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Posts Tagged ‘Polizeiruf Rostock’

Alles Stümper

He! Aufhören zu fotografieren! Die Frau ist vollkommen unverdächtig!

He! Aufhören zu fotografieren! Die Frau ist vollkommen unverdächtig!

Das müssen wir also auch ertragen. Kommissar Bukow zerfließt vor Selbstmitleid, weil seine Frau ihn verlässt, nachdem sie ihn schon mit seinem Untergebenen Thiesler betrogen hat, und alle sollen mitleiden. Bukow übt sich bei jeder Gelegenheit in aggressiver Ironie. Ich schätze das Wort nicht, aber es scheint unvermeidbar zu sein: Der raue Kerl ist ein Weichei. Da hilft nur ’ne Buddel Rum und das Exil im PKW. Hilft aber auch nicht wirklich. Die Arbeit hilft und die spröde Kollegin König, die es ja auch nie leicht hatte, dieses Mal aber nicht ganz so viele Grimassen schneidet wie gewöhnlich. Gegen Bukows schlechte Laune schützt sie sich aber wie gehabt: Hören Sie auf, mir auf den Sack zu gehen. Und Bukow droht seinem Rivalen: Was sagt die eine Wand zur anderen Wand? Wir treffen uns an der Ecke. Es wird dir nicht gelingen, mir aus dem Weg zu gehen.

Wenn’s nichts Schlimmeres ist …

Ich habe nie verstanden, was die beiden Mickymäuse Pöschel und Thiesler in diesem Polizeiruf aus Rostock eigentlich sollen. Sie lassen sich gemeinsam die Haare wachsen, sie lassen sich gemeinsam die Haare abschneiden, sie haben eigentlich nichts zu tun (aber das ist ihnen auch schon zu viel) und kommen dabei auf dumme Gedanken.

Ansonsten hatte dieser „Sturm im Kopf” genannte Polizeiruf auch einige Stärken. Der Verdächtige, der sein Gedächtnis verlor (und darum von Bukow beneidet wird), der übergewichtige Killer, der ständig vom Pech verfolgt wird, der hypernervöse Manager, die gnadenlose Frau aus der Politik. Der Stümper hieß ein schöner Thriller von Patricia Highsmith, und Stümper sind sie hier alle; wie im wirklichen Leben. Man wundert sich. Die Fischköppe werden doch eh schon genug mit Spott bedacht, müssen sie das nun auch noch selber forcieren?

Die Proll-Polizisten

Geht alles zu Bruch, eh, fuck!

Geht alles zu Bruch, eh, fuck!

Der Polizeiruf aus Rostock ist längst nicht so beliebt wie der Tatort aus Münster, aber genauso unterirdisch. Während die Münsteraner aus Leibeskräften auf die Humor-Tube drücken, fällt den Rostockern das Komische wie von selbst in die Hände. Wer einen Krimi über einen schwer gemütskranken, Amok laufenden Familienvater „Familiensache” nennt, dem darf man ein gestörtes Verhältnis zur deutschen Sprache und eine intakte Beziehung zur Gedankenlosigkeit bescheinigen.

Das Volk will nicht tümlich sein, die Rostocker bestreiten das. Der Film beginnt mit einer Betriebsfeier im Politeipräsidium, das mit lauter hemmungslosen Prolls bestückt ist. Grobe Scherze, Ehebruch auf dem Klo, wüstes Geschrei, und Kommissarin König (Anneke Kim Sarnau) quatscht wieder mal inbrünstig mit vollem Mund. Man sieht förmlich die Krümel durch die Gegend fliegen. Wenn mir doch mal einer erklären könnte, warum Regisseure und Schauspieler diese Unsitte so schätzen („Es ist so natürlich! Und lustig.”) Am Tag danach haben die allesamt schlecht geführten Schauspieler einen schweren Kopf und spielen den Kater, den man nach solchen Nächten hat, volkstheatermäßig aus.

Kommissar Bukow (Charly Hübner) widerfährt das, was auch dem Täter geschehen hat. Seine Frau hat einen anderen und will sich von ihm trennen. Auf diese Parallelität scheinen die Schöpfer stolz zu sein. Bukow zeigt, wie ein richtiger Mann mit so einem Schicksalsschlag umgeht. Er dreht nicht durch wie der Amokläufer, er versucht nicht, die Familie mit Geld und Gut (das er nicht hat) zurückzuholen, sondern er spricht die Sache mit starken Worten an, blickt seiner untreuen Gemahlin ins Auge und verpasst seinem Nebenbuhler bei günstiger Gelegenheit einen Denkzettel in Form eines Armschusses. Kann passieren sowas, ob aus Versehen oder absichtsvoll spielt keine Rolle. Volkstümlichkeit Marke Rostock. Dazu gehört auch die Kommunikation von Kommissarin König, die wohl dringend therapiert werden müsste: „Die Scheiße brauchen wir jetzt echt nicht … Was soll der Scheiß? … Er soll sich auf seine Arbeit konzentrieren, nicht darauf, wo du deinen Scheißschwanz reinsteckst … Ist doch echt Scheiße … Fuck eh.” Um dann plötzlich zu einem tiefenpsychologischen Referat anzusetzen. Man glaubt ihr weder das eine noch das andere.

„Das ist die absurdeste Verfolgungsjagd, die ich je erlebt habe”, sagt Kommissarin König gegen Ende. So lobt sich der Rostocker Polizeiruf selbst.

Sorgenkind

Der Polizeiruf aus Rostock ist eines unserer Sorgenkinder, was nicht heißen muss, dass wir ihn deshalb lieben. Dafür sind sie einfach zu zahlreich, die Sorgenkinder. Anfangs hat das Feuilleton große Hoffnungen in Charly Hübner gesetzt, der den Kommissar Bukow spielt, und auch in Anneke Kim Sarnau (Profilerin König); die sollen beide schauspielerisch sehr gut sein. Aber Charly Hübner spielt einfach das, was man ihm sagt; er geht seiner Frau mit seinen prolligen Manieren auf die Nerven, und er blüht auf, wenn eine Frau Doktor nett zu ihm ist. Frau Sarnau hat ein neues, dunkleres Image bekommen, stimmt schon, sie war der Potsdamer Kommissarin zu ähnlich. Sie joggt auf eine verbissene Art, da ahnt man schon, dass da was passieren wird, und wirklich, sie wird angestochen und muss operiert werden. Ihre eigene Leute wachen über ihr Leben am Krankenbett, eigentlich hätten sie ja einen Mord aufzuklären, aber in Rostock gibt’s eben zu wenig Beamte. Die Kommissare müssen sich selbst schützen. Irgendwann kommt der Zuschauer dahinter: Die haben hier versucht, sowas wie einen Fantasy-Thriller zu drehen. Täter kann nur sein, wer so irre verzückt lächelt, also jemand wirklich Irres, der sich aber im wahren Leben noch tarnen kann.

Man hat sich ja auch immer gefragt, was in diesem Polizeiruf die beiden langhaarigen Polizeischnösel zu tun haben. Jetzt wissen wir es. Der eine macht blau, und der andere zerstört Bukows Ehe, und zwar im Gegenschnitt zur dramatischen Rettung von Bukows Sohn, der zu ersticken droht. Melodramatik, wie Kinder sie sich ausdenken. Nicht so in Rostock. Da machen das ausgewachsene Männer.

Wir brauchen hier kein Superhirn

Der Norden hat seine Geheimnisse (und auch noch ein paar Fensterscheiben)

Der Norden hat seine Geheimnisse (und auch noch ein paar Fensterscheiben)

Es war lange fällig, dass wir etwas Genaues über das Kindheitstrauma der Rostocker Polizeiruf-Kommissarin König erfahren, bis jetzt waren es nur Andeutungen, jetzt aber wissen wir: Die kleine Kathrin floh mit ihrer Mutter übers Meer aus der DDR nach Westen, sie ließ ein rotes Köfferchen, das ihr Ein und Alles war, fallen, die Mutter wollte den Koffer retten und ertrank. Und nun, wieder in der Gegenwart, tröstet Kommissarin König die kleine Franzi, die sich eine Schuld am Tod ihrer Mutter gibt, und schärft ihr ein, dass kleine Kinder immer unschuldig sind. Immer immer immer. So kunstvoll, mögen die Rostocker Krimi-Macher denken, werden bei uns Vergangenheits- und Gegenwartshandlung miteinander verschränkt. So kunstvoll, dass uns Zuschauern dieses Betuliche eher lästig ist.

Kriminalhauptkommissar Bukow, ihr Kollege, ist ein prolliger Typ, hat aber das Herz auf dem rechten Fleck. Er kommt uns auch entgegen als wunderbarer Kinderversteher. Wie macht er das? Indem er den Kindern immer das Indianer-Ehrenwort abnimmt und es ihnen seinerseits auch gibt. Das Indianer-Ehrenwort ist ein uralter ostdeutscher Filmtopos, den könnten wir uns bald mal abgewöhnen. (Ich glaube auch nicht, dass Kinder darauf noch anspringen. Eher auf Softwareentwickler-Ehrenwort oder Model-Ehrenwort oder so). Die Rostocker Polizisten protzen gern mit ihren Schusswaffen, mit denen sie sich für jedermann sichtbar behängen, was heißen soll: Leute, bewundert uns mal, hier kann’s jeden Augenblick knallen. Die beiden jüngeren Semester des Kommissariats wirken so, als seien sie die Restmasse der sieben Zwerge. Es geht in diesem Krimi um universitäre Laufbahnen und um Edelprostitution, ebenfalls kunstvoll ineinander verschränkt. Julia hatte eine vielversprechende Karriere vor sich, sagt ein Prof, extrem begabt.  Und Bukow poltert raus: Der weiß, dass seine Frau Nutte war. Der weiß das.

Langsam kommen wir dahinter, dass uns der Rostocker Polizeiruf zeigen will: Auch schlichte Gemüter sind sehr wohl in der Lage, Verbrechen aufzuklären. Superhirne haben wir hier im Norden gar nicht nötig.

Einen Satz gab es, der mir gut gefiel. Frau König zu Herrn Bukow: Fragen Sie mich bitte nicht alle zehn Minuten, ob alles okay ist. Okay?

Quatschen und Fressen

Im Rostocker Polizeiruf wird viel gegessen und dabei geredet. Das ist ein Hinweis auf hilflose Regisseure und hilflose Schauspieler. Sie glauben, dass es unheimlich realistisch ist, wenn einer gleichzeitig quatscht und frisst. Aber mich nervt es; viele andere auch. Es nervt mich auch im wahren Leben. Kennt denn keiner den Spruch: Mit vollem Mund soll man nicht sprechen? Doch. Kennt jeder. Kennt auch jemand den Spruch: Mit leerem Mund soll man nicht essen? Nee, kennt keiner. Ist aber logisch. Im Rostocker Polizeiruf verwenden sie auch gerne Spruchweisheiten und Volksmund. Formulare, Formulare, von der Wiege bis zur Bahre, sagt Kommissar Bukow. Mann. Muss das sein? Ihre Fragen gehen mir sowas von auf’n Sack, sagt Kommissarin König. Auf welchen Sack eigentlich, Jugendfreundin? Im Rostocker Polizeiruf sind die Dialoge hundsmiserabel, man versucht sich mit Slang und Kraftausdrücken zu retten, sollte aber mal nach einem guten Dialogschreiber Ausschau halten, so was soll’s nämlich geben. Im Rostocker Polizeiruf kann keiner keinen leiden, alle sind mit ihren Vorgeschichten beladen und misstrauen ihren Kollegen, die auch mit ihren Vorgeschichten beladen sind; und dann gibt es da noch einen Oberpolizisten und zwei Unterpolizisten, die dramaturgisch total überflüssig sind, und deshalb muss  man sich irgendwas für sie einfallen lassen, diesmal ging der eine an Krücken und durfte nicht raus (Innendienst) und der andere war wie immer scharf auf den Posten seines Vorgesetzten. Wie es sich für die Provinz gehört, redet man respektvoll von einer zugereisten „Vollblut- oder Investigativjournalistin” (die weiß als solche nämlich das Kaliber der Mordwaffe), führt uns in irgendwie inoffizielle Küchen, die zu den Amtsstuben gehören, es gibt Fischbrötchen, es wird gekotzt, ordentlich auf die Fresse gehauen, und das ideologische Soll auf gar nicht mal so eindeutige Weise auch erfüllt. Von diesen geringfügigen Einwänden abgesehen war der Polizeiruf aus Rostock vorzüglich oder, wie die FAZ meldet, „sehr gut komponiert”. Besonders erwähnenswert, dass Anneke Kim Sarnau als Kommissarin König eine begnadete Fratzenschneiderin ist und dass man mit Klaus Manchen einen der gefragtesten Rentnerdarsteller des deutschen Fernsehens verpflichten konnte.