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Posts Tagged ‘Handy’

Draußen im Sommer

Kein Husten, kein Handy, kein Wind

Im Sommer telefonieren die Leute in ihren Gärten. Sind Sie sicher, dass die ganze Straße hören möchte, was Sie da ins Handy sprechen? Nein, sind sie nicht. Ist ihnen aber egal. Ich denke, also bin ich. Das war mal. Ich quatsche ins Handy, also bin ich. Wer nicht ins Handy quatscht, wer keine Spur in der Cloud hinterlässt, kann nicht sicher sein, dass er existiert.

Andere, etwa ich, lesen im Sommer die Zeitung im Garten. Zeitung lesen im Wind – da sind Könner gefragt. Man kann das nicht auf Anhieb. Es entstehen sagenhafte Verknuddelungen (ich verwende gern mal ein Wort, das nicht im Duden steht). Neben dem Wind stört mich der Husten aus den Nachbargärten. Auch da sind Könner am Werk. Es gibt welche, die gleichzeitig husten und lachen. Es gibt andere, die gleichzeitig husten und sprechen. Ich bin unschlüssig, wem die Krone gebührt. Hör mal, wie schön ich husten kann. Niemand hat die Absicht, ernsthaft etwas gegen seinen chronischen Husten zu unternehmen. Denn einfach nur lachen und einfach nur sprechen kann jeder. Aber gleichzeitig dazu zu husten – das gibt’s sonst nur im Zirkus. Oder früher bei Wetten dass.

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The Dog of the Future

Wir tun viel für unsere Hunde, aber bei weitem nicht genug
© Fritz-Jochen Kopka

Der Hund, der mich – und auch andere Kunden (ich will nicht angeben) – stets aufgeregt begrüßte, lag apathisch in einer Ecke des Salons. Wie ein nasser Lappen, könnte man behaupten. Dabei hatte die Friseurin eben noch Ärger mit drei anderen vereinigten Hundehalterinnen bekommen, weil ihr Hund angeblich aggressiv sei und einem der fremden Hunde eine Verletzung zugefügt habe. Sie sind als Hundehalterin absolut ungeeignet!, oder so. Dabei gibt es meines Wissens keine Frau, die so tief in die Psyche eines Tieres eingedrungen ist wie meine Friseurin. Später kam auch der Mann der Friseurin, um den Hund abzuholen. Sie deutete auf mich und sagte: Er meint, unser Hund ist eine Schlaftablette. Halt mal, das habe ich nicht gesagt. Ich sagte vielmehr: Der Hund befindet sich in der Modifikation vom Abenteurer zum Philosophen. Damit war der Mann einverstanden. Wenn man uns so einen Hormonchip einsetzen würde, würden wir uns auch nicht anders verhalten, sagte er. Und: Philosoph ist gar keine schlechte Perspektive. Außerdem, fügte er hinzu, geht der Hund bei Regenwetter nicht gern raus. (Wie alle Philosophen)

Da kam mir die Idee für ein Geschäftsmodell. Es gibt alles Mögliche für Hunde, Kleidung, Signallampen, von exklusiver Verpflegung ganz zu schweigen. Aber keine Regenschirme. Regenschirme für Hunde anzufertigen dürfte keine allzu schwierige Sache sein. Man könnte sie aufmunternd bunt gestalten, und dem Hund wäre es eine Freude, bei Wind und Wetter hinauszugehen.

Und warum, frage ich, gibt es keine Handys für Hunde. Einfache Handys, in die man die Nummern ihrer Hundefreunde eingibt; sie könnten mit der Nase darauf stupsen und den Kollegen am anderen Ende anbellen, der bellt zurück und so ergibt sich ein Austausch, auf den wir Menschen ja auch nicht verzichten möchten. Sicher ist es schwieriger, ein Handy für Hunde herzustellen als einen Regenschirm, aber unmöglich sollte es nicht sein.

Der Spielmann

Steigt die Party noch? © Christian Brachwitz

Steigt die Party noch?
© Christian Brachwitz

Straßenmusik dreißig Jahre später. Der Musikant betritt die Bahn. Er kommt von weit her und ist kein Demütiger, kein an der Menschheit Leidender, kein Zukurzgekommener. Sein Akkordeon kann auch weinen, aber der Musikant weiß, dass die Leute Spaß haben wollen, und wenn das Akkordeon („das Schifferklavier”) weint, dann setzt er die tragische Mine auf, zwinkert aber ab und zu mit den Augen. Der S-Bahnwagen wird leicht zum Partyraum, und Spaßverderber gibt es überall. Sie sind angestrengt mit ihrem Handy beschäftigt, mit dem man vor dreißig Jahren noch nichts im Sinn hatte. Damals musste man seinen Lieben noch nicht mitteilen, dass man in der S-Bahn sitzt irgendwo zwischen Greifswalder Straße und Prenzlauer Allee. Heute interessiert das im Prinzip ja auch niemanden. Der Professor hatte sein Katzenauge noch nicht direkt am Fahrradhelm. Er war damals auch noch nicht so verliebt in seine Klarsichtfolien. Die Zufallsgesellschaft im S-Bahnwagen war nicht so bunt, so international. Deshalb werden die Leute doch wohl irgendwann anfangen, zu tanzen oder wenigstens mitzusingen, verdammt noch mal. Ansonsten reicht es auch, wenn ihnen das Portemonnaie locker sitzt. Sie brauchen gar nicht so blöde wegzugucken.

Integration: eins

Unsere Straße am Abend. Schon ziemlich unheimlich, wa?

Unsere Straße am Abend. Schon ziemlich unheimlich, wa?

Als die Nüsse fielen (was in diesem Jahr ziemlich zeitig geschah), stand ich bei den Mülltonnen (oder Wertstoffbehältern?) und befreite die Walnüsse von ihren durch die Nässe geschwärzten Schalen.

Die Straße herunter kam ein Bürger mit Migrationshintergrund und sprach unentwegt ins Handy, was ihn nicht hinderte, die Nüsse, die auf die Straße gefallen waren, in eine Plastiktüte zu sammeln. Manchmal sang er auch, ob nun ins Handy oder einfach so, erschloss sich mir nicht. Ist alles okay?, fragte er mich. Was soll nicht okay sein, sagte ich. Das brachte ihn zum Lachen. Lecker, lecker, lecker, rief er. Er warf die Nüsse mit voller Kraft aufs Pflaster, damit sie platzten, klaubte die Frucht aus den Schalen, steckte sie in den Mund und rief orgiastisch dieses lecker, lecker, lecker. Ich sagte, dass die Schalen die Finger verfärben würden und man das schlecht reinigen könnte. Das schien ihm etwas die Laune zu verderben. Er fragte mich aus, ob ich allein wohne und ob meine Kinder in der Schule seien, nein, sagte ich gewitzt, meine Kinder sind schon groß und arbeiten. Er kam aus Pakistan, sei neun Jahre in Deutschland, lebe allein. Er hatte urplötzlich die Lust an den Nüssen verloren und wollte mir zweimal die Tüte rüberreichen. Nein, nein, sagte ich, selber sammeln, selber essen, lecker, lecker. Das machte ihn irgendwie schwermütig, und er zog ab. Dann sah ich ihn nicht mehr, hörte aber noch seine Lieder.

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„Manche sind kaum zu stoppen!”

© Fritz-Jochen Kopka

Nicht jede moderne Schule sieht auch schon modern aus

Erstaunlich, dass eine Versuchsreihe im deutschen Bildungswesen, die im Frühsommer in den Bundesländern Berlin, Niedersachsen und Sachsen-Anhalt gestartet wurde und zwar mit beachtlichem, wenn auch, wie wir meinen, erwartbarem Erfolg, bis zum heutigen Tag so gut wie unbeachtet blieb.

Die Gremien gaben schweigsamen, verstockten oder weitgehend stummen Schülern die Chance, ihre Prüfungen mit dem Handy zu absolvieren. Prüfer und Prüfling sitzen in benachbarten Räumen, der Prüfling selbstverständlich unter Aufsicht einer Vertrauensperson. Der Prüfling gibt die Nummer der Prüfungskommission ein, die Kommission begrüßt den Schüler, stellt das Thema und die Fragen und das Wunder geschieht. Schüler, die in der Vergangenheit der Prüfungssituation einfach nicht gewachsen waren und kein Wort über die Lippen brachten, sehen sich durch das technische Hilfsmittel Handy in der Lage, die Fragen der Prüfer fließend zu beantworten. Wir erkennen unsere Schüler nicht wieder, sagte ein Direktor aus Sachsen-Anhalt, manche sind kaum zu stoppen. Das Mobiltelefon löst ihnen die Zunge.

Durch den unerwarteten Wortschwall der Schüler verlängerten sich die Prüfungszeiten erheblich. Aber das, so der Direktor aus Sachsen-Anhalt, ist ein Umstand, den wir gern in Kauf nehmen. Die Punktzahlen der Schüler haben sich erheblich verbessert. Wir erwarten nun Anmeldungen von Schülern aus anderen Bundesländern, die sich nicht zu dieser Maßnahme entschließen können, wenn das auch nicht Sinn dieser Testreihe sein kann. Aber Bildung ist nun mal Ländersache.

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