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Posts Tagged ‘Garten’

Draußen im Sommer

Kein Husten, kein Handy, kein Wind

Im Sommer telefonieren die Leute in ihren Gärten. Sind Sie sicher, dass die ganze Straße hören möchte, was Sie da ins Handy sprechen? Nein, sind sie nicht. Ist ihnen aber egal. Ich denke, also bin ich. Das war mal. Ich quatsche ins Handy, also bin ich. Wer nicht ins Handy quatscht, wer keine Spur in der Cloud hinterlässt, kann nicht sicher sein, dass er existiert.

Andere, etwa ich, lesen im Sommer die Zeitung im Garten. Zeitung lesen im Wind – da sind Könner gefragt. Man kann das nicht auf Anhieb. Es entstehen sagenhafte Verknuddelungen (ich verwende gern mal ein Wort, das nicht im Duden steht). Neben dem Wind stört mich der Husten aus den Nachbargärten. Auch da sind Könner am Werk. Es gibt welche, die gleichzeitig husten und lachen. Es gibt andere, die gleichzeitig husten und sprechen. Ich bin unschlüssig, wem die Krone gebührt. Hör mal, wie schön ich husten kann. Niemand hat die Absicht, ernsthaft etwas gegen seinen chronischen Husten zu unternehmen. Denn einfach nur lachen und einfach nur sprechen kann jeder. Aber gleichzeitig dazu zu husten – das gibt’s sonst nur im Zirkus. Oder früher bei Wetten dass.

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Verlassenheit

Kein Durchkommen mehr

Kein Durchkommen mehr

Der Neujahrsspaziergang fällt moderat aus. Wir betreten das abgesoffene Gartengrundstück durch die leicht zu öffnende Tür und haben doch das angenehm-unangenehme Gefühl, etwas Verbotenes zu tun. Diese Gärten waren nicht zu retten. Oft standen sie unter Wasser, weil in der Nähe irgendwann mal ein kleiner See oder großer Teich zugeschüttet wurde. Das Wasser drückt immer wieder hoch. Der Mensch soll die Natur nicht dominieren, das wissen wir jetzt, handeln aber meistens nicht danach. Das vertrocknete, zähe Schilf steht übermannshoch und wirkt abweisend. Eine ummauerte Klärgrube stöbern wir unter der Vegetation auf, zu der zwei dicke Schläuche führen. Könnte auch ein Brunnen gewesen sein. Man hat ja keine Ahnung. Die sich selbst überlassenen Bäume strecken ihre Äste auf bizarre Weise aus. Sie kommen uns so eigenwillig vor, dass wir wirklich den Eindruck haben, sie in ihrer Eremitenexistenz zu stören. Mehr gibt’s jetzt hier nicht zu sehen.

Ein Baum, der allein sein will

Ein Baum, der allein sein will

Auf der Wiese, wo sich vielleicht einmal der Teich erstreckte, spielen Jungs Fußball, könnte sein mit den neuen Bällen von Weihnachten. Ein Vater denkt schon an eine mögliche Karriere und trainiert seinen Sohn, stoppen mit links, stoppen mit rechts, Vollspannschüsse. Der Junge möchte sicher lieber mit den anderen kicken; aber besser als mit dem Gameboy spielen ist dieses Training auf jeden Fall. Und man kann auch Empathie für den Vater empfinden, der Ziele hat. Um die Jugend ist mir nicht bange. Das hat auch Hauke Hückstädt vom Literaturhaus Frankfurt heute Morgen im Deutschlandradio gesagt. Da ging’s aber nicht um Fußball. Da ging’s um Bücher und darum, ob überhaupt noch gelesen wird.

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In the Garden

Abriss ist leichter als Abtransport und Neuaufbau

Jeden Tag (außer mittwochs) laufe ich an diesem abgerissenen Garten vorbei, der in diesem Zustand das Gegenbild eines Gartens ist, der Anti-Garten. Das Fahrrad liegt irgendwie schräg an den Zaun geworfen da, als wäre es an allem schuld. Schuld daran, dass man alles schöner und besser und vor allem moderner machen wollte. Daran, dass man sich entschloss, den Bungalow und den Geräteschuppen abzureißen. Daran, dass man das auch alles tat. Und vor allem daran, dass man dann keine Lust mehr hatte, das alles wegzuschaffen und neu zu bauen. Eine Zeichnung ist schon da. Und das Skelett einer Hollywoodschaukel ist noch da und dieser bildschöne berankte Rundbogen im hohen Gras. Better times will come. Und kaum habe ich das Foto gemacht, kaum habe ich das gesagt, ist schon das Dach abtransportiert, eine Schubkarre steht da, bereit zu neuen Taten.

Alles, was noch bleiben kann

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Von einer Zwangsumsiedlung

Zwar einen Himmel hat die Tonne auch, doch ob die Kröte hier auch leben kann?

Zwar einen Himmel hat die Tonne auch, doch ob die Kröte hier auch leben kann?

In unserer im Boden versenkten Regentonne strampelte eine Kröte. Keine Ahnung, wie die da immer wieder hineingelangen, da ist ja ein Deckel drauf. Ich holte den Schöpfeimer, angelte die Kröte da raus, was beim dritten Versuch gelang, und ging über die Straße zum Förster, dessen Grundstück ziemlich sumpfig ist. Er hat dort mit viel kleinteiliger Phantasie einen Minispreewald angelegt, für Frösche und Kröten sollte das Terrain ideal sein. Wir ließen die Kröte in die schmalen Gräben hinab, sie hatte eine helle Stelle am Hinterkopf, der Förster meinte, wir sollten darauf achten, falls sie wieder zurückkehrt in unsere Regentonne.

Alles, was ’ne Kröte braucht

Alles, was ’ne Kröte braucht. Der Stuhl ist schon Zugabe

Das kommt mir unwahrscheinlich vor, die Kröte, die aus dem sumpfigen Gelände flieht, über die Straße, in unsere Regentonne zurück, wie soll das gehen? Haben Kröten einen inneren Kompass? Und wieso sollte sie aus seinem schönen Spreewald entfliehen in unsere düstere Regentonne. Na ja, meinte der Förster, zum Beispiel wegen der Waschbären, die sein Gelände häufig heimsuchen und die Frösche jagen. Rätselhaft das alles. Vielleicht kennen die Kröten irgendwelche unterirdischen Wege, von denen wir keine Ahnung haben, und so wehren sie sich gegen die Zwangsumsiedlung, ohne zu wissen, dass die nur zu ihrem Besten ist. Nicht alle Zwänge sind zum Schaden der Objekte. Andererseits: Wieso maßen wir uns an, besser zu wissen als die Tiere, was ihnen gefällt! Ach was, ich habe doch gesehen, wie die Kröte in der Regentonne um ihr Leben strampelte.

 

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Der Beherrscher des Paradieses, mein Großvater

Der Mann aus der anderen Zeit Foto: Archiv Brachwitz

Der Mann aus der anderen Zeit
Foto: Archiv Brachwitz

Wir verließen den Bahnhof, gingen kreuz und quer durch neue, später ältere Straßen in die Vorstadt, standen schließlich vor einem Tor aus Draht und Eisenwerk. Das war einmal das Tor zum Paradies, meinem Paradies. Vor dem Eingang des roten Backsteinhauses war eine massive Veranda. Dort gab es leuchtende Nachmittage. Auf weißen Hemden lagen wie kleine Reptilien die Lederschlipse meiner Familie. Die weiße Holzbank wurde vom rankenden Wein grün gefärbt. Kaffee und Kuchen vom Blech wurden serviert, später gab es Bier und Kümmel. Im Kristallaschenbecher qualmten Casino und Jubilar. Ich bekam Sandkuchen und verschwand im Garten. Da bin ich aufgewachsen zwischen Unkraut und Mohrrüben, die gedüngt wurden mit dem Mist aus den Dörfern vor der Stadt. Weit hinten markierte eine brüchige Wand das Ende der Welt oder den Anfang. Aus Flemmings Keksfabrik wehte ein süßer Geruch herüber, wenn der Wind günstig stand, das war meine Nahrung. Ich hörte den Spargel wachsen und zählte die Züge, die hinter der Mauer vorbeifuhren. Drehte der Wind, roch es nach Melasse von Rüben, nach Sprit und so Zeug. Das große Werk schluckte jeden Tag einen Zug Kohlen. In diesem Reich zwischen Sprit und Keksfabrik, zwischen Moloch und Wundertüte, bildete das Glashaus das Zentrum des Paradieses. Die Mitte hob sich zehn Meter in die Höhe und formte sich durchsichtig zu einer Spitze. Rechts und links sowie nach hinten dehnte es sich fünfzig Kinderschritte, ein Gang aus Glas, Afrika, Urwald, Palmen, Kakteen und Kletterpflanzen wucherten dort in feuchter Luft. Da hatte ich meine Abenteuer. Spinnen, Käfer, Würmer und Mäuse waren die Attraktionen. Ich gab ihnen Namen und versuchte die Dressur.

In regelmäßigen Abständen verschwanden die Palmen. Ich flüchtete in die Erdbeerfelder oder lachte im Winter über den Rosenkohl, der absurd aussah wie Gartenzwerge. Die Grünpflanzen dienten bei großen Ereignissen in der Spritfabrik als Bühnendekoration. Der Alte, der Beherrscher des Paradieses, mein Großvater, hatte ein Abkommen mit den Arbeitern aus der Fabrik. „Justaff, wir machen dich Dampf, und du jibbest uns Afrika vor de Bühne.” Mit Zigarre und schwergoldener Uhrkette kam Gustav natürlich aus einer anderen Zeit. Diese Zeit erklärte ich mir wie ein anderes Land, denn mein Großvater sprach Latein mit seinen Pflanzen und machte sie grün. Als andere braune Lieder sangen, züchtete er bunte Kanarienvögel und sprechende Papageien, ein politischer Kopf, der seinen Spitz in die Kneipe schickte, Zigarren holen. Eine Seele von Mensch, sagten der Bäckermeister, der Hauptbuchhalter, der Friseursalonbesitzer und der Vereinskamerad vom Kanarienvogelzuchtverband. Sie hoben die Gläser und kümmelten heftig. Großvater verstand sich mit Knollen und Konsorten aller Art und bekam für seine Verdienste um Sellerie und Petersilie eine Tropenreise geschenkt. Die Seele von Mensch auf großer Reise, sein Strohhut begann zu leuchten. Einfach tropisch, stand auf den Karten, die uns erreichten, einfach tropisch ohne Glashaus, ohne Dampf und die ganze Wirtschaft, phantastisch. Als er wieder zu Hause war, zog er sich einen grauen Kittel über, stopfte sich ein Päckchen Stumpen in die Tasche und verschwand im Gewächshaus. Die Pflanzen blühten von da an beständig über das ganze Jahr. Vermutlich hat er ununterbrochen Latein mit ihnen geredet und sich einfach überzeugt.

Text: Christian Brachwitz