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Was ist denn bloß mit Hamburg los

Wir machen jetzt kleinere Spiele

Wir machen jetzt kleinere Spiele

Hamburg will mehrheitlich keine Olympiade. Da jubeln die Gegner, aber die Befürworter sind schockiert und zählen die Gründe auf. Terroranschläge in Paris, Dopingskandale, Korruption in den Sportverbänden. Die Spitzensportler sagen, dass das ein Schlag für den Leistungssport ist, vielleicht auch ein Sargnagel.

Mir fällt auch noch was ein. Wir haben uns in den Medien mokiert über die Vergaben der Olympischen Spiele, Politik und Medien konnten sich gar nicht einkriegen wegen der Gigantomanie und verfehlter Konzepte in Athen, London und Peking, wegen der sinnlos rausgeschmissenen Milliarden in Sotschi und der verwaisten Sportstätten nach den Spielen. Soll doch niemand denken, dass man diese Lamenti nicht auch rückbeziehen kann und tatsächlich rückbezieht auf das eigene Land.

Doping ist noch mal ein Extrapunkt. Gibt sicher viele Leute, denen es gefällt, wenn eine ganze Nation wegen Doping ausgeschlossen wird, noch dazu, wenn es um Russland geht. Mir macht es schlechte Laune. Es gibt leider mehr als genug Dopingfälle auf der Welt, auch in den USA. Die stellen sich allerdings geschickter an. Erst holen sie die Medaillen. Jahre später hören wir, dass sie gedopt waren. Das Problem bekommen wir nicht in den Griff. Es stellvertretend in einem Land radikal anzugehen, ist heuchlerisch.

Ich lese gerade, dass Claudia Pechstein an einem Tag zweimal kontrolliert wurde, das erste Mal früh um 4.30 Uhr oder so. Es ist absurd. Man braucht Sündenböcke und nimmt es den Sündenböcken schwer übel, wenn sie keine Sündenböcke sind.

Die Spiele haben viel von ihrer Strahlkraft eingebüßt; das hängt auch mit der Einbeziehung von – für den gewöhnlichen Zuschauer – mehr und minder skurrilen Randsportarten zusammen, deren Regeln wir nicht kennen und auch nicht mehr begreifen werden. Ich glaube, es war Anne Will, die einmal in ihrer Zeit als Sportjournalistin sagte, Synchronschwimmen sei eine hochinteressante Sportart, wenn man sich einmal da hineinvertiefe. Ja, sicher. Aber wer will das. Wer will sich in solche Sportarten hineinvertiefen. Wir sind leider schon in so vieles vertieft. Wenn Olympiade ist, wollen wir vor allem Leichtathletik, auch Schwimmen, Radsport, ihr wisst schon. Man muss realistisch sein.

Eine Tonne Bronze

Bronze kann tonnenschwer wiegen, die Bronzemedaille für den Tischtennisfreak Dmitrij Ovtcharov im olympischen Turnier von London hat für mich so ein Gewicht. Das hochdramatische Spiel gegen den Dänen Michael Maze im Viertelfinale, 4:3 gewonnen. Das aussichtslose Unterfangen im Halbfinale gegen den besten Chinesen, was im Tischtennis natürlich auch heißt, den Besten der Welt, Zhang Jike, war weniger aussichtslos als erwartet. Drei Sätze verlor Ovtcharov knapp, einen gewann er deutlich, am Ende stand eine respektable 1:4-Niederlage und, wenige Stunden später, das Spiel um den dritten Platz, Bronze oder Blech, alles oder nichts, gegen den Taiwanesen Chuang Chih-Yuan, der den Vorzug (oder auch Nachteil) hat, dass seine Mutter gleich neben dem Tisch sitzt, weil sie auch seine Trainerin ist.

Am Anfang des Spiels wirkte Ovtcharov auf mich schläfrig, dann wie in einer Trance voll auf den Gegner, den Tisch, den Ball konzentriert und nichts sonst. Wenn Trainer Rosskopf ihn zwischen den Sätzen zu beraten versuchte, rannte Ovtcharov wie ein wildes Tier im Käfig herum. Er musste sofort einen 0:5-Rückstand aufholen und gewann noch den ersten Satz. Dann hatte Chuang das Spiel in der Hand, vor allem, weil er einige herausragende Angriffsschläge Ovtcharovs auf unglaubliche Weise konterte. Der vierte Satz brachte die nicht erwartete Wende, 13:11 für Ovtcharov nach einer Achterbahnfahrt der Rallyes und Gefühle. Der fünfte Satz war eine glatte Angelegenheit für Ovtcharov, aber im sechsten lag er aussichtslos zurück (Er scheint den Satz abgeschenkt haben, das sollte er nicht tun, sagt der Reporter sehr richtig), in einer Mischung aus Zufall, Glück, Kampfgeist und Genialität erkämpfte sich Ovtcharov den Matchball und verwandelte ihn. Den Moment danach werde ich nie vergessen. Er wandte sich zerstreut ab, machte eine fahrige Geste  – dann tauchte er auf aus der Trance und konnte jubeln in den Armen des Trainers.

Diese Bronzemedaille wiegt schwer, weil die Übermacht der Asiaten, ihre physiologischen Vorteile so erdrückend zu sein scheinen.

In seinem Bestreben, jeden verlorenen Punkt tiefgründig zu deuten, redete der Reporter einigen Blödsinn: Ovtcharov stand schlecht zum Ball … , wurde jetzt zu passiv …, Aufschlag war viel zu lang usw. In einem so schnellen und auf so kurze Distanz ausgerichteten Sport wie Tischtennis steht jeder Spieler unweigerlich öfter mal schlecht zum Ball. Der Sportler antizipiert die Aktionen seines Gegners so gut, und der Sog einer Rallye ist so stark, dass der Zufall eine enorme Rolle spielt: der abgerutschte Ball, der noch den Tisch berührt, bringt den Gegner fast immer aus dem Konzept. Unter den Spitzenspielern wäre sicher jener der beste, der über einen eingebauten Zufallsgenerator verfügte oder eben jener, der es vermag, aus dem Sog der Rallye auszubrechen.

Deutschlands Nummer 1, Timo Boll, der im Achtelfinale einen schlechten Tag erwischt hatte, saß nachdenklich auf der Tribüne. Es scheint eine neue Generation im Tischtennis zu geben, die schnell und gnadenlos auf den Punktgewinn ausgeht und nicht erst versucht, einen Ballwechsel mit einer bestimmten Taktik aufzubauen. Wird Boll sich umstellen können, will er überhaupt so humorlos Tischtennis spielen? Oder wird man diesen neuen Spielertyp auch bald ausgerechnet haben?

Unheimlich wird mir der Auftritt unserer Schwimmer. Sie scheinen Blei in den Gliedern zu haben, während der Speed der Führenden mühelos anmutet. Und am Ende steigen unsere Schwimmer aus dem Becken, können kaum noch laufen und ringen nach Luft. Wenn sie zwei oder drei Mal am Tag schwimmen sollen, sind sie verzagt und schon beim Start erschöpft, während die US-Girls und -Boys in einer halben Stunde zwei Finales schwimmen und dabei unternehmungslustig ans Werk gehen. Was-ist-da-eigentlich-los?

Ein Kilo Triumphgefühle

Sorry, ich muss mich korrigieren. Evi Simeoni ist nicht nur die Frauen-, sondern auch die Pferdebeauftragte der FAZ bei den Olympischen Spielen in London. Und die Pferde waren es, die uns die ersten Goldmedaillen bei den Spielen eingebracht haben. Simeoni sagt es schöner: fünf vierbeinige Athleten haben ihren zweibeinigen Partnern an einem einzigen Tag zu drei olympischen Medaillen verholfen. Anfangs hatten wir den entmündigten Athleten, nun können wir vom auf seine Beine reduzierten Athleten sprechen. Gleichviel: Evi Simeoni, die den Triumph der deutschen Pferde und ihrer zweibeinigen Partner, unter ihnen auch zwei Frauen, ausführlich huldigt, ist zweifelsohne die erfolgreichste deutsche Olympiateilnehmerin. Obwohl Pferde- und Frauenbeauftragte fand Frau Simeoni auch einfühlsame Worte für den Goldmedaillengewinner Michael Jung: „Der Schwabe lächelte sein etwas abwesendes  Siegerlächeln …”  Anrührend sprach sie von dem „kleinen Mann mit den starken Nerven”. Im Sog der vier- und zweibeinigen Atleten laufen auch die zweibeinigen Redakteurinnen zur Bestform auf.

Die Disziplin heißt Vielseitigkeitsreiten. Was ist das? Das ist das, was früher Military hieß. Ach so. Und was ist Military? Das ist ein Dreikampf aus Dressur, Geländeritt und Springreiten, wobei man beachten muss, dass in jeder dieser Disziplinen die Anforderungen ein paar Striche niedriger liegen als bei den Spezialisten, falls einem auffällt, dass die Stangen beim Springen ziemlich festsitzen und nicht so leicht runterfallen. Das alles habe ich jetzt gelernt.

Gelernt habe ich auch, dass es immer noch Hockey gibt oder Feldhockey, korrekt gesagt. Das war früher so: Wer im Fußball nichts zustande brachte, ging zum Hockey, wozu wir Knüppelkrieg sagten. Manche Sportart mutet heute etwas merkwürdig an, wenn man ihr des Nachts im TV beiwohnt. Auch Feldhockey auf blauem Untergrund. Wobei ich sagen muss, dass mich das Spiel der Frauen noch eher berührte als das der Männer mit den unzähligen Fehlpässen und einem Ko-Schlag (ich muss wohl aufpassen, dass ich nicht auch noch zum Frauenbeauftragten ernannt werde). Kurz und gut. Hockey mit dieser harten Kugel ist auch noch gefährlich. Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass man heute  junge Leute für diesen Sport begeistern kann, gebe aber zu, dass ich etwas einseitig gestrickt bin und im olympischen Programm gern ausmisten würde. Meine Güte, Beachvolleyball! Volleyball ist ein schöner Sport, aber was soll dieses Gewühle zwei gegen zwei im tiefen weißen Sand! Das ist sowas von undurchdacht.

Nun gut. Am Ende des Vormittags bleibt, dass die deutschen Pferde begeistert und die deutschen Ruderer auf ziemlich breiter Front versagt haben. Mir persönlich wäre es umgekehrt lieber gewesen. Und auch den Männern der 4-x-200-m-Freistilstfaffel habe ich für ihren heroischen Kampf eine Medaille gewünscht. Hat leider nicht ganz geklappt.

Ein Pfund Demut

Die Fechter haben uns die erste Medaille beschert, nein, nicht die Fechter, sondern die Fechterin Britta Heidemann. Silber, nachdem sie in Peking schon Gold holte. Im Medaillenspiegel rückt Deutschland damit auf den 21. Platz vor, gemeinsam mit Kuba, Mexiko, Polen, Taiwan und Thailand.

Leider ist Fechten ein Sport, in dem es etwas unübersichtlich zugeht. Man bekommt die Klasse der Sportler nicht richtig mit. Man kann auch die gesetzten Treffer (meistens allerdings Doppeltreffer) kaum nachvollziehen. Da gibt es viel zu erläutern, was der zuständige ZDF-Reporter König unermüdlich, wiederholungsreich und nachgerade liebevoll tut. Viele Leute interessiert es trotzdem nicht, zum Beispiel meine Schwester.

Aber gestern wurde ja auch viel Turnen gezeigt, sage ich, der ich noch weiß, dass sie ja mal Turnerin war. Hach, ruft meine Schwester aus, da kann ich gar nicht mehr hinschauen!

Wohl wahr. Was die Jungs und Mädels an den Geräten zeigen – das kann alles nicht gesund sein, wenn es nicht schon in Richtung Selbstverstümmelung geht. Ich habe das meine gesamte zwölfjährige Schulzeit über gehasst. Es wurde geturnt, geturnt und nochmals geturnt. Als gäbe es keinen anderen Sport. Und wenn das Wetter allzu gut wurde raus zum Kugelstoßen und Schlagballweitwurf. Es war schon nicht mehr schön.

Britta Heidemanns Silbermedaille – die Sportjournalisten haben sich das ganz anders vorgestellt, und die Sender haben Millionen für die Übertragungsrechte ausgegeben. Zuversicht, Optimismus und Herablassung, was die Berichterstatter am besten können, müssen sie nun stecken lassen. Die einen üben sich in Demut („Unsere deutschen Kämpfer sind bereits ausgeschieden. Es war auch keine Medaille zu erwarten.”), was ihnen gar nicht schlecht steht, die anderen kriegen die blasse Wut. Ein gewisser Anno Hecker, der in der FAZ zu jenen gehört, die uns den Sport seit langem madig machen wollen, hat den neuen Hauptfeind entdeckt. China. „Die siegen wie auf Knopfdruck, sofort im Schießen, im Gewichtheben, im Schwimmen, beim Wasserspringen, zu Lande, zu Wasser und in der Luft … Auch im dritten Jahrtausend dient Olympia als Spielfeld für die Selbstdarstellung  der Welt-Herrscher.” Wie schön, dass er sich wenigstens das Wort von der gelben Gefahr verkneift. Dafür erledigt er aber gleich noch die Leiche des Hauptfeinds von vorgestern mit: „Chinas Sportsystem ist die XXL-Version der DDR.” Erstaunlich, wie lange manche Sachen doch nachwirken. Dass sich die Wunden einfach nicht schließen!

Andere Enttäuschte begeben sich auf Nebenschauplätze. Nein, nicht zu den Randsportarten, da holen wir auch nichts. Das ZDF schaltet Antje Buschschulte mit ihrem Mann Helge Meeuw kurz, der immerhin 6. über 100 m Rücken wurde, medial  gestützte Partnerbeziehungen, was kann schöner sein. Oder man berichtet über begnadete Körper und was auf ihnen geschrieben steht, Tattoos also. Die FAZ hat mit Evi Simeoni eigens eine Frauenbeauftragte abgestellt, für die die Olympischen Spiele vornehmlich ein Siegeszug der Frauenheit sind. Man kann aus jeder Misere etwas machen.

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Das feine Gefühl der Leistungssportler

„Die Schwimmer und die Schützen / Die kriegen auf die Mützen.”

Die Spiele hatten noch gar nicht begonnen, da hatte ich schon die Nase voll wegen des endlosen, gutgelaunten, patriotischen Vorabgequatsches des ZDF-Teams. Warum bringen die da einfach keine anständige Sendung zustande! Warum sind sie immer so glücklich? Zur Eröffnung zeigten die Engländer der Welt, was very british ist. James Bond, die Phantasiegestalten der Kinderliteratur, Rock und Pop, Sir Simon Rattle, Mr. Bean und natürlich die Queen. Der ZDF-Reporter stieg minutenlang aus, um dann einen Faden wieder aufzunehmen, den er nie in der Hand gehabt hatte.

Am Sonnabend führten die Schwimmer den entmündigten Sportler vor. Unisono sagten sie nach ihren unerwarteten Niederlagen: Da müssen wir jetzt erst den Trainer fragen. Das macht schon einen seltsamen Eindruck. Die Trainer hatten die 4-x-100-Meter-Freistilstaffel der Damen so eingestellt: „Britta Steffen sollte 90 bis 95 Prozent schwimmen, Silke Lippok und Lisa Vitting voll, und Daniela Schreiber dann einen taktischen Endspurt hinlegen.” (Wir taktieren uns in Abgrund hinein.) Wie macht man das als Sportler eigentlich: 90 bis 95 Prozent geben? Wie erfühlt man das? Kann es da nicht passieren, dass man nur 89 Prozent gibt und die Sache damit schief geht?

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Vom großen Sport zum kleinen Sport: Vier gelbe Karten und eine gelbrote für Hansa Rostock in Unterhaching, keine einzige für die Heimmannschaft. Da muss ich gar nichts gesehen haben, da weiß ich doch als armes Hansa-Rostock-Schwein, was dort gelaufen ist.