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Posts Tagged ‘Paris’

Das müsstest Du wissen

Oktober 20, 2016 2 Kommentare

In fremden Regalen fand ich den Briefwechsel von Hannah Arendt und Mary McCarthy, den ich mir auslieh, obwohl ich ahnte, dass ich das Buch wahrscheinlich nicht lesen würde, es liegt sowieso viel zu viel Literatur neben meinem Bett, neben meinem Sessel und neben meinem Stuhl, aber ich las das Buch zu meiner eigenen Überraschung nahezu unverzüglich, nachdem ich einmal angefangen hatte; es zog mich rein.

Der Blick, die Hand, die Zigarette – eine Ikone der Moderne

Der Blick, die Hand, die Zigarette – eine Ikone der Moderne

Wer Hannah Arendt ist, weiß jeder. Aber wer ist Mary McCarthy? In meiner frühen Jugend gab es diesen zerstreuten, aber lebenskünstlerischen Roland, der einen älteren Bruder hatte, der in Westberlin studierte, es war vor 1960. Dieser Bruder war absolut auf der Höhe der Zeit, er wusste, welche Filme man sehen und welche Bücher man lesen sollte, er brachte dem lieben Roland auch „Die Clique” von Mary McCarthy mit. In dem Buch geht’s um acht College-Girls des Vassar College und ihre Lebenswege. Roland redete immer von Goethe, Goethe, Fritz, sagte er, Goethe sagt ja auch, und dann kam etwas Zerstreutes aus seinem Kopf. Mit der „Clique” konnte er nichts anfangen, die gab er mir. Es ging um Verhütung, außerehelichen Sex, Kindererziehung und Psychoanalyse. Mary McCarthy war sehr konkret, sie beschrieb den Sex anatomisch, sie war witzig, geistreich und cool.

Man redet immer von Männerfreundschaften, aber Hannah Arendt und Mary McCarthy – das war eine unglaubliche Frauenfreundschaft, und da Arendt größtenteils in New York lebte und McCarthy größtenteils in Paris schrieben sie sich viele Briefe und versicherten sich einander, wie sehr sie sich fehlten, da ist kein falscher Ton dabei. Der Briefwechsel geht von 1949 bis zu Arendts Tod 1975.

Hannah Arendt ist in zweiter Ehe mit dem ebenfalls nach Amerika ausgewanderten deutschen Gelehrten Heinrich Blücher verheiratet. Mary McCarthy lässt sich gerade von ihrem dritten Ehemann Bowden Broadwater scheiden, eine schwierige Geschichte, der offensichtlich schwache Mann kann von der starken Frau nicht lassen. Hannah Arendt rät, ermutigt, gibt der Freundin recht mit unwiderlegbaren Argumenten und wird dabei nie gefühlig.

Plötzlich bekommt das Buch einen Bruch, mit diesem Telegramm: HEINRICH SAMSTAG AN EINEM HERZINFARKT GESTORBEN HANNAH. Es ist der 1. oder 2. November 1970. Drei Wochen später schreibt Arendt: „Ich glaube nicht, dass ich Dir erzählt habe, dass ich während zehn langer Jahre beständig Angst hatte, dass genau so ein plötzlicher Tod eintreten würde. Diese Furcht grenzte häufig an echte Panik. Wo die Furcht war und die Panik, da ist nun einfach Leere.” Und McCarthy antwortet: „Ja, ich wusste seit zehn Jahren, dass Du Angst vor diesem plötzlichen Tod hattest, wusste es und sprach, da ich mehr oder weniger Angelsächsin bin, darüber nicht mit Dir … Aber die Abwesenheit der vertrauten Angst muss in gewissem Maße eine Erleichterung sein … Du musst Dich fühlen, als ob Du mit jemandem lebst, den Du kaum kennst – mit Dir selbst ohne Angst.”

Das Buch, das eigentlich Roland gehört, mitgenommen von der Last der Jahre

Das Buch, das eigentlich Roland gehört, mitgenommen von der Last der Jahre

Zwei Frauen, die wissen, dass ihre Zuneigung jede Offenheit verträgt, ja, ihrer bedarf. Es gibt Momente, wo eine langjährige Freundschaft, in der zwei starke Menschen unerschrocken miteinander reden, plötzlich sensibles Territorium wird: „Es war traurig”, schreibt McCarthy, „Dich am Flughafen durch die Tür gehen zu sehen, ohne dass Du Dich noch einmal umgedreht hast. Etwas geschieht oder ist geschehen mit unserer Freundschaft … Das mindeste, was ich vermuten kann, ist, dass ich Dir auf die Nerven gefallen bin.” Aber nein, es war nichts. „Ich weiß nicht, warum ich mich auf dem Flughafen nicht mehr umgedreht habe … Was ich dagegen weiß, ist, dass ich in allen rein psychologischen Angelegenheiten nicht feinfühlig und eher begriffsstutzig bin. Aber das müsstest Du seit langem wissen.”

Hannah Arendt/Mary McCarthy: Im Vertrauen. Briefwechsel 1949 – 1975. Herausgegeben von Carol Brightman. Piper Verlag

Stolz und Hochmut des Migranten

Sprich, Erinnerung, sprich, das sind die Memoiren Vladimir Nabokovs bis zu dem Tag, an dem die Familie 1940 das Schiff nach Amerika betritt. Nabokov ist einen Tag älter als das Jahrhundert, er war gerade 18, als die Nabokovs Russland wegen der Oktoberrevolution verließen, aber schon ein ziemlich fertiger Mensch, wie man liest. Die Erinnerung spricht besonders gern und innig über die Kinder- und Jugendjahre in Russland, die Zeit in St. Petersburg, die russische Landschaft, das Leben auf den Gütern der Nabokovs, Ferienaufenthalte in Frankreich. Diener, Chauffeure, Privatlehrer, Gouvernanten, Eltern, Schwestern und Brüder, Onkel und Tanten werden bedacht; allzu große Ehrfurcht empfindet Vladimir vor niemandem, dazu ist er sich der eigenen Größe zu bewusst. Seine Leidenschaft ist die Jagd auf Schmetterlinge, Nabokov ist gleichsam schon als Lepidopterologe auf die Welt gekommen.

Nabokovs Erinnerungen, erschienen einst bei Rowohlt

Nabokovs Erinnerungen, erschienen einst bei Rowohlt

Kein Wunder, dass die Welt des Exils ihn nach dem Heimatverlust weitgehend kalt lässt. Da ein Mann wie Nabokov gewohnt ist, offener zu sprechen als die Masse der Menschen, erfahren wir von ihm Unerwartetes über die Gefühlswelt der Emigranten. Er lebte vorwiegend in Berlin und Paris „ein Leben unter völlig belanglosen Fremden, geisterhaften Deutschen und Franzosen, in deren mehr oder minder unwirklichen Städten … Diese Einheimischen schienen genauso flach und durchsichtig wie aus Zellophan geschnittene Figuren …”. Fremd ist der Fremde nur in der Fremde? Der Fremde vermag es nicht, sich selbst als fremd zu empfinden, fremd sind immer die anderen, in diesem Fall die Einheimischen. Man kommt kaum umhin, vom Hochmut des Eingereisten, des Gastes, zu sprechen, der aber verständlich ist, trägt er doch seine Welt im Kopf mit sich herum; und so stört ihn die neue, andere Welt, statt dass er ihr mit Neugier und Sympathie begegnen könnte. Jedenfalls mag das Menschen so ergehen, die derart vorgeprägt sind wie der Aristokrat Nabokov. Er drückt sich um das Wort Arroganz nicht lange herum. An Berlin und Paris interessierten ihn die Russen, die wie er emigriert waren; „unter den wenigen deutschen und französischen Bekannten (meistens Zimmervermieterinnen und Literaten)” hatte er in zwanzig Jahren „nicht mehr als zwei gute Freunde”. Es ist unter diesem Aspekt sicher falsch, wenn wir uns den Migranten als dankbaren und demütigen Gast vorstellen. Mehr als das braucht er seinen Stolz, um in den fremden Ländern nicht klein und hässlich zu werden.

Mein Schloss soll auf der Brücke sein

Über diese Brücke geh ich lieber nicht © Christian Brachwitz

Über diese Brücke geh ich lieber nicht
© Christian Brachwitz

Die Verliebten schwören sich ewige Treue, befestigen das Vorhängeschloss am Brückengeländer und werfen den Schlüssel in den Fluss. Liebe braucht Bräuche, Zeichen, Signale. Was ich dir sagen will, sagt nicht mein Klavier, was ich dir sagen will, sagt mein Liebesschloss. Und was ich dir sagen will, sagt das Liebesschloss auch, es ist ja unser beider. Es hängt jetzt am Pont des Arts, der zum Louvre führt. Der Fotograf beobachtete eine Verliebte, die mit einem kleinen Elektrobohrer die Vornamen des Paares ins Schloss ritzte. Man kann das auch anfertigen lassen bei www.liebesschloss.de oder www.liebes-schloss.de. „Schließe den Ring der Liebe mit einem Liebschloss.” Liebe macht blind. Macht Liebe auch dumm? Wie wird aus einer schrulligen Idee eine Kampagne und aus einer Kampagne eine Seuche? In Paris und anderen berühmten Städten ächzen die Brücken unter der Last der Liebe und ihrer Schlösser. Touristenkollegen auf den Dampfern kriegen die weggeworfenen Schlüssel an den Kopp.

Auf der anderen Seite zeigt sich, was eine Idee vermag, wenn sie zur materiellen Gewalt wird. Das Liebesschloss von dir und mir vermag nichts, es vermag nicht mal, unsere Liebe zu retten. Aber die vereinigte Macht von 40 000 Schlössern kann Stadtverwaltungen zum Zittern und Brücken zum Einsturz bringen. So könnte man sich auch vereinigen, um etwas Konstruktives zu vollbringen. Auch muss die Frage erlaubt sein, ob so vielleicht Kunst entsteht. Die Einfalt der Vielfalt der Einfalt. Und sie soll ja auch wehtun, die Kunst, sonst ist sie keine Kunst. Und sie tut weh, daran besteht kein Zweifel.

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Die Braut war viel zu allein

Heiraten in Paris © Christian Brachwitz

Heiraten in Paris
© Christian Brachwitz

Der Fotograf fotografiert einen (Smartphone-)Fotografen, der eine Braut fotografiert. Irritierend ist schon, wie allein sie ist, mitten in Paris. Niemand, der die Schleppe hält. Die Herrichtungen für den schönsten Tag im Leben müssen perfekt gewesen sein, die Frisur, die Krone, der Brautstrauß, das nicht enden wollende Kleid. Das Gitter stört. Es macht die Braut zu einer Unnahbaren, Unberührbaren. Es lässt daran denken, dass die Ehe auch ein Gefängnis sein kann. Welches Mädchen hat heute noch eine festen Freund, sagte mal ein Mädchen, das dann doch bald eine Braut wurde und nicht viel später eine geschiedene Frau. Alleinerziehend mit Kind. Der Mann mit dem Smartphone kann die Braut als freie Frau fotografieren. Als freie und traurige Frau. Mit den Gedanken ganz woanders. Na klar, er ist der Bräutigam. Ich aber kann keine Braut sehen, ohne an Gottfried Benns Gedicht zu denken: „Sie aber lag und schlief wie eine Braut: am Saume ihres Glücks der ersten Liebe und wie vorm Aufbruch vieler Himmelfahrten des jungen warmen Blutes.” So mächtig ist die Poesie.

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Wir und der Eiffelturm © Christian Brachwitz

Wir und der Eiffelturm
© Christian Brachwitz

Wir haben es auf den Eiffelturm geschafft. Bis zur zweiten Etage zu Fuß, dann mit dem Fahrstuhl. Es ist nicht ganz so heldenhaft wie die Besteigung des Chimborazo, aber es ist schon was. Auch der Eiffelturm ist so was wie ein inaktiver Vulkan. Oder auch ein aktiver. Gefühlsausbrüche sind möglich. Drei oder vier aus unserer Klasse sind unten geblieben. Wollten nicht mit rauf. Wegen irgendwelcher Atteste oder Erbkrankheiten oder Schwindelanfälle oder der Menschen, die sich hier das Leben nahmen. Verzichten auf das historische Foto (um nicht Selfie zu sagen). Unter uns Paris. Zu unseren Füßen. Das Herz der Welt. Das alte Herz der Welt. Oder das Herz der alten Welt. Die Stadt mit ihren Schwerenöter- und Schwermutchansons. Wir bevorzugen eine andere Musik. Das Foto werden wir unseren Kindern zeigen, wenn wir’s denn dann noch finden auf unseren Festplatten. Der kokette Blick. Der skeptische Blick. Der Stirn-an-Stirn-Blick. Das Mädchen neben mir. Wie hieß die mal noch gleich. Was ist aus ihr geworden. (Und was aus mir, wenn man’s genau nimmt.) Die Welt ist so flüchtig. Die neue Welt. Die alte Welt muss anders gewesen sein. Sie hatte ein besseres Gedächtnis. Aber kein Internet.

Berlin, wie haste dir nich verändert

Sie hat noch einen Zylinder in Berlin © Christian Brachwitz

Sie hat noch einen Zylinder in Berlin
© Christian Brachwitz

Manche Orte in Berlin sind sich verdammt ähnlich. Das hier könnte in Kreuzberg, im Wedding oder in Neukölln sein, in einem dieser weniger wohlhabenden Westberliner Stadtbezirke. Die Fußgängerampel steht auf Rot. Selbstverständlich. Als Fußgänger bist du in Berlin der letzte Arsch, aber wirklich. Die Hälfte des Fahrdamms ist gesperrt. Am Kiosk geht’s um die Wurst. Jeder Kiosk behauptet, die beste Wurst zu haben. Berlin ist ’ne Wurststadt irgendwie, mal abgesehen davon, dass sich der Laden daneben – wenn ich mich nicht irre – Filet-Stück nennt. Die Fähigkeit der Berliner Geschäftsleute für ihre Läden, „ich sag mal”, originelle Namen zu finden ist grandios, besonders ausgeprägt bei den Friseuren. Und immer gibt es in Berlin mindestens ein Stück Grün. Rote Ampel, grüner Baum oder Busch oder Topfpflanze  oder Unkraut. Und ein Plakat. Berlin heute morgen gestern, alles zusammengefasst im Musical „Ich, Marlene”. Der alte Fritz, das junge Genie am Flügel und der Zeppelin in den Lüften, nein, er wird nicht brennen. Und Marlene in Frack und Zylinder, von der der Kritiker Kenneth Tynan sagte: „Sie hat Sex, aber kein Geschlecht”. Als sie nach Hollywood ging und sich dem Starsystem unterwarf, hungerte sie sich 30 Pfund ab. Könnte mir vorstellen, dass diese verlorenen 30 Pfund dafür verantwortlich sind, dass sie nicht glücklich wurde und letztlich wie Heine in Paris in einer Matratzengruft lebte, aus der heraus sie mit Grabesstimme zu Maximilian Schell sprach. Aber sei’s drum: Wenn sie „Lili Marlen” singt oder „Wenn ich mir was wünschen könnte” mit dieser müden, starken, lasziven Stimme, kriegen wir nach wir vor Gänsehaut. Und wenn die Ampel von Rot auf Grün schaltet, steigt Marlene aus dem Plakat heraus und setzt sich aufs Rad, das natürlich ein Herrenfahrrad sein muss. Verlässt diese Ecke Berlins und landet in einer anderen Ecke Berlins, die genauso aussieht.