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Helden des Ostens (10): Das Schriftstellerheim

Ein See war immer in der Nähe eines Schriftstellerheims
© ADe

In Petzow waren wir im Oktober 1988. Wir hatten das Zimmer 5 mit Blick auf den See, der sich im Nebel auflöste und nirgendwo endete. Die Zeit verging langsam. Anders war es, wenn man mal nach Potsdam fuhr. Der Bus, der ewig nicht kam, der Lärm, der Dreck der Autos, das Gedränge im Bus, das Festhalten, damit man nicht umfällt. Die niedrige, zusammenhanglose Stadt. Der Lichtblick ist „Das Internationale Buch”: Nabokov, Philip Roth, Henry James.

Im Heim eine kleine, in Familien zersplitterte Gesellschaft. Die Beckers, die Rohsners,, die Habibis und wir. Alle mit Kindern. Familie Rohsner ist ohne ihren Dichter angereist, dafür mit Oma. Frau Rohsner wie bigotte Mütter in italienischen Filmen. Die Haare straff zurückgekämmt und hinten zum Knoten zusammengebunden. Die Tochter mit Mäuseblick. Der Sohn ununterbrochen grimassierend und um Aufmerksamkeit bettelnd.

Becker aus Karl-Marx-Stadt mit Frau und halbwüchsiger Tochter versucht, Gemeinsamkeiten herzustellen, interfamiliäre Kommunikation. Sein Gesicht glänzt, ich weiß nicht wovon. Die Mutter sagt zur Tochter: Holst du deiner gestressten Mutter noch ’ne Flasche Bier, mein Kind? Sie bekämpft ihr Sächsisch, das dadurch nur noch penetranter zutage tritt. Ihr Problem als Abonnentin der Zeitschrift „Sowjetliteratur” ist, dass wir die neuen sowjetischen Bücher nicht drucken. Ansonsten gibt sie sich gern als Historikerin aus.

Herr Becker erscheint nicht zum Frühstück. Er ist zum Arbeiten nach Petzow gekommen, nicht zum frühstücken, und erwartet noch einen Mitarbeiter des Fernsehens, der später und größer als erwartet erscheint und Geschichten von seinem Auto erzählt. Meine Kinder nennen ihn den Riesen Glombatsch, ich sage: der Fernsehochse, was sicher ungerecht ist.

Frau Habibi hat ein kleines Mädchen dabei, das einen arabischen Vater zu haben scheint. Der Mann, der manchmal an ihren Tisch sitzt, ist allerdings kein Araber. Manchmal ist er da, manchmal nicht, er. Er belauert das geheimnisvolle Kind und sagt ihm gelegentlich vernünftige Sätze. Frau Habibi sieht aus wie die positive Ferienhelferin. Ihr blassblondes Gesicht ist von manchen Schicksalsfügungen strapaziert.

Der Fernsehochse soll hier mit Becker ein neues Fernsehspiel aus der Taufe heben, aber eigentlich interessiert ihn nur seine Frontscheibe. Die ist ihm auf der Herfahrt zerbrochen. Nun hat er eine neue eingesetzt bekommen, wer weiß, ob ihm das in Berlin gelungen wäre. Die alte war auch schon so dreckig, dass er die hätte waschen müssen. Er kennt alle möglichen anderen Frontscheibengeschichten, zum Beispiel, wie ein Bussard einmal eine Frontscheibe durchstieß und die Heckscheibe gleich noch mit. Frau Becker revanchiert sich mit Friseurgeschichten aus Karl-Marx-Stadt. Man kann sich nur montags um sechs Uhr früh anmelden, wenn man das nicht schafft, muss man ein Vierteljahr warten.

Am dritten Tag sitzt Becker da mit breitem tragisch-zufriedenen Gesichtsausdruck, der die ganze Familie und auch den Fernsehochsen zu umfassen scheint. Die Heimleiterin vergewissert sich hinsichtlich der Abreisetage. Haben Sie das Taxi schon bestellt, fragt sie. Ja, sagt Becker. Bis Karl-Marx-Stadt? Um Himmelswillen, krächzt er. Ich bin doch keen Hollywood-Autor. Alles lacht. Die Gelegenheit scheint ihm günstig, dem Fernsehochsen anzutragen, die Heimkosten zu übernehmen. Nicht ihre, er weist auf seine Familie, aber meine. Ist doch ein reiner Arbeitsaufenthalt!

Der riesige Rücken des Fernsehochsen versteift sich. Da muss ich mich erkundigen, sagt er schließlich.

Gemessen am Fernsehochsen, der wie ein gescheiterter Zehnkämpfer aussieht, wirkt Becker mit seiner Haarhaube und seinen glänzenden Backen wie eine verwunschene Kröte.

Am letzten Abend erzählen Beckers, dass der Fernsehochse dem polnischen Hochadel angehöre, weshalb die gewöhnlichen Dinge des Lebens für ihn keine Relevanz besitzen. Er wartet halt darauf, dass er seine Ländereien wieder in Besitz nehmen kann, hat sich aber einstweilen mit einem Grundstück an der Ostseeküste versorgt, das mit Bungalows vollgestopft wird. Herr Gerd, spricht die Heimleiterin ihn an, weil – Ihren Nachnamen kann ich nicht aussprechen, er heißt nämlich Smiecziek. Eines Tages putzt sie ihn herunter, weil er nicht zum Frühstück erschienen ist. Sowas wie Sie, sagt er später gekränkt, hätte bei uns nicht mal Ställe ausmisten dürfen.

 

Teenagerin sagt die Radio-Frau

Wir gehen getrennte Wege
© Fritz-Jochen Kopka

Das war 2017: Juli – August – September

Im Supermarkt stehen Frauen in Zweiergruppen und reden vom großen Regen. Die Katze macht, was sie will. In Deutschland verzweifeln viele Leute an ihren Nachbarn. Man muss nur zu schweigen verstehen. Der Hund hatte es im Rücken. Der Busfahrer war verwitwet und suchte händeringend nach einer Frau. Der Schornsteinfegermeister zog gebügelte und gestärkte Stofftaschenbücher aus der Tasche. Er ist achtzehn und verbringt viel Zeit im Bett. Der kleine Herr Schmidt war erschüttert. Ich lese Verlorene Illusionen, der E-Book-Reader fällt mir aus der Hand. Die Ärztin sieht aus wie das blühende Leben oder hat, anders gesagt, die Kontrolle über ihr Gewicht verloren. Granin stirbt mit 98 Jahren. Leningrad. Die Blockade. Der Hunger. Mein Leutnant. Einer kennt einen, der gerade in Klagenfurt liest. Wenn ein Juror nicht witzig war, glich er das durch Niedertracht aus. Die Verlierer haben hinterher immer schon vorher gewusst, dass sie verlieren werden. Er ging davon, ohne sich vor dem Publikum zu verneigen. Helden sind so. Je älter man wird, desto weniger bekommt man geschenkt. Sie haben die Freiheit, in ihrer Wohnung zu rauchen, aber sie rauchen auf dem Balkon. Er geht mit seiner Freiheit so sorgsam um wie mit seinem Geld. Nur am Anfang schmerzten die Beine. Diane Lane über amerikanische Filme: „Es muss immer größer als das Leben sein.” Do swidania – die Russin ist entzückt, die Rentnerin verstört. Die Männer wirken wie Statisten, denen kein Regisseur gesagt hat, was sie tun sollen. Ein greiser Philosoph, dem sein schwarzer Anzug mit den Jahren viel zu groß geworden ist, irrt mit wirrem Haar durchs Lokal. Sie muss zu vielen Ärzten und lange warten, um nichts zu erfahren. Ein Mann, eine Frau, ein dickes Kind, ein chancenloses Leben. Frauenfußball-EM. Siehst du ein Spiel, kennst du alle. Die Zahnärztin ist dünner und glücklicher geworden. Mit meinen Zähnen ist sie einverstanden. Der Schwerhörige: Wenn ich weiß, was du sagen willst, dann versteh ich auch alles.

Ich denke schon ein Weilchen über die Metaphysik der Illusionen nach. Sie schleppten nicht den Rucksack einer glorreichen Tradition mit sich herum. Aldi nimmt die Eier raus. Auf die gnadenlose Hitze sind wir nicht mehr eingestellt. Die Losung des Tages ist Flucht in den Schatten. Der Doping-Clown. Ein Monat zum Sterben. Es war wieder so ein Tag, an dem Verheugen sich vorgenommen hatte, heute überhaupt nichts zu sagen, um dann zu reden wie ein Wasserfall. Ich bin eben allein. Selbstgespräche zählen nicht. Ich saß im Garten und las Nietzsche. Menschen ohne Eigenschaften, aber mit Espresso. Sehnsucht nach der Vergangenheit. Die Bettler betteln am Rewe-Markt. Die Filiale von Zweitausendeins ist verschwunden, die Bärenschenke sowieso. Ein Zahnarzt geht vorbei. Er lächelt diabolisch. Die Philologen sind an allem schuld. Gegen Meppen half uns der Schiedsrichter beim Verlieren, nun half er uns beim Siegen. Schiedsrichter, sagt der Erfurter Trainer, sollen Spiele leiten, sie sollen sie nicht entscheiden. Der Hochmut der Unterschicht gegenüber allen, die vermeintlich noch etwas tiefer stehen, und allem, was sie nicht verstehen. Er lag im Bett und drückte bei laufendem TV-Gerät aufs Handy. Der Gärtner hat keinen, der das pflücken und fressen will. In einer Beziehung mit einem BMW. Tag und Nacht scheinen nicht aufhören zu wollen. Hier ist der Treffpunkt des Zeitfensters. An solchen Tagen kannst du Potsdam hassen. Es scheint die flachste Stadt der Welt zu sein. Grillvorbereitungen in der Vorstadt.

Das Zusammenbauen löste die übliche IKEA-Verzweiflung aus. Unten gaben Familien ihre Kinder zum Spielen ab. Was ist unsterblicher als die Idee ewigen Lebens? Verheugens Uhr bleibt stehen. Er weiß nicht mehr die Zeit. Man muss da einfach partikularer denken. Zum Teil gehört jeder Mensch einer Minderheit an, zu anderen Teilen eben einer Mehrheit. Er repräsentiert das eine so gut wie das andere. Es war mir ein Vergnügen, wenn auch kein ungetrübtes. In Weißensee, wo seine Praxis ist, formiert sich der linke Protest gegen den rechten Zahnarzt. Der Befreite steht da, mit leeren Händen, erschöpft, ausgelaugt. „In der Tat machten uns die Verteidiger des weiblichen Geschlechts damals weis, dass wir die Frauen ausbeuteten und erniedrigten, die wir nicht heirateten.” Seltsam, dass besonders grobe Menschen so gern die Formulierung „vom Feinsten” verwenden. Man war ein Gespött der Leute. „Die Stasi war mein Eckermann” …, und ich war mein Goethe. „Teenagerin”, sagt die Radio-Frau. Soll ich dir sagen, was die gewählt haben? Ein Wahlhelfer isst sein Butterbrot. Ich weiß nicht, ob es überhaupt noch Sinn macht, Alkohol zu trinken.

Mehr Rückblick gibt’s dann erstmal nicht. Oktober, November, Dezember – das war ja gerade erst

Östliche Bilder, preußische Speisen

November 18, 2017 2 Kommentare

Fünf Gebäude ergeben noch kein Ensemble
© Fritz-Jochen Kopka

Die Kunstreise, die Verheugen und ich unternehmen, scheitert in keinem Punkt. Regionalzug von Alexanderplatz nach Potsdam Hauptbahnhof. Der Weg vom Bahnhof zum Barberini Museum ist kurz, führt über eine Brücke, wir sehen das umkämpfte DDR-Hotel „Mercure”, das Günter Jauch, Hasso Plattner und Mathias Döpfner am liebsten persönlich abreißen würden. Es gibt zwei Potsdams. Jenes, der Ureinwohner, und dieses der neu zugezogenen Stifter und Spender, die das preußische Potsdam wieder haben wollen, wozu sie die Spuren der DDR beseitigen müssten, aber die Alteingesessenen haben unter der DDR offensichtlich nicht so gelitten, wie diese Neubürger, die sie, die DDR, nicht erlebten. Und dann gibt es noch uns, die Berliner, die der Meinung sind, dass die wirkliche Stadt in Potsdam nirgendwo anfängt. Alles ist flach, zufällig und fügt sich nicht zusammen. Du hast doch gesagt, sagt Verheugen, dass in Potsdam auch die dünnen Leute dicke Ärsche haben, wo sind die denn. Sie lassen die heute nicht raus, sage ich.

Lost in Exhibition

Im Museum Barberini, das der Software-Unternehmer Hasso Plattner so großzügig und vorbildlich wieder aufgebaut hat, zeigen sie unter dem Titel „Hinter der Maske” DDR-Kunst und wollen in einer vornehmen Geste vorführen, dass es nicht nur platten sozialistischen Realismus im Osten gab. Aber das wussten wir schon. Trotzdem ist es großartig, hier viele schöne Bilder wiederzusehen und einige Entdeckungen zu machen. Für schlappe 14 Euro. Der Herr ist aus der alten DDR, sage ich und zeige auf Verheugen, er hat gehört, dass er hier für die Hälfte reinkommt. Die Kassiererin ignoriert die Bemerkung total. Mit deiner Art von Humor können sie hier nichts anfangen, sagt Verheugen. Er hat den Eintrittspreis längst in Schnaps umgerechnet. 14 Euro, sagt er, das wäre eine ganze Flasche Johnny Walker. Davon hätte ich länger was. Das kannst du doch gar nicht wissen, sage ich. Einige Bildeindrücke prägen sich deinem Gedächtnis ein und werden dich noch lange beschäftigen, bis in die Träume. Warum nimmt der so viel Eintritt, der Plattner, mosert Verheugen. Der hat hier viel Kohle reingesteckt; das muss sich einigermaßen rechnen, sage ich. Wenn er kein Geld hat, dann soll er sowas nicht machen, sagt Verheugen. Er drückt seinen Unmut aus, indem er vor jedem Bild grämliche Grimassen schneidet.. Dann aber erwärmt er sich für das Gemälde „Hinter der Tür” von Wolfgang Peuker und ein Atelierbild von Otto Möhwald. Das ist Poesie, sagt Verheugen, das ist poetisch.

Hinter der Tür von Wolfgang Peuker

Ich sehe eine mir bekannte Gestalt auf einem Gemälde von Arno Rink, den Kunstkritiker Henry Schumann, wie er in meinen Studentenjahren mürrisch im Café Korso in Leipzig saß, mit dicken Brillengläsern und dicken Lippen, er sah aus wie ein Buchhalter, und dann war plötzlich sein großartiger Band „Ateliergespräche” da, besonders originell war das Gespräch mit Werner Tübke, der nicht müde wurde, Schumann zu belehren und zurechtzuweisen. Er war ein ganz spezieller Fremder, ich meine Tübke, wir saßen auch mal in seinem Atelier und waren impertinent genug, ihn zu fragen, ob er Depressionen kenne, das geht über die Grenzen, meine Herrschaften, diese Fragestellung, sagt er, aber die Frage nach Selbstzweifeln ließ er zu: Das kommt doch gar nicht in Frage. Aber natürlich weiß ich: Was du heute Vormittag gemacht hast, das ist zwar in Ordnung, aber es hätte ein Spur eleganter kommen können.

Einige Selbstbildnisse von Tübke finden wir in der Ausstellung, irgendwo im Süden, mit breitkrempigem Hut, mit schnellen Hunden, ein Mann, der vielleicht auch sich selbst fremd war. Willi Sitte, och unter dem Einfluss von Pablo Picasso. Künstlerbilder von Harald Metzkes und Peter Herrmann, berühmte Maler wie Wolfgang Mattheuer und Bernhard Heisig, weniger bekannte wie Jutta Damme und Thomas Ziegler.

Es bleibt doch wie immer Enttäuschung und Leere zurück, sagt Verheugen draußen vor der Tür. Er ist in seinen Pessimismus verliebt. Hinter der Maske. Das impliziert, dass in der DDR alle eine Maske trugen, und dass nur zählt, was hinter der Maske war. Eine solche Deutung kann ich nur vermessen nennen.

Kann man in Potsdam etwas essen und Bier trinken – sieht nicht so aus. Bis wir das Restaurant Loft finden, zu erreichen mit dem Lift im dritten Stock. Die Welt ist sofort in Ordnung. Kellner, denen ihr Job Spaß macht, und ein ambitionierter Küchenchef. Preußische Traditionen, Gewürze wie zu Friedrichs Zeiten. Wo sonst, wenn nicht hier, ist das angebracht. Der Abschied von Potsdam fällt versöhnlich aus. Wir sind bereit, unsere Vorurteile zur Disposition zu stellen.

Alles von Adel

Sanfter Anstieg zum Schloss
© Kopka, ADe

Während wir in Griebnitzsee auf den 616er Bus warteten, trat ein junger Mann auf uns zu, der kaum noch gehen oder stehen, aber noch lächeln konnte, und bat um eine Zigarette. Wir sind Nichtraucher. Er war sehr enttäuscht, wie tief die Menschheit schon gesunken ist. Im Bus legte er den Kopf auf die Rückenlehne und schlief ein bisschen. Einen jungen Farbigen fragte er aufwachend abermals nach einer Zigarette, aber auch der war Nichtraucher, und der Glaube des Rauchers an die Menschheit war auf dem Tiefpunkt. Er stieg bei der nächsten Haltestelle aus, schwankte die Stufe hinunter und fiel in eine Hecke. Mit Lulle wär das nicht passiert. Wir wollten zum Park Babelsberg, einst von Peter Joseph Lenné angelegt und von Fürst Pückler fortgestaltet, und da waren wir schon, am Pförtnerhaus I.

Die Touris sind erstmal baff

Es war nicht leicht, im Netz etwas Handfestes über den wegen seiner Grenzlage verwahrlosten und nun wiederhergestellten Park zu erfahren, aber nun sahen wir die lichten Weiten der sanft geschwungenen Wiesen und Schlossterrassen, strukturiert von Baum- und Buschgruppen, fassten über den Tiefen See und die Havel hinweg das andere Ufer und die Glienicker Brücke ins Auge und entdeckten auch die künstliche Quelle und den Bachlauf, Teile des Pücklerschen Bewässerungssystems, von einer Dampfmaschine betrieben, was zu seiner Zeit eine Innovation war.

Highlife im Café Babel

Im Schloss, einem Schinkelbau, dessen Fassaden und Dächer jüngst rekonstruiert wurden, kannst du die Ausstellung Pückler.Babelsberg besichtigen, wenn du zehn Euro zahlst und dich in ein noch nicht ausverkauftes Zeitfenster einsortieren lässt, in unserem Fall 14.20 Uhr, da haben wir noch viel Zeit und lassen uns am Café Babelsberg nieder neben einem Potsdamer Ehepaar, das nicht gerade glücklich ausschaut. Der Kaffee ist lauwarm, klagt die Frau, sie haben die Milch aufgeschäumt, aber nicht erhitzt.

… und keine Frage offen

Die Bratwurst ist auch ’ne Katastrophe, sagt der Mann. Das kann er nur von früheren Besuchen wissen, denn heute hat er in einer profimäßigen Tupperdose – ich sag mal – leckere, selbst belegte Brötchen mitgebracht, die er mit einer gewissen Heimlichkeit unterm Tisch hervorzaubert. Den Kaffee zurückgehenzulassen, hat die Frau keine Lust, ist ihr zu anstrengend.

Ich meine, auch wenn die Potsdamer Verantwortlichen auf Schritt und Tritt zeigen wollen, dass sie verstanden haben, wie die Marktwirtschaft funktioniert, kann das doch nicht die wunderbaren Schwünge der Schlossterrassen verderben, auch wenn hier und da ein paar unmotivierte mickrige Beete und Gruppen von Topfpflanzen den Eindruck verniedlichen.

Sieht aus wie Kitsch, ist aber Gartenkunst

Wer hat die Töpfe vergessen?

 

Ist hier der Treffpunkt zur Führung?

Hier ist der Eingang des Zeitfensters, sagt die streng uniformierte Wärterin, uns gleichzeitig bestätigend und korrigierend. Das Wort Zeitfenster macht hier Karriere. Nun ja. Eine Führung gibt es auch nicht. Wir sehen in suboptimal ausgeleuchteten Räumen Porträts und Zitate der handelnden Personen, Hermann Fürst von Pückler-Muskau, Preußischer Gartendirektor Peter Joseph Lenné, Augusta, deutsche Kaiserin und Königin von Preußen, Wilhelm I., deutscher Kaiser und König von Preußen. Der Erkenntnisgewinn hält sich in Grenzen, ist auch nicht so wichtig. Die Natur, auch in ihren noch verwilderten Bereichen, obsiegt sowieso.

So transportierte Fürst Pückler umzupflanzende Großbäume

Wir verlassen den Park hinter dem Flatowturm und sind schon fast in Potsdam. Noch ein Stück mit der Tram, Platz der Einheit, wir sind mitten in der Stadt, aber für unseren Geschmack fängt sie immer noch nicht richtig an. An solchen Tagen kannst du lernen, Potsdam zu hassen. Es scheint die flachste Stadt der Welt zu sein. Die Straßen schnurgerade, ohne je eine mutwillige Biegung zu beschreiben, die Häuser kommen kaum über ein erstes Stockwerk hinaus. Kein Wunder, dass für den Abriss des Hotelhochhauses gekämpft wird; das passt hier einfach nicht. Die Potsdamer genießen den Vorzug, jeden Tag an Schlössern vorbei durch königliche Gärten und Parks zu wandeln; was soll ihnen noch die Stadt!

Potsdam ganz bei sich

Die Wirte haben ihr Mobiliar unter die großen Sonnenschirme auf die Straße gestellt, und es sieht jedesmal so aus, als würdest du hier lange warten und für ein mäßiges Essen einen saftigen Preis bezahlen müssen. Kann nur so ein Eindruck von uns sein, gegen den man sich aber nicht wehren kann. Also bleibt als kleinster gemeinsamer Nenner eine Pizzeria, während sehr viel Übergewicht stolz und aristokratisch gestimmt an uns vorüberzieht. Auch auf die Pizza müssen wir lange warten, dafür hat der Pizzabäcker an den scharfen Salamischeiben vorbildlich gespart. Wir fühlen uns bestätigt und sind versöhnt. Gibt sone und solche. Und Potsdamer!

Der kurze Schatten des Eroberers

Mit eher gesenktem Kopf, ohne Angst und ohne Lust, erobert der Junge das Neuland, Potsdam 1984, heute vor dreißig Jahren. Neuland oder Neubaugebiet war Abenteuerland. Die Firmen verließen ihre Baustellen, wie Firmen ihre Baustellen einfach nicht verlassen dürften, aber es dennoch taten, der Boden aufgewühlt, bucklig, Reste des Baugeschehens lagen herum, bizarre Rohre endeten im Nichts. An einem Gebäude findet sich immerhin der Name Karl Marx. Keiner musste in seinem Grab so heftig rotieren wie er. Man hatte dieses Gebiet erst noch zu erobern, die Straße, wenn man überhaupt eine erkennen konnte, war voller Überraschungen, die Pläne gingen erst mit Verspätung und inkomplett in Erfüllung, die Bauleute hatten sich Volker Brauns Zeile „Kommt uns nicht mit Fertigem” ins Stammbuch geschrieben. Schönheit war nicht eingeplant. Man zog ein in einen neuen Block und sollte glücklich sein, musste aber zur Kenntnis nehmen: Es gibt noch viel zu tun. Wenn wir es nicht selbst tun, tut es wahrscheinlich niemand.

Und doch und doch und doch. Das Foto hat für mich eine spezielle Poesie. Ein Junge allein vor einem inhaltlosen Feld. Der Western im Osten. Er kann nicht wissen, was auf ihn zukommt, im nächsten Moment und in fünf Jahren. Er geht es in der einzig möglichen Haltung an. Die Jacke über die Schulter geworfen. Der Blick auf die unwegsame Erde geworfen. Ohne Erwartungen, ohne Hemmungen. Einen kurzen Schatten werfend. Was kommt, soll kommen. Ich nehme es mit allem auf.

Und hier sollen wir wohnen © Christian Brachwitz

Und hier sollen wir wohnen
© Christian Brachwitz

Als wir Loriot in Potsdam trafen

Nudeln genug für viele Heiratsanträge

Nudeln genug für viele Heiratsanträge

Einmal trafen wir Loriot in Potsdam. Mit dem Verlag war ein Interview vereinbart. Wir betraten die Buchhandlung, Loriot saß an einem Tisch, es war Loriot, wie wir ihn kannten, auch wenn wir ihn uns als einen kleineren Mann vorgestellt hatten, er war schon ziemlich groß und hager, aber das feine Lächeln war unverwechselbar, ein Alleinstellungsmerkmal.

Es fand eine Signierstunde statt, und die sollte genutzt werden, um das Interview zu führen. So hatten wir uns das nicht vorgestellt. Ein großes Interview, in dem man über Gott und die Welt, über Ost und West und die Unvereinbarkeit von Mann und Weib spricht als Nebengeräusch einer Signierstunde! Wieder dieses feine oder eher ironische Lächeln. Nur zu, fangen Sie an. Was ist Ihre Frage. Wir, die Kollegin Rauch und ich, standen, Loriot saß, wir fragten von oben herab, vor uns unzählige Brandenburger, die eine Unterschrift des Mannes wollten, den sie so oft im Fernsehen und manchmal im Kino gesehen hatten und der sich darüber hinaus brüderlich über die Ostdeutschen äußerte, als das nicht gerade Mode war. Sie wollten wissen: Wie wirklich ist diese Mediengestalt? Ist er Mensch? Ist er Halbgott? Kann man ihn anfassen? Ansprechen? Antwortet er? Sie waren gut präpariert. Sprachen ihn nicht mit Loriot an, sondern sagten: „Herr von Bülow”, als wären sie selber auch adlig. Und wir dazwischen mit unseren verdammten Fragen und dem Ehrgeiz, ein witziges, geistreiches und tiefsinniges  Gespräch zu führen.

Da Loriot ein Mann war. konnte er nur eine Sache machen, nicht mehrere gleichzeitig. Die verehrungsvollen Brandenburger, Loriots Landsleute im engeren Sinne, wenn man so will, wollten nicht nur den Namenszug, sie wollten auch ein paar Worte mit ihrem Idol wechseln, um später ihren Enkeln erzählen zu können: Da sagte ich, die Sache mit der Nudel, Herr von Bülow, ist mir so ähnlich…, und da sagte doch dieser Loriot zu mir …, und hier ist das Buch, wo er unterschrieben hat, wenn ich mich recht erinnere, hat er mir sogar das Du angeboten, und ich meinte, nein, Herr von Bülow, das ist der Ehre zuviel …

Das alles war nicht möglich, weil diese blöden Journalisten neben Herrn von Bülow standen und nicht von seiner Seite wichen. Eine hochexplosive Stimmung kam auf. Böse Worte fielen, böse Blicke sowieso. Wir waren froh, dass wir die Buchhandlung mit heiler Haut verlassen konnten. Als wir das verschriftlichte Gespräch lasen, standen uns die Haare zu Berge. Wir sagten Sätze wie:  Für viele Dinge gab es Schwierigkeiten, aber Ihr Humor hat ganz leicht die Grenze überschritten…, und der große Loriot erklärte: Wir waren uns über Vor- und Nachteile der Regime im Klaren.

Die Abschreiberin war mit dem Stimmenwirrwarr auf der Kassette überhaupt nicht zurechtgekommen und hatte in ihrer Not auch noch eine Extraportion Trivialität hinzugefügt. Das Interview verschwand in der untersten Schreibtischschublade. Der Rest war Schweigen. Wir haben nie wieder ein Wort darüber verloren.

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