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Posts Tagged ‘Goethe’

Teenagerin sagt die Radio-Frau

Wir gehen getrennte Wege
© Fritz-Jochen Kopka

Das war 2017: Juli – August – September

Im Supermarkt stehen Frauen in Zweiergruppen und reden vom großen Regen. Die Katze macht, was sie will. In Deutschland verzweifeln viele Leute an ihren Nachbarn. Man muss nur zu schweigen verstehen. Der Hund hatte es im Rücken. Der Busfahrer war verwitwet und suchte händeringend nach einer Frau. Der Schornsteinfegermeister zog gebügelte und gestärkte Stofftaschenbücher aus der Tasche. Er ist achtzehn und verbringt viel Zeit im Bett. Der kleine Herr Schmidt war erschüttert. Ich lese Verlorene Illusionen, der E-Book-Reader fällt mir aus der Hand. Die Ärztin sieht aus wie das blühende Leben oder hat, anders gesagt, die Kontrolle über ihr Gewicht verloren. Granin stirbt mit 98 Jahren. Leningrad. Die Blockade. Der Hunger. Mein Leutnant. Einer kennt einen, der gerade in Klagenfurt liest. Wenn ein Juror nicht witzig war, glich er das durch Niedertracht aus. Die Verlierer haben hinterher immer schon vorher gewusst, dass sie verlieren werden. Er ging davon, ohne sich vor dem Publikum zu verneigen. Helden sind so. Je älter man wird, desto weniger bekommt man geschenkt. Sie haben die Freiheit, in ihrer Wohnung zu rauchen, aber sie rauchen auf dem Balkon. Er geht mit seiner Freiheit so sorgsam um wie mit seinem Geld. Nur am Anfang schmerzten die Beine. Diane Lane über amerikanische Filme: „Es muss immer größer als das Leben sein.” Do swidania – die Russin ist entzückt, die Rentnerin verstört. Die Männer wirken wie Statisten, denen kein Regisseur gesagt hat, was sie tun sollen. Ein greiser Philosoph, dem sein schwarzer Anzug mit den Jahren viel zu groß geworden ist, irrt mit wirrem Haar durchs Lokal. Sie muss zu vielen Ärzten und lange warten, um nichts zu erfahren. Ein Mann, eine Frau, ein dickes Kind, ein chancenloses Leben. Frauenfußball-EM. Siehst du ein Spiel, kennst du alle. Die Zahnärztin ist dünner und glücklicher geworden. Mit meinen Zähnen ist sie einverstanden. Der Schwerhörige: Wenn ich weiß, was du sagen willst, dann versteh ich auch alles.

Ich denke schon ein Weilchen über die Metaphysik der Illusionen nach. Sie schleppten nicht den Rucksack einer glorreichen Tradition mit sich herum. Aldi nimmt die Eier raus. Auf die gnadenlose Hitze sind wir nicht mehr eingestellt. Die Losung des Tages ist Flucht in den Schatten. Der Doping-Clown. Ein Monat zum Sterben. Es war wieder so ein Tag, an dem Verheugen sich vorgenommen hatte, heute überhaupt nichts zu sagen, um dann zu reden wie ein Wasserfall. Ich bin eben allein. Selbstgespräche zählen nicht. Ich saß im Garten und las Nietzsche. Menschen ohne Eigenschaften, aber mit Espresso. Sehnsucht nach der Vergangenheit. Die Bettler betteln am Rewe-Markt. Die Filiale von Zweitausendeins ist verschwunden, die Bärenschenke sowieso. Ein Zahnarzt geht vorbei. Er lächelt diabolisch. Die Philologen sind an allem schuld. Gegen Meppen half uns der Schiedsrichter beim Verlieren, nun half er uns beim Siegen. Schiedsrichter, sagt der Erfurter Trainer, sollen Spiele leiten, sie sollen sie nicht entscheiden. Der Hochmut der Unterschicht gegenüber allen, die vermeintlich noch etwas tiefer stehen, und allem, was sie nicht verstehen. Er lag im Bett und drückte bei laufendem TV-Gerät aufs Handy. Der Gärtner hat keinen, der das pflücken und fressen will. In einer Beziehung mit einem BMW. Tag und Nacht scheinen nicht aufhören zu wollen. Hier ist der Treffpunkt des Zeitfensters. An solchen Tagen kannst du Potsdam hassen. Es scheint die flachste Stadt der Welt zu sein. Grillvorbereitungen in der Vorstadt.

Das Zusammenbauen löste die übliche IKEA-Verzweiflung aus. Unten gaben Familien ihre Kinder zum Spielen ab. Was ist unsterblicher als die Idee ewigen Lebens? Verheugens Uhr bleibt stehen. Er weiß nicht mehr die Zeit. Man muss da einfach partikularer denken. Zum Teil gehört jeder Mensch einer Minderheit an, zu anderen Teilen eben einer Mehrheit. Er repräsentiert das eine so gut wie das andere. Es war mir ein Vergnügen, wenn auch kein ungetrübtes. In Weißensee, wo seine Praxis ist, formiert sich der linke Protest gegen den rechten Zahnarzt. Der Befreite steht da, mit leeren Händen, erschöpft, ausgelaugt. „In der Tat machten uns die Verteidiger des weiblichen Geschlechts damals weis, dass wir die Frauen ausbeuteten und erniedrigten, die wir nicht heirateten.” Seltsam, dass besonders grobe Menschen so gern die Formulierung „vom Feinsten” verwenden. Man war ein Gespött der Leute. „Die Stasi war mein Eckermann” …, und ich war mein Goethe. „Teenagerin”, sagt die Radio-Frau. Soll ich dir sagen, was die gewählt haben? Ein Wahlhelfer isst sein Butterbrot. Ich weiß nicht, ob es überhaupt noch Sinn macht, Alkohol zu trinken.

Mehr Rückblick gibt’s dann erstmal nicht. Oktober, November, Dezember – das war ja gerade erst

Nach der Wahl ist vor der Wahl

Männer ohne Eigenschaften, aber voll im Trend
© Fritz-Jochen Kopka

Juvenile Rentner: Jede Morgen kann ich mir aussuchen, welche Heldentaten ich im Laufe des Tages vollbringen möchte.

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Die Fehler des Kopisten sind ja gerade das, was seine Bilder einmalig macht.

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Ich bin zwar manchmal ordinär, aber niemals primitiv.

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Seltsam, dass besonders grobe Leute so gern die Formulierung „vom Feinsten” verwenden. Das ist wirklich vom Feinsten.

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Leuten misstrauen, die sich ständig gelangweilt fühlen, zum Beispiel vom Tatort. „Serviert mir gefälligst Spannung.” Spannung ist doch ein zweiseitiges Phänomen. Den stumpfen Charakter kann man nicht herausfordern. Der mufft vor sich hin.

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Die Ostdeutschen haben es gelernt, alles was schief lief in ihrem Leben, der DDR in die Schuhe zu schieben. Und die Westdeutschen haben sie darin bestätigt. (Und selbst, wenn es so gewesen wäre mit der Schuld der DDR – hilfreich war diese Haltung nicht.)

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Da steht nun einer vor Gericht, der einen AfD-Mann Fascho genannt hat. „Ich hatte nicht die Absicht, den Herrn zu beleidigen. Ich dachte, der freut sich. Ich wollte ihm ’ne Freude machen.”

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„Die Stasi war mein Eckermann” … und ich war mein Goethe.

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Deutschlandfunk Kultur: Die Moderatorin sagt „Teenagerin”. Es ist offenkundig kein Versprecher. Und der Moderator später spricht von Nick Cave als dem bestangezogensten Mann der Pop-Branche. Er weiß es nicht besser. Ein Superlativ ist schlimm genug, aber der doppelte in einem Wort: Horror. Kürzlich hat sich das Deutschlandradio Kultur in Deutschlandfunk Kultur umbenannt. Eine andere Umbenennung wäre angebrachter gewesen.

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Der Hochmut der Unterschicht gegenüber allen, die vermeintlich noch etwas tiefer stehen, und allem, was sie nicht verstehen. Die Wut über alle, denen es vermeintlich zu gut geht. Die Untertänigkeit vor der Macht.

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Der einsame Gärtner in der Erntezeit: Die ganze Scheiße verfault. Er hat keinen, der das pflücken und essen will.

„Der Gärtner hat keinen, der das frisst.”

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„Sie war die erfolgreichste, sozialdemokratischste Ministerin.” Auch Deutschlandfunk Kultur. Wer lernt mir englisch sprechen? Lern erst mal deutsch.

 

 

Langeweile wird unterschätzt

Dezember 28, 2016 1 Kommentar
Lange Wege, lange Weile? Der Übergang vom S- zum Regionalbahnhof, auch „der Galgen” genannt © Fritz-Jochen Kopka

Lange Wege, lange Weile? Der Übergang vom S- zum Regionalbahnhof, auch „der Galgen” genannt
© Fritz-Jochen Kopka

Langeweile wird unterschätzt. Sie hat ein schlechtes Image, besonders bei Frauen. Frauen glauben oft, dass sie sich automatisch aufwerten, wenn sie auf die Langeweile schimpfen, die man wagte, ihnen zuzumuten. Ich habe mich tödlich gelangweilt, sagt die Moderatorin im Deutschlandradio über den letzten Bodenseetatort mit Eva Mattes und Sebastian Bezzel und den drei Fassbinder-Geistern, Hanna Schygulla, Irm Hermann und Margrit Carstensen. Sie will damit sagen, dass ihre Ansprüche weitaus höher gesteckt sind, aber ich kann ihr versichern, dass ein heller Geist in diesem Krimi einiges Interessante beobachten und sich amüsieren konnte. Zur Langeweile gehören immer zwei. Die langweiligsten Leute treten hervor und klagen, wie langweilig doch alles sei in diesem Land und in dem Land vor diesem Land. Wahrscheinlich ist das ein aristokratisches Phänomen. Prinzessinnen waren es gewöhnt, dass immer Leute bereitstanden, die sie zum Lachen bringen sollten. Niemand hat ihnen beigebracht, sich zu beschäftigen. Und wenn nun eine Frau hervortritt und klagt, wie langweilig es doch wieder sei, dann will sie eigentlich sagen: Ich bin eine Prinzessin. Oder eine Königin. Oder eine Gräfin. Ich will hier nichts Lobendes über Männer sagen, aber die wissen in der Regel wenigstens, dass sie für ihre Langeweile selbst zuständig sind. Und im Zweifelsfall haben sie immer noch den Fußball.

Wenn ich laufe, kommt mir auch schon mal in den Sinn, wäre schön, wenn du deine zwei Runden schon hinter dir hättest, aber das ist der falsche Ansatz. Der richtige Ansatz ist es, die Zeit auszuschalten, in deinem Kopf dafür zu sorgen, dass es keine Zeit mehr gibt. Und dann denke ich nur an die Bewegung, in der ich mich befinde, an die Bäume, denen ich begegne (jeder von ihnen irgendwie ein ausgeprägter Charakter) und warte auf das, was mir sonst noch in die Birne schießt, Erinnerungen, Assoziationen, Zitate. Goethe war kein Schwärmer, als er zum Augenblicke sagte, verweile doch, du bist so schön. Und wenn wir bei Goethe sind, können wir weiter gehen zu Heimito von Doderer: „Die Langeweile ist das stillste, aber vielleicht das am meisten die Führung prüfende Fahrwasser des Lebens. Denn hier kommt es wirklich heraus, was an einem ist und was nicht, wenn die Kügelchen der Viertelstunden klingend in eine weite, leere Schale fallen.”

Was meint er nun genau? Denk drüber nach, und du hast keine Langeweile.

 

 

Verdruss

Too much! © Christian Brachwitz

Too much!
© Christian Brachwitz

Und, bis zum Sinken überladen, entfernt sich dieser letzte Kahn. Ja, Goethe. Ein Goethe-Zitat fällt uns halbgebildeten Deutschen zu jeder Gelegenheit noch ein. Der Osterspaziergang hat einiges zu bieten, die Zeilen haben sich uns fast von allein eingeprägt, die mussten wir gar nicht lange auswendig pauken, und wenn man sie einmal im Kopf hat, dann bleiben sie auch drinnen. Schon meisterlich, wie der Dichter die Szenerie beim Wiederaufleben der Natur nach einem schweren Winter aufblättert, den Menschen gehen die Augen über angesichts der plötzlichen Fülle und Überfülle. So ganz angenehm ist das nicht. Bis zum Sinken überladen ist auch dieser Karren nach dem Marktgang, alles wird zu allem geworfen und obendrauf das Kind, dem längst die Freude an dem Kram vergangen ist. Wir kaufen uns das Chaos zusammen, es gibt keine klaren Linien und Konturen mehr, keinen leeren Raum, der wirken kann, überall liegt etwas herum, das wir nicht brauchen. An was werden wir uns erinnern. Was war uns wirklich wichtig. Womit haben wir am liebsten gespielt. Klingt das moralisch? Das sollte nicht sein. Moral haben wir wahrscheinlich auch zu viel. Moral, die überall herumliegt. Unbenutzt.

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Good Luck im Supermarkt

Was kann schöner sein als prall gefüllter Einkaufswagen © Christian Brachwitz

Was kann schöner sein als prall gefüllter Einkaufswagen
© Christian Brachwitz

Brachwitz meinte, man müsse über das Glück nachdenken, als er sah, was er da fotografiert hatte. Werden in diesen Centern kostenlos Drogen verabreicht oder ist der Einkauf, die Fülle, die absolvierte Anstrengung, die Liste abgearbeitet und alles gut in Plastiktüten verpackt zu haben, allein schon Glück genug? Denn das sieht man der Dame ja auch an: Leicht war es nicht, sich durch die Märkte zu kämpfen und der Überfülle nicht zu widerstehen, bis man das Gefühl haben konnte: Und, bis zum Sinken überladen,/Entfernt sich dieser letzte Kahn. Diese Goethe-Verse sind wohl mit eines der deutschesten Zitate, das wir uns vorstellen können. Erst kurz vor dem Sinken ist unser Reichtum komplett. Anders gesagt: In Deutschland hat Glück immer was mit Überfülle zu tun. Das Rentnerpaar im Mittelgrund des Fotos, das das alles noch vor sich oder aber sich mit Grausen abgewendet hat, macht einen ziemlich verkniffenen Eindruck.

Rentner im Supermarkt haben kein gutes Image. Nach dem Abschied aus dem Berufsleben, all diesen Pflichten und Bürden, ist der Supermarkt ihr Hauptkampfplatz geworden. Sie haben immer den Verdacht, dass ein anderer ihnen zuvorkommen und das ersehnte Gut statt ihrer aus dem Regal nehmen könnte. Sie sind ungehalten, wenn wieder umgestellt wurde und sie ihre Favoriten nicht mehr am alten Platz finden. Sie lassen sich nicht für dumm verkaufen, legen den Finger auf jeden Posten und kaufen nur das Frischeste. Meistens sprechen sie sächsisch. Und wenn sie alles geschafft haben, sind sie dem Glück ganz nahe gekommen. Wer soll das jetzt alles fressen! Und die Frisur ist auch hinüber.

 

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Goethes Vater

Der Vater war bei Goethes Geburt 39 Jahre alt, die Mutter 18

Der Vater war bei Goethes Geburt 39 Jahre alt, die Mutter 18

Ob ich mir die Goethe-Biographie von Rüdiger Safranski kaufe? Weiß ich noch nicht. In den Rezensionen war oft von der bewährten Biographie die Rede, die Richard Friedenthal geschrieben hat. Und die habe ich mir besorgt. Es gibt unglaublich günstige, gut erhaltene Bücher im Netz. Ich lese also das bei Piper erschienene Buch von Friedenthal über unseren Goethe und fühle mich wohl dabei. Friedenthal ist sofort bei der Sache bzw. bei dem Dichter, und er erzählt gut. Ich werde vielleicht hier einige Details wiedererzählen, weil sie regelrecht zum Erzählen herausfordern. Wie etwas, das man selbst erlebt hat. Zuerst Goethes Vater.

„Vom Vater hab ich die Statur /Des Lebens ernstes Führen …” Goethe-Zeilen, die uns seit der Schule verfolgen. Es war aber so. Das Familienvermögen hat Goethes Großvater, Friedrich Georg, verdient. Der war ein tüchtiger Damenschneider, konnte in diesem Beruf in Frankreich bestehen, heiratete in zweiter Ehe eine reiche Schneiderwitwe, die einen großen Gasthof mit in die Ehe brachte. Gute Geschäfte machte der Großvater mit dem Weinhandel.

Goethes Vater, Johann Caspar, hat zum Familienvermögen nichts hinzuverdient. Er studiert Jura, macht seinen Doktor und unternimmt eine perfekt organisierte – man kann schon sagen – Bildungsreise nach Italien, die seine Unternehmungslust aber wohl für alle Zeit erschöpft. Das Verlangen auf Einstellung in die Stadtverwaltung wird abgelehnt. Vater Goethe kauft sich für 313 Gulden den Titel eines Rates, der ihn der oberen Gesellschaft zugesellt, aber eine Tätigkeit in der städtischen Verwaltung ausschließt. Der Rat zieht sich ins Privatleben zurück, heiratet mit fast vierzig Jahren die siebzehnjährige Elisabeth Textor und widmet sich als umfassend gebildeter Mann seinen Sammlungen (Bücher, Bilder, Naturalien) und der Erziehung der Kinder. Seine Laute pflegte er endlos zu stimmen, zum Spielen kam er kaum. „Es ist möglich, dass allerhand Töne in ihm schlummerten. Sie kamen nie zum Klingen”, schreibt Friedenthal. Der Rat suchte Goethes Lehrer aus und achtete darauf, dass auf die Schätze seiner Sammlungen (Bücher, Bilder, Stiche, Landkarten) bei der Ausbildung zurückgegriffen wurde. Er vergreiste früh und führte am Ende nur noch ein Pflanzenleben.

Seine letzte größere Unternehmung war, dass er zwei ererbte Häuser zu einem Gebäude umbauen ließ. Ein eher irrationales Vorkommnis mit Langzeitwirkung: Johann Caspar hatte einen reichen, aber zunehmend schwachsinnigen Pensionär ins Haus aufgenommen, der fünfundzwanzig Jahre lang wie ein unseliger Schatten durch die Räume gespensterte.

Man sollte das alles stehen lassen, wie es ist, und keine Schlüsse ziehen. Goethe ist trotz und wegen dieses Vaters Goethe geworden.