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Posts Tagged ‘Günter Grass’

Ein Handstreich

Ausgangspunkt des Abenteuers: Berlin Hauptbahnhof

Der Steidl Verlag Göttingen verschickt keine PDF-Dokumente seiner Neuerscheinungen; es gibt nur das fertige Buch zu gegebener Zeit, vor dem Erstverkaufstag sollen eben keine Rezensionen erscheinen. Und was ist, wenn es sich um das neueste und letzte Werk des Nobelpreisträgers Günter Grass handelt, „Vonne Endlichkait”? Keine Ausnahme? Keine Ausnahme. Aber Deutschland Radio Kultur will doch seinen Hörern schon am Erstverkaufstag die Rezension des Buchs präsentieren. Wie soll das gehen? In der Redaktion steckt man die Köpfe zusammen und plant einen Handstreich, dessen Kühnheit einmalig sein dürfte. Man wird sich am Dienstag bis ins ferne Göttingen durchschlagen und das Buch persönlich aus dem Verlag herausholen. Von allen Helden des Deutschland Radios wird die unerschrockenste ausgewählt, die sagenumwobene Ann-Kathrin Büüsker. Früh um fünf betritt sie zu allem entschlossen den Hauptbahnhof, ist noch mit „den letzten Gestalten der Nacht” konfrontiert, atmet den „Duft von frisch gebackenen Croissants”, aber mit den schönen Dingen des Lebens kann sie sich nicht abgeben, sie kapert den Zug und erreicht tatsächlich (nach langen und bangen zweieinhalb Stunden) Göttingen, wo sie ein Taxi erobert und mutig ihr Ziel benennt, Düstere Straße 4, Steidl Verlag. Der Taxifahrer staunt nicht schlecht.

„Es dauert eine Weile, bis ich das Klingelschild entdecke”, schildert die Heldin das nächste Abenteuer. Dann muss sie eine kleine, dunkle Treppe hinauf, und dann ist sie im Allerheiligsten und erobert den Gral, das heißt den Grass.

Aber wird sie auch die weiteren Abenteuer bestehen? Wird sie den Grass heil und unversehrt in die Redaktion bringen können? Sie schlägt das Buch auf und gibt erst mal auf. „Einen Grass liest man nicht, wenn man so früh aufgestanden ist.” Das Wichtigste ist ja auch, die Redaktion zu erreichen.

Wow, stößt der Rezensent im Berliner Funkhaus überwältigt aus, ein Wunder ist geschehen, eine Heldentat vollbracht. Das Buch ist wider alle Befürchtungen heil angekommen. Schön gemacht, fährt er fort. Liegt schwer in der Hand. Aber, erhebt er warnend seine Stimme, das ist nur der erste Eindruck!

Er wird sich nicht blenden lassen, weder durch das Gewicht des Buchs, noch durch den Autor, der nicht mehr unter den Lebenden weilt, noch durch die Heldentat der jungen Frau, die das Werk im Handstreich vom fernen Göttingen (quasi vom Südpol) nach Berlin brachte. Er wird das Buch fair und gnadenlos bewerten.

Natürlich kann das Deutschland Radio nicht jeden Tag ein Glanzstück der Reportagekunst bringen, das den heißen Atem der Zeit spüren lässt. Aber ab und zu so ein Highlight im Dienste des Hörers – das wär schon schön.

Der weniger Berühmte

Alfred Andersch, am 4. Februar von 100 Jahren geboren, war ein Großer der deutschen Literatur nach 1945. Warum ist er nicht so berühmt wie Günter Grass oder Martin Walser, warum wird er schneller vergessen als Heinrich Böll, lautete die naive, aber logische Frage im Radio. Andersch war ehrgeizig, streng und abweisend, vielleicht auch unversöhnlich. Er konnte über Zumutungen, wie sie allenthalben im Literaturbetrieb vorkommen, weniger gelassen oder ironisch hinweggehen als andere. In seinen Werken arbeitete er sich unablässig an der deutschen Vergangenheit ab. Er nahm seinen Wohnsitz in dem kleinen Schweizer Dorf Berzona und fühlte sich wie im Exil. Vieles, was er sich vorgenommen hatte, war ihm nicht gelungen. Wenn ich mich richtig erinnere, war ihm mal herausgerutscht, dass er so berühmt werden wolle wie Thomas Mann. Und nicht zuletzt: Er war ein Exponent des gehemmten Sprechens. Kein Mann für die Öffentlichkeit. Er stockte, suchte nach Worten, sagte nicht das, was er eigentlich sagen wollte, war unter Menschen einfach nicht bei sich selbst. Er war ein Mann der Schrift, keine Frage. Seine Romane sind nach wie vor lesenswert, seine Essays („Die Blindheit des Kunstwerks”) sind immer wieder neu zu entdecken und in der großartigen Reihe „Mein Lesebuch” des Fischer Verlags entwickelte er wie aus dem Handgelenk eine so überraschende wie plausible Ästhetik der Beschreibung. So sollte er meinetwegen weniger gerühmt, aber häufiger gelesen sein.

Ohne Feinde geht es nicht

Es scheint für Uli Hoeneß schwer, wenn nicht unmöglich zu sein, einen glücklichen Menschen darzustellen. Seinem Unternehmen, dem FC Bayern München, geht es sportlich und wirtschaftlich blendend. Es gibt keinen Club, der wirtschaftlich besser dasteht, glaubt Hoeness. Leider folgt daraus noch nicht, dass man auch sportlich der beste Club ist. An dieser Ungerechtigkeit leidet Hoeneß. Ohne es zu wissen. Er gibt mit seinem „alten Freund Jack Nicholson” an und meint mit dessen Filmtitel „Besser geht’s nicht”: Besser, als wir spielen, und besser, als wir wirtschaften, und besser, als wir uns fühlen, besser geht’s nicht. Aber das Lächeln, das er zu diesen Worten aufsetzt, ist satt und irgendwie schief. Die Augen ertrinken fast in dem massigen Gesicht, sind kaum zu sehen. Jaaa! Die Mannschaft spielte ausgezeichnet. Nach 33 Minuten stand es schon 5:0 gegen den OSC Lille, und ich würde mich auch über gut herausgespielte Bayern-Erfolge freuen, wenn ich nicht wüsste, dass am Tag darauf und am darauf folgenden Tag die große Medien-Kakophonie angestimmt würde. Die Journaille sucht nach Worten für die große Bayern-Oper und möchte die Kicker leistungsmäßig noch übertreffen, aber es will und will nicht gelingen. Es ist ermüdend, nervend und langweilig. Deutschland, Deutschland über alles, darf man nicht sagen, aber Bayern, Bayern über alles – das schon. Und der gute Uli Hoeneß sitzt vor den servilen Medienleuten und kann nicht verbergen, dass der Stachel tief sitzt: zwei verlorene Meisterschaften und einige entscheidende Niederlagen gegen Borussia Dortmund. Was ist daran schlimm letztlich? Dem Fußball tut es nur gut. Entspannung bitte.

Es existiert eine positive Dopingprobe der russischen Diskuswerferin Darja Pischtschalnikowa, die ja auch Silbermedaillengewinnerin der Olympischen Spiele in London war. Diese Meldung hat die Sportredaktion der FAZ derart verzückt, dass sie sie in der derselben Ausgabe, leicht verändert, gleich zwei Mal abgedruckt hat, auf Seite 29 und auf Seite 30. Russische Dopingsünder, hurra! Man kann gar nicht oft genug mit dem Finger darauf zeigen. Dazu kommt eine Kolumne des eilfertigen Anno Hecker, der die Olympischen Winterspiele von Sotschi schon 15 Monate vor Beginn zum Desaster erklärt, wegen fehlender Nachhaltigkeit. „Ja, die russischen Olympiaplaner, viel Geld in der Hand, aber wenig Zukunft im Hirn”, rügt er hochnäsig. Und auf derselben Seite kann Roland Zorn nicht über die deutschen Eiskunstlaufweltmeister Aljona Savchenko und Robin Szolkowy schreiben, ohne, wie immer und wie in einem bedingten Reflex, auf die Stasivergangenheit ihres Trainers hinzuweisen. Ingo Steuer sei dieser Vergangenheit immer noch nicht ganz entflohen. Zorn muss es ja wissen und tut alles, dass es dabei bleibt.

Im Feuilleton der FAZ haben sie einen Sonderbeauftragten für Ans-Bein-Pinkeleien des Literaturnobelpreisträgers Günter Grass bestallt. Der heißt Edo Reents. Immer, wenn was mit Grass ist, holt Reents seinen Pillermann raus und pinkelt los. Jetzt geht es um die neu geordnete Dauerausstellung im Lübecker Günter-Grass-Haus. Unter der beziehungsreichen Überschrift „Die Vorzüge des Oberdichters” kann man lesen: „Immerhin: Grass verhinderte es nicht, dass die SS-Geschichte und die Israel-Gedichte nun auch vorkommen; aber sie kommen hier unter ferner liefen vor … Andererseits: Hätte man gleich am Eingang SS-Runen aufhängen sollen, damit jeder gleich weiß, mit wem er es zu tun hat? In Grassens Leben ist ja noch mehr passiert, wenngleich diese eine ›Episode‹ immerhin von solcher Tragweite war, dass er sie sechzig Jahre lang voller Scham verschwieg. Aber lassen wir das.” Ja, lassen wir das, sagte der kleine Häuptling der Indianer großmütig, nachdem er es gerade nicht gelassen hatte. Und am liebsten wäre es Reents schon gewesen, wenn da die SS-Runen gehangen hätten, am Eingang. Mit fällt übrigens noch ein Grund für Grass’ Schweigen ein: Er wusste, mit welcher Journaille er es hierzulande zu tun hat. Eine Journaille, zu deren Selbstverständnis die Erkenntnis gehört, dass eine (Qualitäts-)Zeitung auch groß wird durch die Feindschaften, die sie pflegt. Günter Grass! Die Russen! Felix Magath! Jürgen Klinsmann! Michael Ballack! Der Wowereit! Die Linkspartei! Es gibt ja soviel … Da muss man gar nicht lange nachdenken.

Der Beckenbauer der Literaturkritik

April 10, 2012 1 Kommentar
Frieden im Regal. Warum auch nicht.

Frieden im Regal. Warum auch nicht.

Marcel Reich-Ranicki ist der Franz Beckenbauer der Literaturkritik. Jenseits von Gut und Böse. Alles ist ihm schon im Voraus verziehen und im Nachhinein erst recht. Immer wollen wir ihn befragen. Irgendwas Lustiges tritt dabei unter Garantie zutage. Das Bittere und das Süße. Ohne Rücksicht auf Verluste plaudert er alte Geschichten aus. Unabhängig davon, ob die Erinnerung funktioniert oder fabuliert. Günter Grass? Ja, dieses ekelhafte Gedicht. Reich-Ranicki kennt ihn schon seit 1958. Da war er noch Pole (Reich-Ranicki, nicht Grass). Ein Freund  bat Reich-Ranicki, dass er sich um den Gast aus Deutschland, Günter Grass, kümmere. Reich-Ranicki kümmert sich (wie ihm geheißen) und stellt fest, dass der junge Dichter aus Deutschland gegen Mittag schon eine Flasche Wodka getrunken hat. Ist denn das die Menschenmöglichkeit! Er hat mir Angst gemacht, sagt Reich-Ranicki. Er hatte so etwas Wildes. Er sah aus wie ein bulgarischer Partisan, nicht wie ein junger Autor aus Westdeutschland. Phantastisch. Dem Wirtschaftswunderland. Aus diesem Mund kommt doch immer etwas Bizarres. Man muss nur etwas Geduld haben. Bescheidene Frage. Was denkt Reich-Ranicki, wie er seinerseits auf Grass gewirkt hat? Hat er ihm Zutrauen eingeflößt? Fand Grass, dass sein Kümmerer wie der Papst aussieht? Oder wie ein polnischer Schnulzensänger? Oder wie ein Parteibonze? Ein Geheimagent? Und Grass? Ob er sich erinnert? Nun, Reich-Ranicki ist nicht langweilig, wirklich nicht. Da kommt immer noch eine überraschende Wendung. Grass ist für ihn eine Skandalnudel, aber die Formulierung „letzte Tinte” in diesem ekelhaften Gedicht, die ist gut, sehr gut. Verflucht noch mal!, schreit Reich-Ranicki im Gespräch mit der FAS. Er kann nicht erklären warum. Er ist der Franz Beckenbauer der Literaturkritik. Keine Frage. Während aber Beckenbauer, die Lichtgestalt, in himmlischen Gefilden wandelt, muss Reich-Ranicki viele Höllen durchqueren. Zu bremsen ist er nicht. Von nichts und niemand.

Ein Gedicht, ein Leitartikel, ein Regal

Deutscher Geist: Die erste Teilnehmerin am großen Bildungstest einer großen deutschen Wochenzeitung bringt sich in Stellung

Deutscher Geist: Die erste Teilnehmerin am großen Bildungstest einer großen deutschen Wochenzeitung bringt sich in Stellung

Es war logisch, dass Frank(furter) Schirrmacher, Blattmacherwunderkind und Thementrüffelschwein, sich in der Lage sah, Günter Grass sein, Grassens,  Gedicht zu erläutern, wobei er das Gedicht nicht Gedicht und auch nicht politischen Leitartikel nannte, sondern ein Regal, dem man sich mit dem Schraubenzieher nähern muss, ja, so schlau ist Schirrmacher. Ein Gedicht sei aber auch natürlich kein Regal, weil man von außen nicht sehe, was in ihm steckt. Charmant. Drittens sei das Gedicht aber doch ein Regal, das sich, wenn man es mit dem Schraubenzieher in seine Einzelteile zerlegt hat, nicht mehr zusammensetzen lässt. Wie das alles zusammenpassen soll und was damit ausgesagt werden soll, weiß Schirrmacher auch nicht, er hatte es offensichtlich eilig, der Redaktionsschluss nahte, er konnte sich auch nicht in jedem Fall den Mühen der Deklination unterziehen, war nur froh, dass er am Ende dorthin gelangen konnte, wohin er von Anfang an wollte, nämlich zu dem Satz: „Es ” (das Gedicht bzw. der politische Leitartikel bzw. das Regal) „ist ein Machwerk des Ressentiments, es ist, wie Nietzsche über das Ressentiment sagte, ein Dokument der ›imaginären Rache‹ einer moralisch sich lebenslänglich gekränkt fühlenden Generation.” Ja, das klingt schon bedeutungsvoll, ist auch zu dem Zweck hingeschrieben, dass es zitiert werde, aber kein Mensch weiß, wie es zu Grass und seiner Lebensleistung passt oder wo man es sonst hinschrauben kann, damit es nicht umkippt. Nicht das Fahrrad wird ständig neu erfunden, sondern das Absurde Theater, wie man sieht.

Man könnte auch normaler reagieren. Ich denke (und glaube kaum, dass ich damit allzu falsch liege), man sollte in erster Linie auf die kritischen und wertenden Stimmen zur israelischen Politik hören, die aus Israel selbst kommen. Denke auch, dass man als Deutscher gut beraten ist, wenn man sich mit Äußerungen zu Israel zurückhält. Wenn Grass sich bemüßigt fühlt, sich so explizit zur heiklen Lage im Nahen Osten zu positionieren, dann nimmt er eine Verantwortung wahr, die er vielleicht nicht wirklich hat, aber als Literatur-Nobelpreisträger und politischer Dichter, der er immer war, zu haben glaubt und gegen welchen Gegenwind auch immer wahrnehmen will. Das hängt schätzungsweise auch mit der Kränkung zusammen, die in diesem Land jedem deutschen Literaturpreisträger, Thomas Mann ausgenommen, widerfährt. Die deutsche Öffentlichkeit ist mit ihnen nicht einverstanden. Sie hätte jeweils anders entschieden als das Nobelpreiskomitee. Und so werden die Preisträger hierzulande als rührselige Flachzangen denunziert oder so weit wie möglich ignoriert. Bei Grass war es besonders schlimm. Das große Mitte-Rechts-Spektrum fühlte sich von dieser Entscheidung regelrecht provoziert. Dass Grass unverdrossen weiter am Gang der Dinge Anteil nimmt, sehe ich mit Respekt.

Wenn ich mich selbst zitieren darf: Deutschland hasst seine Literatur-Nobelpreisträger und bejubelt seinen Papst.

Das ist nicht hinnehmbar. In unserem eigenen Interesse.