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Posts Tagged ‘Matthias Brandt’

Arroganz macht blöd

Das Laub ist ab. Geht’s noch verworrener? © Emilia Thalheim

Das Laub ist ab. Geht’s noch verworrener?
© Julia Thalheim

Der Münchner Polizeiruf von Dominik Graf mit Matthias Brandt als leicht übergewichtiger, schwermütig-sanfter Kommissar Hanns von Meuffels war nur zum Teil enttäuschend. Warum der Film „Smoke on the Water” hieß, war unklar. Um ein bisschen Deep Purple zu spielen. Oder weil man besser einen fremden Titel benutzt, wenn man selbst keinen guten findet? Adel trifft Adel. Von Meuffels trifft von Cadenbach, den mächtigen Politiker in Bayern und großen Strippenzieher, der starke Rückenschmerzen bekommt, wenn er nicht mindestens einmal am Tag Sex hat (sagt er). Ein herrischer, unbeherrschter, gut aussehender und fieser Typ. Unentwegt wird gegen ihn demonstriert, wobei die Demos wie Gespensteraufzüge wirken.

In diesem Polizeiruf auch, wie in allen von-Meuffels-Polizeirufen, knistert es erotisch, wenn der melancholische Single auf die Liebste der ermordeten Journalistin Ten Hoff trifft. Eine der überraschendsten Szenen, wenn sich die beiden die Narben früherer Verletzungen zeigen, da bleibt keiner der anderen etwas schuldig. Corry Hüsken (Judith Bohle), eben diese vielfach verletzte und vernarbte Frau, will mitermitteln, aber von Meuffels winkt ab: „Ich glaube, Distanz ist die Voraussetzung jeder Wahrnehmung.”

Arroganz macht blöd. Von Cadenbach sagt so hirnrissige Sätze wie: „Darf ich vorstellen: unser Sohn Holger Zacharias.” Es lässt sich nicht lange verheimlichen, dass er der Täter ist, es ging um Fördergelder, Abgeordnetenbestechung, schwarze Kassen, letztlich um Milliarden. Und da führt uns Dominik Graf, ein großes Rad drehend, zu den noch größeren Schurken, die ihrerseits von Cadenbach um die Ecke bringen wollen, weil er als Verdächtiger ihre Pläne gefährdet. Oder so. Es macht aber nicht viel Sinn und dramaturgisch keinen Effekt, wenn man diese ganz großen Verbrecher aus Politik und Wirtschaft einführt, die man im Dunkeln lassen muss, weil man nicht die narrative Kraft hat, sie zu definieren und zu beschreiben. Wäre besser gewesen, diese hohe (und hohle) Dimension wegzulassen. Dominik Graf hat genug Potential; es gibt auch hier wieder fabelhafte Bilder und fesselnde Szenen.

Meuffels bleibt allein

Sie finden noch nicht mal ein Café

Sie finden noch nicht mal ein Café

Der Krimi am Sonntagabend ist nach der unverdienten Sommerpause wieder da, als Polizeiruf 110 „Morgengrauen” aus München. Hanns von Meuffels, der sich nie als Hanns von Meuffels vorstellt , ermittelt in der Justizvollzugsanstalt und nutzt die Gelegenheit, sich in die Gefängnisdirektorin Karen Wagner zu verlieben, Matthias Brandt in Sandra Hüller, Sandra Hüller in Matthias Brandt. Befangenheit trifft auf Befangenheit, Schüchternheit auf Schüchternheit, Unbeholfenheit auf Unbeholfenheit, es ist von Anfang bis Ende faszinierend, bedrückend und erheiternd zu sehen, wie gestandene Leute zu Pennälern werden, denen die Worte nicht mehr gehorchen, wenn sie jemanden treffen, der ihren Puls beschleunigt. Warum ist das so. Wagner und Meuffels haben  kein Glück gehabt im Leben mit der Liebe, jedes Mal, wenn es sie erwischt, glauben sie, es könnte ihre letzte Chance sein, das Single-Dasein zu beenden, und nicht zuletzt ist ihr Job so vordergründig, dass er ihre Gespräche beherrscht. Kein Platz für Romantik und geistreiche Flirts.

Meuffels ergattert Karten für einen ausverkauften Gustav-Mahler-Lieder-Abend. Da sitzen sie nun nebeneinander, die Frau, der Mann, beobachten sich aus den Augenwinkeln und empfinden. Da gehen sie durch das nächtliche München und finden nicht mal ein Café. Was ich an Mahler mag, sagt Meuffels, wenn es ernst wird. Wenn die Männer verlassen werden …

Ich wache immer um drei Uhr morgens auf, sagt Wagner.

Das ist die Dämonenstunde, bemerkt Meuffels.

Hab ich gedacht, in den Zellen, jetzt quälen die Starken die Schwachen.

Trotz solcher bekennender Momente gelingt es Meuffels nicht, den größten Fehler zu vermeiden. Er erliegt den Einflüsterungen seines alten Schulfreunds Steiner (Axel Milberg), kann sich nicht wehren gegen den verhängnisvollen Verdacht, der sich aufdrängt, zweifelt an seinen Gefühlen und der Liebsten. Während er schon im Netz gegen sie ermittelt, klingelt sie in liebevoller Erwartung an seiner Tür. Was er tut, mag für den Kommissar unerlässlich sein, für den Liebenden ist es unverzeihlich, und die Gefängnisfrau verzeiht ihm auch nicht. Es ist Meuffels’ Schicksal, allein zu bleiben, der Lonely Boy mit dem verquollenen Gesicht, der Unbehauste, der es noch nicht einmal zu einer eigenen Wohnung bringt und stattdessen in einer Pension lebt. Wir leiden mit bei diesem von Alexander Adolph inszenierten, aus der Polizeiruf-Reihe herausragenden Film.

 

Haußmanns Kita-Krimi

Wenn ick mal Zeit habe, mache ick mir Gedanken über Leander Haußmann. Vorerst nur soviel, dass Leander Haußmann einen Überregisseur oder Ordnungshüter brauchte, der in seinen Filmen aufräumt. Die Verkleisterung mit Musik auflöst, die Proportionen zurechtrückt, Stringenz herstellt. All das kann Haußmann (vorerst) nicht allein. Er gefällt sich darin, ein heiterer Chaot zu sein, der von seinen Einfällen gejagt wird. Hier geht es um den Polizeiruf aus München. Matthias Brandt ist Kommissar Hanns von Meuffels. Damit hat ein Film schon mal eine Fallhöhe. Erfahrungsgemäß kann ein Film mit Matthias Brandt schwerlich abstürzen. So ist es mit diesem „Kinderparadies” betitelten Krimi auch. Der Film kann bestehen. Er ergreift uns, stellt uns hier und da aber auch ratlos an den Rand und lässt uns an einen ratlosen Regisseur denken, dem seine Ratlosigkeit nichts ausmacht. Er hält sie eher für einen Vorzug. (Muss man annehmen). Leander Haußmann ist öfter sehr privat, sehr familiär und sehr amerikanisch. Letzteres heißt, dass er den Amis einiges nachmachen möchte. Ihren Serien. Er sieht sich da auf Augenhöhe. Er ist gern privat und fragt sich im Gespräch mit den Rezensenten, ob er denn in seinem Produkt brutal genug gewesen ist. Seine Frau spielt mit, seine Tochter spielt mit. Auch darüber hinaus ist Haußmann familiär. Man ahnt, dass er von Kita-Problemen selbst ein Lied singen kann und dass ihn ambitionierte Eltern, die so eine Art Kinder-Heiligenschein haben, nerven. Zu Recht. Er hat einen scharfen Blick und ein waches Ohr für gutbürgerliche Tonfälle, Gesten, Grimassen, Verstiegenheiten, Idiotien, aus denen Katastrophen werden können. Wenn Leander Haußmann also heute sagt, dass er für jede lustige Idee, die er nicht hat, dankbar ist, dann heißt das auch, dass er sich auf dem richtigen Weg befindet. Ich habe vor einigen zwanzig Jahren eine Inszenierung des Sommernachtstraums von Haußmann in einem, ich weiß nicht mehr welchem, Berliner Theater gesehen. Wenn ich mich richtig erinnere, und ich erinnere mich leider meistens richtig, war das ein ziemlicher Schuss in den Ofen. Selbstverliebt, chaotisch, diffus. Viele lustige Ideen, die er hatte. Der Sommernachtstraum war auch in diesen Kita-Krimi involviert. Ich sah da einen deutlichen Entwicklungsschritt.

Transen und Bullen

Im Polizeiruf aus München ging es um die Probleme der Polizisten und um das Dilemma der Transsexuellen. Der Film soll sehr gut und sehr besonders gewesen sein und eine grandiose Auflösung geboten haben. Ich fand ihn, den Film, anstrengend. Je rauer die wiedergegebene Realität, desto unübersichtlicher die Abbildung. Viel Geschrei und unappetitliches Fleisch. Der Kommissar Hanns von Meuffels, das ist Matthias Brandt, in der Klemme, aber alle anderen Gestalten stecken ebenfalls knietief im Sumpf. Eine Transsexuelle kommt in der Ausnüchterungszelle der Polizei ums Leben. Von Meuffels hat zwar auf interne Ermittlung überhaupt keine Lust, muss es aber machen und ranzt vor Frust unentwegt seine doch so rührende Assistentin (Anna Burnhauser) an.  Am schwersten hat es jedoch Lars Eidinger, der als Transenwitwe(r) einiges aus sich herausholen und etliches über sich ergehen lassen muss, ich möchte kein Schauspieler sein, verflixt noch mal. Er gibt ein Bild des Jammers ab, liegt zusammengekauert in der Koje, er heult, hat bizarre hysterische Ausbrüche, er strippt, und wenn er mal etwas bessere Laune hat, sagt er: Was ist denn bitte schön ein Beischlaf. Da muss er selbst lächeln, und auch sein Kommissar. Und lachen könnte man ebenso, wenn die bösen Buben im Polizeichor „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten” singen.

Die Sequenzen sind lobenswert kurz, aber auch ein bisschen ausgefranst und unschlüssig. Verwirrung soll sein, zumal, wenn der Fall eigentlich klar auf der Hand liegt.

Der Polizeiruf aus München ist immer besonders, also nie ein geradliniger Krimi. Matthias Brandt ist wie stets tief in den Fall verwickelt, als Patient oder als Geisel oder als was auch immer, und hier spielt ihm die Empathie einen bösen Streich. Der Mensch soll nicht versuchen, Gott zu sein, und ein Kommissar schon gar nicht. Schneller als er denkt, wird er sehen, was er angerichtet hat.

Wenn sich ein solcher Film nach einer Jim-Morrison-Zeile „Der Tod macht Engel aus uns allen” nennt, deutet das auf eine löbliche Ambition hin, zeigt aber auch das Eklektizistische solcher Produktionen. Ich klaube mir zusammen, was irgend strahlt und funkelt.

Transen und Bullen / essen keine Stullen.

Lieber zu Hause verrecken

Die Schlacht muss heut im Saale sich entscheiden, und der Krimi findet im Krankenhaus statt. Das ist „Fieber”, der Polizeiruf 110 aus München. Bei einer Geiselbefreiung wird Kommissar Hanns von Meuffels, das ist (zum Glück) Matthias Brandt, angeschossen, wir erleben ihn größtenteils im Krankenbett oder am Infusionsgestell, der Täter aber, ein Junkie, liegt im Koma und erscheint von Meuffels in seinen Fieberphantasien, der ansonsten von seinen Schmerzen und von den Geräuschen der anderen gemartert wird. Sein Zimmernachbar mit amputiertem Raucherbein schnarcht derart, dass man dafür noch ein neues Wort erfinden müsste, um dem Horror gerecht zu werden. Die Halluzinationen, überhaupt das – wie der Volksmund sagen würde – Übersinnliche ist nicht mal schlecht in Szene gesetzt, das könnte man auch viel schlechter machen. Vor allem lernen wir: Die wahren Kriminellen sitzen in der Klinik. Wir erleben nicht Götter, sondern Täter in Weiß, und eine Krankenhauseinweisung kommt einem Todesurteil gleich, denn in der Klinik muss Geld verdient werden, Geld, Geld, Geld, das kann für das Überleben der Patienten nur ungünstig sein. Der Ermittler lässt das Ermitteln nicht, und so kommt er nur knapp mit dem Leben davon.

Darf die Kunst, wenn sie denn Kunst ist, das Gesundheitswesen (auch hier müsste ein anderes Wort erfunden werden) so schlecht machen? Übertreibt sie nicht? Ist das nicht Alarmismus? Wäre es da nicht gesünder, zu Hause zu sterben? Der Vorhang zu, und alle Fragen offen.