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Posts Tagged ‘Handwerker’

Wat mir ufffällt

Man kann sagen: Volkskunst
© Fritz-Jochen Kopka

Auf dem Bahnsteig die Plakatwand, man kann jetzt auch Billboard sagen (angeregt durch den Film, der gerade läuft) – da hat jemand mit unübersehbarer Sorgfalt auf der weißen Fläche gearbeitet, gezeichnet, geschrieben, SEX MIT DEM SOZIALARBEITER, das fällt noch am meisten auf, die Sonne macht meinen Kopf zum Teil des Plakats.

Auf dem Alexanderplatz fragt ein, ich sag mal, Dreizehnjähriger, bei dem der Stimmenbruch noch nicht begonnen hat den Fish ’n Chips-Verkäufer aufgeregt, ob er sich setzen dürfe, ohne was zu kaufen, er hat noch eine halbe Stunde Aufenthalt: Ist das in Ordnung? Der Verkäufer begreift erst mal nicht, dann willigt er ein, aber nichts verzehren, was er anderswo gekauft hat, bittet er sich aus. Was für ein wohlerzogener Junge, denke ich, so was kommt selten vor in diesen Tagen, kein Wunder, dass der Knabe nicht aus Berlin ist, und nun holt er auch noch ein Paperback (wenn es auch ein Thriller ist) aus dem Rucksack und liest. Um die Jugend ist mir nicht bange, aber um die Trinker, die sich wieder in der Ecke vor dem Bahnhof eingenistet haben mit vollen, halbvollen und leeren Flaschen und viel Abfall.

Mir fällt jetzt auch die Polizeiwache auf dem Alexanderplatz uff, in den Medien ist viel die Rede von ihr gewesen, sie soll nämlich dafür sorgen, dass es endlich ein Ende hat mit der Gewalt auf dem Alexanderplatz. Ein Polizist steht neben dem Bürocontainer und antwortet auf die nichtgestellten Fragen eines unbesorgten Bürgers. Drinnen sitzen die Bürokraten und genießen ihre geruhsame Tätigkeit. Uff fällt mir auch, dass der Alexanderplatz an diesem sonnigen Wintertag an den Rändern belebt ist, die beliebten Primarktüten werden gehalten, in der Mitte aber viel Leere zu bieten hat.

Fremde Friseure

Ich gehe bis zum Hackeschen Markt und weiter bis zur Joachimstraße, blicke durch Schaufensterscheibe einer fremden Friseursalons, dessen Coiffeure sich als Künstler zu verstehen scheinen und gehe in den meinen. Meinen Friseur seit zweieinhalb Jahrzehnten, meine Friseurin muss ich sagen.

Da fällt mir uff, dass sich der ehemalige Azubi Norman zum Kinder- und Jugendfriseur spezialisiert hat. Ja, sagt Deborah, die Kinder lieben ihn. Er hat auch immer was zu erzählen. Meistens fragt er sie, was sie zu Mittag gegessen haben, das haben sie schon wieder vergessen, und dann reden sie darüber, dass sie alle Stampfkartoffeln mögen.

Sie sprechen auf Augenhöhe, sage ich.

Ja, auf Augenhöhe.

In einer pinken Welt. Ausstellung von Stephen Prina: As He Remembered It

In der Karl-Marx-Allee fallen mir in einer Galerie eine Menge pinkfarbener Möbel und am Straßenrand lauter Kleinbusse uff. Was kann das sein? Hier wird wieder ein Film gedreht. Ja, bestätigt die Kellnerin, aber der Drehstab kommt nicht zu uns rein, sie trinken kein Bier, essen keine Bulette, gehen nicht auf die Toilette. Sie haben das alles selbst. Je mehr Busse, desto teurer der Film, sagt Verheugen.

Er hatte heute den Handwerker im Haus. Ihm fiel uff, dass der pünktlich um halb neun kam, hingebungsvoll arbeitete, die Entlüftungsanlage vom jahrzehntealten Dreck befreite und nicht mal ein Trinkgeld annehmen wollte. Ein junger Mann noch. Ich hätte gar keine Albträume zu haben brauchen, sagt Verheugen.

Gemeinschaftlich fällt uns uff, dass es ziemlich dekadent ist, wenn sich die Gesellschaft mit hochrotem Kopf über ein schönes, aber auch harmloses Gedicht streitet. Und dass Frauen wiederholt mit halbvollen Gläsern vor die Tür des Restaurants gehen und ihre Lullen durchziehen. Halbvolle Gläser. Halbvolle Gläser und halbvolle Frauen. Halbvolle Frauen. Halbvolle Frauen und halblange Lullen. Halbvolle Gläser. Halbvolle Gläser und halbvolle Frauen. Gläser und Frauen und Lullen. Und zwei Bewunderer.

Internet und Herrschaftswissen

Das Herrschaftswissen löst sich in seine Einzelbestandteile auf
© Klaus

Mit der Ausbreitung des Internet begann der Niedergang des Begriffs Herrschaftswissen und all dessen, wofür er steht, und das ist auch gut so. Das Internet ist die reine Demokratie mit allem Für und Wider. Es fällt einem nicht in den Schoß, das Internet, man wird nicht hineingezwungen, aber wenn man es hat, kann man überall dabeisein. Und kann das, was wir Herrschaftswissen nennen, aufstöbern. Und schon ist Herrschaftswissen kein Herrschaftswissen mehr. Okay. Ich weiß nicht alles, aber ich könnte alles wissen, wenn ich nur wollte und meine Zeit mir nicht zu schade wäre. Nie waren die Statements der Politiker so durchsichtig, wie jetzt in den Zeiten des Internet. Nie war die Geheimnistuerei der Manager so lächerlich. Aber so hoch will ich gar nicht greifen. Der Handwerker ist nur noch eingeschränkt König. Den Boiler, den er mir für 700 € in Rechnung stellen würde, kaufe ich im Netz für 500. Die Info, wie ich den Rollladenantrieb meiner Jalousie programmieren kann – er enthält sie mir vor, weil er sich wichtig tun und mit jeder Kleinigkeit Kohle machen will – ich hole mir die Anleitung im Netz. Und dann mache ich das selbst. Leckt mich doch alle am Arsch. Das eigene Herrschaftswissen, das man sich über Jahre und Jahrzehnte angeeignet hat und mit dem man hier und da auf die uns eigene bescheidene Art aufgetrumpft hat, ist allerdings auch von seinem Glanz befreit. Das halten wir aus.

Lebensweisheit

Handwerk hat Tradition

Handwerk hat Tradition

Je länger die Handwerkerleistungen zurückliegen, desto größer wird die Phantasie der Handwerker beim Schreiben der Rechnungen.

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