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Der Weihnachtsgeschichtenerzähler liest

Ziemlich gruftig, das Ambiente, das Mikro ist zu erkennen, die Leselampe, zwei Flaschen Wasser und die Silhouette des Weihnachtsgeschichtenerzählers. Und seine Lesebrille

Sonntagabend 18 Uhr liest Alexander Osang im Kino Union in Friedrichshagen (das sogenannte Lippi-Kino) Weihnachtsgeschichten. Wird ja auch höchste Zeit. Alle sind schon da und sichern sich gute Plätze. Osang noch nicht. Er kommt zehn vor sechs. Seine innere Uhr sagt ihm, dass er jetzt noch nicht reingehen sollte in den Saal. Ist ein Moderator da? Sagt mich jemand an? Nee. Ist Osang recht. Macht er selbst. Der Haustechniker informiert, dass alles aufgebaut ist. Zwei Flaschen Wasser stehen auf dem Pult. Am Mikrofon ist ein kleiner Schalter. Es ist jetzt abgeschaltet. Osang soll dann den Schalter anknipsen.

Osang betritt den Saal, ein schlanker Mann, dem man ansieht, dass er einen schönen, zwiespältigen, anstrengenden Beruf hat. Beifall kommt auf. Osang geht ans schwarzverkleidete Podest, das recht vergruftet aussieht. Er sagt mit heller Stimme Hallo und tastet das Mikrofon ab. Den Schalter findet er nicht. Der Haustechniker kommt ihm zur Hilfe, das wird Teil der spontanen Inszenierung. Osang weiß, dass die Friedrichshagener nicht gern das Haus verlassen und schätzt sich umso glücklicher, dass sie so zahlreich erschienen sind. Und nachdem ich Sie gleich mal beleidigt habe, können wir ja anfangen.

Osang ist nicht nur Reporter und Romanschreiber, sondern auch Erzähler von Oster- und Weihnachtsgeschichten. Die stehen zu gegebener Zeit in der Berliner Zeitung. Die Weihnachtsgeschichten sind jetzt als Buch erschienen. Es heißt „Winterschwimmer”. An diesem Friedrichshagener Abend gibt es drei Geschichten. Die Helden heißen Anka Bendig, Markus Buch und Lars Petzold. Man kann es nicht beweisen, aber es sind irgendwie prekäre Namen. Die Leute, die diese prekären Namen tragen, haben, auch wenn es auf den ersten Blick nicht so scheinen mag, prekäre Berufe, sie führen prekäre Ehen oder Einzelexistenzen und sie geraten in prekäre Situationen. Alle stecken sie im Journalismus oder in der Öffentlichkeitsarbeit. Ohne es zu wissen, leiten sie daraus den Anspruch ab, den Leuten da draußen erklären zu können, was sie von der Politik zu halten haben und wie sie ihr Leben gestalten sollen. Aus diesem fatalen Anspruch ergibt sich, was alles so falsch läuft im Land. Am Heiligabend etwa unternimmt es der Radiosprecher Buch, die einsamen Herzen der Zielgruppe 50 plus zu trösten. Das heulende Elend verkauft sich besser als die familiäre Harmonie. Das steckt dahinter. Quote machen oder untergehen. In Marzahn wollen die RBB-Reporter Leuten auf den Zahn fühlen, die nicht neben Flüchtlingen wohnen wollen, haben aber keinen blassen Schimmer, was los ist vor Ort. Nur dass sie auf der richtigen Seite stehen, immer, das wissen sie. Nach ein paar Minuten haben wir uns mit diesen merkwürdigen Helden verbunden. Die Geschichten enden nicht mit dem denkbar schlechtesten Ende, sondern mit dem Verlust der Illusionen und Missverständnisse. Selbsterkenntnis. „Es tat gut, endlich zu sagen, was er dachte.” Das ist doch schon viel. Wir fangen noch mal an, wir geben nicht auf. Das ist allerdings eine Replik von Lars Gustafsson. Osangs Südschweden würden diese Sätze nicht sagen, aber wir können uns vorstellen, dass sie sie denken.

Ein Vorzug der Texte ist die Wiedererkennbarkeit. Marzahn ist erkennbar als Marzahn, Pankow als Pankow, Wilmersdorf als Wilmersdorf und die Wilhelminenhofstraße in Schöneweide soll nicht mehr ganz trostlos sein wie früher. Mit ihrem schlechten Ruf verliert sie aber auch einen Ruf komplett.

Osang kriegt seine Leute (jedenfalls mich), indem er die verborgenen Ressentiments unserer Community entdeckt. Ressentiments, die uns nicht bewusst waren, aber wir fühlen uns entlastet, wenn jemand sie ausspricht. Wir sind also als Berliner nicht verpflichtet, Hertha BSC zu lieben, wir können sogar Union Berlin und seiner Weihnachtssingerei gleichgültig gegenüberstehen. Es ist auch übertrieben, wenn man die Raucher behandelt wie Aussätzige. Man ist als Ostler nicht verpflichtet, jeden Ost-Star zu schätzen.

Dann ist Schluss. Es ist viel gelacht worden, aber nicht so exzessiv. Ich signiere Ihnen dann noch das Buch, sagt Osang, ich signiere Ihnen alles, was Sie wollen. Der Autor und seine Leser. Das wird noch mal eine richtig familiäre Aktion.

Eine Osang-Geschichte aus dem wahren Leben fällt mir noch ein. Unser Chefredakteur hatte die fixe Idee, dass er die defizitäre Wochenpost retten könne, wenn es ihm nur gelänge, Osang von der Berliner Zeitung abzuwerben. Er traf sich ständig mit Osang, lud ihn zu allen möglichen Gelegenheiten ein, zum Beispiel zum Spargelessen. Mittlerweile fragt er mich schon gar nicht mehr, ob ich zur Wochenpost komme, sagte Osang. Höchstens mit den Augen. Aber er lädt mich immer noch ein.

Eine Weihnachtsgeschichte wäre, dass Osang den fragenden Augen endlich ein Ja zur Antwort gibt und dass die Wochenpost trotzdem eingeht. Und dass das auch nicht so schlimm ist wie vermutet. Wir fangen noch mal an. Wir geben nicht auf.

Alexander Osang,Winterschwimmer, Aufbau Verlag, 20 €

Jamie soll erzogen werden

Foyer des Kinos „Union”. Popcorn gibt’s auch. Leider. Kauft aber keiner. Wie schön

Wir gingen ins Kino „Union” nach Friedrichshagen wegen des Films „Jahrhundertfrauen” von Mike Mills. Der Titel, so hört man, passt nicht, der Film, hört man auch, ist okay. Und das Kino Union gehört zum Südosten Berlins, zu dem wir auch gehören; da gefällt es uns erst recht, dass der Kartenverkäufer so höflich und lustig ist und uns auch noch dafür lobt, dass wir uns für die Bionade Streuobstwiese entscheiden, gute Wahl, sagt er, ist auch nicht so süß.

Der Alte Saal des Kinos ist eher breit als lang, verbreitet ein bisschen Stuben-Atmosphäre, auf den Polstersitzen liegen Zettel, dass die Stühle gerade erst gereinigt wurden und noch feucht sind; wir möchten uns die Jahrhundertfrauen nicht mit feuchten Hintern anschauen und steigen hinauf zum Balkon, wo eine Taz-Leserin mit ihrer Zeitung knistert und ihre Chips knuspert, allerdings nur, so lange die brave Friedrichshagener Werbung läuft. Als der Hauptfilm beginnt, stellt sie aus Solidarität mit den Jahrhundertfrauen ihre Geräuschproduktion ein; letztlich sieht sie sich auch als Jahrhundertfrau.

Der Film spielt 1979 in Santa Barbara, Kalifornien. Nicht weit davon entfernt, in Santa Monica, habe ich mal eine Woche verbracht, da fühlte ich mich nicht unvertraut.

Vorm Supermarkt brennt ein PKW, gleichsam vor den Augen der Besitzerin, Dorothea Fields, technische Zeichnerin, alleinerziehende Mutter. Jamie, der Sohn, 15, ist auch dabei. Die Feuerwehr löscht das Fahrzeug. Mrs. Fields hat Geburtstag und lädt die Feuerwehrleute zu ihrer Party ein, ich möchte für Sie kochen. Ihr Sohn kriegt die Krise. Sowas ist doch total uncool. Ansonsten ist es Dorothea, die laufend die Krise kriegt. Jamie entgleitet ihr, der Vater, den sie möglicherweise nie geliebt hat, ist lange weg. Dem Jungen fehlt etwas auf dem Weg zum Mann, und so bittet sie Julie, 17, und Abbie, eine schräge Fotografin und Punkerin, dem Jungen Anleitung zu geben. Sollte das nicht eher ein Mann tun? Nein. Mit William, der das Haus der Fields rekonstruiert, redet Jamie so gut wie kein Wort. Warum auch immer. Er ist eben rätselhaft.

Der Film ist langsam und nicht sehr fokussiert. Er nimmt sich Zeit, beschreibt die Epoche, erzählt Lebenswege ohne ein Ziel vor den Augen. Was man noch zu seinen Gunsten sagen kann: Er ist nicht auf Pointen aus. Er will eher die diffizilen Beziehungen zwischen Männern und Frauen aufspüren, er sagt zu diesem Hauptthema Dinge, die man nicht allzu oft hört. Die Leute sind in ihrem Misslingen und ihrer Verzweiflung oft komisch. Mrs. Fields gibt sich nicht damit zufrieden, altmodisch, aus der Zeit gefallen zu sein. Sie will das neue Leben kennenlernen, und sie wird es so wenig begreifen, wie die jungen Typen das alte Leben begreifen, aber dass der Wille vorhanden ist: Das macht schon etwas aus. Das macht sogar den Unterschied etwa zu Leuten, die komplett scheitern. In diesem Film scheitert keiner.

Schon gar nicht die Schauspieler. Annette Bening, die wir noch als Hexe, das heißt als neurotische Ehefrau aus „American Beauty” kennen (und hassen), liefert eine wahrlich fesselnde Leistung ab, Elle Fanning ist als Julie ein Teeanager, der es bei allem Understatement faustdick hinter den Ohren hat, und Greta Gerwig als Abbie tanzt inzwischen noch verrückter als in Frances Ha. Und Lucas Jade Zumann – wir kennen aus amerikanischen Filmen einige solcher Jungs, die einfach nicht entschlüsselbar sind, um die man aber keine Angst haben muss.

Der Film ist so wenig Einbahnstraße und so wenig fokussiert, dass es tatsächlich unmöglich war, einen adäquaten Titel zu finden. „Jahrhundertfrauen” erzählt, was das zwanzigste Jahrhundert den Frauen zugemutet hat und die Frauen dem Jahrhundert. Das 21. Jahrhundert soll das Jahrhundert der Frauen sein. Männer im Untergang. Ich glaube das nicht. Ich glaube an das empfindliche Gleichgewicht. Frauen machen sich von Männern ein falsches Bild (das haben sie in den Genen) und Männer von Frauen. Und das ist gut so.

Ein Jahrhundert Unförmigkeit

Bölschestraße Samstagabend. Bei Apollo brennt noch Licht

Bölschestraße Samstagabend. Bei Apollo brennt noch Licht

Schon Friedrichshagen im Südosten Berlins ist eine andere Welt, mit der berühmten Bölschestraße und der Erinnerung an den Friedrichshagener Dichterkreis, Maulbeerbäume und Seidenraupenzucht. Da steht auch das Kino Union, Lippis Kino, wenn mich nicht alles täuscht, also das Kino, das der Entertainer Wolfgang Lippert unter gewissen Auflagen kaufte, die er nicht erfüllen konnte, weil es für ihn nicht mehr so lief wie erwünscht. Lange war das Kino geschlossen, von Abriss wurde geredet, jetzt spielt es wieder, Gott sei Dank. Nachdem der überaus charmante Kartenabreißer die Karten abgerissen hat, begeben wir uns auf die Suche nach dem Kinosaal, der sich rechts um die Ecke befindet und eine Wohnstubenatmosphäre bietet mit kleinen Tischchen und Sesseln, aus denen man schwer wieder hochkommt, schon was Besonderes, auch die Werbung, in der Geschäftsleute der Bölschestraße auf Leistungen verweisen. Eine andere Welt im Extrem ist dann das Dorf Wischershausen im Dokfilm „Am Ende der Milchstraße”, Landkreis Mecklenburgische Seenplatte. Fünfzig Seelen. Früh um fünf wälzt sich der Bauer Maxe aus seinem Bett, seine GefährtinCordula zieht sich die Decke über den Kopf. Maxe füttert die Schweine, dann macht er ein Bier auf. Ob nun Maxe oder Olli oder Maik, sie sind Männer, die nicht höher sind als breit, sie tragen grüne Arbeitsanzüge, man vermutet bei jedem mindestens einen Zentner Übergewicht und fragt ängstlich, wie die Sehnen und Gelenke das alles ertragen sollen. Das war eben immer so, in Mecklenburg: Wegen der schweren Arbeit in den Ställen und auf dem Feld, war es geboten, schwer und fett zu essen. Die Zeiten ändern sich schneller als die Einstellungen. Man sieht wenige PKW in diesem Dorf und denkt sich, dass das daran liegen könnte, dass diese Menschen nicht in ein normales Auto reinpassen oder dass der Wagen Übergewicht bekommt auf der Seite, wo sie einsteigen.

Andere reden vom Land, wo Milch und Honig fließen, sie reden von der DDR, wo jeder Arbeit hatte. Man fütterte einen Eber und verkaufte ihn für einige tausend Mark. Ihretwegen könnte man die Mauer wieder hochziehen, wenn sie auch mit der roten Scheiße nichts zu tun haben wollen, ohne Gott und Sonnenschein bringen wir die Erde ein, das hat ihrer Meinung nach Honecker gedichtet, der die schlechten Seiten des untergegangenen Staats personifiziert. Der Opa erzieht die Enkel, das Lehrbuch ist die Bild-Zeitung, wenn die Frau nicht das Essen auf den Tisch stellt, haut man sie dot, in dieser Grobheit, die das ganze Leben durchzieht, soll auch eine Ironie liegen.

Das Dorf ist arm. Die Leute sind arbeitslose Selbstversorger. Wer noch einen Job hat, weiß nicht, ob das morgen auch noch so sein wird. Oder er wird so bezahlt, dass er mit dem Geld einfach nicht auskommen kann. Was ist zu tun. Das Kalb aus dem Leib der Kuh reißen, Grünfutter machen, die Tiere füttern, austreiben, schlachten, essen und saufen. Kirschlikör, Goldkrone, Bier. Gabis Gatte, der kein schlechter Mann war, hat sich totgesoffen. Man gibt sich der Illusion hin, dass das an der Wende und der Arbeitslosigkeit lag.  Die Frauen, die übrigens Normalfiguren haben, haben ihre Lebenslektion gelernt: Nie mehr abhängig sein von einem Mann. Nur wenn man auf eigenen Beinen steht, kann man sich mit einem dieser Männer einlassen.

Manchmal, wenn die Sonne untergeht, unten am See, wenn man in die Allee hineinblickt oder wenn die Kinder auf Strohballen spielen, gibt es schöne Bilder in diesem Dorf am Ende der Milchstraße. Ansonsten niedrige Häuser mit Welleternitdächern, Schuppen, Ställe, Hallen, Hütten unausdenkbarer Unförmigkeit. Die Wohnungen sind verkramt, die Höfe vermüllt. Güllehalden und Reifenberge. Wie kommt sowas? Es hat doch immer auch schöne Dörfer und schöne Höfe gegeben. Der einzige Luxus ist ein Aquarium mit traurigen Goldfischen irgendwo. Und dann lebt da auch Harry, der Zugezogene, der keine Probleme hatte, in die Dorfgemeinschaft aufgenommen zu werden, weil er ein Technikversteher ist. Er repariert den Bauern die Geräte, und die Bauern füttern für ihn als Gegenwert ein Schwein. Harry gibt sich beim Angeln der Meditation hin, Harry befasst sich mit der Fotografie, und Harry sagt auch mal nein, wenn die Schnapsflasche kreist.

Auch Maxe hat eine Vision: „Wenn ich mal Rentner werden sollte, hol ich mir ein Schwein und geh mit spazieren.”

Das ist doch total hoffnunsglos! Nein. Ist es merkwürdigerweise nicht.

Die beiden Dokfilmer, Dirk Uhlig und Leopold Grün, haben sich ein Haus in Wischershausen gekauft und richten es her. Zuzug. Hoffnung. Perspektive.