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Wie wir in die Winterpause gehen, II

An der Mauer stand mit Teer: HANSA. Wir kommen gestärkt zurück.

Wir armen Hansa-Rostock-Schweine spielen die beste Hinrunde seit langem und gehen tief enttäuscht in die Winterpause, warum das denn. Weil wir das letzte Spiel zu Hause gegen die Sportfreunde Lotte verlieren. 0:3. Wir hatten seit eh und je Schwierigkeiten mit Lotte, mit diesen Spielern, die stark wie Ochsen sind, aber im Hinspiel war uns das Glück hold. Ein schmeichelhafter Elfmeter und ein 50-Meter-Schuss von Bryan Henning sorgten für den Auswärtssieg. Vielleicht meinte der Schiedsrichter, Herr Patrick Schult aus Hamburg, da etwas gutmachen zu müssen. Jedenfalls pfiff er ein Foul vor dem 1:0 der Lotter Buben nicht. Bryan Hennig stürmte auf den Schützen Oesterhelweg zu, um dessen Schuss zu blocken, und wurde von Matthias Rahn, der sich kein Stück um den Ball bemühte, zu Boden gerammt. Das war Freistoß und mindestens Gelb für Rahn. Minute später Freistoß von Marcel Hilßner, Oliver Hüsing chipt den Ball ins Tor. Schult pfeift Abseits, wenn es auch gleiche Höhe war. Wir meinen, es ist schon schwer, bei dem Gewühl im Strafraum klare Bilder zu sehen, aber seit wann gilt denn: Im Zweifel gegen den Angreifer?

Zwei schwere Fehlentscheidungen innerhalb von fünf Minuten – die können einem Spiel schon eine Richtung geben. Letztlich bescherten uns die Lotter nicht nur drei Gegentore, sondern Julian Riedel eine Mittelfußprellung und Willi Evseev einen Schlüsselbeinbruch. Trainer Dotchev war in der Pressekonferenz, wenn er auch den gewohnt väterlichen Sound drauf hatte, tief deprimiert. Dieses klare Foul vor dem 0:1 – vielleicht hat der Schiedsrichter es nicht gesehen. „Aber wie kann man so etwas nicht sehen? Ich versteh das nicht.” Sowas übersehen, aber ein Abseits, das kein Abseits ist, sehen– da kommt man schon ins Gübeln.

Und wir wären ja keine echten Fans, wenn wir nicht gleichzeitig auch Verschwörungstheoretiker wären. Die Schiedsrichter aus Norddeutschland West pfeifen ziemlich konsequent gegen den Verein aus Norddeutschland Ost. Wir verweisen nur auf den unseligen Patrick Ittrich. Auch aus Hamburg.

Was ist denn bloß mit Hamburg los

Wir machen jetzt kleinere Spiele

Wir machen jetzt kleinere Spiele

Hamburg will mehrheitlich keine Olympiade. Da jubeln die Gegner, aber die Befürworter sind schockiert und zählen die Gründe auf. Terroranschläge in Paris, Dopingskandale, Korruption in den Sportverbänden. Die Spitzensportler sagen, dass das ein Schlag für den Leistungssport ist, vielleicht auch ein Sargnagel.

Mir fällt auch noch was ein. Wir haben uns in den Medien mokiert über die Vergaben der Olympischen Spiele, Politik und Medien konnten sich gar nicht einkriegen wegen der Gigantomanie und verfehlter Konzepte in Athen, London und Peking, wegen der sinnlos rausgeschmissenen Milliarden in Sotschi und der verwaisten Sportstätten nach den Spielen. Soll doch niemand denken, dass man diese Lamenti nicht auch rückbeziehen kann und tatsächlich rückbezieht auf das eigene Land.

Doping ist noch mal ein Extrapunkt. Gibt sicher viele Leute, denen es gefällt, wenn eine ganze Nation wegen Doping ausgeschlossen wird, noch dazu, wenn es um Russland geht. Mir macht es schlechte Laune. Es gibt leider mehr als genug Dopingfälle auf der Welt, auch in den USA. Die stellen sich allerdings geschickter an. Erst holen sie die Medaillen. Jahre später hören wir, dass sie gedopt waren. Das Problem bekommen wir nicht in den Griff. Es stellvertretend in einem Land radikal anzugehen, ist heuchlerisch.

Ich lese gerade, dass Claudia Pechstein an einem Tag zweimal kontrolliert wurde, das erste Mal früh um 4.30 Uhr oder so. Es ist absurd. Man braucht Sündenböcke und nimmt es den Sündenböcken schwer übel, wenn sie keine Sündenböcke sind.

Die Spiele haben viel von ihrer Strahlkraft eingebüßt; das hängt auch mit der Einbeziehung von – für den gewöhnlichen Zuschauer – mehr und minder skurrilen Randsportarten zusammen, deren Regeln wir nicht kennen und auch nicht mehr begreifen werden. Ich glaube, es war Anne Will, die einmal in ihrer Zeit als Sportjournalistin sagte, Synchronschwimmen sei eine hochinteressante Sportart, wenn man sich einmal da hineinvertiefe. Ja, sicher. Aber wer will das. Wer will sich in solche Sportarten hineinvertiefen. Wir sind leider schon in so vieles vertieft. Wenn Olympiade ist, wollen wir vor allem Leichtathletik, auch Schwimmen, Radsport, ihr wisst schon. Man muss realistisch sein.

Der Schlaf des Gerechten

Man traut sich nicht so nah ran, an den schlafenden Mann

Man traut sich nicht so nah ran, an den schlafenden Mann

Der Schlaf des Gerechten findet hier an einem sonnigen Februarvormittag (ja, das gibt es) im Hamburger Park Planten und Blomen statt. Auf der Bank liegt kaum erkennbar und dick eingehüllt ein Gestrandeter und schläft. Es ist der erste Schläfer im Freien, den ich fotografiere, und ich fürchte, dass ich ihn wecken und er mich verfolgen könnte, quer durch Planten und Blomen und dann durch die größte Nicht-Hauptstadt Europas. Denn der Schlaf ist heilig. Auch der Schlaf im Freien. Auf der anderen Seite ist es so, dass wir die Augen nicht wenden können von diesen Menschen, die in so einer Lage sind. Was ist zuvor passiert? Am Abend, in der Nacht. Im Vorleben. Ist der Mann schon am Vortag hier gewesen oder ist er erst gekommen, als sich die Tore des Parks wieder öffneten, um sich einzumummeln und niederzulegen. Griffbereit stehen die Plastiktüten, in denen sich alles befindet, was er besitzt. Man kann nicht erkennen, wo ist der Kopf, wo sind die Beine. Der Mensch als amorphe Masse. Was ist los, wenn er aufwacht. Was macht er dann mit dem Tag, was macht der Tag mit ihm.

Unsern Hass gerecht verteilt

Folgen des Sturms

Folgen des Sturms

Frohe Ostern wird Kommissar Falke nicht haben oder gehabt haben, auch wenn dieser Tatort „Frohe Ostern, Falke” heißt. Falke ist Single. Hat zwar einen Sohn, von dem er aber nur weiß, dass er 15 ist. Was schenkt man so einem zu Ostern? Ein grünes Paket mit großer grüner Schleife, ich wette, Falke hat schon wieder vergessen, was drinnen ist, und am Ende gibt er es rsigniert auf, seinen Sohn, der sowieso komplett bei der Mutter lebt, zu beglücken.

Diese Tatorte mit Wotan Wilke Möhring und Petra Schmidt-Schaller kommen ja nicht unbedingt aus Hamburg, Oldenburg oder Wilhelmshaven, wo sie immer mal spielen können, sondern vom Bund, Lorenz und Falke bzw. Schmidt-Schaller und Möhring sind Bundespolizisten, wozu auch immer das gut sein mag, vielleicht für Kompetenzgerangel mit den örtlichen Organen.

Falke wurde einst als Fitnessfreak, Katzenfreund und Trinker eingeführt. Auf den Trinker kommt man in dieser Folge zurück: „Haben Sie Milch, Vollmilch oder so? … Hab ich mir schon gedacht.” Ein Schnapstrinker als Kommissar wäre langweilig, ein Vollmilchtrinker soll originell sein, ist es aber nicht wirklich.

Bemerkenswert an diesem Krimi war die Balance der Ressentiments, die bei uns Zuschauern ausgelöst werden. Es geht um eine Gruppengeiselnahme. Fünf wahrscheinlich linke oder grünliche Weltverbesserer brechen in eine Charity Gala ein, wo die feine Hamburger Gesellschaft ihrer Kleider ausführt, frisst, säuft, den kleinen Finger abspreizt, sich amüsiert, spendet und Steuern spart. Die Geiselnehmer tragen kotzhässliche Ganzkörper-Hasenkostüme mit bedrohlichen Nagezähnen; zu ihrem Pech sind sie unterwandert von einem Berufsverbrecher, der Aufträge der Wirtschaft ausführt. Dem Film gelingt es, wenn ihm auch sonst nicht allzu viel gelingt, uns so zu führen, dass wir die hässlichen Hasen-Weltverbesserer genauso hassen wie die feinen Pinkel von der besseren Gesellschaft. Das ist schon ’ne Kunst. Ach ja. Beim Einsatzkommando ist wieder mal ein Maulwurf dabei, der den Verbrechern jeden geplanten Schritt der Bullen verrät. Den hassen wir natürlich auch. Falke erschießt ihn, als der gerade Kommissarin Lorenz erschießen will. Damit hat er, wie Lorenz meint, den einzigen Zeugen für die Schreibtischtäter aus der Wirtschaft erledigt.

Im letzten Viertel wird der Tatort spannend. Aber um unsere Polizei müssen wir uns ernsthaft Sorgen machen, wenn diese Krimis aus der Wirklichkeit schöpfen.

Der Weg des Kriegers

Bruce Lee im Blut. Hamburg 1989 © Christian Brachwitz

Bruce Lee im Blut. Hamburg 1989
© Christian Brachwitz

Zur Stadt gehören eben nicht nur Straßen, Häuser, Parks, Plätze und Bürger, sondern auch Text, der die Orientierung wie auch Verwirrungen ermöglicht. Schilder, Reklamen, Plakate, Losungen, Hilfeschreie, Gags. Der Text der Stadt. Man möchte an ihm mitschreiben. Der neue Nachbar steht vor seiner Haustür, raucht und tippt auf sein Smartphone ein. Neu ist auch das Schild, das er neben dem Eingang anbringen ließ. Das sagt, wer er ist und was er macht. Spezialist für irgendwas mit Geld. Tolles Schild, rufe ich hinüber. Danke, ruft er zurück, und ich sehe, er freut sich wirklich, freut sich über sein Schild und freut sich darüber, dass es auffällt. Ob es ihm bewusst ist oder nicht, er schreibt mit am Text der Stadt.

Aber hier sind wir in Hamburg und im Jahr 89. Unter den hektischen Schriftzügen fällt das sauber gezeichnete „Bruce-Lee” auf. Zu diesem Zeitpunkt war Bruce Lee schon lange tot, er starb 1973 mit 32 Jahren; vielleicht muss das so sein, bei einer Ikone des Martial-Arts-Films und dem größten Kampfkünstler das 20. Jahrhunderts, wie er von vielen gesehen wurde, ein in San Francisco geborener Chinese, der sich in Hongkong gegen die Verachtung seiner englischen Mitschüler wehren musste und bei Yip Man die Kampfkunst des Wing Chun Kung Fu lernte, aber auch ein begnadeter Tänzer war. „Bruce Lee – der Weg eines Kriegers” heißt ein Dokumentarfilm, in dem 27 Jahre nach seinem Tod entdeckte Ausschnitte seiner Kämpfe verwendet wurden. Der Weg eines Kriegers ist kurz, aber wie wir an der tänzerisch-kämpferischen Haltung des Jungen vor der Mauer sehen: Er wird nicht vergessen.

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Im Hafen

Wintersonne im Hafen von Hamburg © Christian Brachwitz

Wintersonne im Hafen von Hamburg 1989
© Christian Brachwitz

Lost in the Harbour, heißt ein Song von Tom Waits, und das hier ist das Gegenteil. Geborgen im Hafen. Der Kiosk führt Glühwein, Tee/Rum, Ansichtskarten, alles, was der Mensch zum Leben braucht. Verloren im Hafen kann sich fühlen, wem das Meer fehlt, die großen Ausfahrten, Sturm und Flaute. Ich muss das nicht mehr, sagt der Alte, ich hab das alles gehabt und mehr als genug. Ich liebe das Meer vom Ufer aus. Früher konnt ich nicht genug kriegen vom großen Abenteuer. Die Ohren sind mir nicht abgefallen im Frost und die Haut ist nicht verbrannt in der Sonne. Kleine Menschen übersieht man oft, aber sie sind standhafter. Wie man so sagt: Wir stehen unseren Mann. Zu Hause hat keiner mehr auf mich gewartet. Das ist die andere Wahrheit. Man muss nicht nur Frost und Hitze ertragen sondern auch bittere Wahrheiten. Meine Zeit gehört mir. Ich kann stundenlag nichts tun und tu doch irgendwas. Zurückblicken. Wie das alles war. Wer weiß, ob die Zeit überhaupt reicht.

 

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