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Posts Tagged ‘Honoré de Balzac’

Balzac der Verschwender

Ein dicker, äußerst vitaler Dichter
Illustration: H. Thannhaeuser © Transmare Verlag

Der E-Book-Reader dient mir unter anderem dazu, Lektürelücken zu schließen. Ich habe einiges downgeloadet, was ich in meiner Leserbiographie vernachlässigt habe. Jetzt waren „Verlorene Illusionen” von Balzac dran. Balzac war für mich ein weißer Kontinent, das heißt, auch wieder nicht, denn recht früh hat mich Stefan Zweigs Balzac-Biographie-Roman gefesselt, seltsamerweise aber nicht bewegen können, Balzac direkt zu lesen. Das ist wahrscheinlich ein geläufiges Missverständnis: Man liest die Biographie und meint, man wüsste alles. Und was ist von Stefan Zweigs Biographie hängengeblieben? Balzac war immer in Geldnöten. Er schrieb nachts, trank Unmengen von Kaffee und entdeckte irgendwann das Zauberwort für seine Art zu schreiben: Intensität. Er begann, mit der polnischen Gräfin Hanska zu korrespondieren und verliebte sich in sie, auch weil er hoffte, dass sie ihn von seinen Geldnöten erlösen könnte. Aber das konnte keiner. Balzac war ein enormer Verschwender. Geld faszinierte ihn. Und alles, was man mit Geld tun konnte, faszinierte ihn noch mehr, kaufen, Luxus anhäufen, Schulden machen und Schulden machen, um sich von Schulden zu befreien, was auf noch mehr Schulden hinauslief.

Illusions perdues schrieb Balzac, als er wieder in höchster Bedrängnis war. Er konnte das: Arbeiten unter Druck, alles ausblenden, schreiben, 15 Stunden am Tag. Die Illusionen sind ein Roman der Jugend, die in der Zeit der Restauration, nach dem Verblassen der heroischen Ideale, ihren Weg verfehlt. Die Freunde Lucien Chardon und David Séchard verfolgen unterschiedliche Pläne. Der hochbegabte Lucien geht nach Paris, um als Dichter Karriere zu machen. David übernimmt die Druckerei seines Vaters und bleibt in der Kleinstadt Angouleme. Lucien ist leichtsinnig und verführbar, er rennt (wie Balzac) dem schnellen Geld und dem Luxus hinterher. Klar, dass er scheitern muss, weniger klar, dass er auch seinen Freund David und seine Schwester Eve, die David geheiratet hat, mit ins Unglück zieht.

Wenn man’s genau nimmt, hat Balzac sein persönliches Schicksal hier doch nicht ausblenden können, denn auch er war Druckereibesitzer und Unternehmer gewesen, auch er scheiterte, auch er schrieb seichte Texte, um Geld zu machen, auch er musste sich vor dem Gerichtsvollzieher verstecken, auch er war leichtsinnig und wurde Opfer von Intrigen, Opfer aber auch seiner Oberflächlichkeit. Man spürt, dass der Autor hier in langen Passagen einiges abzuarbeiten und für sich selbst geradezurücken hat. Seine Helden scheitern vielleicht auch an ihrer Blauäugigkeit, hauptsächlich aber an den Intrigen und kriminellen Machenschaften ihrer Rivalen. So rückt Balzac auch sein Selbstbild zurecht. Genützt hat es ihm nichts, er machte immer die gleichen Fehler. In aller Ausführlichkeit beschreibt er die Macht der Medien und ihre Unmoral, hinterhältige Finanztransaktionen und juristische Fallen. Dem Roman fehlt die Balance der Proportionen, den Charakteren die Vielschichtigkeit. Aber das war gewollt. Balzac legte jede seiner Figuren auf einen Hauptcharakterzug fest. Sie sind ausrechenbar, aber auch intensiv. Und so war wohl auch er.

Das Motiv der verlorenen Illusionen hat mich vorrangig interessiert. Ich denke schon ein Weilchen über die, wenn man so will, Metaphysik der Illusionen nach. Wir machen uns Illusionen über unsere eigenen Aussichten, wir machen uns auch Illusionen über unsere Umgebung, über unsere Freunde zumal. Ich denke nicht mal, dass wir diese Illusionen verlieren. Sie verschwinden eher unmerklich, irgendwann stellen wir dann fest: Sie sind nicht mehr da, wir können auch ohne sie leben, vielleicht sogar besser. Es geht um einen Zustand von Nüchternheit. Wir haben einige Freunde verloren, einige Freunde haben uns verloren. Da hat es nicht mal Streit gegeben. Wenn die Illusionen, die man mit Personen seines Umfelds verbindet, verschwinden, dann kommen einem auch die Emotionen abhanden, die für eine Freundschaft auch benötigt werden. Dann hat man keine zwanzig Freunde mehr, sondern zwei.

Man mag, dies noch nebenbei, bezweifeln, ob es sinnvoll ist, Lektürelücken zu schließen. Das hat so etwas Anti-Fatalistisches. Man kann auch sagen: Wenn es eben so gekommen ist, dass ich einige der Großen der Weltliteratur nicht gelesen habe, dann kann man es auch dabei belassen. Vielleicht passen die einfach nicht zu mir.

Berlin Alexanderplatz (29): Schattenflüchter

Schattenflüchter …
© Fritz-Jochen Kopka

Es ist die Zeit des Goldregens und des Flieders. Manchmal trifft uns unvermittelt eine sympathische Duftwolke, hüllt uns sein, und schon sind wir wieder vorbei. Kein Flieder mehr, S-Bahn. Am zweiten Tag ungebremster Sonne suchen wir die Schattenseite in der Bahn, aber die ist besetzt. Man sitzt und schwitzt. Im E-Book-Reader rufe ich Balzacs Verlorene Illusionen auf und bin abermals fasziniert, was der Mann in seiner Zeit bereits über die Ambivalenz der freien Presse wusste. Nicht auszuschließen, dass er gewisse Charaktere erst auf dumme Ideen brachte, was man mit einer Zeitung alles so anstellen kann. So lande ich am Bahnhof Alexanderplatz auch gleich mal im Presseshop. Da sind ein Angeber und ein Geduldsmensch aufeinander getroffen, und der Angeber ruft aus: Dafür hatte ich früher ja nie Zeit! Aber jetzt mache ich das alles. Früher hatte ich dafür nie Zeit.

… und Seifenblasenfänger

Er ist nach Berlin geeilt, trifft sich mit anderen Netzwerkern, sie arbeiten ihre Themen ab, werden aber auch das Jüdische Museum, den Bundestag, die Baustelle des Flughafens aufsuchen. Dafür! Hatte! Ich! Früher! Ja! Nie! Zeit!, ruft er abermals aus. Ihr seid also kein Unternehmen, sondern eine interaktive Gruppe, sagt der Geduldsmensch, um auch mal was zu sagen. Dafür hatte ich früher nie Zeit, wiederholt der Angeber ein übriges Mal. Ich haue ab. Mir eitern die Ohren. (Dafür hatten sie früher nie Zeit, die Ohren.) In einer Nische des Bahnhofsgebäudes hat eine Handvoll Polizeibeamte zwei Verdächtige gestellt. Die Verdächtigen werden nach allen Regeln der Dienstvorschrift auf Waffen, Drogen und Liebesperlen durchsucht. Die Polizisten gehen mit großer Akkuratesse vor, die Verdächtigen schneiden harmlose Gesichter und zeigen Geduld. Profis unter sich.

Nach einem Jahr suche ich wieder mal den Whisky Market in der Winsstraße auf. Auch in diesen stilleren Straßen flüchtet sich alles zu den schattigen Plätzen, und der Whisky Market ist mit seiner Ruhe und seinem dezenten Halbdunkel ein besonders günstiger Ort. Der Verkäufer will wissen, welche Marke ich normaler Weise bevorzuge, und weiß sofort bescheid, in Sherry-Fässern gereifte Whiskys, er könne mir aber, wenn es mir auf eine fruchtige Note ankomme, auch in Burgunder-Fässern gereifte Whiskys nahelegen. Ich entscheide mich für einen Highland Park Single Malt und bedanke mich für die Beratung. Ach, das war doch nichts, winkt der Verkäufer ab. Doch doch, sage ich, das bringt mir schon was.

The singer and the child

An der Straßenbahnhaltestelle klagt ein Mädchen ins Smartphone, dass ihr das Make up verlaufen sei in der Hitze, deshalb schminke sie sich ja selten, aber heute habe sie mal Lust dazu gehabt, und nun sei alles verlaufen. Je weniger sie zu erzählen hat, desto mehr sagt sie. Im Schatten des Funktionsgebäudes am Alexanderplatz singt jetzt Brea Robertson, eine Frau mit einer großen Stimme und einer kleinen Gitarre. Ein Kind hat sich neben dem Gitarrenkoffer niedergelassen, es hat nicht begriffen, dass es das Geldstück hier ablegen soll, die Mutter muss kommen und die Hand führen. Brea lacht, während sie singt, vor ihr hatte Lee Lo ihren Auftritt, nach ihr ein lustiger Typ, sie zupfen alle dieselbe kleine Gitarre und gehören zu einer lockeren Verbindung von Musikanten. Zusammen sind sie weniger allein auf der schattigen Seite des großen Alexanderplatzes. Vor dem Hotel verfolgen die Kleinsten der Kleinen, sofern sie schon laufen können, die Seifenblasen der Seifenblasenmacher. Ein Abenteuer der Poesie.

Sonne im Untergang

Im Haus Berlin sitzt Verheugen, von der Sonne im Beton der Innenstadt gemartert, am kleinen Tisch vorn rechts. Der einzige Tisch im Biergarten, der für ihn in Frage gekommen wäre, wird von Kartenspielern besetzt. Alle anderen sind zu sehr der Sonne ausgesetzt. Verheugen erzählt von den Wölfen Äthiopiens und davon, dass der Löwe kein Dschungel- sondern ein Savannentier sei. Du siehst wohl keine Tiersendungen, fragt er mit leisem Vorwurf. Ich sehe Sportsendungen, sage ich, das ist vergleichbar.

Wir trinken unsere fünf Bier. Dann gehen wir. Die Sonne scheint noch. Das Pflaster dampft noch. Die Kartenspieler spielen noch.