drama. Es ist gut, dass Reiner Stach Franz Kafka geerdet hat. Literatur ist keine Zauberei.

Gefäß Gottes

Plötzlich im Jahr 77 in Prag © Christian Brachwitz

Plötzlich im Jahr 77 in Prag
© Christian Brachwitz

Den frommen Mann fand Brachwitz in Prag. Steht da wie ein Gefäß Gottes, dachte er, passt auf, dass die Touristen nicht auf den Boden der heiligen Gemäuer rotzen. Ein schöner Mann, ein strenger Mann. Es genügt schon, dass er da steht, um gar nicht erst auf dummen Ideen zu kommen. Man hält es für möglich, dass er Wunder vollbringen und Sünder verfluchen kann. Das Gesicht, das aus dem Dunkel hervortritt, die verschatteten Augen. Das Licht und die Finsternis. Sonneneinfall und schwarze Schatten. Woran glauben wir, wenn wir glauben? Dass es das Unerklärliche gibt. Mystik. Fatum, das Schicksal. Wenn wir die Energie haben, können wir viel in unserem Leben selbst bestimmen. Wenn wir Glück haben auf lange Sicht, könnten wir zu der Einsicht kommen, dass uns das Schicksal nicht immer verschont, aber es trotzdem gut mit uns meint. Auch wenn man das nicht immer wahrhaben will. Und wenn man den frommen Mann anschaut, dann glaubt man vielleicht weniger an Glauben als an Askese. Oder an Verzicht. Vieles, was man für unverzichtbar hielt, braucht man nicht. Darum muss man sich nicht bemühen. Kein schlechter Gedanke zwischen den Jahren.

Kategorien:Brachwitz weekly, Fatalisten Schlagwörter: , , ,

Kafka war nicht kafkaesk

Prager Fassade 2012. Kafka ist noch vorstellbar

Prager Fassade 2012. Kafka ist noch vorstellbar

Gestern vor 130 Jahren wurde Kafka geboren. Wäre ein Grund gewesen, ein paar Worte zu verlieren. Kann auch heute noch ein Grund sein, bei Kafka soll man nicht pedantisch sein, obwohl er das vermutlich auch war: ein Pedant.

Es gibt diese bewunderungswürdige Kafka-Biographie von Reiner Stach. Zwei Bände sind erschienen, ein dritter wird kommen. Wenn man diese Bände liest, kann man zu dem Resultat kommen: Kafka war gar nicht kafkaesk. Er war keine Gestalt, die nicht von dieser Welt war, er war nicht voller Mysterien. Was er schrieb, war rückführbar auf reale Personen, Orte, Ereignisse.

Er war ziemlich groß (1,81 m) und sehr dünn. Er traute seinem Körper nichts zu („Gewichtlos, knochenlos, körperlos zwei Stunden lang durch die Gassen gegangen …”), er war hypochondrisch, und die Krankheiten ließen nicht lange auf sich warten. Er verbrachte viel Zeit in Sanatorien und Wasserheilanstalten. Trotzdem wollte er in den Krieg ziehen. In den 1. Weltkrieg. Unbedingt. Vom Krieg versprach er sich die Erlösung von einer Existenz, die ihn manchmal fast erstickte. Er litt unter seinem dominanten Vater und liebte seine Schwester Ottla. Ottla versuchte, eine Art Kommune auf dem Land aufzubauen, da konnte Kafka sich ein Leben vorstellen. Er konnte sich auch, aber nur voller Zweifel, ein Leben in Berlin-Karlshorst vorstellen, ein Leben mit Felice Bauer, mit der er mehrmals verlobt war, ein Leben fern von Prag, von der Familie, von seinem Amt. Er arbeitete bei der Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt für das Königreich Böhmen und hatte Einblicke in verheerende Zustände. Mit dem 1. Weltkrieg trat eine neue gespenstische Gestalt in die Wirklichkeit der großen Städte: der Kriegskrüppel. Der mit einem bis dahin unbekannten technischen Aufwand geführte Krieg führte zu unglaublichen Opfern, Toten und Versehrten. Darauf war die Gesellschaft nicht eingerichtet. Was tun mit den Kriegsgeschädigten, die nicht nur körperlich, sondern auch psychisch verletzt waren?  Eine Aufgabe, die in Böhmen der Anstalt zufiel, bei der Kafka beschäftigt war.

Er war hellhörig. Er floh vor Geräuschen und fand keinen Ort, an dem er von Geräuschen ungestört leben konnte. Kafka war der Mensch, der niemals schläft. So zu sagen. Die Nacht war ihm nicht Nacht genug. Die Ruhe, die der Schreibende braucht, war unerreichbar: „ein wenig flüstern wird man immer, die Türglocke wird läuten, gestern hat der Mieter zweimal gehustet, heute schon öfter, sein Husten tut mir mehr weh als ihm.”

Kafka war ein Mann, der in der Literatur alles, und im Leben so wenig wagte.  Der Junggeselle der Weltliteratur mit dem Hang zur ständigen Selbstdenunziation. Er gab sich der Askese hin, dem Verzicht, er verzichtete auf vieles, warum? Stach meint aus Todesangst, Angst vor Entgrenzung, Verflüchtigung. Nicht an Genie, an Mut hat es ihm gefehlt, befand Ernst Weiß.